Massenzeitung
Wir haben die theoretische und praktische Ablehnung des
Bestehenden erweitert.
Guerillaerfahrung und Widersprüche
im globalen Klassenkampf
Die Niederlagen der Linken und der
sozialen Bewegungen vollenden sich erst im Verlust der
historischen Erfahrung, in dem zuletzt sogar vergessen
und verdrängt wird, warum und für welche einstmals
offene Möglichkeit der Kampf überhaupt gewagt
wurde. Die Verdrängung resultiert vor allem daraus,
dass es die Sieger sind, die über die Geschichte
verfügen. Linke Politik ist deshalb immer auch Geschichts-
und Erinnerungspolitik, die das Gewordene nur dann erklärt,
wenn sie dabei das möglich Gewesene zu retten versucht.
Nur von ihm aus wird Kritik, auch die Kritik der eigenen
Geschichte, zur Voraussetzung des Neubeginns. In einer
Zeit, in der der Fortbestand von Herrschaft durch eine
Militärmaschinerie noch nie dagewesenen Ausmaßes
gesichert werden soll, gilt das auch und gerade für
die von Marx überlieferte Einsicht, nach der die
Waffe der Kritik bisweilen auf die Kritik der Waffen angewiesen
ist.
Dieses Interview mit Andreas-Thomas
Vogel, der Mitglied der Bewegung 2. Juni war, haben wir
der Zeitschrift "Fantomas" entnommen .
Red: Wer eine Geschichte erzählen
will, braucht einen Anfang und platziert sich damit in
einem Geflecht von Geschichten und einem Gewirr von Stimmen,
die durcheinanderreden und sich dabei oft widersprechen.
Du wirst von der Geschichte der Stadtguerilla in Deutschland
sprechen: womit willst Du anfangen und wem wirst Du widersprechen?
ATV: Ich wähle nicht einen, sondern
zwei Anfänge. Der erste führt in die Jahre nach
1968 und damit in die Zeit zurück, in der die Stadtguerilla
entsteht; der zweite liegt weit vor dieser Zeit und ist
trotzdem nicht weniger wichtig. Um mit dem zweiten anzufangen:
am Beginn unseres bewaffneten Kampfes steht die Auseinandersetzung
mit dem Faschismus und der Niederlage der KPD. Das war
es, was einer Linken in Deutschland nie wieder passieren
sollte: dass die größte kommunistische Partei
außerhalb der Sowjetunion im Grunde in einer Nacht
abgeräumt wird. Zehntausend Kader wurden verhaftet
und damit der notwendige unmittelbare Widerstand gebrochen.
Drei Millionen Mitglieder warteten im Augenblick der Gefahr
auf das Signal aus Berlin oder Moskau zum bewaffneten
Aufstand, das niemals kam. Deshalb stellten wir die Frage
der Gegenmacht schon beim ersten Auftreten, mit der Herausbildung
einer kämpfenden Organisation, die uns von Anfang
an die Möglichkeit selbständigen Handelns eröffnen
sollte. Im Gegensatz zu dem, was heute über uns und
überhaupt über die Neue Linke erzählt wird,
bestimmten wir die Form und die Mittel unseres Kampfes
also gerade aus der Reflexion auf den Faschismus. Unser
Schluss trennte uns von DKP, SDAJ und den K-Gruppen, die
allein positiv an die Politik der historischen KPD anknüpften.
Bei mir beruhte das auf persönlicher Erfahrung, weil
ich aus Gründungsphase der SDAJ Ende der 60er Jahre
kam.
Die Reflexion auf den Faschismus bei Teilen der heutigen
Antifa und erst recht bei den Antideutschen führt
zu einer völlig ahistorischen Übertragung der
damaligen Konstellation auf die Gegenwart. Wir dagegen
bestimmten, und das war unser zweiter Ausgangspunkt, vom
Faschismus aus den spezifischen Unterschied der damaligen
Situation. Und die war durch die internationale Dimension
der Revolten bestimmt, die uns mit den Kämpfen des
Südens, aber auch mit denen im sog. "sozialistischen
Lager" verband, z. B. den Kämpfen in Polen 1970.
Das war eine absolut neue Situation, und erst in der Verbindung
der Konsequenzen, die wir aus der Geschichte der Arbeiterbewegung
zogen, mit den so noch nie dagewesenen Möglichkeiten
der Gegenwart entstand unser eigener Prozess. Das ergibt
sich erst Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, nach 1968
also. Aber wir kämpften auch gegen die postfaschistische
Zurichtung Westdeutschlands, gegen die Meister in den
Betrieben, den autoritären Schul- und Unibetrieb...
Wäre 1968 nur eine Studentenbewegung gewesen, wären
die Umbrüche nicht in jeder Fabrik, jeder Schule,
letztlich jedem Dorf spürbar geworden.
Red: Die Solidarität mit den antiimperialistischen
Befreiungskämpfen war auch vor euch schon wichtig.
Worin bestand das Neue etwa gegenüber der Algeriensolidarität
Anfang der 60er Jahre?
ATV: Das Neue lag darin, dass es um mehr
als nur um Solidarität, sondern um einen gemeinsamen
Kampf ging. Man betrachtet die antikolonialen Befreiungskämpfe
heute als eine Art Anachronismus, als von im Grunde bürgerlichen
Bewegungen unternommenen Versuch einer nationalen Befreiung
im strikten Sinn des Worts. Aber das war für uns
gar nicht der Punkt, da gab es auch wenig Illusionen.
Entscheidend war, dass die antiimperialistischen Kämpfe
innerhalb eines real internationalen Kampfes geführt
wurden, der auch und gerade in den Metropolen zu entscheiden
war. Das war der Sinn der Formel von der "Einkreisung
der Städte durch die Dörfer im Weltmaßstab"
(Lin Biao), in der sich der politische Einsatz einer Linken
verdichtete, die sich spontan, aber auch organisiert weltweit
aufeinander bezog: wir kämpfen hier, andere in Vietnam
oder Lateinamerika, gemeinsam kämpfen wir gegen den
selben Feind und erst der Zusammenhang entscheidet, was
damit möglich wird. Im Blick zurück hängt
alles davon ab, ob man von diesem Einsatz und damit von
der historischen Perspektive der Beteiligten ausgeht oder
nur von dem, was tatsächlich erreicht wurde. In diesem
Fall schreibt man zwangsläufig die Geschichte der
Sieger und nimmt den Unterlegenen noch ihre Möglichkeiten,
die nach einer Niederlage natürlich nur als illusorisch
erscheinen. Ich denke aber, dass die "Einkreisung
der Städte durch die Dörfer" real möglich
war, und wenn ich heute die Kämpfe von damals kritisiere,
gehe ich von dieser Möglichkeit aus. Dadurch bleibt
die Geschichte offen.
Red: Du hast von einem doppelten Anfang
gesprochen, nach der Niederlage der kommunistischen Bewegung
im Faschismus und im weltweiten antiimperialistischen
Kampf. Wie habt ihr beides zusammengeführt?
ATV: Für uns kam das in unserem Begriff
des Klassenkampfs zusammen. Die kommunistische Bewegung
hatte das revolutionäre Subjekt in der industriellen
Arbeiterklasse vorausgesetzt. Der Klassenkampf erschien
ihr als kontinuierlicher Fortschritt, der schlimmstenfalls
behindert, aufgehalten oder unterbrochen werden könnte.
Unser Ausgangspunkt war die endgültige Niederlage
dieser Politik im Faschismus und die Erfahrung, dass die
industrielle Arbeiterklasse der Metropolen im weltrevolutionären
Zusammenhang die Funktion einer "Arbeiteraristokratie"
einnahm. Das führte uns zu zwei grundlegenden Neuerungen:
die Klasse ist nicht gegeben sondern bildet sich erst
im Kampf, und dieser Kampf ist kein steter Fortschritt,
nichts statisches, sondern muss immer neu begonnen werden.
Und weil wir aus einer Position der Schwäche beginnen
mussten, nach dem Faschismus und im internationalen Zusammenhang,
wollten wir den Klassenkampf selbst allererst freikämpfen,
als Voraussetzung der Konstitution einer kämpfenden
Klasse. Der Ort dafür war dann weder die Fabrik noch
das Stadtviertel, sondern allein der Kampf selbst, der
überall geführt werden musste, und sein Subjekt
waren nicht die Arbeiter sondern alle, die zu kämpfen
begannen, egal wo sie herkamen. Aus der Position einer
radikalen Minderheit hieß das: die staatliche Einkreisung
in exemplarischen Aktionen durchbrechen um zu zeigen,
dass und wie man kämpfen und siegen kann. Zugleich
ging es darum, dem Gegner, aber auch denen, die man gewinnen
wollte, zu zeigen, dass es einem ernst war, dass der Kampf
den Einsatz der eigenen Subjektivität verlangte -
gerade weil es kein "revolutionäres Subjekt"
gab, sondern dieses Subjekt erst zu schaffen war. Das
einzige, was wir voraussetzten, war der weltrevolutionäre
Zusammenhang als reale Möglichkeit. Objektiv war
der Übergang zum Kommunismus in den Metropolen möglich,
wir wollten die subjektive Voraussetzung dafür mitschaffen.
Red: Damit sind wir aber mitten in
der Kritik, die heute an der Guerilla und überhaupt
an der undogmatischen antiimperialistischen Linken geübt
wird, die Kritik z. B. an einer Strategie der Eskalation,
die den Faschismus regelrecht hervorkitzeln will und sich
dabei an einer Rhetorik des Antirevisionismus und Antireformismus
berauscht, die mit äußerst fragwürdigen
Begriffen und Parolen hantiert, denken wir an die Gleichstellung
der USA mit dem Dritten Reich, der die Darstellung der
BRD als einer "US-Kolonie" entsprach.
ATV: Ach, das ist eine typisch deutsche
und zugleich eine akademische Angelegenheit, weil da eine
Entwicklung nicht aus dem realen Geschehen beurteilt wird,
sondern allein anhand von Texten, in denen man natürlich
immer fündig wird. Die Wörter werden als etwas
Endgültiges genommen, und dabei übersieht man,
dass mit ihnen etwas Neues gedacht werden sollte, unter
Bedingungen, über die wir gerade hinaus wollten.
Als die RAF 1972 die Einrichtungen des US-Militärs
in Deutschland angriff, die in den Vietnam-Krieg einbezogen
waren, waren wir auch mit der Teilung Deutschlands, der
Einbeziehung in die konkurrierenden Blöcke, dem Verhältnis
USA-BRD und somit der begrenzten Souveränität
der BRD konfrontiert, und im imperialistischen Machtgefüge
verstanden wir uns als Teil des weltweiten antiimperialistischen
Widerstands, in organisierter Verbindung mit lateinamerikanischen
und palästinensischen GenossInnen. Da wurden radikal
unterschiedliche Erfahrungen ausgetauscht, für die
angemessene Begriffe erst zu schaffen waren. Natürlich
war da vieles von Anfang an falsch, Parolen wie "USA-SA-SS"
und die Bestimmung der BRD als "US-Kolonie".
Und natürlich war es eine Relativierung des Faschismus,
wenn wir z. B. von "Reformfaschismus" gesprochen
haben. Aber es ging uns bei all dem gar nicht um unsere
Bewertung des Dritten Reiches, sondern um die Bestimmung
der Gegenwart, z. B. um den Zusammenhang von Kapitalismus
und repressiver Modernisierung, der war für den Faschismus
wesentlich und für das, was jetzt vor sich ging.
Natürlich würde ich heute die Hochsicherheitstrakte
nicht mehr als "KZ" bezeichnen und "Staatsschutz"
nicht mehr mit "SS" abkürzen. Und im hundersten
Flugblatt, in dem das auftauchte, war das tatsächlich
unerträglich geworden.
Was andererseits Antirevisionismus und Antireformismus
angeht, die ja auch für die Spontis und die K-Gruppen
prägend waren, da ist neben der historischen Rolle
von Sozialdemokratie und Parteikommunismus von entscheidender
Bedeutung, dass die Mehrheit der Linken schon in der Ära
Brandt-Schmidt der kapitalistischen Modernisierung offen
in die Hände arbeitete, in SPD, DKP, den Gewerkschaften
und so auch in den Staatsapparaten, und dass dieser Prozess
viel schneller voranschritt als unserer. Auch hier ging
es um die Zuspitzung einer aktuellen Auseinandersetzung,
um den Versuch, eine fatale Entwicklung zu stoppen, und
nicht um korrekte akademische Begriffe. Man kann das eine
nicht vom andern, die Begriffe nicht von der Praxis trennen,
die mit ihnen eröffnet oder verteidigt werden sollte.
Red: Dann nehmen wir's doch mal von
der Mitte her, Begriff und Praxis, und das heißt:
Begriff und Gewalt.
ATV: Gewalt, das war und ist zuerst die
herrschende Gewalt, unmittelbar in der Repression, mittelbar
im Macht- und Ausbeutungsverhältnis selbst. Ihr setzten
wir unsere Gewalt entgegen als das, was sich zugleich
dem Imperialismus und der Einholung in die Modernisierung
entzog. Das bestimmte die 70er Jahre, von Seiten der gesamten
Neuen Linken und von Seiten des Staates. 1977 war dann
die äußerste Eskalation, von uns aus im Kampf
um die Gefangenen und in der Niederlage in diesem Kampf,
im Tod der Gefangenen, und vom Staat aus - das wird heute
immer übersprungen, auch von vielen Linken! - im
systematischen Angriff nicht nur auf die Guerilla, sondern
auf den emanzipatorischen Prozess seit 1968, mithin auf
die gesamte Gesellschaft.
Unser Ausgangspunkt war die Schwäche der Minderheitenposition,
im Unterschied zu denen, die sich wie die meisten K-Gruppen
und Spontis auf eine imaginierte Arbeiterbewegung bezogen.
Nach der Eskalation von 1977 hat sich dann gezeigt, dass
unsere Position realistischer war, jedenfalls in der Behauptung
und Fortentwicklung einer radikalen Position. Denn binnen
weniger Jahre gabelte sich die Linke endgültig in
zwei Linien: einerseits bezogen sich Zehntausende aktiv
oder passiv auf die Grünen und verengten ihren politischen
Horizont Zug um Zug auf die Teilhabe an der staatlichen
Macht, andererseits wuchs die Chance, dass sich die Guerilla,
die weitere radikale Linke und die Militanz sozialer Bewegung
verbinden würden. Das wurde in den 80er Jahren von
immer mehr Leuten aufgegriffen, die ihre eigene Praxis
ebenfalls mit Gewalt verteidigten, in den Häuserkämpfen
und dort, wo die Anti-Atombewegung, die Bewegung gegen
die Startbahn-West und die Bewegung gegen die Aufrüstung
auch und gerade durch ihre Militanz gesellschaftlich relevant
wurden. Darin sahen wir Momente einer sich bildenden kämpfenden
Klasse im fortgesetzten Bruch mit den herrschenden Verhältnissen,
und hier fiel der Gewalt eine entscheidende Rolle zu,
weil sie die mögliche Gegenmacht exemplarisch zur
Geltung brachte und die Vereinnahmung zurückwies.
Red: Da ist meine historische Wahrnehmung
etwas anders. Natürlich ist richtig, dass die Vereinnahmung
großer Teile der Linken nach 1977 rasant voranschritt
und sich die radikale Ablehnung des Bestehenden zunehmend
auf die militante Linke beschränkte. Und trotzdem
habe ich diese Zeit als die einer fortschreitenden Abkapselung
des Linksradikalismus gegen die soziale Realität
erfahren, als Prozess einer Selbstverhärtung der
Guerilla, aber auch der Autonomen. Damit einher ging eine
meinen politischen Intuitionen zuwiderlaufende Moralisierung
des eigenen Handelns, die zur Selbstüberforderung
und zugleich zur bigotten Verurteilung aller anderen führte.
Das eine schlug beständig in das andere um, und die
Gewalt schien mir dafür eher ein Katalysator zu sein,
ein Reflex des Verlustes.
ATV: Das alles hat es gegeben, und es
ist dabei zu furchtbaren Fehlern, auch zu Verrohung gekommen.
Doch der zentrale Einwand, nach dem sich die Verfolgten
und Unterdrückten durch ihre Gewalt den Verfolgern
und Unterdrückern angleichen, trifft nie die soziale
Praxis organisierter Gegengewalt als solche, sondern immer
nur den einzelnen Fall, selbst wenn es sich dabei um viele
"Fälle" handelt und es nicht nur um individuelle
Fehler geht. Unsere Gewalt war immer minoritär und
damit von der Gewalt des Staates unterschieden, in quantitativer
Hinsicht und, was wichtiger ist, in qualitativer Hinsicht,
weil sie keine soldatische Praxis war. Das zeigte sich
auch und gerade in der Gefangenschaft, in die ich mit
vielen anderen GenossInnen kam, wo man schließlich
mit dem Rücken zur Zellenwand steht und vor sich
nur noch die Gewalt des Apparats hat. Wir definierten
selbst das Gefängnis als Kampfplatz, erst zusammen
mit den sozialen Gefangenen, dann im Kampf gegen die Sonderbedingungen
und schließlich in der Verbindung mit den Kämpfen,
die draußen gegen das Gefängnis geführt
wurden. Diese Auseinandersetzungen waren ein wichtiger
Teil der Kämpfe, in denen Guerilla und soziale Militanz
jedenfalls tendenziell eine Massenbasis gewinnen konnten,
und der zentrale Punkt war immer, den Versuch des Staates
zurückzuweisen, unserem Handeln die politische Dimension
abzusprechen. Das führte bis in die zweite Hälfte
der 80er Jahre hinein und markierte zugleich einen weiteren
Bruch mit der Geschichte. Die kommunistische Linke definierte
vor uns das Gefängnis als Ort, wo du "außerhalb"
des Klassenkampfes bist. Wir haben das Gefängnissystem
selbst in Frage gestellt und diesen Kampf innen wie außen
geführt, mit zunehmender Unterstützung von vielen
tausend Menschen. Wir haben damit die theoretische und
praktische Ablehnung des Bestehenden erweitert.
Selbstbezüglichkeit und Verhärtung hatten dabei
nur insofern mit unserer Gewalt zu tun, als uns deren
Veränderung misslang. Um noch einmal auf die erste
Hälfte der 80er Jahre zurückzukommen: es gab
damals eine Verbreiterung der militanten Linken in Verbindung
mit Bewegungen, die sich radikalisierten, und gleichzeitig
wurden die herrschenden Verhältnisse umfassend modernisiert.
Zugleich gab es die imperialistische Offensive auf Weltebene,
wo sich die Niederlage der Kämpfe im Süden und
der Zusammenbruch des sowjetischen Blocks bereits ankündigten.
In dieser Situation - und das ist mein Punkt - wäre
eine Neukonstituierung der antagonistischen Linken fällig
gewesen, die diese drei Momente berücksichtigt hätte,
ein Bruch, den wir, den die Autonomen, aber auch die sozialistischen,
kommunistischen und sogar die reformistischen Linken hätten
vollziehen müssen. Zu diesem Neuanfang ist es aber
nicht gekommen, und daraus resultierte dann die Selbstverhärtung
der Übriggebliebenen, aber auch die Korruption oder
wenigstens Resignation zahlloser Linker. Wir reden hier
ja schließlich von der Mehrheit der Generationen
von '68 und '77.
Red: Wie hätte ein solcher Neuanfang denn aussehen
können?
ATV: Unsere Überlegungen kreisten
damals um die Frage, wie der sich anbahnende Zusammenhang
von Guerilla, der weiteren Linken und radikalisierter
sozialer Bewegung organisiert werden könnte. Uns
war klar, dass das weder von der Guerilla, noch in Form
einer Partei und auch nicht durch die autonome Szenepolitik
zu leisten war, dass man diese Formen gerade überwinden
müsste. Solange eine Lösung nicht gefunden war
versuchten wir, irgendwie durchzuhalten, weiterzumachen,
stets im Blick auf den nötigen Neuanfang. Als der
dann ausblieb, verselbstständigte sich das Durchhalten-Wollen,
das war dann die Niederlage. Je länger man durchhielt,
desto hohler wurde die eigene Position und auch die eigene
Analyse.
Das endgültige Aus kam in dem Augenblick, als sich
ausgerechnet 1989, im Durchmarsch der kapitalistischen
Modernisierung und des Imperialismus und zu einer Zeit,
als die soziale Bewegung gegen Null ging, die Einschätzung
ausbreitete, es sei nun eine neue Offenheit eingetreten,
man müsse Gewaltverzicht leisten und mit der Staatsmacht
verhandeln, um die Gefangenen, die nicht freizukämpfen
waren, auf diesem Wege rauszuholen. Das hat unseren Prozess
erledigt. Und wenn du von Selbstverhärtung und Abkapselung
sprichst, dann bestimmte die zur selben Zeit auch die
übrige Linke. Nimm doch nur mal die "Nie wieder
Deutschland!"-Demonstration in Frankfurt 1991. Was
dort als Neubeginn verkauft wurde war doch eine Bankrotterklärung:
man hatte nichts mehr vorzubringen und feierte sich gerade
dafür. Das ist der springende Punkt, für uns
und für alle anderen Linken. Wer zum Bruch mit den
Verhältnissen und zum Bruch mit dem eigenen Scheitern
nicht mehr in der Lage ist, verbarrikadiert sich in der
eigenen Marginalisierung. Die Antideutschen haben das
dann zum Beweis der eigenen Überlegenheit erhoben
und paradoxerweise darin ihren Frieden mit den herrschenden
Verhältnissen gemacht.
Red: Damit sind wir mitten in der Gegenwart.
Du hast vom imperialen Durchmarsch Ende der 80er Jahre
gesprochen, heute steht die US-Armee in Bagdad, morgen
vielleicht in Damaskus. Sich dieser Militärmaschinerie
bewaffnet in den Weg stellen zu wollen ist offensichtlich
ein hoffnungsloses Unterfangen. Und doch hat Al Qaeda
gezeigt, dass die USA angreifbar geblieben sind. Allerdings
kann der Gewalt des 11. September kein emanzipatorischer
Gehalt mehr zugeschrieben werden.
ATV: Schon im zweiten Golfkrieg, also
bereits 1991, wurde klar, dass der "langandauernde
Volkskrieg" und die reale Möglichkeit einer
"Einkreisung der Städte durch die Dörfer"
definitiv der Vergangenheit angehörten. Der irakische
Überfall auf Kuwait war reaktionär wie das Regime
selbst und kein antiimperialistischer Akt, sowenig wie
Jahre zuvor der sowjetische Einmarsch in Afghanistan.
Die Pulverisierung zigtausender irakischer Soldaten durch
das US-Militär war dann der grauenhafte Beweis für
die völlige Umwälzung der internationalen Macht-
und Gewaltverhältnisse. Seither sind die Länder
des Südens und Ostens zu Orten eines unaufhörlichen
Gemetzels, nicht enden wollender Massaker geworden, denken
wir an Ruanda, an Angola, an den Kongo, aber auch an Jugoslawien
oder an Grosny. Auch das ist die Vorgeschichte des 11.
September, der dann tatsächlich wieder einen Einschnitt
markiert. An diesem Tag hat "der Süden"
zwar erstmals wieder "den Norden" angegriffen,
und tatsächlich demonstriert Al Qaeda die Verwundbarkeit
des Imperialismus. Aber das Szenario hat mit der Konstellation
der "Dörfer" und der "Städte"
nichts mehr zu tun. Diese Konstellation artikulierte eine
bestimmte historische Form des globalen Klassenwiderspruchs,
und der spielt für Al Qaeda keine Rolle, das zeigt
die Aktion des 11. September, die auch deshalb reaktionär
war, weil sie sich unterschiedslos gegen einen sozial
homogenisierten "Feind" richtete. Und das in
einer Situation, in der gerade in den Metropolen erstmals
wieder eine Bewegung entsteht, die den internationalen
Zusammenhang denkt und nicht metropolenzentristisch handelt.
Der globale Klassenwiderspruch ist also nicht erledigt,
sondern bildet im Norden wie im Süden noch immer
den Ausgangspunkt emanzipatorischer Politik, in Fronten,
die heute viel verschlungener sind als im letzten Drittel
des vergangenen Jahrhunderts, weil wir jetzt den Süden
im Norden und den Norden im Süden finden. Insofern
geht es heute, wenn auch unter völlig veränderten
Bedingungen, noch immer darum, den Klassenkampf freizukämpfen.
Andreas-Thomas Vogel lebt in Frankfurt/Main
und arbeitet in der bundesweiten Initiative Libertad!,
die u.a. 2001 die Online-Demonstration gegen die Lufthansa
organisierte. Er war Mitglied der Bewegung 2. Juni und
deswegen 10 Jahre in Isolationshaft. Innerhalb der Guerillaorganisation
trat er für die Einheit der bewaffneten Linken und
den Zusammenschluss von Bewegung 2. Juni und Rote Armee
Fraktion 1980 ein.
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