Spiegel-Online
20.02.2004
RAF-GEMÄLDE IN BERLIN
Wenn Terroristen-Bilder verwischen
Von Marco Dettweiler
Mit
der Ausstellung "Das MoMA in Berlin" kehrt der
umstrittene RAF-Zyklus des Malers Gerhard Richter nach
Deutschland zurück. Der Künstler rechnet fest
damit, dass Politiker ihm und anderen Künstlern vorschreiben
werden, wie sie mit der Vergangenheit umzugehen haben.
Im Auftrag der Neuen Nationalgalerie wurden
die Terroristen-Bilder von New York nach Berlin in verschiedenen
Flugzeugen überführt. Bodyguards haben die Gemälde
begleitet. Mit dabei sind die Köpfe der ersten Generation
der RAF: Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Gerhard Richters
fünfzehnteiliger Bilderzyklus "18. Oktober 1977"
mussten die Begleiter ebenso schützen wie weltberühmte
Kunstwerke von Picasso, Monet, Chagall, Duchamps, Hopper,
Van Gogh und Pollock.
Die Schwarz-Weiß-Gemälde deutscher
Terroristen, gemalt vom bedeutendsten deutschen Maler
der Gegenwart, kehren erstmals nach sieben Jahren nach
Deutschland zurück. Gerhard Richter hatte seinen
Bilderzyklus 1995 an das MoMA in New York für drei
Millionen Mark verkauft. Zwei Jahre später war die
Gemäldefolge das letzte Mal in Deutschland zu sehen.
Kritiker waren damals der Meinung, dass er dadurch "eines
der ungelösten Traumata der Nachkriegszeit gleichsam
durch Export unschädlich machte" ("Frankfurter
Allgemeine Zeitung"). Richter sagte gegenüber
SPIEGEL ONLINE, es sei auch nach wie vor gut, dass sich
"18. Oktober 1977" im New Yorker MoMA befände.
Dem 72-Jährigen tue es leid, "dass die Bilder
immer noch nicht unvoreingenommen angesehen werden können".
Es sind 16 Jahre vergangen, seit Richter
1988 den Zyklus fertig stellte. Die heftige Kritik an
seinem Werk begann schon, als er die Bilder ein Jahr später,
1989, erstmals im Haus Esters in Krefeld der Öffentlichkeit
zugänglich machte. Danach stellte das Frankfurter
Portikus den Zyklus aus. Auch nach dem Ortswechsel riss
die Diskussion nicht ab, ob durch das Kunstwerk mordende
Terroristen glorifiziert werden oder ob Richter versucht
hat, dem Phänomen des Terrorismus durch seine Kunst
näher zu kommen und so gegebenenfalls besser verstanden
hat. Als die Gemäldefolge innerhalb Frankfurt ins
Museum für Moderne Kunst verlegt wurde, erreichte
die Debatte dann ihren Höhepunkt.
Der "Bullshit Artist" ("New
Republic") überließ dem damals neu gegründeten
Museum die 15 Bilder als Dauerleihgabe. Das ging einem
der Förderer des Museums zu weit. Die Dresdner Bank,
deren ehemaliges Vorstandsmitglied Jürgen Ponto von
der RAF ermordet wurde, zog sich aus Protest aus dem Förderkreis
des Museums zurück. Richters Werke seien "einseitig"
und "sparen die Tragödie der Opfer aus."
Aus kunsthistorischer Sicht hat der Maler allerdings nur
das getan, was er auch in anderen Arbeiten versucht hat:
Etwas darzustellen, was schon einmal abgebildet wurde.
Vorlage für "18. Oktober 1977" waren unter
anderem Polizeifotos von Ulrike Meinhof.
Ab heute ist "eines der zentralen
Werke einer politischen Kunst" ("FAZ")
nun in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Bis jetzt hat
sich über Richters RAF-Referenzen niemand aufgeregt.
Der in Köln lebende Künstler hat jedoch Bedenken:
"Zum einen ist das sehr schmeichelhaft, weil man
mit all den anderen großen Künstlerin ausgestellt
wird. Zum anderen ist es auch belastend, weil die Bilder
wieder eine gereizte Diskussion auslösen können."
Kritik im Vorfeld der Ausstellung, die
sich gegen ihn persönlich richtet, blieb Richter
erspart. Vorwürfe wurden meist gegen Peter Raue laut,
dem Vorsitzenden des Berliner Vereins der Freunde der
Nationalgalerie. Raue hatte die Wanderausstellung des
MoMA New York für viel Geld nach Berlin geholt. Um
die Ausgaben von 8,5 Millionen Euro wieder reinzuholen,
müssen mindestens 700.000 Kunstinteressierte ein
Ticket lösen. Die Veranstalter geben sich optimistisch,
sie erwarten sogar bis zu einer Million Zuschauer.
Der RAF-Bilderzyklus kommt nun zufällig
zu einem Zeitpunkt nach Berlin, an dem die Köpfe
einiger Politiker noch rot glühen, weil sie in den
vergangenen Monaten wegen eines anderen Terroristenthemas
heiß diskutiert haben. Auch hier geht es um die
Rote Armee Fraktion. In den "Kunstwerken" in
Berlin findet im Winter 2004/2005 eine Ausstellung mit
dem Titel "Mythos RAF" statt. Angehörige
der RAF-Opfer befürchten, dass die RAF - wie schon
der Titel vermuten lassen könnte - durch die Ausstellung
glorifiziert wird. Daraufhin setzten sie Politiker unter
Druck, weil der Hauptstadtkulturfonds das Projekt mit
100.000 Euro fördern wollte.
Ergebnis der Empörung: Die "Kunstwerke"
hätten nur das Geld gekriegt, wenn sie ihr Konzept
geändert hätten und sich durch die Bundeszentrale
für politische Bildung beraten ließen. Und
dass, obwohl Kulturstaatsministerin Christina Weiss den
Zuschuss bereits zugesagt hatte. Reaktion der "Kunstwerke":
Während das Projekt aufgrund des politischen Drucks
ein zweites Mal geprüft wurde und das Ergebnis offen
war, zog Klaus Biesenbach, der Leiter der "Kunstwerke",
den Antrag zurück. Die Ausstellung findet nun ohne
staatliche Hilfe statt.
Gerhard Richters RAF-Zyklus ist nicht
Teil der Ausstellung. Der Künstler zeigte sich gegenüber
SPIEGEL ONLINE erleichtert: "Ich bin heilfroh, dass
ich nichts mit der Ausstellung zu tun habe. Meine Bilder
haben mit dem Konzept der Ausstellung nichts zu tun."
Er will sich auch gar nicht mehr mit "18. Oktober
1977" auseinandersetzen. "Das ist 16 Jahre her.
Ich habe mittlerweile völlig andere künstlerische
Interessen." Ganz entziehen kann er sich dennoch
nicht. Er spüre es, "dass die Bilder wieder
provozieren werden. Es ist immer noch ein Reizthema".
Wenn die erwarteten Zuschauer auf die
"MoMA in Berlin" kommen, dann werden eventuell
eine Million Menschen an den verschwommenen und grauen
Darstellungen der RAF-Terroristin Meinhof vorbeiziehen.
Einer davon wird Gerhard Richter sein. Er werde sich die
Ausstellung anschauen, sagt der 72-Jährige. "Ich
werde aber anonym hingehen". Dann wird er sich die
Reaktionen in aller Ruhe ansehen können.