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In Bewegung bleiben
Autonomer Antifaschismus zehn Jahre nach Bad Kleinen - eine Bestandsaufnahme der Autonomen Antifa [M]

BRD, frühe 90er Jahre: Die kapitalistische Welt feiert den Sieg über den Realsozialismus. Bürgerliche Ideologen verkünden das "Ende der Geschichte" und lassen die längst begraben geglaubte Totalitarismusthese - "Kommunismus = roter Faschismus" - wiederauferstehen, während in der Realität der Neonazis täglich mit rassistischen Morden und Angriffen die Schlagzeilen füllen.
Finstere Zeiten also für die Linke. Ihr bleibt wenig mehr als der Abwehrkampf gegen Nazis und die reaktionäre gesellschaftliche Entwicklung. Versuche, wieder in die Offensive zu gehen, scheitern letztendlich. Zwar sorgt die RAF mit der Sprengung des Knastneubaus in Weiterstadt für Jubel in der radikalen Linken, und ihre Signale, auf die Bewegung jenseits des Untergrunds zugehen zu wollen, stoßen auf durchaus positive Resonanz, weshalb die Verfolgungsbehörden "Blutzufuhr von Antifaschisten" für die RAF befürchten.
Doch der Staat holt zum Gegenschlag aus:1993 wird in Bad Kleinen faktisch das Ende von zwei Jahrzehnten bewaffnetem Kampf in der BRD eingeläutet. Der "Sympathisantensumpf" soll dann 1994 mit dem §129/129a-Verfahren gegen die Autonome Antifa [M]und 1995 gegen die Zeitung "radikal" trockengelegt werden. Für manche, die sich in den Auseinandersetzungen und Kämpfen der 80er politisiert haben, scheint mit Bad Kleinen nicht nur der bewaffnete Kampf, sondern die gesamte radikale Linke am Ende.

Durch die Wüste -
In diese Phase fiel die Debatte um die Organisierung der verbliebenen autonomen Bewegung, die 1992 in der Gründung der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) mündete. Schon in den späten 80ern hatten Teile der Autonomen den Bereich "Antifa" als Politik- und Politisierungsansatz aufgegriffen. Auch kritisierten sie, dass die "klassische" autonome Bewegung mit ihrem spontaneistischen Vorgehen und ihrer Nischenpolitik in eine Sackgasse geraten war und den gesamtgesellschaftlichen Angriff auf alles, was noch Kapitalismuskritik zu üben wagte, nicht überstehen würde. Zur Überwindung dieser Schwächen wurde der Versuch unternommen, dem durch organisatorische und inhaltliche Verbindlichkeit, bundesweite Zusammenarbeit und gesellschaftliche Vermittlung zu begegnen.
Trotz massiver Kritik, die der Bewegung von Anfang an aus den eigenen staatsfeindlichen Reihen entgegenschlug - die Vorwürfe reichten von "Stalinismus" bis "Reformismus" - wurde das "Konzept Antifa" zur prägenden Bewegung der 90er. Einerseits hatte sie richtig eingeschätzt, dass die konkrete Auseinandersetzung mit Neonazis nicht nur ein vorrangiges Problem der Linken werden würde, sondern auch ein Punkt, an dem sich viele neu politisieren würden. Zum anderen wurde Antifa-Politik nie als Ein-Punkt-Bewegung gegen Nazis verstanden, sondern als Kampf gegen die kapitalistischenVerhältnisse, die den Faschismus hervorbringen - und die an sich schon mörderisch genug sind. Die Bezugnahme auf den Schwur von Buchenwald: "Die Vernichtung der Wurzeln des Faschismus ist unser Ziel", und die damals verbreitete Parole "Kampf dem Faschismus heißt Kampf dem imperialistischen System" drücken den Zusammenhang zwischen konkreter Anti-Nazi-Mobilisierung und revolutionärer Politik und Geschichte aus. Dementsprechend war internationalistische und antiimperialistische Politik ein selbstverständlicher Teil der eigenen Praxis.

Der Staatschutzangriff von Bad Kleinen, der das faktische Ende der RAF bedeutete, fiel in die Zeit eines innerlinken Generationswechsels. Daraus erklärt sich, dass Teile der Politgeneration, die mit einer autonomen Massenbewegung, Straßenkampf, Kommandomilitanz und der Stadtguerilla als untrennbarem Bestandteil der radikalen Linken aufgewachsen war, anhand deren Scheitern die endgültige Niederlage der revolutionären Linken konstatierte.
Für die Antifa-Bewegung stellt sich dies etwas anders dar. Sie war schon unter der Voraussetzung angetreten, auch unter schweren Bedingungen eine radikale Praxis aufrechtzuerhalten und, wenn möglich, neu aufzubauen. Für viele, die sich in dieser Zeit politisierten, war der Staatsschutzangriff von Bad Kleinen ein Ereignis, an dem sich entschied, auf welcher Seite der Barrikade man stand. Die Positionierung fiel deutlich aus: Trotz vorhandener Kritik an der militärischen Strategie oder einzelnen Aktionen der bewaffneten Gruppen sah man sie als legitimen Teil der radikalen Linken, und der Schlag gegen die RAF wurde als Angriff gegen die linke Systemopposition insgesamt begriffen.
Dieses kritisch-solidarische Verhältnis und ein grundsätzliches Verständnis von Militanz als Komponente des politischen Kampfs stellen eine Grundkonstante im Selbstverständnis der Antifa dar. Dies ist zum einen auf die Kontinuität der Bewegung zurückzuführen, zum anderen auf die konkrete Praxis: Wer sich im Kampf gegen Nazis politisiert, stellt schnell fest, dass Lichterketten kein probates Mittel gegen die faschistische Brutalität darstellen, und auch die militante Konfrontation mit dem Staat liegt dann nicht fern: Sei es in der Erfahrung, dass in diesen Jahren die Nazis als Wegbereiter der staatlichen rassistischen Politik fungierten, sei es in Auseinandersetzungen der Polzei, die das Gewaltmonopol des Staates aufrechterhalten sollen. Dies hat dazu geführt, dass in der Autonomen Antifa, im Gegensatz zu anderen Politikfeldern wie etwa der Anti-Atom-Bewegung, nicht alle Jahre wieder die "Gewalt"-Diskussion geführt werden muss.

Die Auflösung der Stadtguerilla war für die Antifa-Bewegung nicht das Ende linksradikaler Politik, denn im Vordergrund stand die eigene Praxis: Das Eingreifen in aktuelle Konflikte und die Schaffung einer Öffentlichkeit für linke Positionen. Der bewaffnete Kampf war dabei ein Bezugspunkt unter vielen, wenn auch ein wichtiger. Der Versuch, in eine Diskussion mit dessen ProtagonistInnen zu treten, die nicht den staatlich geforderten Abschwörungseid geleistet haben, erwies sich jedoch als schwierig. Nur wenige derer, die die staatliche Killfahndung überlebt haben, waren gewillt oder in der Lage, auf die heutige Linke zuzugehen. Gerade die RAF hatte schon allzulange abgetrennt von der Dynamik der Straße agiert, und auch die zerstörenden Auswirkungen jahre- bis jahrzehntelanger Isolationsfolter kamen zum Tragen. Und nicht zuletzt fühlte sich der Staat auf den Plan gerufen: Unter anderem ein Plakat mit der Parole "Zusammen gehört uns die Zukunft", auf dem die Initiative "Kunst und Kampf" den "Schwarzen Block" vor der Weiterstädter Bauruine demonstrieren ließ, veranlasste eifrige Staatsanwälte, nach §129a - "Werbung für eine terroristische Vereinigung" - gegen die Autonome Antifa [M] zu ermitteln.
Das Verfahren gegen 17 Angeklagte, das der Gruppe jahrelange Antirepressionsarbeit als Schwerpunkt aufzwang, machte einmal mehr die Funktion der Gesinnungs- und Durchleuchtungsparagraphen 129, 129a und nun auch 129b deutlich, die einem ideologischen Kontaktsperregesetz gleichkommen. Wie häufig in solchen Fällen, blieb von den ursprünglichen Anklagepunkten nicht viel übrig, so dass das Verfahren schließlich gegen Auflagen eingestellt wurde. Das primäre Ziel des Staatsschutzes, Einblick in linke Zusammenhänge zu gewinnen und demonstrativ den Kriminalisierungsknüppel zu schwingen, war jedoch erreicht worden.
Dies sollte zwar vorsichtig machen, aber niemanden davon abhalten, sich mit der Frage des bewaffneten Kampfs auseinanderzusetzen und andere Schlüsse als die staatlich erwünschten zu ziehen - solange es linken Widerstand gegen die kapitalistische Ordnung gibt, wird er sich mit der Repression konfrontiert sehen. Dass der Staat dafür keine Stadtguerilla als Anlass braucht, zeigt ein weiteres "Jubiläum" des Jahres 2003: Vor 125 Jahren wurde der §129 unter der Bezeichnung "Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Social-Demokratie" erstmals ins Strafgesetzbuch aufgenommen - besser bekannt als "Sozialistengesetz".

- in die Zwischeneiszeit -
Auch die Antifa-Bewegung blieb nicht vom fortgesetzten Niedergang der Linken in der zweiten Hälfte der 90er verschont. Während zwanzig Jahre nach den "Stammheimer Selbstmorden" die öffentliche Festschreibung der staatlichen Geschichtsversion inszeniert wurde und ungefähr zeitgleich verschiedene RZs sowie die RAF ihre Auflösung bekanntgaben, war die radikale Linke mit ihrer eigenen Selbst-Dekonstruktion beschäftigt und nicht in der Lage, gesellschaftlich wahrnehmbar zu reagieren. "Unfähig, oder die Bedeutung von dem, was ihr gerade angetan wird, nicht erkennend, läßt sich die Linke einen Teil ihrer eigenen Geschichte nehmen", befand die antifaschistische Zeitung "EinSatz!" im November 1997. Stattdessen hatte die radikale Linke mit resignativen Tendenzen zu kämpfen, deren unausgesprochene Devise "Wer nichts macht, kann auch nichts verkehrt machen" sich auch in der Abwicklung des bewaffneten Kampfs zu bestätigen schien.
Diese Perspektivlosigkeit kam nicht von ungefähr. Hatte in den frühen 90ern der "rechte Vormarsch" von Faschisten, Vertriebenenverbänden, Burschenschaften und anderen reaktionären Kräften seinen Ausgang genommen, begannen nun große Teile der 68er-Generation mit der Abwicklung der eigenen Geschichte und revolutionärer Politik generell. Schließlich standen einige ihrer VerteterInnen kurz vor dem Ziel ihres Marschs durch die Institutionen und mußten sich glaubhaft von ihrer Vergangenheit als Straßenkämpfer, RAF-Anwälte oder KB-Aktivisten distanzieren. Die Definitionsmacht über "linke" Politik lag fortan in den Händen der Regierung : Zivilgesellschaftliche Befriedungskonzepte statt Militanz, humanitäre Kriege und ein starker Staat als Antifa sollten linker Systemopposition die Grundlage nehmen.

In diese Zeit fällt die Auflösung der AA/BO im Frühjahr 2001. Das Ende der bundesweiten Organisierung ist jedoch keinesfalls mit dem Ende des "Antifa"-Konzepts gleichzusetzen. Noch immer erweisen sich diejenigen Gruppen als die handlungsfähigsten, die kontinuierlich in verschiedenen linken Themenbereichen aktiv sind, und die versuchen, in gesellschaftlich relevante Konflikte einzugreifen. Auch der Organisierungsgedanke spielt zumindest in regionalen Vernetzungen weiterhin eine Rolle. Der Ansatz "Antifa" besitzt also noch immer genug praktische Substanz, um auch auf Jüngere attraktiv zu wirken und zu deren Politisierung beizutragen.
Somit ist inzwischen auch in der Antifa eine neue linke Generation herangewachsen, deren erster Zugang zu RAF, Bewegung 2.Juni & Co. nicht durch deren Aktionen oder durch innerlinke Streitigkeiten über nurmehr historische Details erfolgt, sondern auf kultureller Ebene. Zwar sind dort explizit politische Statements wie Jan Delays "Söhne Stammheims" eher selten, dominierender ist die unpolitische Darstellung von Baader, Meinhof & Co. als Pop-Ikonen. Dies kann jedoch durchaus das Interesse wecken, sich auch mit den politischen Hintergründen des bewaffneten Kampfs zu befassen.
Auch die eigenen Erfahrungen führen zu einer anderen Herangehensweise an radikale Politik. Mit der "Antiglobalisierungs"bewegung haben sich neue gesellschaftliche Spielräume für Kapitalismuskritik aufgetan, und der "Summer of resistance" war eine Art Schnellkursus über die (potentielle) Stärke eines militanten Antikapitalismus wie auch die reale Schwäche der unorganisierten Bewegung, mit der staatlichen Repression umzugehen.
Problematisch war hier das mangelnde Bewußtsein darüber, dass die Herausforderung des Systems eine ernste Sache ist und tödliche Folgen oder zumindest längere Knastaufenthalte nach sich ziehen kann. Es folgte das übliche Reaktionsmuster auf den staatlichen Gegenschlag: Rückzug und Distanzierung der einen, Radikalisierung der anderen. Eine politische Auseinandersetzung darüber wurde zwar angestoßen, die Anschläge vom 11. September und die Neue Weltkriegsordnung stellten die Linke aber erst einmal vor andere Probleme. Erst kürzlich haben Massenproteste als auch die Zerlegung der Innenstädte von Genf und Lausanne anläßlich des G8-Gipfels jedoch gezeigt, dass der Widerstand gegen die globale Wirtschaftsordnung zäher ist, als die Polizei erlaubt.

- bis zum Ende der Gewalt
Die aktuelle politische Situation bietet genug Anlass zum Widerstand: Globaler Kriegszustand, die weltweite kapitalistische Offensive und der Ausbau des Hochsicherheitsstaats scheinen endgültig nur die Alternative offenzulassen: "Sozialismus oder Barbarei". Die Linke ist zugegebenermaßen nicht in der besten Position, um dieser Herausforderung zu begegnen. Es wäre aber zu kurz gegriffen, daran allein den gesellschaftlichen Umständen die Schuld zu geben. Die radikale Linke selbst hat die Wahl, ihre marginale Rolle zum Programm zu erklären und sich in antipolitische Diskussionszirkel zurückzuziehen, oder den Versuch zu unternehmen, gesellschaftliche Relevanz wiederzuerlangen. Dies hängt nicht von der Existenz oder Nichtexistenz einer Stadguerilla ab, sondern von der eigenen Aktivität. Ein bewaffneter Arm einer Bewegung macht eben nur dann Sinn, wenn überhaupt ausreichend Bewegung vorhanden ist - wovon momentan keine Rede sein kann. Ob dies für immer so bleiben wird, liegt nicht zuletzt an der revolutionären Linken selbst.
"So lange das Herz der Bestie schlägt und jeden Tag aufs Neue kapitalistische Barbarei produziert, so lange wird es auch den Kampf um Befreiung geben. Die Mittel dazu wird sich die Linke nicht von ihren Gegnern diktieren lassen", schrieb die "EinSatz!" zur Auflösung der RAF 1998. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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