Materialien / Archiv
Medienberichte (Auswahl aus der bürgerlichen Presse)
27.06.03, Neues Deutschland
Vorsicht am Gleis 4
Die Schüsse von Bad
Kleinen. Oder wie zehn Jahre nicht die Welt verändern
Von René Heilig
Vor
zehn Jahren war Bad Kleinen, ein Nest am nördlichen
Rand von Schwerin, Eilmeldungen wert: RAF-Terroristen
geschnappt
Es war der 27. Juni nachmittags. Ein Sonntag. Am Tisch
in der Bahnhofskneipe Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams.
Beide gehören zur Rote Armee Fraktion. Sie sind die
Letzten der Letzten. Die Terrortruppe, ursprünglich
angetreten für eine gerechte Welt, ist am Ende. Der
Verrat saß schon am Tisch. Klaus Steinmetz, ein
V-Mann. Die Jäger von BKA und Grenzschutzgruppe 9
lauerten. Minuten später ist Hogefeld gefangen, Grams
getötet. Erschossen wird auch ein Grenzschutz-Beamter.
Aber wer will das heute schon noch wissen?
»Nur ab und zu fragt noch ein Reisender«,
sagt der freundliche Bahnbeamte. Er streckt seinen Kopf
aus einer Tür, über der groß Service angeschrieben
ist. Manchmal komme noch jemand, der wissen will, wo die
Stelle ist, an der der tote Grams lag. »Nach dem
toten Polizisten fragt niemand.« Das finde er schon
etwas erbärmlich. Obwohl damals vor zehn Jahren noch
nicht auf dem Bahnhof angestellt, kennt er dessen Namen:
Michael Newrzella. Vielleicht, weil jedes Jahr eine Frau
Blumen an der Stelle niederlegt, an der er gestorben ist.
»Es ist seine Mutter.« Der Bahnbeamte zuckt
mit den Schultern, schaut vielleicht eine Spur zu servicemäßig
betroffen, entschuldigt sich, er müsse die nächste
Durchsage machen. »Vorsicht am Gleis 4
«
Der Intercity nach Berlin fährt ein und derweil der
Zug auf Anschluss warten muss, erzählt eine junge
Kollegin, warum das Ereignis von damals heute so unbedeutend
ist. »Terror gibt's doch jetzt mehr als genug. Heute
bringt man Menschen mit Flugzeugen um 3000 von
einer Minute zur anderen.« Die RAF dagegen
die junge Frau schaut aus, als hätte sie das Wort
»Kinderkram« nur mühsam für sich
behalten.
Es sind nur ein paar Schritte bis zur Unterführung.
Irgendwo dort sollte der Zugriff erfolgen. Doch alles
ging schief. Grams konnte flüchten, der Schusswechsel
dauerte nur Sekunden. Dann lag er hingestreckt von Schüssen
auf dem Gleis 4. Zeugen berichteten viel Widersprüchliches.
Ganz offenkundig halfen Vernehmer so lange, bis die Erinnerungen
ins Protokoll passten. Nur eine Zeugin, die von ihrem
Kiosk einen guten Blick auf das Geschehen hatte, blieb
dabei: Man habe den bereits wehrlos am Boden Liegenden
aus nächster Distanz erschossen. Das wäre Mord.
Die Frau im Kiosk ist längst ersetzt durch seelenlose
Verkäufer: Selecta und tobaccoland machen das Geschäft
Geld rein, Knopf drücken, Klappe öffnen
Auf dem Bahnhofsvorplatz harkt eine alte Frau den Bürgersteig.
Hat sie dieser Tage schon viele Journalisten im Ort gesehen?
»Was sollten die hier wohl wollen?!« Die Alte
versteht die Frage nicht. »Wegen unserer 820-Jahr-Feier?«,
fragt sie zurück. »Vielleicht, wenn Anfang
Juli der Innenminister aus Schwerin kommt, um mit Bürgermeister
Friese das Fest zu eröffnen.« Nein, nein, wegen
der Schießerei, die hier vor zehn Jahren war
Es dämmert der Frau, sie hat es eilig, Kehricht in
den Kübel auf dem Hof zu tragen. Im »Pottkiecker«
gibt es Fischfilet mit Gurkensalat für 3,80 Euro.
Gegenüber in der »Weißen Ratte«
Königsberger Klopse zum gleichen Preis. Samt Bild-Zeitung.
Der Rattenwirt ist allein, blättert lustlos darin:
»Kahn liegt wieder bei seiner Frau« hat das
Millionenblatt getitelt. »Kahn«, murmelt der
verächtlich. Dessen Probleme möchte er haben.
Dem Wirt, der die »Ratte« gerade renovierte,
bleiben die Gäste weg. Die einheimischen sowieso,
Touristen verirren sich nicht nach Bad Kleinen. »Wozu
auch, die einzige Attraktion des Ortes ist der Eiertunnel.
Doch wer das eigenartig geformte Ding nicht gesehen hat,
hat auch nichts versäumt. Hier war nichts, ist nichts,
wird nichts sein!« Abgesehen von der Mehrzweckhalle,
die der Bürgermeister bauen will. »Da bucht
dann kein Mensch mehr meinen großen Saal.«
So unklar wie die Zukunft ist die Vergangenheit. Seit
Jahren grüble er, ob er damals den Terroristen begegnet
ist. Sein Zug fuhr kurz vor 15 Uhr und vorher war auch
er in der Bahnhofskaschemme. Egal. Eigentlich interessiert
ihn das Thema nicht.
Es riecht nach Heu. Regen hat die Luft gereinigt. Ein
Mann befestigt Plakate entlang der reparaturbedürftigen
Dorfstraße: Der Zirkus ist los in Bad Kleinen. Wer
zum »Eiertunnel« will, kommt am Stützpunkt
der Arbeitsloseninitiative vorbei. Dort essen ein paar
Frauen gerade Mitgebrachtes von zu Hause. 3,80 Euro für
Klopse oder Fischfilet sind zu teuer. 41 Mitglieder hat
der Verband, man bietet ein Dach, unter dem man Reden
kann, betreibt eine Kleider- und eine Möbelbörse.
Montags spielen die Männer Skat, am Brett hängt
eine Einladung zum Computer-Klub. Daran, wie es war, als
man morgens noch nach Schwerin oder Wismar oder in die
LPG zur Arbeit fuhr, denkt man nicht mehr. Es ist zu lange
her. Nie wieder wird es so sein. Mit dem Reporter aus
der Hauptstadt mag man schon gar nicht darüber reden.
Der kommt, fragt und geht wieder. Sie bleiben zurück
mit dem Frust, mal wieder nur für eine Schlagzeile
gut gewesen zu sein.
Die bietet aber bereits das Statistische Landesamt. Wieder
sei die Einwohnerzahl des Landes um ein Prozent zurückgegangen.
43115 Menschen hätten Mecklenburg-Vorpommern »Lebwohl«
gesagt. Die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen
stellte drei Viertel der Wegzieher.
Auch Bad Kleinen wird alt. Die noch was erwarten vom Leben,
gehen nach Hamburg oder Lübeck. Eine geht nach Dessau.
Es ist die Tochter des freundlichen Dorfpolizisten. Sie
ist noch Azubi, lernt bei einem hiesigen Geflügelzüchter,
der Pleite ist und demnächst schließen wird.
Ihre Mutter, die Frau des Polizisten, wird demnächst
im Arbeitsamt eine Nummer ziehen. Sie war angestellt bei
einer Bank, die die Filialen schloss, weil sie alles,
was im Osten abzugreifen war, abgegriffen hat. Der Gedanke
an ein Versetzungsgesuch ist dem Polizeihauptmeister nicht
nur einmal gekommen. Dabei liebt er diese Gegend, auch
weil sie entgegen dem nun wieder aufgewärmten Ruf
als »Terror-City« so wunderbar friedlich ist.
Kürzlich las ich in einem Buch
folgende Charakteristik: »Ein Wesen, in dem die
Liebe verkörpert war, nicht nur zur Menschheit, sondern
zum einzelnen Menschen« ich musste dabei
sofort an Wolfgang denken, denn es beschreibt den Wesenszug,
den ich an ihm am meisten mochte.
Birgit Hogefeld über Wolfgang Grams
27.06.03, Neues
Deutschland
Der ganz alltägliche
Ausnahmezustand
Rolf Gössner über Bad
Kleinen und die Folgen
Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Publizist, (Foto:
Schneider-Sonnemann) gilt als engagierter Kritiker der
»Inneren Sicherheit«. Im Herbst erscheint
im Knaur-Verlag sein neues Buch: »Geheime Informanten.
V-Leute des Verfassungsschutzes: Kriminelle im Dienst
des Staates«. Mit ihm sprach Tom Strohschneider.
ND: Zehn Jahre nach den Vorgängen
in Bad Kleinen ist der Tod Wolfgang Grams weiter
umstritten: Tötung oder Selbstmord?
R. Gössner: Auch wenn staatliche Stellen von einer
Selbsttötung ausgehen und Gerichte einen hinreichenden
Tatverdacht gegen beteiligte Polizisten verneinen
der Tod von Wolfgang Grams bleibt mit vielen Fragezeichen
verbunden. Es gibt Augenzeugen für einen polizeilichen
Todesschuss, aber keine für einen Suizid. Und für
den Rechtsmediziner Wolfgang Bonte ist die staatliche
Selbstmord-Version schlicht unhaltbar. Anders gesagt:
Bad Kleinen zeigt, wie der ungeheuerliche Vorwurf eines
»staatlichen Mordes« kleingearbeitet und in
einen unbewiesenen »Selbstmord« umdefiniert
wurde, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber
empörte.
Sind nach der vermeintlichen »Pannenserie«
der Behörden richtige Konsequenzen gezogen worden?
Weder der Fahndungseinsatz wurde wirklich aufgeklärt
noch wurden geeignete Konsequenzen gezogen. Rücktritte
und Versetzungen reichen jedenfalls nicht aus, höchstens
als Eingeständnis von Fehlverhalten. Fest steht:
Nach dem Fahndungsdesaster wurde eine Nachrichtensperre
verhängt, und Ermittlungsbeamte haben wichtige Spuren
vernachlässigt oder gar verwischt. Es ist unter rechtsstaatlichen
Gesichtspunkten unverzeihlich, dass angesichts solcher
Ermittlungspannen und Vertuschungen aber auch angesichts
der Bedeutung des Falls noch nicht einmal Anklage
erhoben und ein ordentliches Strafverfahren durchgeführt
wurde, um die Angelegenheit nach allen Regeln der Kunst
zu prüfen.
Steht es um die Überprüfung
tödlicher Polizeischüsse in den letzten
Jahrzehnten starb im Durchschnitt jeden Monat ein Mensch
sonst besser?
Bei der gerichtlichen Aufarbeitung solcher Fälle
werden viele Ursachen häufig ausgeblendet
also jene Sicherheitsrisiken, die mit Polizeibewaffnung,
Schießausbildung, Eigensicherung und Fahndungsbedingungen
verbunden sind. Sind Angehörige von Spezialeinsatzkommandos
beteiligt, so können ihr geheimpolizeilich-konspirativer
Auftrag, die praktizierte Abschottung und der ausgeprägte
Korpsgeist solcher Einheiten dazu führen, dass eine
rechtsstaatliche Überprüfung der Vorfälle
systematisch behindert wird. Insgesamt ist es nicht verwunderlich,
dass die meisten Ermittlungsverfahren gegen schießende
Polizeibeamte eingestellt werden oder mit Freispruch enden.
Das gegen die militanten Linken errichtete Sicherheitsinstrumentarium
wird dagegen gern genutzt nun auch gegen »ausländische
Terroristen«. Wogegen richtet sich eigentlich die
Verfolgung: gegen politische Meinungen oder kriminelles
Handeln?
Gerade im Bereich des politischen Strafrechts spielt die
Meinung der Betroffenen eine nicht zu unterschätzende
Rolle. Speziell beim § 129a Strafgesetzbuch mit seiner
Tatbestandsvariante »Werben für eine terroristische
Vereinigung« handelt es sich letztlich um Gesinnungsstrafrecht
denn Werben ist in aller Regel eine rein verbale
»Tat«. Inzwischen wird das bloße Werben
allerdings nicht mehr unter Strafe gestellt, wenn es sich
um reine Sympathiewerbung für eine »terroristische
Vereinigung« oder ihre Ziele handelt.
Bad Kleinen bildete gewissermaßen
das Ende einer Entwicklung, die 1977 ihren Höhepunkt
hatte. Ist das Kapitel »bewaffneter Kampf«
abgeschlossen?
Nicht, solange ehemalige RAF-Angehörige in den Gefängnissen
sitzen, solange die Todesumstände der im Hochsicherheitstrakt
von Stammheim umgekommenen Gefangenen nicht aufgeklärt
sind. Die Bundesrepublik trägt noch spürbar
an der Erblast der Terrorismus-Hysterie des »Deutschen
Herbstes«. Die damals höchst umstrittenen Sondergesetze
sind zum innenpolitischen Standard geronnen, auf den die
herrschende Politik der »Inneren Sicherheit«
später trefflich aufzubauen wusste zuletzt
nach den Anschlägen vom 11. September mit den hochproblematischen
»Anti-Terror-Paketen«. Diese Art von staatlichen
»Anti-Terror«-Reaktionen hat Bürgerrechte
demontiert und dem Rechtsstaat schweren Schaden zugefügt.
Wir leben längst in einem permanenten, ganz alltäglichen
Ausnahmezustand.
27.06.2003, taz Nr. 7089, Seite 8
Zwei Tote bei der "Weinlese"
Vor zehn Jahren starben das RAF-Mitglied
Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella auf
dem Bahnhof Bad Kleinen. Innenminister Seiters und Bundesanwalt
von Stahl traten zurück, doch der genaue Ablauf der
Aktion ist bis heute ungeklärt
von WOLFGANG GAST
Schon das Codewort verrät, dass die Ermittler endlich
einmal einen Erfolg verkünden wollten. "Weinlese"
nennen sie den Einsatz, der sie nach den Jahren der erfolglosen
Fahndung endlich einmal zur Festnahme von Terroristen
der "Roten Armee Fraktion" führen soll.
Die Weinlese wird zum Desaster. Am 27.
Juni 1993, heute vor zehn Jahren, kommt es auf dem Bahnhof
im mecklenburgischen Bad Kleinen zu seinem Höhepunkt.
Der Versuch, die RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit
Hogefeld festzunehmen, mündet in eine wilde Schießerei.
Am Ende sind der Polizeibeamte Michael Newrzella und das
RAF-Mitglied Grams tot. Grams Gefährtin Hogefeld
wird verhaftet.
Anfangs wird die tödliche Aktion
noch als Erfolg der Terrorismusbekämpfer gefeiert.
Das ändert sich schlagartig, als mit den Aussagen
einer Kioskverkäuferin und eines anonymen Polizeibeamten
ein Verdacht aufkommt: Als Grams bereits wehrlos auf den
Gleisen lag, sei er von der Polizei aus nächster
Nähe gezielt erschossen worden - womöglich aus
Rache für den getöteten Kollegen Newrzella.
Die Medien recherchieren immer neue Pannen
bei Vorbereitung und Ausführung des Einsatzes. Innenminister
Rudolf Seiters tritt wenig später zurück. Und
der oberste Terroristenjäger der Republik, Generalbundesanwalt
Alexander von Stahl, muss seinen Hut nehmen. Leitende
Beamte des Wiesbadener Bundeskriminalamtes ebenso.
Die Schießerei beschäftigt
monatelang den Bundestag, den Bonner Innenausschuss und
mehrere Staatsanwaltschaften. Pannen über Pannen
zählt schließlich auch ein Schlussbericht der
Bundesregierung zu Bad Kleinen auf. Nur der böse
Verdacht, dass Beamte der Grenzschutzsondereinheit GSG
9 das RAF-Mitglied exekutiert haben könnten, wird
nach und nach entsorgt. Trotz gegenteiliger Zeugenaussagen,
trotz einer Vielzahl an Unstimmigkeiten, trotz widersprüchlicher
Expertengutachten.
Der Freispruch für die unter Verdacht
stehenden Elitebeamten erfolgt im Umkehrschluss. "Es
gibt somit auch aus unserer Sicht keine neuen Erkenntnisse,
die zwingend gegen eine Selbstbeibringung des Nahschusses
durch Grams sprechen würden": Mecklenburg-Vorpommerns
damaliger Justizminister Herbert Helmrich (CDU) ist einer
der Ersten, der auf Freispruch plädiert. Helmrich
räumt zwar ein, dass es eine "lupenreine"
Rekonstruktion der Vorgänge nicht gibt. Aber der
erste Schritt, den Verdacht zu beseitigen, ist getan.
Verdachtsentsorgung betreibt auch die
Schweriner Staatsanwaltschaft, die das "Todesermittlungsverfahren"
führt. Die Todesumstände seien "widerspruchsfrei
durch Selbstbeibringung" zu erklären.
Folgt man der Lesart der Staatsanwälte
und dem Tenor des regierungsamtlichen Schlussberichts,
dann hat sich Grams Tod etwa wie folgt zugetragen: Beim
Versuch der Festnahme im Fußgängertunnel des
Bahnhofs flüchtet Grams die Treppe zum Bahnsteig
hinauf. Innerhalb von fünf oder sechs Sekunden feuert
er an die zehnmal mit seiner Pistole. Er erschießt
den GSG-9-Beamten Newrzella, der ihm auf der Treppe in
kurzer Distanz folgt. Ein weiterer Polizist wird von Grams
angeschossen.
Alles geschieht im Laufen. Grams, der
das obere Treppenende erreicht, wird dann durch einen
Bauchschuss und vier weitere Treffer schwer verletzt.
Er stürzt rücklings auf die Gleise, ohne seine
Waffe zu verlieren. Angesichts seiner aussichtslosen Lage
fasst er den Entschluss, sich zu erschießen. Grams
tötet sich mit einem Schuss in die Schläfe.
Selbst gestandenen Terrorismusfahndern
leuchtet ein solcher Ablauf nicht ein. Dass ein von einer
Polizeikugel mit voller Wucht Getroffener noch in der
Lage sein soll, in Sekundenfrist den eigenen Suizid zu
beschließen und durchzuführen, das scheint
den Polizeipraktikern ziemlich ausgeschlossen.
Widerspruchsfrei ist die These von der
Ermordung Grams allerdings auch nicht. So stellt sich
heraus, dass der vom Spiegel präsentierte, anonym
gebliebene Beamte zeitgleich an mehreren Orten gewesen
sein muss, wenn er die von ihm behaupteten Vorgänge
selbst beobachtet haben will. Und die Aussage der Kioskbesitzerin
soll ein Fernsehjournalist redigiert haben.
Umso wichtiger wäre es gewesen, die
Vorgänge vor Gericht oder von einem Parlamentsausschuss
klären zu lassen. Dazu kommt es aber nicht. Grams
Eltern scheitern mit ihrem Versuch, eine Untersuchung
gerichtlich zu erzwingen. Und die Bundesregierung erklärt
den Fall trotz aller offenen Fragen mit Vorlage ihres
"Abschlussberichtes" für erledigt.
27.06.2003, taz
Nr. 7089, Seite 8
pannen & patzer
Der Einsatz der GSG 9
Die versuchte Festnahme der RAF-Mitglieder Wolfgang Grams
und Birgit Hogefeld geriet der GSG 9 zur Pleite, nicht
nur weil Grams und der Polizist Michael Newrzella erschossen
zurückblieben.
- Die Polizisten trugen keine schusssicheren
Westen. Diese wären während der Observation
aufgefallen
- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen"
kein Notarzt
- Aufgrund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung
hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für
beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams
vorbei
- Der Polizist Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene
Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet, als Grams ihn
erschoss
- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach
Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile
- Ein Beamter, der verletzt wurde, gab seine Waffe den
Ermittlern erst nach einer Woche
- Bei der als äußerst gefährlich geltenden
Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole
und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt
- Grams Leiche wurde nicht fotografiert, bevor ihm die
Fingerabdrücke abgenommen wurden. Spuren an der linken
Hand wurden nicht gesichert - dpa
27.06.2003, Der Tagesspiegel
Schweigen am Gleis
Vor zehn Jahren starben am Bahnhof
von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Wer
wen erschoss, ist bis heute umstritten. In dem Ort will
kaum jemand mehr über den Vorfall reden
Von Jan Freitag
Ein Tag im Frühsommer. Da,
ein Hubschrauber. Christian Poppe zeigt nach oben.
Wie damals. Von seiner Terrasse aus genießt
er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige
hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer
vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter
kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei
Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle
rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte
das Provinznest weiter.
Auch jetzt scheint die Sonne durch eine
löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch
die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum
sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen
Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis
seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen
der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang
Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197
Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für
den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf
Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf
den vermeintlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.
Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal
existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem
verbogenen Gitterstab. Hier ist eine Maschinengewehrsalve
gelandet. Die Strebe im Geländer haben
wir erhalten. Er schwenkt nach rechts. Und
da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?.
Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen,
als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese
fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall.
Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei
überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was
Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis
die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein.
Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die
ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung
die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen,
von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt.
Noch aufregender als das Ereignis selbst waren die
Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten,
berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos.
Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar,
Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme.
Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem
Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen,
doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter
Schluss. Wir wissen schlichtweg nicht, verkündete
ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, was genau
passiert ist. Fall erledigt. Seither, sagt Hans
Kreher, ist alles ruhig.
So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem
Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig
3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor
halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn
Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation,
mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz
das Café auf der Plattform gegenüber. Stets
im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf
Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress
gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade
Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es
gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still,
als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still
mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung
aufmachte.
Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere.
Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht.
Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen
erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper.
Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen,
um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins
Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a,
Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut
Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum
Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen
Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre
nie dort gewesen. Ich habe alles hinter mir, bitte!
Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll,
hat die 44-Jährige Grams Hinrichtung beobachtet
durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von
Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen
Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft
waren, ist Teil der Legende.
Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs
Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz.
Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von
93, sagt sie, interessiert im Dorf keinen.
Anschlussreisende dagegen schon eher. Eine Bockwurst,
und sagen sie: War hier nicht mal
Die Leute
fragen immer, jeden Tag. Seit 1995, als sie den
Pachtvertrag abschloss.
Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit,
meint Ex-Bürgermeister Kreher. Arbeitslosigkeit,
das hat die Leute interessiert. Auch heute sucht
jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt,
der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte
Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag
gekündigt. Von der Sache mit dem Terroristen
haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen,
gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film
fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über
einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann
ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.
27.06.2003, Der Tagesspiegel
Schief gelaufen
Der GSG-9-Einsatz war wie die anschließenden
Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet.
Die Polizisten trugen keine schusssicheren
Westen. Diese wären während der Observation
aufgefallen, dünnere Westen standen nicht zur Verfügung.
Im Bahnhofsbereich war aus Tarnungsgründen
kein Notarzt.
Auf Grund eines Funklochs hielten zwei Beamte nach einem
Funkspruch die Aktion für beendet und ließen
den Terroristen Wolfgang Grams vorbei.
Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella
verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er
sogar unbewaffnet.
Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen
fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.
Bei der als äußerst gefährlich geltenden
Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole
und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.
Grams Leiche wurde entgegen den Regeln
des Bundeskriminalamtes nicht fotografiert, bevor ihm
die Fingerabdrücke abgenommen wurden.dpa
27.06.2003, Berliner Zeitung, Seite
3
Totes Gleis
Vor zehn Jahren starben in Bad
Kleinen ein mutmaßlicher Terrorist und ein GSG-9-Mann.
Erinnerung an einen Tag, an den nicht erinnert wird
Andreas Förster
BAD KLEINEN, im Juni. Angst geht um im
Buchenring. In den letzten vier Jahren sind in dem kleinen
Neubaugebiet am Rande von Bad Kleinen knapp ein Dutzend
Hauskatzen verschwunden. Manfred Stein will das nicht
länger hinnehmen. In den letzten Tagen hat er bei
den Nachbarn Handzettel verteilt ("Ist unser Wohngebiet
katzenfeindlich?") und zur Gründung einer Bürgerinitiative
aufgerufen. Jeder, dem eine Katze abhanden gekommen ist,
soll eine schriftliche Strafanzeige gegen unbekannt bei
der Polizei erstatten, fordert er. "Die Beamten haben
natürlich gemault, als die ersten mit einer Anzeige
kamen", erzählt Manfred Stein. "Aber sie
mussten das entgegennehmen, wir leben ja in einem demokratischen
Rechtsstaat."
Zehn Jahre ist es her, dass in dem gleichen Bad Kleinen,
das jetzt im Namen des Rechts den Katzenräuber vom
Buchenring jagt, der demokratische Rechtsstaat Deutschland
in Schwierigkeiten geriet. Am frühen Nachmittag des
27. Juni 1993, einem Sonntag, war eine Polizeiaktion auf
dem Bahnhof des Ortes außer Kontrolle geraten. Das
Desaster von Bad Kleinen bezahlten der GSG-9-Beamte Michael
Newrzella und der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang
Grams mit dem Leben.
Zur Staatskrise geriet der Zugriff, als
das ARD-Magazin "Monitor" und der Spiegel wenige
Tage nach der Aktion Zeugen präsentierten, die eine
Hinrichtung Grams durch einen GSG-9-Beamten beobachtet
haben wollten. Schlampige Ermittlungen durch das Bundeskriminalamt,
vertuschte Spuren und diverse Ungereimtheiten in der offiziellen
Darstellung der Abläufe des Geschehens verstärkten
in den folgenden Wochen den Verdacht, dass ein Beamter
- möglicherweise aus Rache für den erschossenen
Kollegen Newrzella - kurzen Prozess mit dem RAF-Mann Grams
gemacht haben könnte.
Ein ungeheuerlicher Verdacht. Er beendete
seinerzeit die Karrieren einer Reihe hochrangiger Staatsdiener:
Bundesinnenminister Rudolf Seiters musste zurücktreten,
sein Polizeikoordinator Wolfgang Schreiber wurde ebenso
entlassen wie Generalbundesanwalt Alexander von Stahl,
Beamte des Bundeskriminalamtes aus der Anti-Terror-Abteilung
wurden strafversetzt.
Die knapp viertausend Einwohner des am
Nordufer des Schweriner Sees liegenden Ortes leben noch
immer mit der Geschichte. Dabei wären sie so gern
das Stigma des "RAF-Städtchens" los. Von
jedem, den man in Bad Kleinen auf die Vorgänge von
vor zehn Jahren anspricht, erhält man die gleiche
Antwort: Es bringe nichts, immer wieder in der Sache herumzustochern,
das habe doch nichts mit Bad Kleinen zu tun, überall
hätte das passieren können - und bitte erwähnen
Sie nicht meinen Namen. Einer schreit: "Lassen Sie
uns endlich in Ruhe!" Und ein anderer schimpft, man
solle lieber darüber schreiben, dass hier in Bad
Kleinen früher alle Arbeit hatten und heute jeder
Fünfte auf der Straße stehe. "Das gehört
auch zur deutschen Geschichte", sagt der Mann.
"In der Firma meiner Frau in Lübeck
hat jetzt ein Praktikant aus den USA angefangen, ein junger
Mann", erzählt Manfred Stein aus dem Buchenring.
"Als meine Frau ihm sagte, dass sie in Bad Kleinen
lebt, sagte der Amerikaner: Das ist doch die Stadt, wo
damals dieser Terrorist erschossen wurde. Unser Bad Kleinen
ist eine Fußnote in der Weltgeschichte, aber glauben
Sie mir: Stolz ist hier niemand darauf."
Zum Mythos von Bad Kleinen hat vor allem
beigetragen, dass die Umstände, unter denen Newrzella
und Grams ihr Leben verloren, bis heute nicht aufgeklärt
sind. Hat sich der angebliche RAF-Terrorist, nachdem er
Newrzella erschossen und von mehreren Kugeln getroffen
auf das Gleis 4 gestürzt war, selbst mit einem Kopfschuss
gerichtet? So lauten die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen
von Ermittlungsbehörden, Bundesregierung und Staatsanwaltschaft.
Oder wurde Grams mit einem aufgesetzten
Kopfschuss durch einen GSG-9-Beamten getötet, nachdem
er bereits wehrlos am Boden lag? So will es ein am Einsatz
beteiligter Grenzschutzbeamter beobachtet haben, der sich
damals dem Spiegel anvertraute, aber seine Aussage vor
Ermittlern nicht wiederholte. Und so will es auch die
Verkäuferin Joanna Baron gesehen haben, die im Bahnhofskiosk
am Gleis 4 stand und sich vor lauter Angst in einen Schrank
verkrochen hatte. Frau Baron wiederholte ein paar Mal
ihre Aussage, verwickelte sich dann aber in Widersprüche
und verstummte schließlich, als einige Medien damit
begannen, sie als Trinkerin und Wichtigtuerin darzustellen.
Heute lebt sie zurückgezogen in Wismar, verjagt alle
Journalisten und will von Bad Kleinen nichts mehr hören.
Letztmals befasste sich die Justiz im
Jahre 1998 mit den Todesumständen von Wolfgang Grams.
Vor dem Bonner Landgericht hatten dessen Eltern die Bundesregierung
auf Erstattung der Beerdigungskosten für ihren Sohn
verklagt. Die Bonner Richter lehnten die Klage ab, stellten
aber gleichwohl fest, dass es weder für eine Fremdtötung
noch für einen Selbstmord Grams überzeugende
Beweise gebe.
Tatsächlich wird man wohl auch keine
überzeugenden Beweise mehr für eine der beiden
Tatversionen finden. Zu gründlich sind unmittelbar
nach der Schießerei auf dem Bahnhof alle Spuren
verwischt worden, was für sich genommen schon verdächtig
ist.
Da durften die GSG-9-Beamten ihre Waffen
reinigen, bevor sie von den Ermittlern beschlagnahmt wurden,
da sind Grams Hände gewaschen worden, noch ehe ein
Gerichtsmediziner sie auf Schmauch- und Pulverspuren untersuchen
konnte, da kamen Ton- und Filmdokumente von dem Einsatz
abhanden. Unklar ist bis heute, wer der Mann war, der
die Schießerei vom nahen Bahnübergang aus fotografierte.
Unbeantwortet ist auch die Frage, warum sich auf der Treppe,
auf der Michael Newrzella von Grams niedergeschossen worden
sein soll, kein Blut fand. Und warum schlugen die Fahnder
erst an jenem 27. Juni zu, obwohl sie an den Tagen zuvor
bereits zwei Treffen von RAF-Terroristen in Bad Kleinen
überwacht hatten ohne einzugreifen?
Auf die Fragen gibt es bis heute keine
Antwort. Inzwischen hat sich die Sprachregelung vom "missglückten
Polizeieinsatz" durchgesetzt. Damals wie heute mangelt
es an politischem Willen, die wahren Hintergründe
des Desasters restlos aufzuklären. Auch in Bad Kleinen
gibt es niemanden, der sich noch dafür interessiert.
Vor fünf Jahren flammte kurz nur eine Diskussion
darüber auf, ob man zur Erinnerung an die getöteten
Michael Newrzella und Wolfgang Grams eine kleine Gedenktafel
am Bahnhof von Bad Kleinen anbringen sollte. Heute aber
käme wohl niemand mehr auf die Idee, ein solches
Ansinnen vorzustellen. "Lieber sollte man eine Gedenktafel
für unseren Bahnhof anbringen", sagt ein Bahnmitarbeiter.
"Um den kann man wirklich trauern."
Ende des 19. Jahrhunderts war der Bahnhof
von Bad Kleinen zu einem Verkehrsknotenpunkt ausgebaut
worden. Seitdem kreuzen sich hier die Eisenbahnlinien
von Schwerin nach Wismar und von Rostock nach Hamburg.
Zu DDR-Zeiten entstand in Bad Kleinen zusätzlich
ein riesiger Rangierbahnhof. Bis zu zweitausend Güterwagen
wurden hier täglich auf ihrem Weg von und nach den
Ostseehäfen in Rostock und Wismar zu Zügen zusammengekoppelt.
Heute gibt es keinen Rangierbahnhof mehr,
die Gleise sind von Gras überwuchert. Der Bahnhof,
der mehr als hundert Jahre lang das Leben der Menschen
von Bad Kleinen prägte, ist für die Bahn bedeutungslos
geworden. Verlassen steht das alte Bahnhofsgebäude
da, an den geweißten Wände blättert Farbe
ab. Wer das Haus betritt, läuft durch einen langen
leeren Gang, vorbei an mit Holz vernagelten Fenstern und
Schaukästen. Am Ende des Flurs versperrt eine weiße
Tür den Durchgang zur ehemaligen Schalterhalle. Hinter
den vernagelten Fenstern befand sich früher das Billard-Café,
in dem Wolfgang Grams am 27. Juni 1993, eine Stunde vor
seinem Tod, Würzfleisch und Wiener Würstchen
aß.
Mit ihm am Tisch saßen damals seine
Freundin Birgit Hogefeld, die unverletzt festgenommen
werden konnte und heute eine lebenslängliche Haftstrafe
absitzt, und Klaus Steinmetz, ein V-Mann des Verfassungsschutzes,
der die Fahnder auf die Spur der beiden mutmaßlichen
RAF-Terroristen gebracht hatte und heute unter neuer Identität
irgendwo lebt.
Es war das fünfte Mal, dass sich
das Trio heimlich traf. Hogefeld und Grams waren schon
vor Jahren in den Untergrund gegangen und hielten über
Freunde und Unterstützer den Kontakt zur Außenwelt.
Irgendwie war es Steinmetz gelungen, in dieses konspirative
Netz einzudringen. Noch heute wird dies als Glücksfall
für die Terroristenjäger von Verfassungsschutz
und Bundeskriminalamt dargestellt, denen es angeblich
nie zuvor gelungen war, einen Spitzel an die Kommandoebene
der RAF heranzuführen.
Was Steinmetz aber von Hogefeld und Grams
erfuhr, was er seinen Verbindungsführern beim Geheimdienst
über die Strukturen der Terrorgruppe und ihr Helfernetz
berichtete, ob er überhaupt der Superspitzel war,
zu dem er nach Bad Kleinen von den Medien erklärt
wurde - all das ist bis heute nicht geklärt, weil
die Berichte des V-Manns nach wie vor strengster Geheimhaltung
unterliegen. Die Rote Armee Fraktion, die es nicht mehr
gibt, ist auch heute noch ein Staatsfeind und eine Staatsaffäre.
An diesem Freitag wird wie an jedem Freitag
gegen 15.15 Uhr im Bahnhof von Bad Kleinen ein Zug auf
Gleis 4 einfahren und auf die Weiterfahrt nach Rostock
warten.
Die Kioskverkäuferin steht dann vielleicht
gerade am Fenster und schaut zu den Treppen, die zur Unterführung
hinabführen und auf denen zehn Jahre zuvor um die
gleiche Zeit Michael Newrzella verblutete. Möglicherweise
dreht sie dann leicht den Kopf und blickt auf die Stelle
von Gleis 4, wo Wolfgang Grams starb.
Nach ein paar Minuten wird der Zug
nach Rostock den Bahnhof wieder verlassen. Viel mehr wird
nicht geschehen an diesem Tag, zu dieser Stunde in Bad
Kleinen. Zehn Jahre danach.
27.06.2003, Schweriner Volkszeitung
Totes Gleis an Bahnsteig 4
Vor zehn Jahren starben Michael
Newrzella und Wolfgang Grams in Bad Kleinen
Bad Kleinen 27. Juni 1993: Bürgermeister
Hans Kreher geht mit seiner Tochter am Schweriner See
spazieren, als im nahen Bad Kleinen das Chaos ausbricht:
Anti-Terror-Einheiten stürmen in den Bahnhof, Schüsse
fallen. Bei der Aktion gegen die Rote Armee Fraktion (RAF)
sterben der Polizist Michael Newrzella, der Terrorist
Wolfgang Grams - und der Mythos GSG 9. In Deutschland
droht eine Staatskrise.
Von Matthias Hufmann
Kreher eilt vom See zurück. Vom Plan
der Fahnder, ausgerechnet in seinem Ort loszuschlagen,
weiß er nichts. Er erinnert sich nur an den seltsamen
Hinweis, die Gemeinde solle die Papierkörbe am Bahnhof
nicht leeren - dienen sie als geheime Briefkästen?
"Ich musste wissen, was los ist." Weit kommt
Kreher jedoch nicht. Das Einsatzgebiet ist abgesperrt.
Seine Fragen bleiben unbeantwortet. Erst später geben
die Beteiligten der Staatsanwaltschaft widerwillig Auskunft.
So kommt Stück für Stück heraus, was in
Bad Kleinen geschah - eine beispiellose Serie von Pannen
und Verschleierungsversuchen.
Aus Wismar angereist - von Spitzel
begleitet
Heute vor genau zehn Jahren treffen die Terroristin Birgit
Hogefeld und Klaus Steinmetz um 12.58 Uhr mit dem Zug
aus Wismar ein. Seit Tagen schon werden sie observiert.
Der Verfassungsschutz ist Hogefeld dabei näher als
sie ahnen kann: Ihr Begleiter ist V-Mann. Die RAF-Frau
und der Spitzel gehen ins "Billard-Café",
der Bahnhofsgaststätte von Bad Kleinen. Gegen 14
Uhr holt Hogefeld einen Mann vom Bahnsteig ab - Wolfgang
Grams. Seit ihrem Abtauchen in die Illegalität 1984
werden die beiden der Kommandoebene der Roten Armee Fraktion
zugerechnet.
Zwei Zugriffstrupps sind in Bereitschaft
Hogefeld, Grams und Steinmetz bleiben bis 15.15 Uhr
in der Kneipe, gehen dann Richtung Tunnel. Zwei Zugriffstrupps
der GSG 9 mit 16 Beamten warten an den Bahnsteigen und
am Treppenaufgang zum Vorplatz auf ihren Einsatzbefehl.
Trotz der Planungen kommt dieser völlig unerwartet.
Ein zivil gekleideter Beamter läuft die Unterführung
hinunter und trifft auf Grams und Steinmetz. Möglicherweise
habe er einen Funkspruch missverstanden, heißt es
im Abschlussbericht der Schweriner Staatsanwaltschaft.
Was tun? Die GSG 9 löst den Zugriff aus.
Der Beamte im Tunnel nimmt die jetzt neben ihm stehende
Hogefeld fest, auch V-Mann Steinmetz leistet keinen Widerstand.
Grams aber flüchtet die Treppe hinauf Richtung Bahnsteig
4. Die Anti-Terror-Gruppe folgt. Als sich der Abstand
verringert, dreht sich Grams um und schießt. Michael
Newrzella sinkt zu Boden, er ist tot. Drei weitere GSG
9-Männer werden getroffen. Die Verfolger erwidern
das Feuer, schießen vermutlich ohne zu zielen auf
den Bahnsteig. Eine Lok im Hintergrund wird getroffen,
ein Geschosssplitter steckt im Oberarm von Schaffnerin
Sigrid Helberg.
Wolfgang Grams stürzt mit Bauch-, Streif- und Beinschüssen
ins Gleisbett. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft
hält er sich seine Waffe an den Kopf und drückt
ab. Um 15.36 Uhr landet der Rettungshubschrauber in Bad
Kleinen, um 17.30 Uhr stirbt Grams in der Uni-Klinik Lübeck.
Zur selben Zeit kursieren bereits die ersten Gerüchte.
Wurde der Terrorist womöglich durch die beiden nachrückenden
Beamten erschossen? Aus Rache für den Tod von Newrzella?
"Der Spiegel" zitiert später einen namentlich
nicht genannten Polizisten, der genau das vor Ort gesehen
haben will. Auch die Kioskverkäuferin Joanna Baron
vertritt die These - und beeidet ihre Aussage.
17 "Schwachstellen" im Untersuchungsbericht
Aus dem Verdacht wird eine öffentliche Anklage, die
droht, sich zu einer Staatskrise auszuweiten. Die Republik
habe damals "gewackelt", erinnert sich der frühere
Chef des Bundeskriminalamtes, Hans-Ludwig Zachert. Einsatzkräfte
und Ermittler allerdings haben kräftig dazu beigetragen.
17 "Schwachstellen" listet ein Bericht für
den Bundestag auf. Die gravierendsten Mängel: Die
GSG 9-Leute trugen keine schusssicheren Westen. Herkömmliche
wären aufgefallen, dünne Westen standen nicht
zur Verfügung. Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene
Waffe - ein Indiz dafür, dass die Einsatzkräfte
gar nicht wussten, hinter wem sie eigentlich her waren.
Ein Funkloch im Bahnhofstunnel verhinderte genaue Absprachen.
Birgit Hogefelds Waffe wurde erst im Polizeiwagen entdeckt.
Pannen über Pannen: Seit Bad Kleinen ist der Mythos
GSG 9 zerstört, die "Helden von Mogadischu"
machten peinliche Fehler. Für die Eliteeinheit war
der Einsatz eine einzige Katastrophe - Fortsetzung folgte.
Von Wolfgang Grams Händen wurde Blut weggewaschen,
noch ehe ein Gerichtsmediziner sie untersuchen konnte.
Beamte reinigten vor der Schussprüfung ihre Waffen,
Filmdokumente verschwanden, Spuren wurden nur schlampig
gesichert. Als sich der Leitende Oberstaatsanwalt Gerrit
Schwarz selbst ein Bild vor Ort machen wollte, fand er
noch Tage nach der Aktion Sägemehl im Gleisbett,
das Blut und ein Projektil bedeckte. "Blamabel",
so sein Kommentar.
Schwarz hatte ohnehin mit widrigen Bedingungen zu kämpfen.
Zwischen den Ermittlungsbehörden gab es "schwerwiegende
Koordinierungsdefizite", heißt es im Bericht
für den Bundestag. Die Öffentlichkeit wurde
zum Teil falsch informiert, Strafverfolger erfuhren von
neuen Erkenntnissen aus der Zeitung, Wesentliches wurde
verschwiegen. "Vom dritten Festgenommenen habe ich
erst erfahren, als ich ihn auf einem Videoband sah",
sagt Schwarz.
Vermummte Zeugen zur Aussage eingeflogen
Kein Wunder, dass die Mordtheorien nicht verstummten.
Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde entlassen,
Innenminister Rudolf Seiters (CDU) trat zurück, um
"ein Signal zu setzen, dass nichts vertuscht wird".
In Schwerin wurde der Rückzug anders verstanden.
"Da kocht noch was", dachte Gerrit Schwarz und
ermittelte weiter. Dutzende Zeugen wurden vernommen, die
GSG 9-Beamten wurden vermummt eingeflogen. Selbst mit
dem Spitzel Steinmetz konnten Schwarz und seine Kollegen
reden - unter konspirativen Bedingungen in einem Hotel
im Rheinland.
Beweise für einen Mord fand die Staatsanwaltschaft
allerdings nicht. Am 13. Januar 1994 wurde das Verfahren
gegen die beiden GSG-Leute, die zuerst bei Grams waren,
eingestellt. Der "Spiegel"-Informant gab sich
nicht zu erkennen, die Angaben der Kioskverkäuferin
waren widersprüchlich. Heute will sie über die
Ereignisse von 1993 nicht mehr sprechen. Sie lebt zurückgezogen
an der Küste.
Akte im vergangenen Jahr endgültig
geschlossen
Also keine Verschwörung? "Dann hätten
sich die Einsatzkräfte geschickter angestellt",
vermutet Schwarz. Sein Ermittlungsergebnis wird vor allem
von einem Gutachten der Züricher Polizei gestützt,
wonach sich Grams selbst erschossen hat. Das Spurenbild
an der Waffe lasse keinen anderen Schluss zu.
Am 2. Januar 2002 wurde die Akte "Bad Kleinen"
endgültig geschlossen. Die Eltern von Grams hatten
zuvor jahrelang erfolglos prozessiert und gingen bis zum
Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
In Bad Kleinen spielt der 27. Juni
1993 längst keine große Rolle mehr. Birgit
Hogefeld sitzt in Haft, Klaus Steinmetz lebt mit neuer
Identität vermutlich irgendwo in Deutschland. Zur
Ruhe gekommen ist Gerrit Schwarz trotzdem nicht: Die Ermittlungsakte
steht noch immer in seinem Büro. "Mehr als 95
Prozent des Zugriffs können wir rekonstruieren."
Ganz zufrieden ist er damit aber nicht: 100 Prozent werden
es wohl nie sein.
27.06.2003, Ostsee-Zeitung
Die Schüsse von Bad Kleinen interessieren nur noch
Fremde
Vor zehn Jahren katapultierte eine
Schießerei auf dem Bahnhof den Ort Bad Kleinen in
die Medien. Heute interessiert der Tod des Terroristen
Wolfgang Grams und des GSG-9-Beamten Michael Newrzella
kaum noch jemanden.
Bad Kleinen (OZ) Christian Poppe (60)
hatte am 27. Juni 1993 einen Logenplatz, als er vom benachbarten
Bahnhof erst die Knallerei hörte und
dann die Polizeihelikopter kreisen sah. Auf seiner Terrasse
am Schweriner See wurde Poppe Zeuge eines Polizeieinsatzes,
der Bad Kleinen jäh aus seiner schläfrigen Idylle
riss. Auf dem Bahnhof starben Wolfgang Grams, Mitglied
der Rote Armee Fraktion (RAF), und der GSG-9-Mann
Michael Newrzella.
Wer wen erschoss, bleibt wohl ewig ungeklärt. Klar
ist dagegen, dass 54 Beamte zwei mutmaßlichen Terroristen
auflauerten und nur Birgit Hogefeld lebend erwischten.
Zwei Tote, 44 Schüsse, mehrere Verletzte, zahllose
Ermittlungspannen und noch mehr offene Fragen das
ist die Bilanz, die Bad Kleinen seitdem immer in den Blickpunkt
rückt.
Zum Leidwesen der Einwohner. Die nämlich blieben
im Gegensatz zu Medien und Politik recht gelassen, ist
heute oft in Bad Kleinen zu hören. Ich musste
keine Beruhigungsmittel verteilen, sagt Apotheker
Poppe sarkastisch. Der Grund liegt aus Sicht des damaligen
Bürgermeisters Hans Kreher auf der Hand: Arbeitslosigkeit,
die Umbrüche das hat die Leute mehr
bewegt. Der Wirbel um eine katastrophale Festnahmeaktion
war ja eher eine Wessiangelegenheit.
Augenscheinlich erinnert nichts mehr an die Aktion vor
zehn Jahren. Fast nichts, sagt Krehers Amtsnachfolger
Siegfried Friese. Er zeigt auf einen verbogenen Gitterstab
auf Bahnsteig 3/4. Hier ist eine Maschinengewehrsalve
gelandet. Das einzige Denkmal. Mehr wollte niemand
im Ort, betont Friese. Die Einwohner sind der Reduzierung
ihrer Heimat auf zehn Sekunden überdrüssig.
Doch immer noch erzeugt Bad Kleinen ein Klingeln im kollektiven
Gedächtnis. Bad Kleinen? Da war doch was! Und niemand
hört das so oft wie Urda Klein. Sechs Tage die Woche
steht die 55-Jährige im Bahnsteigkiosk, direkt am
Tatort. Im Dorf, erzählt sie, interessiert
das keinen. Reisende, die hier umsteigen, schon.
Fürs Geschäft sei das nicht mal schlecht, findet
Urda Klein. Eine Bockwurst bitte, berlinert und schwäbelt
es oft, erzählt sie. Dann wird gefragt: Sagen Sie,
war hier nicht . . .? Die Leute fragen immer, jeden
Tag.
Joanna Baron, die 1993 in dem langen Schlauch arbeitete,
will nicht mehr reden: Ich habe alles hinter mir,
bitte! Ihre Stimme zittert. Von ihrem Kiosk aus,
gab sie einst zu Protokoll, konnte sie sehen und hören,
wie Grams von zwei Polizisten hingerichtet wurde. Staat
und Justiz glaubten ihr nicht. Dass niemand Grams' Selbstmord
beobachtet hat, Beweismittel verschwanden, Spuren beseitigt
wurden und Köpfe rollten all das scheint heute
vergessen.
Ex-Bürgermeister
Kreher fürchtete lange, Bad Kleinen wird zum
Wallfahrtsort für Linksextreme. Aber spätestens,
als nach dem letzten Prozess 1998 wegen Beweislosigkeit
die Akten endgültig zuklappten, ist alles ruhig
bei uns.
Zum Foto: Hans Kreher (l.), vor zehn Jahren
Bürgermeister von Bad Kleinen, steht mit dem heutigen
Bürgermeister Siegfried Friese auf dem Bahnhof.
Text und Foto: JAN FREITAG
27.06.2003, Stuttgarter Nachrichten
Bad Kleinen
Jahrestag der Todesschüsse
Bad Kleinen - Auf dem Bahnhof des verträumten
mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts
mehr an die spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der
vor zehn Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael
Newrzella und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF),
Wolfgang Grams, starben.
Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit
Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes
und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft
verurteilt. Obgleich jahrelange juristische und politische
Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen
folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse
inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt.
Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte
Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig
später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten
ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf
dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten
zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge
zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn
von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf
ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in
besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche
Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint
Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen
und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns.
Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein
und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz
gepflegt.
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei
wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde
von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg
vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh,
dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht
mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde.
Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen
Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung
des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte
Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden
kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.
Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin
wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden
Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.
Bei dem von den Eltern Grams angestrengten juristischen
Marathon wegen angeblicher Ermordung ihres Sohnes, bis
hin zu einer letztlich abgewiesenen Menschenrechtsbeschwerde
an den europäischen Gerichtshof in Straßburg,
schlossen die befassten Gerichte sich mehrheitlich der
Selbstmordvariante an. Lediglich das Amtsgericht Bonn
räumte im Februar 1999 in einem Zivilrechtsprozess
ein, dass die Umstände des Todes von Grams ungeklärt
seien und "weder Selbsttäterschaft bewiesen
noch Fremdtäterschaft ausgeschlossen werden könne".
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste
getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen
Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April
1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten
Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende
Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag
auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin
von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung
sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner
Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache
ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF
aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes
Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge
zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte
Wachsamkeit beim Staatsschutz.
Lutz Jordan, AP
27.06.2003, Weser-Kurier
Pannen in der Provinz kosteten Minister das Amt
Vor zehn Jahren starben beim Anti-Terror-Einsatz
der GSG 9 in Bad Kleinen zwei Menschen
Schwerin. Die Worte passten nicht
so recht zueinander: RAF, GSG 9 Bad Kleinen. Waren
die Rote Armee Fraktion und die Grenzschutzgruppe
9 seit dem blutigen Deutschen Herbst
1977 ein Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen
am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993:
Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen
RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen:
der Polizist Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang
Grams.
Wie sich später herausstellte, waren den Fahndern
in Bad Kleinen unglaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht
hatten sie nach der Mörderin Birgit Hogefeld. Die
wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter aber kaum
beachtet.
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang
Grams einen weiteren Topterroristen vor sich hatten. Da
lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des
Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen
und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet
hatte. In auswegloser Situation so die spätere
Darstellung feuerte sich der 40-Jährige mit
seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich
selbst eine Kugel in den Kopf.
Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung
rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader
und anderen toten Mitgliedern des antifaschistischen
Widerstandskampfes blühten auch hier die Mordtheorien.
Die zu Kampfmaschinen ausgebildeten Elite-Polizisten
hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen
Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien.
Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel
bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre
an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das
Image der Helden von Mogadischu beschädigt.
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen:
Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) völlig unerwartet
seinen Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren,
die der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler
Kritiker verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei
Tage später von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
(FDP) entlassen.
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlev Karsten
Rohwedder im Jahr 1991 konnte per Gen-Analyse der Täter
ermittelt werden. Der war da schon acht Jahre tot: Wolfgang
Grams.
Chris Melzer (dpa)
27.06.2003, Frankfurter Rundschau Hochtaunus
HINDENBURGRING
Straßenschilder aus Protest geschwärzt
BAD HOMBURG. "Unbekannte" haben
sämtliche Straßenschilder auf dem Hindenburgring
in Bad Homburg geschwärzt. Darauf wies die antifaschistische
Gruppe Bad Homburg (Antifa) gestern hin; sie wertet die
Tat als einen "Akt der Zivilcourage". Es sei
unerträglich, dass in Bad Homburg eine Straße
nach dem "militaristischen Nationalisten" und
"Steigbügelhalter des Nazi-Regimes" Hindenburg
benannt sei.
Die Antifa-Gruppe schlägt vor,
den Hindenburgring in Wolfgang-Grams-Ring umzubenennen
Sie will so an den RAF-Aktivisten Wolfgang Grams erinnern,
der vor zehn Jahren bei einem Polizeieinsatz in Bad Kleinen
unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben
gekommen ist. Dabei starb auch ein Polizeibeamter.
27.06.2003, ZDF heute-online
Der unerkannte Terrorist
Vor zehn Jahren GSG 9-Einsatz in
Bad Kleinen
Waren die Rote Armee Fraktion und die
"Grenzschutzgruppe 9" seit dem blutigen "Deutschen
Herbst" 1977 ein Begriff, kannte das Städtchen
am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993:
Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen
RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen:
der Polizist Michael Newrzella und der Topterrorist Wolfgang
Grams. Er wurde zu spät erkannt.

Wie
sich später herausstellen sollte, war den Fahndern
in Bad Kleinen eine unglaubliche Panne unterlaufen. Gesucht
hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld.
Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch
kaum beachtet.
Tödlich getroffen auf den Gleisen
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang
Grams einen weiteren Terroristen vor sich hatten. Da lag
der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes,
nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen
Polizisten Newrzella getötet hatte.
In auswegloser Situation - so die spätere Darstellung
- feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer
geschossenen Brünner schließlich selbst eine
Kugel in den Kopf. Die Komplizin und Lebensgefährtin
von Grams, Birgit Hogefeld, wurde festgenommen und 1996
wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung,
zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu
lebenslanger Haft verurteilt
Zweifel an der Ereignisdarstellung
Die, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung
über den Tod Grams, rief jedoch auch Zweifel hervor.
Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern
des "antifaschistischen Widerstandskampfes"
blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu "Kampfmaschinen"
ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe
entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt,
lautete eine der Theorien.
Gestützt auch durch Angaben einer Verkäuferin
vom Bahnhofskiosk, die das Geschehen verfolgt hatte. In
einem Interview behauptete sie, einen polizeilichen Mord
beobachtet zu haben. Zudem meldete das Nachrichtenmagazin
"Der Spiegel", ihm habe sich ein Beamter der
GSG 9 offenbart, der die Aktion ähnlich schilderte.
Prozess gegen Staat und Justiz
Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler hinzu,
quasi als unabhängige Instanz. Die Züricher
Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität
Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer
sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden
Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten,
ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.
Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht
und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis
vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen
Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen
blieben ohne Erfolg.
Auch wenn an der Selbstmordtheorie heute kaum noch Zweifel
bestünden, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre
an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das
Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt.
Der Skandal: Die Pannen-Serie
Der eigentliche Skandal war aber wohl nicht Grams Tod,
sondern eher die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten
trugen bei ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere
Westen noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen
offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem
die Spurensicherung das Gelände "abgegrast"
hattte, fanden Passanten eine Patrone.
Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht.
So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem
27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere
Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation
auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.
Seiters tritt zurück
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten Folgen: Eine Woche
nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen
Hut. Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker
sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln",
die es bei den Bundesbehörden gegeben habe.Er übernehme
die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber
nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen
getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament
Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle
weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige
Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit
wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem
Amte festhält".
Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft
gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen
Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut
Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins
Amt.
"Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang
anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht
zu."
Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger
Stahl aus dem Amt
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann
auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander
von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit
wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik
entlassen.
Zur Begründung erklärte
die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger:
"Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang
anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht
zu." Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme
drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen.
Erst nach langen Diskussionen einigten sich Regierung
und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im
Februar 1994 offiziell den Dienst begann.
Konsequenzen im Bundeskriminalamt
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hat sich das
Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft
schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen
lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter
Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard
Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte
dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über
die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass
er gelogen habe.
Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium,
Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt.
Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich
und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb
in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck
haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in
Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.
Mit Material von dpa, AP
27.06.2003, ZDF
heute-online
Keine Gedenksymbole
auf dem Bahnhof
Vor zehn Jahren starben
bei der Anti-Terroraktion der Polizist Michael Newrzella
und RAF-Mitglied Wolfgang Grams
Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen
Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die
Anti-Terroraktion vor zehn Jahren. Am 27. Juni 1993 starben
hier der Polizist Michael Newrzella und das Mitglied der
Roten-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams.
Obgleich jahrelange juristische
und politische Streitereien dem missglückten Einsatz
von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen
an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale
Alltag wieder eingekehrt. Eine für den von Grams
erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem
Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert.
Aus Angst vor Anschlägen
Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens
auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten.
Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel
möglicher Anschläge zu werden, entschied die
Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen
Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in
besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche
Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint
Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen
und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns.
Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein
und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz
gepflegt.
Blumen zum Jahrestag
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei
wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde
von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg
vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh,
dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht
mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde.
Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen
Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung
des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte
Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden
kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.
Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin
wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden
Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.
Wachsamkeit beim Staatsschutz
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste
getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen
Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April
1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten
Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende
Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag
auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin
von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung
sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner
Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache
ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF
aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes
Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge
zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte
Wachsamkeit beim Staatsschutz.
Donnerstag, 26. Juni 2003, n-tv
10
Jahre danach
Das Desaster von Bad Kleinen
Bad Kleinen - seit dem 27. Juni
1993 steht die kleine mecklenburgische Gemeinde als Synonym
für eine missglückte Anti-Terror-Aktion und
zugleich für einen politischen Skandal ersten Ranges.
Unmittelbar nach dem Zugriff der GSG 9 auf die RAF-Terroristen
Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams vor zehn Jahren sprach
Generalbundesanwalt Alexander von Stahl noch stolz vom
"ersten Erfolg gegen die RAF seit sieben Jahren"
- und das, obwohl bei dem Einsatz der Polizeibeamte Michael
Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams im Kugelhagel
starben.
Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Zugriff als
polizeitaktisches Desaster. Binnen Tagen entwickelte sich
die Angelegenheit zudem zu einer politischen Affäre.
Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und das Innenministerium
in Bonn lieferten entweder gar keine Informationen, Fehlinformationen
oder widersprüchliche Informationen. Steckte hinter
dem "absoluten Nahschuss" in den Kopf, an dem
Grams starb, ein Selbstmord, ein Unfall oder gar eine
gezielte Hinrichtung?
Seiters trat zurück
Tage- und wochenlang war Politikern und der Medienöffentlichkeit
nicht klar, was sich wirklich auf dem Bahnhof zugetragen
hatte. Die Konsequenz: Nicht einmal zwei Wochen vergingen,
da waren der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters
und auch Generalbundesanwalt von Stahl ihre Jobs los.
Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker
sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln",
die es bei den Bundesbehörden gegeben habe. Er übernehme
die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber
nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen
getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament
Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle
weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige
Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit
wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem
Amte festhält".
Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft
gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen
Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut
Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins
Amt.
Von Stahl wurde rausgeschmissen
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann
auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander
von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit
wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik
geschasst.
Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin
Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines
Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine
Amtsführung nicht zu." Ungeachtet vielfältiger
Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt
zu beschädigen. Erst nach langem Gezerre einigten
sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay
Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.
Zweifel bis heute
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hatte sich das
Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft
schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen
lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter
Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard
Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte
dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über
die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass
er gelogen habe. Auch der Leiter der Polizei-Abteilung
im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den
Ruhestand geschickt.
Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich
und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb
in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck
haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in
Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.
Torsten Holtz, AP
25.06.2003,
jungle world Nr. 27
Der Innenminister musste zurücktreten,
der Generalbundesanwalt wurde versetzt. Warum eigentlich?
Wolfgang Grams soll sich doch selbst erschossen haben.
So zumindest lautet die offizielle Version der Ereignisse
vor zehn Jahren auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Eine
Wiederbegegnung mit dem Ort, der nichts zu bieten hat
außer der Erinnerung an ein totes RAF-Mitglied.
Hier werden Terroristen erschossen
Vor zehn Jahren starb Wolfgang
Grams, Birgit Hogefeld wurde festgenommen. In Bad Kleinen
können sich alle genau an den Tag erinnern. Von Selbstmord
spricht keiner. von martin kröger, bad kleinen
Auf dem Bahnhof von Bad Kleinen findet
sich kein Hinweis mehr darauf, was hier vor zehn Jahren
geschah.
Am 27. Juni 1993 war Wolfgang Grams, ein
Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), bei einem Polizeieinsatz
von mehreren Kugeln so schwer verletzt worden, dass er
wenig später im Universitätsklinikum in Lübeck
starb. Die Hauptursache für den Tod war nach offizieller
Darstellung ein aufgesetzter Kopfschuss, den sich Wolfgang
Grams, schon durch mehrere Schüsse schwer verletzt
im Schotterbett des Gleises 4 liegend, selbst beigebracht
haben soll. Ein zweites Mitglied der RAF, Birgit Hogefeld,
war Augenblicke zuvor in der Unterführung, die die
Bahnsteige verbindet und zum Ausgang führt, festgenommen
worden.
Heute ist die Unterführung, die ursprünglich
mal ein ziviler Luftschutzbunker war, frisch gestrichen,
Graffiti sind mit grauer Farbe übertüncht. Eine
Gedenktafel, die FreundInnen von Wolfgang Grams nach einer
Demonstration 1993 angebracht hatten, wurde noch in derselben
Nacht wieder entfernt. Nur ein Hinweisschild der Deutschen
Bahn, das Versammlungen im Bahnhof verbietet, fällt
auf.
Am Bahnsteig 3/4
"Nein, ich bin die Dame nicht."
Die Verkäuferin im Kiosk auf dem Bahnsteig 3/4 reagiert
sichtlich genervt auf die Frage, ob sie hier schon vor
einem Jahrzehnt gearbeitet habe. Nachdem sie sich in die
hinterste Ecke ihrer Imbissbude zurückgezogen hat,
bringt sie immerhin hervor, dass sie es nicht mehr ertragen
kann, ständig mit der damaligen Angestellten verwechselt
zu werden. Die ganze Aufregung kann sie sowieso nicht
verstehen: "Aus diesem läppischen Vorfall wird
so ein Drama gemacht." Ab und zu kämen noch
Journalisten vorbei, in letzter Zeit aber zusehends weniger,
und außer ein paar Reisenden, die sich gelegentlich
für den Tod von Wolfgang Grams interessierten, hätten
doch die meisten vergessen, was hier passiert sei.
Der Bekanntheitsgrad ihrer Vorgängerin
Joanna Baron hatte sich nach dem 27. Juni 1993 schlagartig
erhöht. In ihrer Bude sitzend, wurde sie unfreiwillig
Zeugin der Operation Weinlese, wie die Grenzschutzgruppe
9 (GSG 9) ihren Einsatz nannte. Nicht einmal 15 Meter
von dem Verkaufsstand entfernt endet der Aufgang aus der
Unterführung zum Bahnsteig 3/4. Genau diesen Weg
schlug Wolfgang Grams ein, als er bemerkte, dass sich
vermummte Einsätzkräfte auf ihn stürzen
wollten. Diesen Fluchtweg sollte Wolfgang Grams einschlagen,
vermuten andere, da alle anderen Ausgänge aus der
Unterführung ins Freie versperrt waren.
Was nach der darauf folgenden Schießerei
geschah, beschrieb Joanna Baron, die Bad Kleinen bald
verließ, weil sie bedroht und geschmäht wurde,
so: "Dann traten zwei Beamte an den reglos daliegenden
Grams heran. Der eine Beamte bückte sich und schoss
aus nächster Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei
sah der schon wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf
und schoss, aus nächster Nähe, wenige Zentimeter
vom Kopf des Grams entfernt. Dann schoss auch der zweite
Beamte auf Grams, aber mehr auf den Bauch oder die Beine.
Auch der Beamte schoss mehrmals." Ihre Aussage sorgte
damals für Furore. Hatte "die wichtigste Zeugin
der Nation", wie der Spiegel sie nannte, beobachten
können, dass der Staat seine Gegner gezielt ermordete?
Im Wesentlichen gestützt wurde ihre
Aussage damals von einem anonymen Zeugen des Bundeskriminalamts
(BKA), der an dem Einsatz in Bad Kleinen beteiligt war.
Dieser sagte dem Spiegel: "Ein Kollege von der GSG
9 hat aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern
auf Grams gefeuert." Der Zeuge, der sich nie den
Staatsanwälten offenbarte, resümierte: "Die
Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution."
Der schlimmste Fall für die Regierung
war eingetreten: "Polizeidebakel ohnegleichen",
"Das Fiasko von Bad Kleinen", "Der Höhepunkt
unter den nachkriegsdeutschen Polizeipannen" - die
bürgerlichen Medien übertrafen sich. Im "größten
innenpolitischen Skandal seit Bestehen der Bundesrepublik"
war für ein paar Wochen die Glaubwürdigkeit
der Regierung unter Helmut Kohl in Frage gestellt.
Um die Reputation Deutschlands wiederherzustellen,
mußten Rücktritte her. Der damalige Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) übernahm die politische Verantwortung
für Bad Kleinen und trat zurück, der Generalbundesanwalt
bei der Bundesanwaltschaft (BAW), Alexander von Stahl,
wurde in den Ruhestand versetzt, weitere Beamte des BKA
und des Bundesinnenministeriums wurden entlassen oder
in Rente geschickt.
Der V-Mann
Nachdem die ErmittlerInnen der Bundesanwaltschaft
und des BKA in Bezug auf die RAF jahrelang im Dunkeln
getappt waren, hatten die Informationen eines V-Mannes
des Verfassungsschutzes, Klaus Steinmetz, zum Einsatz
in Bad Kleinen geführt. Steinmetz war es als langjährigem
Aktivisten in der autonomen Szene des Rhein-Main-Gebietes
gelungen, Kontakt zur RAF und zu Birgit Hogefeld aufzunehmen.
Bereits einige Tage vor dem Sonntag, den Wolfgang Grams
nicht überleben sollte, hatten sich Steinmetz und
Hogefeld in Bad Kleinen getroffen. Sie verbrachten die
Zeit bis zum 27. Juni im benachbarten Wismar. Bereits
da überlegten BAW und BKA zuzuschlagen. Doch wurde
der Zugriff durch die per Wanze abgehörte Ankündigung
Hogefelds, es kämen noch weitere Freunde hinzu, verzögert.
Ein größerer Schlag schien möglich.
Nachdem Wolfgang Grams in Bad Kleinen
eingetroffen war, gingen die drei zunächst in der
Bahnhofsgaststätte "Billardcafé"
essen. Hier verzichteten die Einsatzkräfte auf einen
Zugriff, vorgeblich weil ZivilistInnen hätten gefährdet
werden können. Zur besagten Zeit waren allerdings
nur zwei weitere zivile Personen, aber schon mehrere verdeckte
ErmittlerInnen in der Gaststätte.
Erst in der Unterführung griff die
GSG 9 an. Hogefeld und Steinmetz, die hinter Grams gingen,
wurden festgenommen. Grams konnte in Richtung des Bahnsteigs
fliehen. Im Verlauf des Schusswechsels zwischen Grams
und den nachsetzenden Männern der GSG 9 starb der
Beamte Michael Newrzella durch mehrere Schüsse, ein
Kollege von ihm wurde ebenfalls verletzt.
Der Einsatzleiter des BKA, Rainer Hofmeyer,
der jedes Wort zwischen Grams und Hogefeld belauschte
und den Einsatz von Wiesbaden aus koordinierte, sagte
damals: "Wir haben von der GSG 9 her keine Darstellung,
keinen Verlaufsbericht. Da laufen ja auch die üblichen
Todesermittlungsverfahren. Hier gab es dann einen Schusswechsel.
Ich weiß nicht, wie nahe man dran war oder wie weit
weg. Dabei lag letztlich Herr Grams tot auf den Gleisen.
Das ist die Situation."
Außer der Zeugin Baron und dem anonymen
BKA-Beamten will niemand etwas gesehen haben. Den angeblichen
Selbstmord bezeugte bis heute niemand, die Bundesregierung
verhängte eine Nachrichtensperre. Black Box BRD:
das totale Schweigen.
Neun Monate später bestätigte
der Abschlussbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen
die Selbsttötungsversion - aus Mangel an gegenteiligen
Beweisen. Der Kommentar des neuen Innenministers Manfred
Kanther (CDU) lautete lapidar: "Die letzte Version
ist immer die gültige."
Schon vorher waren die Ermittlungsverfahren
gegen die beteiligten GSG 9-Beamten aufgrund der Mordvorwürfe
eingestellt worden. Die in die Kritik geratenen Dienste
und Sondereinheiten wurden rehabilitiert, ihre Kompetenzen
und Einsatzbereiche teilweise sogar erweitert. Stimmen,
die forderten, die GSG 9 aufzulösen, wie sie kurz
nach dem Fall laut wurden, verstummten.
Die Pannen
Auf dem Bahnhofsvorplatz von Bad Kleinen
hat sich eine Gruppe von RentnerInnen aus Schwerin nach
einer Radtour um den Schweriner See unter einem großen
Baum niedergelassen. "Stimmt, hier ist doch der -
wie hieß er noch? - ach ja, Grams ermordet worden."
Es entwickelt sich eine angeregte Diskussion unter den
RadtouristInnen über die damalige Informationspolitik
der Bundesregierung. Da seien doch Beweise systematisch
vernichtet worden.
In der Sprache der Bundesregierung handelte
es sich dabei jedoch um Pannen während der Ermittlungsarbeiten.
Doch hinter diesen vermeintlichen Pannen der BeamtInnen
der GSG 9 und des BKA steckte System. So reinigten beispielsweise
Kräfte des BKA die Leiche Grams' in Lübeck,
während Beamte der Lübecker Polizei ferngehalten
und an ihrer Arbeit gehindert wurden. Die Waffen der eingesetzten
GSG 9-Polizisten wurden "beschossen", also wieder
benutzt, bevor sie auf Spuren von Blut und Geweberesten,
die von Grams hätten stammen können, untersucht
werden konnten. Am Tatort wurden nur schlampig und völlig
unzureichend Beweise gesichert. Entgegen der sonst üblichen
Praxis dokumentierte man den Einsatz nur fragmentarisch.
Die Liste offensichtlicher "Versäumnisse"
ließe sich fortsetzen.
Indem die festgenommene Birgit Hogefeld
und der tote Grams als besonders gefährliche und
gewaltbereite Terroristen dargestellt wurden, versuchten
die Verantwortlichen, von den eigenartigen Vorgängen
abzulenken. Schließlich stand die Bundestagswahl
1994 vor der Tür, und die CDU und die FDP hatten
gerade das Thema der "inneren Sicherheit" für
sich entdeckt.
Dabei hatte die RAF im April 1992 erklärt,
keine politischen Morde mehr verüben zu wollen. "Wir
stellten die Angriffe gegen Repräsentanten von Staat
und Kapital ein. Das entsprach unserem Interesse, denn
wir wollten einen entschiedenen Schritt machen, um zur
Neubestimmung unserer und linker Politik überhaupt
zu kommen", stand in der Erklärung zum Tod von
Wolfgang Grams. Ziel sei es gewesen, ein neues Konzept
zu realisieren, sich an der Etablierung einer "Gegenmacht
von unten" zu beteiligen. Teil dieser Konzeption
war der Anschlag auf den Neubau der Justizvollzugsanstalt
im hessischen Weiterstadt im März 1993.
Mit der Geschichte verwoben
In Bad Kleinen ist man trotz der sozialen
Misere nicht gut auf die seit 1998 endgültig aufgelöste
RAF zu sprechen. Die Arbeitslosigkeit ist hier sehr hoch,
fast alle Jugendlichen müssen aus Mangel an Ausbildungsplätzen
den Ort verlassen, dessen Bild durch karitative Einrichtungen
geprägt ist: Arbeitslosenverband, Sozialstation,
Bahnhofsmission.
Nur eine Frau, die mit ihrem Hund am Schweriner
See spazieren geht, zeigt ein wenig Verständnis.
Wie fast alle Leute aus Bad Kleinen gibt sie zu, irgendwie
mit der Geschichte der RAF verwoben zu sein. "Über
Birgit Hogefeld habe ich einiges gelesen", erzählt
die 21jährige, "weil ich herausfinden wollte,
ob die wirklich so böse waren, wie immer gesagt wird."
Beim Chatten im Internet haftet ihr der Name Bad Kleinen
an. "Wenn mich andere fragen, woher ich komme, und
ich dann antworte: Bad Kleinen, kommt meistens ein Spruch
wie: Das ist doch da, wo die Terroristen erschossen werden."
Frank Bresemann, der Wirt des Gasthauses
"Zur Weißen Ratte" am Bahnhofsvorplatz,
kennt das auch: "Wenn ich in Westdeutschland unterwegs
war und sagte, ich komme aus dem Ort, wo Wolfgang Grams
erschossen wurde, dann wussten alle gleich Bescheid."
An den 27. Juni 1993 können sich alle in Bad Kleinen
genau erinnern: Einer war saufen, eine andere war kurz
vor dem Einsatz der Spezialkräfte noch im Bahnhof,
um eine Freundin zum Zug zu bringen. Viele wollten, als
die Schüsse fielen, zum Bahnhof, scheiterten jedoch
an den vielen Absperrungen.
Nach ihrer Meinung gefragt, äußern
die meisten Unbehagen, fast niemand möchte seinen
Namen nennen. "Der Grams, der hat doch noch immer
viele Freunde", raunt ein älterer Herr und verschwindet.
Das Wort Selbstmord fällt im Zusammenhang mit dem
Tod von Wolfgang Grams nicht. Wissen die Bad Kleinener
mehr, als sie zugeben wollen?
Die Zeugen
Zumindest im Haus der Familie Schwander*,
das direkt oberhalb des Bahnhofs gelegen ist, hört
es sich ganz so an. Von der Terrasse der ehemaligen Unterkunft
für Arbeiter der Reichsbahn kann man den Bahnhof
überblicken, der nur 50 Meter entfernt ist. Harald
Schwander, der hier schon über 40 Jahre wohnt, und
sein ehemaliger Arbeitskollege, der 77jährige Walter
Schmidt, sind nach ein paar Geschichten über ihre
jahrzehntelange Arbeit auf dem Bahngelände fast redselig.
"Wir hatten doch hier den Logenplatz und haben alles
direkt verfolgen können", bekennen beide freimütig.
Ob sie denn keine Angst empfunden hätten, als geschossen
wurde? Beide müssen lachen: "Junger Mann, ich
habe zwei Jahre in der Sowjetunion gekämpft, danach
war ich vier Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft
in Sibirien. Angst kenne ich nicht. Angst und Geld habe
ich nie gehabt."
Dann schildern beide ihre Eindrücke.
"Die Toten hätten nicht sein müssen",
kritisiert Schwander den Einsatz der Kriminalbeamten und
der Sondereinheit, "hätte die GSG 9 bloß
in Wismar oder im Billardcafe zugeschlagen, aber doch
nicht in der unübersichtlichen Unterführung."
Nach der Ballerei hätten viele aus dem Ort versucht,
hierher zu kommen, "es war ja die Erschießung
von Wolfgang Grams, da wollten alle dabei sein".
Walter Schmidt schlägt vor, den Bahnhof
zu besichtigen. Er zeigt die letzte verbliebene Spur der
Geschehnisse auf dem Bahnhof, eine durch den Aufschlag
eines Geschosses verbogene Eisenstange im Geländer
am Aufgang zu den Gleisen 3 und 4. Konfrontiert mit Skizzen
zum Tathergang zeigt sich der alte Herr wohlinformiert
und kennt jede Position der GSG 9-Beamten. Aber dann platzt
es aus ihm raus: "Nee, der Grams lag nicht da, der
lag auf Gleis 5, hier vorne." Aber da stand doch
ein Zug? "Ich kann doch nur das sagen, was ich gesehen
habe", sagt er. Ob er gesehen habe, wie der Grams
ums Leben gekommen sei? Wieder eisiges Schweigen. Schließlich
wird die Fragerei resolut beendet: "Ob er schon tot
gewesen ist und wie er getötet worden ist, interessiert
mich eigentlich nicht." Da ist sie wieder, die Black
Box.
Während es in den ersten beiden Jahren
noch Gedenkdemonstrationen für Wolfgang Grams gab,
ist zu seinem zehnten Todestag nichts Derartiges im Ort
geplant. Nur Walter Schmidt und Harald Schwander werden
demnächst demonstrieren, in ihrer Reichsbahnuniform
und mit Fahnen, aber nicht für Grams, sondern anlässlich
der 825-Jahrfeier des kleinen Städtchens.
* Die folgenden Namen sind von der Redaktion geändert.
25.06.2003, jungle world Nr. 27
Hauptsache sicher
Polizeiliche Todesschüsse.
von oliver tolmein
Wer die tödlichen Schüsse in
Bad Kleinen auf Wolfgang Grams abgegeben hat, ob es Mord
war oder Suizid, weiß bis heute niemand - außer
den namentlich nie genannten Beamten, die sich bei ihm
befanden, als er zu Boden ging. Wer aber Friedhelm Beate
erschossen hat, steht fest, ebenso, wer Zdravko Nikolov
Dimitrov getötet hat. Der pensionierte Bundeswehrsoldat,
der versehentlich für einen flüchtigen Gefangenen
gehalten wurde, und der Flüchtling, der sich gegen
seine Abschiebung mit einem Messer wehren wollte, wurden
beide 1999 von Polizisten erschossen.
Jedes Jahr sterben in Deutschland zehn
bis 20 Menschen durch Polizeikugeln, nur wenige von ihnen
haben zuvor selbst eine Waffe eingesetzt. Bemerkenswert
ist, dass die deutsche Öffentlichkeit die Gewissheit
über diese Tötungen durch die Polizei noch gelassener
hinnimmt als das Nichtwissen über das, was in Bad
Kleinen tatsächlich geschah. Während nach dem
Einsatz gegen die RAF immerhin einige Wochen lang dringlich
Aufklärung gefordert wurde und der Bundesinnenminister,
der Generalbundesanwalt sowie hochrangige BKA-Beamte ihren
Hut nehmen mussten, werden polizeiliche Todesschüsse,
über die keinerlei Zweifel bestehen können,
einfach registriert, bisweilen sind sie nicht mal eine
Meldung wert.
Dass Polizisten den Tod von zehn bis 20
Menschen jährlich verschulden, hat das Vertrauen
der Bundesbürger in die Institution Polizei offensichtlich
ebenso wenig erschüttert, wie die Bekenntnisse eines
Vize-Polizeipräsidenten, der Folter als Mittel der
Gefahrenabwehr für diskutabel hält. Die Sehnsucht
nach dem Gefühl der Sicherheit, das die Anwesenheit
der grün uniformierten Beamten vermittelt, ist größer
als das Misstrauen gegenüber dem "Apparat".
Dass kaum einer dieser Todesschützen
von einem Gericht zur Verantwortung gezogen wird, die
Verfahren in der Regel eingestellt werden oder mit einem
Freispruch enden, zeigt, welche Akzente die professionellen
Kontrollinstitutionen setzen. Und die unterscheiden sich
im übrigen auffallend vom Zorn des Rechtsstaates,
mit dem hierzulande die uniformierten Todesschützen
auf der östlichen Seite der deutsch-deutschen Grenze
die Befehlskette hinauf bis ins SED-Politbüro hinein
strafrechtlich verfolgt wurden.
Weder die Serie polizeilicher Todesschüsse
noch die gelangweilten Reaktionen darauf machen Deutschland
allerdings zum Polizeistaat. Es ist derzeit lediglich
eine Zivilgesellschaft, die - in scharfem Kontrast zum
gern bekannten Stolz auf ihre Läuterung in den vergangenen
58 Jahren - sich auffallend wenig dafür engagiert,
dass auch ihre staatlichen Organe zuverlässig zivile
Umgangsformen pflegen.
Dabei könnten schon etwas restriktivere
polizeiliche Dienstvorschriften und ein besseres Einsatz-
und Krisenmanagement vielen Menschen das Leben retten.
Eine Einrichtung wie die britische Police Complaint Authority
würde immerhin signalisieren, dass die Gesellschaft
Handlungsbedarf sieht, und könnte zum Beispiel so
etwas Banales garantieren wie die Veröffentlichung
der Statistik über den tödlich endenden polizeilichen
Schusswaffengebrauch.
Der Fall des Wolfgang Grams zeigt überdies,
dass selbst wenn etwas geschieht, das die Routine des
desinteressierten Wegsehens durchbricht, eine wirkliche
Aufklärung nicht möglich ist. Wahrheitsliebe
ist in Deutschland eben nicht einmal eine Sekundärtugend,
die Sicherheit dagegen, wenn es nicht gerade um den Straßenverkehr
geht, ein Totschlagargument.
25.06.2003, Frankfurter
Neue Prese (Taunus-Zeitung)
Als westdeutscher Terror nach
Mecklenburg kam
Von Lutz Jordan
Bad Kleinen. Auf dem Bahnhof des mecklenburgischen
Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die
spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der vor zehn
Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael Newrzella
und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang
Grams, starben. Die Komplizin und Lebensgefährtin
von Grams, Birgit Hogefeld, wurde dabei festgenommen und
1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung,
zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu
lebenslanger Haft verurteilt.
Obgleich jahrelange juristische und politische
Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen
folgten, sind dort die Erinnerungen an die Geschehnisse
inzwischen verblasst . Eine für den von Grams erschossenen
Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad
Kleinen wurde schon wenig später demontiert. Das
geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens
auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten.
Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel
möglicher Anschläge zu werden, entschied die
Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen
Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in
besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche
Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint
Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen
und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns.
Das Gedenken an Newrzella wird mit Gedenkstein und -tafel
in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.
"Regelmäßig zu den Jahrestagen
der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig
vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt",
berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen.
Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni
in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen
konfrontiert wurde. Anders erging es der inzwischen nicht
mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk,
die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen
liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen
haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu
dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte
in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von
der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung
im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem
zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine
"Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit
einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge
im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden. Bereits
im September 2002 hatte diese Gruppierung sich zu zwei
ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei
bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber
nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont
ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern.
Die Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift,
trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatsschutz.
Dienstag 24. Juni 2003, 09:01
Uhr, Nachrichtenagentur AP
Todesschüsse von Bad Kleinen
geraten in Vergessenheit
Bad Kleinen (AP) Auf dem Bahnhof
des verträumten mecklenburgischen Örtchens Bad
Kleinen erinnert nichts mehr an die spektakuläre
Anti-Terroraktion, bei der vor zehn Jahren am 27. Juni
1993 der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und das Mitglied
der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams, starben.
Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit
Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes
und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft
verurteilt.
Obgleich jahrelange juristische und politische
Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen
folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse
inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt.
Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte
Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig
später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten
ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf
dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten
zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge
zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn
von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf
ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof
ließ in besonders drastischer Weise das spezifische
westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen",
meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad
Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns.
Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein
und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz
gepflegt.
"Regelmäßig zu den Jahrestagen
der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig
vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt",
berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen.
Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni
in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen
konfrontiert wurde. Anders erging es der inzwischen nicht
mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk,
die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen
liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen
haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu
dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.
Die Glaubwürdigkeit der geschockten
Verkäuferin wurde, genau wie ähnliche Aussagen
eines reisenden Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten
bezweifelt. Bei dem von den Eltern Grams angestrengten
juristischen Marathon wegen angeblicher Ermordung ihres
Sohnes, bis hin zu einer letztlich abgewiesenen Menschenrechtsbeschwerde
an den europäischen Gerichtshof in Straßburg,
schlossen die befassten Gerichte sich mehrheitlich der
Selbstmordvariante an. Lediglich das Amtsgericht Bonn
räumte im Februar 1999 in einem Zivilrechtsprozess
ein, dass die Umstände des Todes von Grams ungeklärt
seien und "weder Selbsttäterschaft bewiesen
noch Fremdtäterschaft ausgeschlossen werden könne".
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte
in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von
der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung
im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem
zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine
"Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit
einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge
im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden. Bereits
im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung
sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner
Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache
ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF
aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes
Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge
zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte
Wachsamkeit beim Staatssc
Dienstag 24. Juni
2003, 09:01 Uhr, Nachrichtenagentur AP
Politischer Skandal ersten Ranges
Frankfurt/Main (AP) Bad Kleinen - seit dem 27. Juni 1993
steht die kleine mecklenburgische Gemeinde als Synonym
für eine missglückte Anti-Terror-Aktion und
zugleich für einen politischen Skandal ersten Ranges.
Unmittelbar nach dem Zugriff der GSG 9 auf die RAF-Terroristen
Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams vor zehn Jahren sprach
Generalbundesanwalt Alexander von Stahl noch stolz vom
"ersten Erfolg gegen die RAF seit sieben Jahren"
- und dass, obwohl bei dem Einsatz der Polizeibeamte Michael
Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams im Kugelhagel
starben.
Bei näherem Hinsehen entpuppte sich
der Zugriff als polizeitaktisches Desaster. Binnen Tagen
entwickelte sich die Angelegenheit zudem zu einer politischen
Affäre. Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und
das Innenministerium in Bonn lieferten entweder gar keine
Informationen, Fehlinformationen oder widersprüchliche
Informationen. Steckte hinter dem "absoluten Nahschuss"
in den Kopf, an dem Grams starb, ein Selbstmord, ein Unfall
oder gar eine gezielte Hinrichtung? Tage- und wochenlang
war Politikern und der Medienöffentlichkeit nicht
klar, was sich wirklich auf dem Bahnhof zugetragen hatte.
Die Konsequenz: Nicht einmal zwei Wochen vergingen, da
waren der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters
und auch Generalbundesanwalt von Stahl ihre Jobs los.
Seiters trat am 4. Juli zurück. Der
CDU-Politiker sprach von "offensichtlichen Fehlern
und Koordinationsmängeln", die es bei den Bundesbehörden
gegeben habe. Er übernehme die politische Verantwortung,
sich selbst habe er aber nichts vorzuwerfen. Er habe weder
falsche Entscheidungen getroffen noch der Öffentlichkeit
oder dem Parlament Informationen vorenthalten, erklärte
er. Er wolle weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige
Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit
wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem
Amte festhält". Seiters Haltung wurde von Parteifreunden
als ehrenhaft gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden:
Schon einen Tag später rief der damalige Bundeskanzler
Helmut Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther
ins Amt.
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte
es dann auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt
Alexander von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger
Amtszeit wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik
geschasst. Zur Begründung erklärte die damalige
Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Die
Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende
Diskussion um seine Amtsführung nicht zu. Ungeachtet
vielfältiger Kompetenzprobleme drohe die anhaltende
Kritik das Amt zu beschädigen. Erst nach langem Gezerre
einigten sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger
Kay Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung
hatte sich das Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft
schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen
lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter
Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard
Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte
dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über
die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass
er gelogen habe. Auch der Leiter der Polizei-Abteilung
im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den
Ruhestand geschickt.
Trotz oder wegen der Personalwechsel und
neuer nachträglich und stückweise ans Licht
gekommener Tatsachen blieb in Teilen der Öffentlichkeit
bis heute der Eindruck haften, dass die ganze Wahrheit
über das, was in Bad Kleinen geschah, nie ans Licht
gekommen sind.
24.06.2003, taz Berlin lokal,
Seite 28
BERLIN - VON KENNERN FÜR KENNER
KLUB: BAD KLEINEN
Für die einen ist "Bad Kleinen"
das mecklenburgische Kaff, wo RAF-Mann Wolle Grams erschossen
wurde. Für die anderen der Veranstaltungsort, gegen
den Sodom und Gomorra ein Kindergeburtstag gewesen sein
muss. Wenn man gegen 2 Uhr im "Bad Kleinen"
aufschlägt und niemand da ist, heißt das nicht,
dass die Party schon vorbei wäre. Im Gegenteil. Bis
spätestens 3 Uhr hat sich die ehemalige Post gut
gefüllt.
Den meisten Gästen sieht man an,
dass sie schon jahrelang hauptsächlich nachts unterwegs
sind. Die kann nichts mehr schocken. Nicht mal der Auftritt
der undergroundigsten Speed-Metal-Band, die Berlin zu
bieten hat. Nach dem Konzert, so gegen 4 Uhr, steht dann
noch das Bad-Kleinen-DJ-Team an den Plattenspielern und
die Leute tanzen, bis sie ins Bierkoma fallen." SH
Bad Kleinen, Krausenstr. 20, Berlin-Mitte,
noch bis Mitte Juli samstags. U-Bahnhof Klosterstraße
24.06.2003, Schweriner Volkszeitung
Bundesanwalt ermittelt gegen
Schweriner Brandstifter
Missglückter Anschlag
auf Bundeswehrfahrzeuge weiter mysteriös
Schwerin (vo) In den Fall des fehlgeschlagenen
Brandanschlags auf Bundeswehrfahrzeuge im Schweriner Kreiswehrersatzamt
hat sich jetzt Generalbundesanwalt Kay Nehm in Karlsruhe
eingeschaltet. "Wir haben die Ermittlungen wegen
des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung
übernommen", sagte eine Sprecherin der Behörde
gestern gegenüber unserer Zeitung. Zu Einzelheiten
des Verfahrens wollte sich die Bundesanwaltschaft aus
"ermittlungstaktischen Gründen" nicht äußern.
Zu dem Anschlag vom 11. Juni hatte sich
in einem Schreiben an unsere Parchimer Lokalredaktion
eine Gruppe "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams"
bekannt. Erst nach Bekanntwerden des Schreibens waren
die Brandspuren und Rückstände einer brennbaren
Flüssigkeit an den Fahrzeugen entdeckt worden. Schaden
war nicht entstanden. Nach Ausage von Ermittlern ist noch
nicht klar, ob der Brandanschlag aus Dilettantismus der
Täter mißlang oder von Anfang an nur als symbolische
Handlung geplant war.
24.06.2003, Schweriner
Volkszeitung
Bundesanwalt ermittelt
Verdacht auf Bildung terroristischer
Vereinigung
Schwerin (vo) Wegen des Verdachts auf
Bildung einer terroristischen Vereinigung hat Generalbundesanwalt
Kay Nehm die Ermittlungen zum Brandanschlag auf Fahrzeuge
im Schweriner Kreiswehrersatzamt übernommen. Das
bestätigte gestern eine Sprecherin der Behörde
gegenüber unserer Zeitung. Zu dem Anschlag vom 11.
Juni war ein Bekennerschreiben einer "Kämpfenden
Brigade Wolfgang Grams" bei unserer Parchimer Lokalredaktion
eingegangen. Wolfgang Grams starb als RAF-Terrorist vor
zehn Jahren bei einer Schießerei mit der Polizei
in Bad Kleinen vermutlich durch Selbsttötung.
24.06.2003, NDR
online
Kriminalität,
Extremismus
Anschlag auf Bundeswehr-Fahrzeuge
beschäftigt Bundesanwalt
Der missglückte Anschlag auf Fahrzeuge
der Bundeswehr in Schwerin Anfang Juni beschäftigt
nach einem Bericht der «Schweriner Volkszeitung»
jetzt auch die Bundesanwaltschaft. Es bestehe der Verdacht
der Bildung einer terroristischen Vereinigung, zitiert
das Blatt (Dienstagausgabe) eine Sprecherin der Behörde
in Karlsruhe. Zu dem Anschlag hatte sich eine «Kämpfende
Brigade Wolfgang Grams» bei der Zeitung bekannt.
Erst dann waren Brandspuren an den Fahrzeugen entdeckt
worden.
23.06.2003, Focus Nr. 26/2003
Terror
Der letzte Schuss der RAF
Vor zehn Jahren erreichte das letzte
Bataillon der Killergruppe auf dem Bahnhof von Bad Kleinen
seine Endstation
Was in seinem Blickfeld war, als er die
Pistole oberhalb seines rechten Ohres aufsetzte: die beiden
Holzpfeiler am Treppenaufgang, das graue Geländer
zwischen den Gleisen, der Betonfuß eines Strommastes,
der von Oberleitungen durchzogene Himmel. Vielleicht sah
er Vögel. Unterm Dach des Bahnsteigs nisten Schwalben.
Hätte er seinen Kopf in den Nacken gelegt, er hätte
die Krone einer Linde erkennen können. 1863 war der
Baum auf dem Bahnhofsvorplatz gepflanzt worden.
Worte, die in seinem Kopf gespeichert waren, bis er abdrückte:
"Counterschwein" - so nannten sie Verräter,
und ein Verräter, ein Spitzel hatte die Polizei auf
seine Spur gebracht. " Volkskrieg" - ihn hatten
sie vorbereiten wollen. "Praxis" - so umschrieben
sie Anschläge und Morde. "Ausknipsen" -
das bedeutete: töten. Am Nachmittag des 27. Juni
1993 schoss sich Wolfgang Grams, verwundet im Gleisbett
vier des Bahnhofs von Bad Kleinen liegend, mit seiner
Pistole Czeska in den Kopf. Das Vollmantelgeschoss vom
Typ FC 9 mm Luger zerriss sein Gehirn, durchschlug die
linke Kopfseite und zerschellte im Schotter. So endet
vor zehn Jahren die Geschichte der RAF. So beginnt vor
zehn Jahren die Geschichte eines Verdachts. Ein Verdacht,
der den Bundesinnenminister zum Rücktritt bewegt,
in dessen Folge der Generalbundesanwalt entlassen wird,
mehrere Spitzenbeamte im Bundeskriminalamt (BKA) ihre
Jobs verlieren und schließlich das BKA entmachtet
wird. Ein Verdacht, längst widerlegt und dennoch
im öffentlichen Gedächtnis verewigt.
Verschwörungsmärchen. Dem Mythos zufolge
hat ein Polizeibeamter den wehrlosen Terroristen per Kopfschuss
liquidiert. Die Hinrichtung, so will es der Mythos, ist
von Politik und Justiz verschleiert worden. Die Republik
habe damals "gewackelt", erinnert sich der frühere
BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert. Der Herr mit den
dünnen Lippen, schmalen Augen und schnellen Sätzen
signalisiert mit jeder Geste ein Dennoch - den Willen
zum Weitermachen, Selbstüberwinden. Sein Körper
wird gepeinigt von den Folgen einer Kinderlähmung.
Er akzeptiert das für ihn bestimmte Maß an
Leid. Es verletzt seine Ehre nicht. Bad Kleinen jedoch
demütigt ihn. Er redet sich in Wut. Sein Kopf wird
rot, seine Worte bitter. Die öffentlichen Vorwürfe
hätten damals eine "Sensenstimmung und Schafottatmosphäre"
erzeugt. Das Schicksal des einst mächtigsten Polizisten
ist verwoben mit der Geschichte jenes Sonntagnachmittags
in Mecklenburg, am morastigen Nordende des Schweriner
Sees.
Die RAF-Frau Birgit Hogefeld war festgenommen worden.
Der GSG-9Mann Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang
Grams waren tot. Der Blickwinkel entschied, ob dies als
Bilanz eines großen Fahndungserfolgs, einer missglückten
Polizeiaktion oder gar eines ungeheuren Komplotts zu werten
war. Polizei, Politik und Justiz verloren kurz nach dem
Einsatz die Deutungshoheit über die Ereignisse. Es
geschahen Fehler bei der Spurensicherung, der Generalbundesanwalt
gab falsche Informationen an die Presse, und verantwortliche
Beamte verheimlichten gegenüber Bundestagsabgeordneten
die Rolle eines V-Manns.
Ein verzerrter und verwackelter Blick auf Bad Kleinen
gewann vor diesem Hintergrund eine magische Faszination.
Es war der Blick der Joanna Baron, die auf dem Bahnhof
in einem Kiosk tätig war und beobachtet haben wollte,
wie zwei Männer nacheinander auf den liegenden Grams
feuerten.
Ein Reporter des TV-Magazins "Monitor" formulierte
für sie eine schriftliche Erklärung, in der
es hieß, ein Mann habe Grams in den Kopf geschossen.
Sie unterschrieb das Papier. Später erklärte
sie immer wieder, sie habe den Kopfschuss nicht gesehen.
Sie habe dies dem "Monitor"-Reporter auch gesagt.
Der jedoch habe sie beruhigt: Dies sei "richtig so".
Es hätte "ja auch der Kopf sein können".
"Monitor" veröffentlichte die Aussage der
angeblichen Kopfschusszeugin vier Tage nach Bad Kleinen,
am Donnerstag, dem 1. Juli. Am Montag, dem 5. Juli, präsentierte
der" Spiegel" die Titelgeschichte "Der
Todesschuß". Grundlage der Story war die Aussage
eines Anonymus. Angeblich ein Beamter, der behauptete,
er sei für das "Gebiet Innere Sicherheit"
zuständig und ein Augenzeuge des Zugriffs gewesen.
Die" Tötung" von Grams, so wird der Namenlose
zitiert, "gleicht einer Exekution."
Die Vorabmeldungen des "Spiegel" liefen am Samstag,
dem 3. Juli, über die Agenturen. Sie transportieren
die zentralen Zitate des angeblichen Zeugen. Demnach habe
ein Polizist auf Grams gekniet. Der Verletzte sei wehrlos
gewesen, und nach etwa 20 Sekunden habe "ein Kollege
von der GSG 9 aus einer Entfernung von Maximum fünf
Zentimetern geschossen". Am Sonntag, dem 4. Juli,
rief Bundesinnenminister Rudolf Seiters vom heimatlichen
Papenburg aus den Kanzler an, um Helmut Kohl seinen Entschluss
zum Rücktritt mitzuteilen.
Die damalige Entscheidung, so urteilt Seiters heute, sei
zwar "schmerzlich", aber "richtig"
gewesen. Er würde wieder so handeln. Der Ex-Minister
ist mit sich im Reinen. Der Rasen hinterm Haus ist akkurat
geschnitten. In der Mitte des Gartens gluckert ein Springbrunnen.
Er sitzt auf der Terrasse, seine Frau schenkt Kaffee ein.
Er habe sofort erkannt, dass die Hinrichtungsvorwürfe
"in absehbarer Zeit" nicht zu widerlegen seien.
Er habe gewusst, die definitiven Gutachten und Ermittlungsergebnisse
würden frühestens erst nach "einem halben
Jahr" vorliegen. So lange hätte er die Öffentlichkeit
vertrösten müssen, ihm wären die"
Hände gebunden" gewesen. "Der Rücktritt
war aus meiner Sicht eine Schadensbegrenzung gegenüber
der Bundesregierung und gegenüber der Öffentlichkeit,
ein Signal, dass nichts vertuscht wird." Unmittelbar
danach sei die "Diskussion über die Vorgänge
in Bad Kleinen" in "ruhiges Fahrwasser"
geraten.
So ruhig, wie das Wasser nun mal ist, wenn der Wind Orkanstärke
erreicht. Seiters Abgang wurde von vielen als offizielle
Bestätigung des Hinrichtungsverdachts gewertet. Das
große Kentern begann. Am Dienstag, dem 6. Juli,
entließ Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
den obersten Strafverfolger des Landes, Generalbundesanwalt
Alexander von Stahl.
Justizopfer. Er habe gehen müssen, so urteilt
dieser heute, weil "die Republik verrückt spielte".
Sein Fehler sei gewesen, die "absurde" Mordidee
nicht ernst genommen zu haben. Auf einen feinen Unterschied
legt von Stahl großen Wert. Er habe den polizeilichen
Zugriff in Bad Kleinen nicht befohlen. Er habe lediglich
"den Riegel zurückgeschoben" - also den
Zugriff gestattet. Die GSG 9 hätte "die Sache
auch abblasen können". Die vielen Fehlschüsse
auf den flüchtenden Terroristen seien tatsächlich
"unter aller Sau" gewesen.
Ein Patronensplitter aus einer GSG9-Pistole traf damals
die Bahnbeamtin Sigrid Helberg in den linken Oberarm.
Die heute 46-Jährige stand nur wenige Meter entfernt
vom Ort des Schusswechsels. "Ich hörte Schreie,
dachte, es seien randalierende Fußballfans",
erinnert sich Helberg. Plötzlich sei ihr Arm nach
oben gerissen worden. Ein Kollege zog die Verletzte hinter
einen Zug. Neun Tage lag sie im Krankenhaus. Minister
brachten ihr Blumen, versprachen Hilfe. Erst fünf
Jahre später erstritt sie vor Gericht ein paar Tausend
Mark Schmerzensgeld.
Das Drama der Bahnmitarbeiterin ist im 210-seifigen Ermittlungsbericht
der Staatsanwaltschaft Schwerin zu den Todesumständen
von Wolfgang Grams nur eine Randnotiz. 142 Zeugen verhörte
die Sonderkommission unter der Leitung des Oberstaatsanwalts
Gerrit Schwarz. Das Fazit der Fahnder: "Nach seinem
Sturz auf das Gleis hat sich Grams selbst in Suizidabsicht
mit der von ihm mitgeführten Pistole den tödlichen
Kopfdurchschuss zugefügt."
Killerthese ausgeräumt. Die Zeugin Baron wurde
widerlegt, durch Dutzende andere Aussagen und durch das
objektive Spurenbild. Die "Monitor"-Erklärung
habe "keinerlei beweiserhebliche Bedeutung",
sei vom Reporter "zusammengereimt". Baron lebt
heute in einer Gasse in Wismar, hält Telefonnummer
und Adresse geheim. Gegenüber FOCUS erklärte
sie, "kein Interesse" an einem Gespräch
zu haben.
Restlos demontierten die Schweriner Fahnder auch den nebulösen
"Spiegel"-Zeugen. Dessen Angaben seien "nicht
von höherem Beweiswert als ein anonym weitergetragenes
Gerücht". Der für die damalige Story verantwortliche
Reporter Hans Leyendecker erklärte vergangene Woche
gegenüber dem "Tagesspiegel": "Mein
GAU war Bad Kleinen. " Von Stahl beurteilt Bad Kleinen
als die "größte Niederlage und den größten
Sieg der RAF". Die Killertruppe sei zwar erledigt,
aber das Vertrauen in den Staat sei durch die Hinrichtungslegende
so beschädigt worden, wie es sich die RAF immer erhofft
habe.
Für die Fahnder bleiben Rätsel. Nach dem Zugriff
besaß die Polizei einmaliges Material: Fotos, Fingerabdrücke,
Papiere, Stimm- und Schriftproben aus Briefen und Tonbändern.
Grams und Hogefeld hatten je drei identische Schlüssel.
Die passende Wohnung jedoch wurde nie gefunden. Aus einem
Brief folgerten die Kriminaler, Hogefeld müsse eine
Weile in der Nähe eines Kindergartens in den neuen
Bundesländern gelebt haben. Auch diese Spur führte
ins Nichts. In Bad Kleinen, so scheint es, hat sich die
RAF ausgeknipst.
MARKUS KRISCHER / THOMAS SCHEUER
23.06.2003, Focus Nr. 26/2003
EIN GROSSMAUL BESIEGT DIE TERRORTRUPPE
Klaus Steinmetz galt jahrelang
als szenetypischer Hallodri. Doch nur ihm gelang der Kontakt
zur RAF-Kommandoebene. Er führte die Terrorfahnder
nach Bad Kleinen.
D er Sommerdunst verwischt die Konturen
der Hügel. Zwischen Wäldern und Wiesen ein kleines
Kaff, tiefste pfälzische Provinz. Eine Frau am Holztor
eines ehemaligen Bauernhauses. "Ich weiß nicht,
wo mein Sohn ist, weiß noch nicht mal, ob er überhaupt
noch lebt."
Hier wuchs Klaus Steinmetz auf, jener V-Mann, der im Alleingang
die RAF aufmischte und die Polizei auf die Spur der Untergrund
Guerilleros nach Bad Kleinen brachte.
Der junge Anarcho tanzte auf vielen Hochzeiten, hatte
Affären mit etlichen Genossinnen. Er plauderte gern,
war ein Großmaul - konnte Tischtennis spielen, fuhr
begeistert Motorrad, galt als Computerfreak und ansonsten
als Versager.
Irgendwann baggerten Verfassungsschützer des Landes
Rheinland-Pfalz den jungen Mann an. Er wurde Spitzel.
1991 avancierte er zum Superspion. Er kam in Kontakt mit
Birgit Hogefeld und später mit Wolfgang Grams - und
damit zu den beiden Top-Terroristen der RAF.
"Er war ein großer Schatz", urteilt der
frühere Innenstaatssekretär Hans Neusel. Was
Steinmetz über die Jahre seinen Agentenführern
berichtete, ist bis heute weitgehend deren Geheimnis.
Im Dunkeln liegt vor allem, was er seinen Auftraggebern
verschwieg. Er wurde "am losen Band geführt",
so erinnert sich Neusel.
In das RAF-Geflecht war Steinmetz sehr wahrscheinlich
weit tiefer verwoben als bislang bekannt. Er war es, der
die Eltern von Wolfgang Grams 1992 zu einem geheimen Treffen
mit ihrem gesuchten Sohn chauffierte. Ist es zu glauben,
dass die verfolgungswahnsinnige RAF diesen Job einem simplen
Szenesympathisanten überließ?
Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt gerieten heftig
über Kreuz, weil ein Terrorfahnder des BKA in einem
Bericht vom 13.8.1993 schrieb, Steinmetz sei "in
die Strukturen der RAF" eingebunden und dessen Aussagen
zu seinen RAF-Kontakten seien teilweise als unglaubwürdig"
zu bewerten. Der verbrannte" V-Mann erhielt nach
Bad Kleinen vom Verfassungsschutz eine neue Existenz und
wurde seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.
Wie seine Mutter behauptet auch seine damalige Freundin
Ina S., den Kontakt zu ihm verloren zu haben. Mit seinen
Szeneaktivitäten hat sie nach eigenen Worten nie
etwas zu tun gehabt: Ich wusste von überhaupt nichts."
Sie habe eben einen Menschen geliebt". Die Folgen
von Bad Kleinen seien für sie "ein Trauma, das
sich durch mein ganzes Leben zieht". Sie habe fürchterlich
gelitten".
23.06.2003, Focus Nr. 26/2003
Eine Tragödie
und ein Erfolg
Hans-Ludwig Zachert, früherer
Präsident des Bundeskriminalamts, kommentiert die
dramatischen Konsequenzen des Schusswechsels von Bad Kleinen.
Für das Bundeskriminalamt (BKA) und
auch für mich war das Geschehen von Bad Kleinen schicksalhaft.
Es endete mit einer Tragödie. Dennoch bin ich zehn
Jahre später noch immer fassungslos darüber,
wie die Bundesregierung es zulassen konnte, dass daraus
eine Staatsaffäre entstand.
Mein Fehler war es, dass ich meine Kür nicht unverzüglich,
sondern erst sechs Tage später abgebrochen habe,
um die Amtsgeschäfte wieder zu übernehmen.
Das BKA würde unter der Verantwortlichkeit des neuen
Innenministers Kanther rigoros und den polizeilichen Belangen
zuwider "umorganisiert". Ein fünfköpfiges
Direktorium" sollte nunmehr das Amt führen -
welch desaströse Fehlentscheidung! Nach genau zehn
Jahren wird dieses unpraktikable Modell wieder abgeschafft
und die Leitungsebene des Amtes neu formiert.
Deprimierend ist, dass meine damaligen Vorgesetzten, der
Innenminister Kanther und sein Staatssekretär Scheiter,
später selbst dubioser Praktiken überführt
würden. Der eine hatte Schwarze Kassen im Ausland
zu verantworten, der andere geriet wegen äußerst
zwielichtiger Grundstücksgeschäfte in Verruf.
Es ist bitter, dass gerade diese beiden "Ehrenmänner"
die Umwandlung des BKA-Präsidenten zum politischen
Beamten durchsetzten. Der Statuswechsel schwächt
die Position des BKA-Präsidenten. Der Minister kann
ihn sofort - auch ohne Begründung - in den einstweiligen
Ruhestand versetzen.
Bei der Vielzahl der negativen Auswirkungen nach dem Geschehen
in Bad Kleinen kann ich jedoch eine positive Feststellung
treffen: Die RAF hat durch den Tod von Wolfgang Grams
und die Festnahme von Birgit Hogefeld die entscheidenden
Akteure verloren. Sie ist danach nicht mehr in Erscheinung
getreten und hat aufgegeben. Insoweit war die "blutige
Festnahmeaktion" letztlich doch noch ein Erfolg.
20.06.2003, Stern
online
RAF-Terrorismus
Peinliche Pannen in der Provinz
Die Worte passten nicht so recht zueinander:
RAF, GSG 9 - Bad Kleinen. Waren die Rote Armee Fraktion
und die "Grenzschutzgruppe 9" spätestens
seit dem blutigen "Deutschen Herbst" 1977 ein
Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen
am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993:
Vor zehn Jahren starben bei einer groß angelegten
Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von
Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella
und der Terrorist Wolfgang Grams.
Tod auf dem Gleis
Wie sich später herausstellen sollte, waren den Fahndern
in Bad Kleinen kaum glaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht
hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld.
Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch
kaum beachtet. Spät bemerkten die Polizisten, dass
sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Topterroristen vor
sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf
den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den
Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten
Newrzella getötet hatte. In auswegloser Situation
- so die spätere Darstellung - feuerte sich der 40-Jährige
mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich
selbst eine Kugel in den Kopf.
Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung
rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader
und anderen toten Mitgliedern des "antifaschistischen
Widerstandskampfes" blühten auch hier die Mordtheorien.
Die zu "Kampfmaschinen" ausgebildeten Elite-Polizisten
hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen
Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien. Gestützt
auch durch Angaben einer Verkäuferin vom Bahnhofskiosk,
die das Geschehen verfolgt hatte. In einem Interview behauptete
sie, einen polizeilichen Mord beobachtet zu haben. Zudem
meldete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel",
ihm habe sich ein GSG-9-Beamter offenbart, der die Aktion
ähnlich schilderte.
Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler,
quasi als unabhängige Instanz, hinzu. Die Zürcher
Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität
Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer
sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden
Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten,
ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.
Eltern hielten Exekutions-Theorie aufrecht
Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht
und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis
vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen
Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen
blieben ohne Erfolg.
Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel
bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre
an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das
Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt.
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen:
Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen
Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren, die
der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler Kritiker
verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei Tage später
von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
(FDP) entlassen.
Beispiellose Serie von Pannen
Der eigentliche Skandal war wohl nicht Grams Tod. Beispiellos
war die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten trugen bei
ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere Westen
noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen
offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem
die Spurensicherung das Gelände "abgegrast"
hatte, fanden Passanten eine Patrone.
Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht.
So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem
27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere
Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation
auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.
Späte Aufklärung
Als auf dem Bahnhof in Bad Kleinen zwei Menschen starben,
war der letzte Mord der RAF zwei Jahre her. Am Ostermontag
des Jahres 1991 hatten die selbst ernannten Kämpfer
gegen den Kapitalismus Detlev Karsten Rohwedder erschossen.
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef konnte per
Gen-Analyse der Täter ermittelt werden. Der war da
schon acht Jahre tot: Wolfgang Grams.
Die
Pannen vor, in und nach Bad Kleinen
Der GSG 9-Einsatz in Bad Kleinen war ebenso wie die anschließenden
Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet. Ein
Bericht des Bundesjustiz- und des Bundesinnenministeriums
für den Bundestag listete knapp zwei Monate nach
dem 27. Juni 17 "Schwachstellen" auf, unter
anderem:
- Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen.
Diese wären während der Observation aufgefallen,
dünnere Westen standen nicht zur Verfügung.
- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen"
kein Notarzt - die Verletzten wurden zunächst nur
von Sanitätern betreut.
- Auf Grund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung
hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für
beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams
vorbei.
- Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella
verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er
sogar unbewaffnet.
- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach
Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.
- Ein Beamter, der verletzt worden war, gab seine Waffe
erst eine Woche nach der Aktion an die Ermittler.
- Bei der als äußerst gefährlich geltenden
Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole
und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.
- Grams Leiche wurde entgegen den Regeln des Bundeskriminalamtes
nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke
abgenommen wurden. Mögliche Spuren an der linken
Hand wurden nicht gesichert.
- Zwischen den einzelnen Ermittlungsbehörden gab
es "schwerwiegende Koordinierungsdefizite".
- Bei der Unterrichtung von Bundestag und Öffentlichkeit
wurden "unvollständige und teilweise unzutreffende
Informationen" verbreitet. Zum Teil erfuhren die
Strafverfolger von neuen Erkenntnissen aus der Zeitung.
Die Rote Armee Fraktion
Die Rote Armee Fraktion (RAF) hat die Bundesrepublik zwei
Jahrzehnte lang mit Terroraktionen überzogen. Sie
entstand 1970 und löste sich im Frühjahr 1998
selbst auf. Drei Namen stehen vor allem für die RAF:
Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Die
RAF sagte «Imperialismus und Monopolkapitalismus»
den Kampf an und wollte die Gesellschaftsordnung gewaltsam
zerstören. Vorläufer der RAF war die Baader-Meinhof-Gruppe,
die nach der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre die
Polizei in Atem hielt.
Von 1971 bis 1993 kamen mindestens 30 Menschen bei RAF-Anschlägen
ums Leben. Prominenteste Opfer waren der Generalbundesanwalt
Siegfried Buback, der Bankier Jürgen Ponto, Arbeitgeberpräsident
Hanns Martin Schleyer (alle 1977 ermordet) sowie Siemens-Manager
Karl Heinz Beckurts (1986), der Vorstandssprecher der
Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, (1989) und Treuhandchef
Detlev Karsten Rohwedder (1991).
Verzicht auf Anschläge
Nachdem 1972 der «harte Kern» der RAF mit
Meinhof, Ensslin, Raspe und Holger Meins gefasst worden
war, trat die Befreiung der Gesinnungsgenossen in den
Vordergrund. Im April 1992 kündigte die RAF den vorläufigen
Verzicht auf Anschläge gegen führende Repräsentanten
aus Wirtschaft und Staat an. Mit einem Sprengstoffanschlag
auf den Neubau der Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt
bei Darmstadt im März 1993 zeigte die RAF-Kommandoebene
allerdings noch einmal ihre Aktionsbereitschaft. Von den
gefassten RAF-Terroristen wurden bislang fast 30 wegen
Beteiligung an Morden und Mordversuchen zu lebenslanger
Haft verurteilt.
Chris Melzer
17.06.2003, Schweriner Volkszeitung
Landeskriminalamt sucht Brandstifter
Missglückter Anschlag auf
Autos der Bundeswehr in Schwerin von "Kämpfender
Brigade Wolfgang Grams"
Schwerin (EB/dpa) Nach dem fehlgeschlagenen
Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt
Schwerin hat die Polizei noch keine heiße Spur.
Wie der Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA), Olaf Jasmund,
gestern mitteilte, wird eine linksextremistische Gruppe
hinter der Tat vermutet. Diese hatte in der Nacht zum
11. Juni versucht, mehrere Fahrzeuge Am Franzosenweg in
Brand zu setzen.
Zu diesem Vorfall ging ein Schreiben einer
linksextremistischen Gruppierung bei der Kreisredeaktion
Parchim unserer Zeitung ein. Darin übernahm eine
"Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" die
Verantwortung. Der RAF-Terrorist soll sich nach einer
missglückten Festnahme im Sommer 1993 in Bad Kleinen
erschossen haben.
Erst nach Bekanntwerden des Schreibens
waren die Brandspuren an den Fahrzeugen bemerkt worden.
Nach Angaben des LKA sollten die Reifen mit Hilfe einer
brennbaren Flüssigkeit entzündet werden. Schaden
war jedoch nicht entstanden.
Mit einer Neuformierung eines Ablegers
der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) werde nicht
gerechnet, so Jasmund. Die RAF hatte im Jahr 1998 ihre
Selbstauflösung bekannt gegeben.
Eine "Kämpfenden Brigade Wolfgang
Grams" sei außerhalb von MV nicht in Erscheinung
getreten. Eine Gruppierung gleichen Namens hatte sich
im September 2002 zu einem Anschlag auf Autos der Bereitschaftspolizei
in Schwerin bekannt. Das LKA geht davon aus, dass beide
Brandattacken von den selben Tätern begangenen wurden.
Die Machart der Anschläge und der Bekennerschreiben
sei sehr ähnlich, sagte Jasmund.
LKA bittet um Mithilfe
Alle kriminalistischen und kriminaltechnischen
Ermittlungen, zu dem o. g. Sachverhalt, ergaben keine
Hinweise auf die bzw. den Täter. Aus diesem Grund
wendet sich das Landeskriminalamt (LKA) an die Bevölkerung,
mit der Bitte um Hinweise zu Personen, die sich auffällig
verhalten haben, oder zu Fahrzeugen, die einen Verdacht
im Zusammenhang mit dem Anschlag in der Nacht zum 11.
Juni 2003 begründen.
16.06.2003, NDR online
Kriminalität
Noch keine heiße Spur
nach Brandanschlag auf Bundeswehr-Autos
LKA geht von linksextremistischer
Gruppe aus
Nach einem Brandanschlag auf
Fahrzeuge der Bundeswehr in Schwerin haben die Ermittler
noch keine heiße Spur. Das Landeskriminalamt (LKA)
vermutet hinter der Straftat eine linksextremistische
Gruppe. Bei der "Schweriner Volkszeitung" war
in der vergangen Woche ein Bekennerschreiben einer "Kämpfenden
Brigade Wolfgang Grams" eingegangen. Der RAF-Terrorist
hatte sich nach einer missglückten Festnahme im Sommer
1993 in Bad Kleinen bei Schwerin erschossen.
Geringer Sachschaden
Erst nach Bekanntwerden des Schreibens waren die Brandspuren
an den Fahrzeugen bemerkt worden. Nach Angaben des LKA
sollten die Reifen mit Hilfe einer brennbaren Flüssigkeit
entzündet werden. Schaden war bei dem Vorfall nicht
entstanden. Mit der Formierung eines Ablegers der terroristischen
Rote Armee Fraktion (RAF) werde nicht gerechnet, sagte
Jasmund. Die RAF hatte im Jahr 1998 ihre Selbstauflösung
bekannt gegeben
Gruppe war schon im September
in Erscheinung getreten
Eine "Kämpfenden Brigade Wolfgang Grams"
sei außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns bislang nicht
in Erscheinung getreten. Eine Gruppierung gleichen Namens
hatte sich im September vergangenen Jahr bereits zu einem
Anschlag auf Autos der Bereitschaftspolizei in Schwerin
bekannt. Das LKA geht davon aus, dass beide Brandattacken
von den selben Tätern begangenen wurden. Die Machart
der Anschläge und der Bekennerschreiben sei sehr
ähnlich, sagte Jasmund. Die Ermittler hoffen nun
auf Hinweise aus der Bevölkerung.
14.06.2003, Die Welt
Gelöbnis: Anschlag auf Bundeswehr-Fahrzeuge
Schwerin - Bislang unbekannte Täter
haben in Schwerin einen Brandanschlag auf ehemalige Bundeswehrfahrzeuge
verübt. Es entstand Sachschaden. Mittlerweile liegt
der Polizei ein Bekennerschreiben vor. Danach, so hieß
es aus Sicherheitskreisen, habe ein "Kommando Wolfgang
Grams", benannt nach dem im Bahnhof von Bad Kleinen
erschossenen RAF-Terroristen, sich zu der Tat bekannt.
Die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamtes hat
die Ermittlungen übernommen. Nach Informationen der
WELT liegen Hinweise vor, dass der Anschlag im Zusammenhang
mit dem Montag in Hamburg stattfindenden öffentlichen
Gelöbnis der Bundeswehr steht. Zu dem Gelöbnis
werden in Hamburg rund 2000 Demonstranten aus dem ganzen
Bundesgebiet erwartet.
17.05.2001, Die Welt
Täter Grams starb
auf einem Provinzbahnhof
Bei seiner Festnahme am 27. Juni
1993 in Bad Kleinen erschoss der RAF-Terrorist einen Polizisten.
Dann beging er Selbstmord
Von Knut Teske
Nicht die Sonne - ein Haar bringt es an den Tag, ein einzelnes,
achtlos verlorenes Haar, in einem achtlos am Tatort zurückgelassenen
Handtuch: zehn Jahre nach dem Verbrechen, den tödlichen
Schüssen auf den damaligen Treuhand-Chef Detlev Karsten
Rohwedder (und seine Frau, die durch die Schüsse
lebenslang gezeichnet bleibt). Die Wahrheit freilich,
die durch dieses unscheinbare Haar ans Licht kommt, ist
von gleicher Wucht, als wär's die Sonne gewesen,
ist von fast biblischer Strenge. Und die Erkenntnis lautet:
Es kommt alles heraus. Es dauert; es braucht nur seine
Zeit.
Die Wahrheit scheint diese zu sein: Der mutmaßliche
Todesschütze, der Rohwedder in der Nacht zum 1. April
1991 in seiner Düsseldorfer Villa durch das Fenster
erschoss, heißt Wolfgang Grams, jedenfalls stammt
das Haar, das in dem am Tatort zurückgelassenen Handtuch
gefunden wurde - nach den jüngsten Erkenntnissen
der neuesten DNA-Analysen - von eben jenem Grams, dessen
Tod 1993 diese Republik fast um den Verstand gebracht
hat. Ausgerechnet Grams - das angebliche Opfer eines hysterischen,
auf Rache sinnenden Staates - ein Mörder? Das muss
in den Augen vieler, immer noch skeptischer Linker wie
die Perfidie der Wahrheit klingen.
Rückerinnerung: Sonntag, 27. Juni 1993, Bad Kleinen:
Auf dem Bahnhof des selbst in Mecklenburg-Vorpommern abseits
gelegenen Ortes kommt es zu einer Schießerei zwischen
der Polizei und einem des Terrorismus verdächtigen
Pärchens. Die Polizisten gehörten zu einem Mobilen
Einsatzkommando des Bundeskriminalamtes (BKA), das den
beiden auf der Spur war und sie beim Verlassen der Gaststätte
"Waldeck" festnehmen wollte. Es handelt sich
um die gesuchten Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, Letzterer
seit 1984 mit Haftbefehl verfolgt.
Die gewaltlos geplante Festnahme, die, wie sich nachher
herausstellt, lange und akribisch vorbereitet war, geht
- buchstäblich - krachend daneben, als das Pärchen
im Stil von Bonny und Clyde das Feuer eröffnet. Zurück
bleiben zwei tödlich getroffene Opfer, das RAF-Mitglied
Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella. Von
da ab scheint sich die Republik aufzulösen, geht
jedenfalls für Monate unter im Nebel von Spekulationen,
Verschleierungen auf allen Seiten (auch staatlichen),
bewusster Falschmeldungen und hysterischer Verdrehungen.
In ihrer Folge wirft Innenminister Rudolf Seiters (CDU)
das Handtuch, wird Generalbundesanwalt Alexander von Stahl
in den Ruhestand versetzt, finden sich beim BKA etliche
mit dem Einsatz befasste Spitzenbeamte in neuen Positionen
wieder und drohte der GSG 9 ernsthaft die Auflösung.
Für die Linken im Staat ist klar, Grams wurde ermordet,
aus kürzester Entfernung mit Kopfschuss, quasi durch
einen aufgesetzten Fangschuss, eliminiert. Zeugen finden
sich, die das behaupten, Zeitungen, Magazine und Fernsehanstalten,
die das begierig aufnehmen, Experten, die das zu beweisen
scheinen. Schon wanken die offiziellen Stellen, nur Kohl
steht, der Kanzler. Er spricht der GSG 9 am 22. Juli bei
einem Besuch in Hangelar sein "ganz besonderes Vertrauen
aus" und wird dafür nicht nur aus der linken
Ecke ausgepfiffen, sondern mehr oder weniger von allen
Medien, die sich bei diesem Besuch massiv behindert sehen.
Unterdessen spielt ein unbekannter V-Mann der Polizei,
dessen Existenz der damalige rheinland-pfälzische
Ministerpräsident Rudolf Scharping (SPD) bestätigt,
eine geradezu mythische Rolle, die eines Judas Ischariot
der Gegenwart, der dieses Pärchen an die verhasste
Staatsmacht verraten habe, obwohl sich das später
alles als weit überzeichnet darstellt. Egal. Längst
sieht sich das offizielle Deutschland einem Abgrund an
Misstrauen und Verachtung gegenüber. 76 Prozent der
Bevölkerung glaubt "nie und nimmer" an
den ernsthaften Aufklärungswillen der Regierung.
Dabei hatte Seiters, unmittelbar nach der der Polizei
entglittenen gewaltlosen Festnahme eine "unabhängige
Juristenkommission" zur Aufklärung aller Fragen
im fernen Norden Deutschlands eingesetzt. Alles vergeblich.
Die öffentliche Meinung über die Polizeiarbeit
bleibt wider alle Vernunft verheerend; dass ein Schusswechsel
keine einstudierte Choreographie verträgt, lässt
sich einfach nicht erklären. Im Gegenteil, die Solidarität
der Linken wächst. Am 10. Juli kommt es in Wiesbaden
zu einer gewaltigen Trauerdemonstration für Wolfgang
Grams; kein Wort dagegen zu dem erschossenen Polizisten.
An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts,
als die Fakten, kaum drei Wochen später, bekannt
werden: Danach hat Grams nicht nur den Polizisten erschossen,
sondern auch seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Nicht
aber der Legendenbildung. Sie beginnt jetzt erst richtig.
Aus der Haft veröffentlicht Birgit Hogefeld ein Porträt
ihres Freundes: ein an der Leistungsgesellschaft verzweifelter
junger Mann. "Dazu", schreibt sie, "haben
auch seine Erfahrungen in der Schule, die er fast durchgängig
als nackte Unterdrückung erlebt hat, beigetragen."
Und beigefügt wird das sympathische Foto dieses jungen
Mannes, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem bärtigen
Gesicht auf seinen Fahndungsfotos aufweist. Als dieses
Werk auf dem Markt kommt und eine neue Mitleidswoge durch
das Land rollt - immer wieder mit dem Bild des zwischen
den Gleisen von Bad Kleinen "hingerichteten"
Opfers - war immerhin eines klar, dass dieser sensible
junge Mann Mitglied einer terroristischen Vereinigung
war und das Leben eines Polizisten auf dem Gewissen hatte,
mag er es noch so sehr als Notwehr betrachtet haben.
Heute wissen wir mehr: dass der sensible junge Mann im
Alter von 38 Jahren 1991, in der Nacht zum 1. April, am
Tatort stand, von dem aus der hinterhältige und tödliche
Anschlag auf Detlev Karsten Rohwedder ausgeführt
wurde. Ein Haar brachte es an den Tag.
07.06.1994, Neue
Zuercher Zeitung, S. 3
Ausland
Neues Gutachten im Fall Bad Kleinen
Wiesbaden, 6. Juni. (ap) Die Eltern
des in Bad Kleinen umgekommenen RAF- Terrorverdaechtigen
Wolfgang Grams haben Strafantrag wegen Mordverdachts gegen
drei weitere GSG-9-Beamte gestellt. Unter Berufung auf
ein neues gerichtsmedizinisches Gutachten legten sie zudem
Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens
der Staatsanwaltschaft Schwerin gegen zwei Beamte ein.
Waehrend die Staatsanwaltschaft bei der Einstellung im
Januar von Selbstmord ausging, kann nach Auffassung des
Duesseldorfer Rechtsmediziners Wolfgang Bonte eine "Fremdtoetung"
nicht ausgeschlossen werden. Neu und im Widerspruch zu
dem Ermittlungsergebnis der Behoerde ist an dem Gutachten,
dass Grams die Waffe mit einem entsprechenden Griff entwunden
worden sein soll. Dies habe die Untersuchung einer Hautroetung
oder -abschuerfung an der rechten Hand des Toten eindeutig
ergeben, sagte Bonte.
23.11.1993, Neue Zuercher Zeitung, S.
5
Das Zuercher Gutachten zum Fall "Bad Kleinen"
Die Jacke des GSG-9-Beamten nicht
bei der Stadtpolizei verschwunden
Zuerich, 22. Nov. (sda) Die Jacke des
deutschen GSG-9-Beamten "Nummer sechs" ist im
Rechtsmedizinischen Institut der Universitaet Zuerich
verschwunden, nicht beim Wissenschaftlichen Dienst (WD)
der Stadtpolizei Zuerich, wie die Stadtpolizei Zuerich
am Montag mitteilte. Die Jacke war in Zuerich untersucht
worden fuer ein Gutachten zur Klaerung der Herkunft des
toedlichen Kopfschusses gegen den RAF-Terror-verdaechtigen
Wolfgang Grams in Bad Kleinen. Die Ermittlungen ueber
das Verbleiben der Jacke laufen weiter, wie ein Sprecher
der Stadtpolizei auf Anfrage erklaerte. Wann genau die
Jacke verschwunden war und ob die Untersuchungsgegenstaende
aus Bad Kleinen im Institut besonders gesichert waren,
konnte er nicht sagen.
Die Resultate des WD-Schlussberichts waren am vergangenen
Samstag vom Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern in
Schwerin bekanntgegeben worden. Der toedliche Schuss,
so die Zuercher Gutachter, stammte aus Grams' eigener
Waffe. Wer indessen damit geschossen hatte, war offenbar
schwieriger zu klaeren. Spuren an Grams' Koerper haetten
keinen zwingenden Rueckschluss auf eine Fremd- oder Selbstbeibringung
ermoeglicht, hiess es.
24.07.1993, Neue
Zuercher Zeitung, S. 5
Strafanzeige gegen
Kohl durch Grams' Eltern
Beschuldigung wegen uebler Nachrede
Wiesbaden, 23. Juli. (afp) Die Eltern
des erschossenen RAF-Mitglieds Wolfgang Grams haben Strafanzeige
gegen Bundeskanzler Kohl wegen Verdachts auf Verunglimpfung
des Andenkens Verstorbener und auf ueble Nachrede gestellt.
Kohl habe am Donnerstag in seiner Rede vor der GSG 9 Grams
"entgegen dem derzeitigen Erkenntnisstand ueber die
Todesumstaende des GSG-9-Beamten Michael Newrzella"
oeffentlich zum Moerder erklaert, erklaerte der Anwalt
der Eltern am Freitag. Damit habe der Kanzler die gesetzliche
Unschuldsvermutung und das Pietaetsempfinden der Eltern
einer "billigen Propaganda zugunsten der schwer belasteten
GSG 9" geopfert, waehrend das Projektil, mit dem
Newrzella erschossen wurde, in der Schweiz noch untersucht
werde. Der Strafantrag wurde bei der Staatsanwaltschaft
Bonn eingereicht.
12.07.1993, Neue
Zuercher Zeitung, S. 2
Demonstration in Wiesbaden
gegen Tod von Grams
Friedlicher Verlauf
Wiesbaden, 11. Juli. (Reuter) In Wiesbaden
haben am Samstag mehr als 2000 Personen gegen den Tod
des mutmasslichen RAF-Terroristen Wolfgang Grams demonstriert.
Begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot zogen die
zum Teil vermummten Demonstranten durch die Innenstadt.
Auf Transparenten und in Sprechchoeren forderten sie unter
anderem die Aufloesung der GSG-9 und aller Sondereinheiten.
Die von der Polizei befuerchteten Ausschreitungen blieben
aus. Nach Angaben eines Polizeisprechers wurden im Vorfeld
der Demonstration fuenf Personen vorlaeufig festgenommen.
An der Demonstration nahmen auch die Mutter der bei der
Polizeiaktion in Bad Kleinen festgenommenen Birgit Hogefeld
sowie die Eltern und ein Bruder von Grams teil. Der aus
Wiesbaden stammende Grams war bei einer Polizeiaktion
in Bad Kleinen am 27. Juni unter bis heute nicht geklaerten
Umstaenden erschossen worden. Zuvor hatte er nach Angaben
der Polizei einen GSG-9-Beamten erschossen.
Neue Zuercher Zeitung, 06.07.1993, S.
3
Ungute Gefuehle ueber einen Ministerruecktritt
Das unschoene Bonner Spektakel um den
Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams bei der Verhaftungsaktion
in Bad Kleinen am 27. Juni hat zu einem (ersten) Eklat
gefuehrt. Innenminister Seiters von der CDU, einer der
bewaehrtesten Maenner um Bundeskanzler Kohl, der vor Wochenfrist
noch von einem "wichtigen Erfolg" der Bundesgrenzschutztruppe
GSG 9 gesprochen hatte, ist zurueckgetreten. Er tat dies
mit einer fuer Bonn bald unueblichen Konsequenz und in
striktester Auslegung der Tatsache, dass er als Innenminister
oberster Verantwortlicher der GSG 9 gewesen war. In dieser
Hinsicht hat sein Schritt Anerkennung gefunden und vielerorts
auch Bedauern hervorgerufen, denn man haette Seiters eine
lueckenlose Aufklaerung der Vorfaelle im Bahnhof Bad Kleinen
zugetraut, die sich schon bald zu einer handfesten politischen
Kontroverse auszuweiten drohten. Wenn ungute Gefuehle
zurueckbleiben, so deshalb, weil nun nicht sicher ist,
ob sich die Untersuchungen nicht verzoegern und noch weiter
komplizieren werden - was fast mit Sicherheit zu einem
Sommertheater fuehren muesste.
Vieles an der Verhaftungsaktion der GSG 9 und am Tode
Grams' ist noch konfus und unklar. Dass das gesuchte RAF-Mitglied
durch eine aus naechster Naehe abgefeuerte Kugel zu Tode
kam, scheint mittlerweile festzustehen, nicht aber, aus
wessen Waffe sie stammte. Zeugenaussagen hierueber stehen
einander diametral gegenueber. Ob die an der Aktion beteiligten
Beamten der GSG 9 in den bisherigen Untersuchungen versuchten,
ein allfaelliges Fehlverhalten zu vertuschen, ist gegenwaertig
genauso unklar wie die Frage, weshalb es zu solch widerspruechlichen
Erklaerungen so vieler verschiedener Stellen kommen konnte,
die den Geruechten erst Substanz verliehen. Sollte es
sich um eine Kurzschlussreaktion ueberforderter Beamter
gehandelt haben, so haben die obersten Verantwortlichen
noch immer Zeit genug fuer Sanktionen. Die bisherigen
Erfahrungen muessten eigentlich Anlass zur Annahme geben,
dass die Untersuchungen ordnungsgemaess abgewickelt und
zu entsprechenden Massnahmen fuehren werden.
Es besteht die Gefahr, dass in dem Gebrodel der Meinungen
und Forderungen die Schwerpunkte verrutschen. Die nach
dem spektakulaeren Erfolg von Mogadiscio im Jahre 1977
geradezu heroisierte GSG 9 ist trotz der qualitativ hochstehenden
Ausbildung nicht besser als andere Antiterror-Truppen.
Auch ihr koennen Fehler unterlaufen, auch ihre Mitglieder
sind anfaellig fuer Affekthandlungen, besonders wenn im
Verlaufe einer Aktion ein Kollege toedlich getroffen wird
wie in Bad Kleinen. Auch sie bedarf deshalb einer rigorosen
Fuehrung und Disziplinierung, wenn sie sich falsch verhaelt.
Anderseits haben die Terroristen der RAF-Kommandoebene
im Lauf der letzten Jahre immer wieder klargemacht, wie
skrupellos und professionell sie vorgehen. Die Liste ungeahndeter
Morde auf ihrem Konto ist bedenklich lang. Ruecksicht
koennen und duerfen sie deshalb nicht erwarten. Grams'
Tod verdient denn auch nur insofern Aufmerksamkeit, als
seine Begleitumstaende korrekt und lueckenlos geklaert
werden sollen.
Dies vor Augen, muesste von Aussenstehenden eigentlich
eine gewisse Zurueckhaltung erwartet werden koennen. Aber
der Eifer der Presse und der Profilierungszwang von Politikern
haben zu einem aufgeblaehten Ritual vorauseilender Verdammungen
und Demissionsforderungen gefuehrt, das eben diese Abklaerung
massiv zu stoeren droht. Mit Seiters' Ruecktritt, so scheint
es, ist gegenwaertig jedenfalls noch kaum jemandem gedient.
Neue Zuercher
Zeitung, 05.07.1993, S. 1
Ruecktritt des deutschen
Innenministers Seiters
Kein Ende der Spekulationen um den RAF-Polizeieinsatz
Respekt fuer den Entscheid
Der deutsche Innenminister Seiters hat
die politische Verantwortung fuer die blutig verlaufene
Polizeiaktion gegen zwei mutmassliche RAF- Mitglieder
vor einer Woche uebernommen und am Sonntag seinen Ruecktritt
erklaert. Er begruendete seinen Schritt mit Fehlern, Unzulaenglichkeiten
und Koordinationsmaengeln, die es offensichtlich innerhalb
von Bundesbehoerden bei dem Einsatz und bei seiner Aufarbeitung
gegeben habe. Die Spekulationen um den Ablauf der Aktion
in Bad Kleinen rissen auch am Wochenende nicht ab.
Bonn, 4. Juli. (ap/Reuter/dpa) Der deutsche
Innenminister Rudolf Seiters (CDU) ist am Sonntag wegen
der Fehler bei der Polizeiaktion in Bad Kleinen und deren
Aufarbeitung zurueckgetreten. Seiters sagte, er uebernehme
die politische Verantwortung fuer Fehler, Unzulaenglichkeiten
und Koordinationsmaengel, die nach dem Zugriff auf die
mutmasslichen RAF- Terroristen Wolfgang Grams und Birgit
Hogefeld deutlich geworden seien. Persoenlich habe er
sich aber nichts vorzuwerfen. Bundeskanzler Kohl habe
versucht, ihn umzustimmen, dann aber die Entscheidung
akzeptiert. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Schaeuble,
aber auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion,
Penner, zollten dem Zurueckgetretenen Respekt.
Seiters betonte in Bonn, er habe weder falsche Entscheidungen
getroffen noch der OEffentlichkeit oder dem Parlament
Informationen vorenthalten. Im Gegenteil habe er Anordnungen
getroffen, die alle das Ziel gehabt haetten, eine lueckenlose
Aufklaerung ohne Ansehen von Amt und Personen herbeizufuehren.
Er wolle aber weder sich noch seiner Familie "eine
unwuerdige Diskussion zumuten, wer in dieser Angelegenheit
wem Verantwortung zuschiebt oder wer an welchem Amte festhaelt".
Der 55jaehrige Seiters war seit Dezember 1991 Innenminister.
Zuvor war er Chef des Kanzleramtes. Seiters kuendigte
an, er werde weiter fuer seine politischen Ziele als CDU-Abgeordneter
im Bundestag arbeiten.
Spekulationen ueber "Hinrichtung"
Die widerspruechlichen Darstellungen ueber den Einsatz,
bei dem auch ein 25 Jahre altes Mitglied der Bundesgrenzschutz-Spezialeinheit
GSG 9 ums Leben kam, hatten Seiters wie auch den Generalbundesanwalt
von Stahl ins Zentrum der Kritik gerueckt. Das Nachrichtenmagazin
"Der Spiegel" hatte am Samstag unter Berufung
auf einen am Einsatz beteiligten Anti-Terror- Spezialisten
berichtet, ein GSG-9-Beamter habe Grams aus naechster
Naehe mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Nach
Angaben der Staatsanwaltschaft in der Landeshauptstadt
Schwerin scheidet die Moeglichkeit eines Selbstmordes
weitgehend aus. Gegen die GSG-9-Maenner werde deshalb
auch ermittelt. Nach medizinischen Gutachten sei Grams
aus naechster Naehe erschossen worden, an seinem Kopf
seien Schmauchspuren und Druckstellen gefunden worden.
02.07.1993, Neue Zuercher Zeitung, S.
3
Offene Fragen um den Tod eines RAF-Terroristen
Hamburg, 1. Juli. (dpa) Nach dem Tod des
mutmasslichen Terroristen Wolfgang Grams gibt es Hinweise,
dass der 40jaehrige Mann bei der Polizeiaktion vom Sonntag
am Schweriner See in Mecklenburg-Vorpommern aus naechster
Naehe mit einem Kopfschuss getoetet wurde. Entsprechende
Aussagen machten nach Darstellung des deutschen Fernsehmagazins
"Monitor" eine Augenzeugin und - in einer weiteren
Fernsehsendung - der Anwalt der Eltern von Grams. Dagegen
versicherte das deutsche Innenministerium, zumindest die
Beamten der Antiterroreinheit GSG 9 haetten keinen Schuss
aus "allernaechster Naehe" abgegeben. An der
Aktion, bei der die zur RAF-Kommandoebene zaehlende Birgit
Hogefeld unverletzt festgenommen werden konnte, war auch
das Mobile Einsatzkommando (MEK) des in ganz Deutschland
taetigen Bundeskriminalamtes beteiligt. Unterdessen hat
die Staatsanwaltschaft Schwerin die Ermittlungen aufgenommen.
Das Fernsehmagazin "Monitor" beruft sich auf
eine Augenzeugin, die eidesstattlich versichert habe,
Grams habe bereits angeschossen am Boden gelegen. Nach
offizieller Darstellung hatte Grams zuvor einen GSG-9-
Beamten mit seiner Waffe getoetet. "Monitor"
zitiert in seiner Sendung die eidesstattliche Erklaerung:
"Zwei Beamte traten an den reglos daliegenden Grams
heran. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss, aus
naechster Naehe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams
entfernt." Die Aussage der Augenzeugin stimmt offenbar
auch mit dem ersten Obduktionsbefund ueberein, der mindestens
einen Schuss aus naechster Naehe am Kopf von Wolfgang
Grams festgestellt haben soll.
01.07.1993, Neue
Zuercher Zeitung, S. 7
Intensivierte Terrorismusabwehr
in Deutschland
Geheimnisschleier ueber der Aktion von Bad-Kleinen
Nach der Ausschaltung von zwei mutmasslichen
RAF-Terroristen in Bad- Kleinen hat Innenminister Seiters
weitere Terroranschlaege nicht ausgeschlossen. Auch gegenueber
dem Parlament huellten sich die Ermittlungsbehoerden noch
immer weitgehend in Schweigen ueber den Hintergrund der
anscheinend noch nicht abgeschlossenen Fahndungsaktion,
welche als seit Jahren groesster Erfolg bei der Terrorismusbekaempfung
bezeichnet wurde.
Ch. M. Bonn, 30. Juni
Nach dem juengsten Fahndungserfolg bei der Terrorismusbekaempfung
hat der deutsche Innenminister Seiters am Mittwoch neue
Anschlaege der Rote- Armee-Fraktion nicht ausgeschlossen.
Es bestehe kein Anlass zur Entwarnung, da die Kommandoebene
der RAF - trotz ihrer Ankuendigung eines Verzichts auf
Mordanschlaege gegen Vertreter des Staates - keineswegs
prinzipiell der Veruebung schwerer Verbrechen abgeschworen
habe. Seiters erinnerte in diesem Zusammenhang ausdruecklich
an den grossen Sprengstoffanschlag, mit dem drei Maenner
und eine Frau einer Terroristengruppe am 27. Maerz den
Gefaengnisneubau in Weiterstadt bei Darmstadt weitgehend
zerstoerten.
Kritik am Erfolg
Am Mittwoch befasste sich der Innenausschuss des Bundestages
in Bonn mit der Festnahmeaktion von Bad-Kleinen, bei der
die mutmassliche RAF- Terroristin Birgit Hogefeld verhaftet
werden konnte und ihr Begleiter Wolfgang Grams ums Leben
kam, nachdem er einen 26jaehrigen Polizisten der Spezialtruppe
GSG 9 erschossen hatte. Generalbundesanwalt von Stahl,
der wie der Praesident des Bundesamtes fuer Verfassungsschutz,
Werthebach, dem Ausschuss Red und Antwort stand, bezeichnete
die Aktion von Bad-Kleinen als den seit Jahren groessten
Erfolg bei der Terrorismusbekaempfung, der allerdings
mit dem Tod des jungen Polizeibeamten teuer erkauft worden
sei. Bereits am Vortag war amtlicherseits die urspruengliche
Version korrigiert worden, laut welcher Birgit Hogefeld
bei ihrer Festnahme das Feuer eroeffnet habe. Sie konnte
im Gegenteil rasch in der Bahnhofunterfuehrung ueberwaeltigt
werden, so dass sie ihre Pistole nicht mehr abzufeuern
vermochte.
Das Mobile Einsatzkommando des Bundeskriminalamtes, zu
welchem auch der dann umgekommene GSG-9-Beamte zaehlte,
hatte sich auf die Festnahme der mit Sicherheit identifizierten
Birgit Hogefeld konzentriert. Die Identitaet von Grams
war dagegen nicht mit Sicherheit etabliert; er konnte
aus der Bahnhofunterfuehrung auf einen Bahnsteig entkommen
und feuerte von dort den toedlichen Schuss auf den ihn
verfolgenden Polizeibeamten ab. Die Sicherheitsbeamten
trugen allesamt keine Splitterschutzweste; dies soll eigens
angeordnet worden sein, um vor der Festnahmeaktion das
mutmassliche Terroristenpaar nicht Verdacht schoepfen
zu lassen. Generalbundesanwalt von Stahl unterstrich,
dass zu dem Schlag in Bad-Kleinen, so wie er ausgefuehrt
worden sei, keine brauchbare Alternative bestanden habe.
Gleichwohl wurde in der deutschen OEffentlichkeit und
auch seitens der SPD-Abgeordneten im Innenausschuss einige
Kritik wegen angeblicher Pannen laut.
Andauernde Fahndung
Vor allem aber ruegte die Opposition, dass die offiziellen
Auskuenfte ueber den Hintergrund der ganzen Fahndungsaktion
noch immer aeusserst karg ausfielen. Der Generalbundesanwalt
machte kein Hehl daraus und begruendete seine Zurueckhaltung
mit der Erklaerung, es gelte, weitere Fahndungserfolge
nicht zu gefaehrden. Dies deutet darauf hin, dass die
Ermittlungsbehoerden sich nach dem Schlag in Bad-Kleinen
offenbar ein weiteres Eindringen in die RAF-Szene erhoffen.
Unmittelbar vor seiner Festnahme traf sich das mutmassliche
Terroristenpaar in einem Kaffee nahe dem Bahnhof der mecklenburgischen
Kleinstadt mit einem Mann, der seither spurlos verschwunden
und gegen den keinerlei offizielle Fahndung eingeleitet
worden ist. Allgemein kam deshalb die Vermutung auf, es
habe sich bei diesem "dritten Mann" um einen
erfolgreich in die RAF-Szene eingeschleusten Agenten der
Terrorismusabwehr gehandelt.
Dass die Ermittlungsbehoerden weitere Spuren verfolgen,
legte eine groessere Fahndungsaktion an Rhein und Ruhr
sowie anscheinend auch im Main-Gebiet am Tage nach der
Festnahmeaktion von Bad-Kleinen nahe. Dabei wurde eine
groessere Anzahl von Personen voruebergehend in Polizeigewahrsam
genommen, doch erfolgte schliesslich keine einzige Verhaftung.
Inzwischen scheint einigermassen klar, dass der UEberraschungscoup
in Mecklenburg nichts mit der Auswertung von Stasi- Akten
zu tun hat. Um so groesser nimmt sich der Fahndungserfolg
aus. Auffaellig wirkt der relativ nahe zeitliche Bezug
zum Sprengstoffattentat in Weiterstadt. Das dortige Wachpersonal
war von der Terroristengruppe ueberwaeltigt und vor der
Sprengung des Gefaengnisses voruebergehend verschleppt
worden. Die Mitwirkung einer Terroristin konnte eindeutig
etabliert werden. Fuehrte von da an eine Spur zu Birgit
Hogefeld bis nach Bad-Kleinen? Darueber sind noch keinerlei
Vermutungen angestellt worden. Statt dessen wurde da und
dort erneut der Verdacht geschuert, es koennten einstmals
nicht blosse "Aussteiger" der RAF in der frueheren
DDR untergetaucht sein, sondern vielmehr andere von dort
zu weiteren Aktionen in der Bundesrepublik ausgeholt haben.
Bei der Enttarnung von acht RAF-Angehoerigen vor drei
Jahren in Ostdeutschland wurde amtlicherseits einer solchen
Version allerdings rasch und auffaellig energisch widersprochen.
29.06.1993, Neue
Zuercher Zeitung, S. 1
Nach der Polizeiaktion
am Schweriner See
Ein seltener Erfolg der deutschen
Terrorabwehr
Schlag gegen die aktive Kommandoebene der RAF-Bande
Karlsruhe, 28. Juni. (Reuter) Nach jahrelanger
Fahndung haben Beamte des deutschen Bundeskriminalamtes
am Sonntag nachmittag, wie schon kurz berichtet, zwei
Mitglieder der Kommandoebene der Roten-Armee-Fraktion
(RAF) stellen koennen. Beim Versuch, Birgit Hogefeld und
Wolfgang Grams zu verhaften, gab es zwei Todesopfer. Der
Generalbundesanwalt teilte mit, Grams und ein Beamter
seien getroffen worden und wenig spaeter ihren Verletzungen
erlegen. Laut den Angaben hatte Frau Hogefeld das Feuer
eroeffnet.
Ch. M. Bonn, 28. Juni
Der deutsche Innenminister Seiters hat die Festnahme zweier
mutmasslicher Terroristen der Rote-Armee-Fraktion als
wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Terrorismus gewertet.
Zugleich stattete er den Sicherheitsbehoerden seinen Dank
fuer die intensive und gezielte Ermittlungsarbeit ab.
Die 36jaehrige Birgit Hogefeld, gegen die wegen ihrer
vermuteten Beteiligung an einem misslungenen Mordanschlag
im September 1988 auf den damaligen Bonner Finanzstaatssekretaer
Tietmeyer international gefahndet worden war, wurde am
Tage nach der Schiesserei im Bahnhof von Bad Kleinen am
Schweriner See in Karlsruhe dem Haftrichter des Bundesgerichtshofs
vorgefuehrt. Der 40jaehrige Wolfgang Grams, gegen den
wegen mutmasslicher Mitgliedschaft in einer terroristischen
Vereinigung ebenfalls schon vor Jahren ein Haftbefehl
erlassen worden war, erlag dagegen wenige Stunden nach
dem Feuerwechsel mit Angehoerigen der Spezialtruppe GSG
9, die ihrerseits in ihren Reihen ein Todesopfer zu beklagen
hat, seinen Verletzungen.
Keine "Aussteiger"
Auch noch am Tag nach der UEberwaeltigung der beiden Festgenommenen,
die zur aktiven Kommandoebene der RAF gehoert haben sollen,
herrschte in Bonn amtlicherseits fast voelliges Stillschweigen
zu dem ganzen Vorgang. Die Ermittlungen seien noch nicht
abgeschlossen, lautete zumeist die wortkarge Auskunft
auf allerlei Nachfragen bezueglich des Hintergrundes und
des Ausmasses des Fahndungserfolges. Der Sprecher des
Innenministeriums liess dann allerdings durchblicken,
dass es sich bei den beiden seit Jahren gesuchten mutmasslichen
Terroristen kaum um "Aussteiger" gehandelt haben
koenne, die wie mindestens acht weitere RAF- Angehoerige
in den fruehen achtziger Jahren in der DDR untergetaucht
waren. Vielmehr seien, wie die Schiesserei in Bad Kleinen
bewies, beide bewaffnet und besonders gefaehrlich gewesen.
Die Art und Weise, wie sie auf den Polizeizugriff sofort
mit Schusswaffengebrauch reagiert haetten, lege zudem
nahe, dass sie stets auf eine solche Aktion seitens der
Ermittlungsbehoerden gefasst gewesen seien. In dem kleinen
mecklenburgischen Ort am Schweriner See verneinten Einwohner,
dass die beiden Festgenommenen vorher dort ansaessig gewesen
seien.
Den deutschen Ermittlungsbehoerden ist schon seit Jahren
kein Fahndungserfolg gegen RAF-Terroristen, schon gar
nicht gegen solche der Kommandoebene, geglueckt. Die Verhaftungen
von in der DDR untergetauchten RAF-Taetern im Jahr der
Wiedervereinigung bezogen sich auf "Aussteiger".
Die Hoffnung, zumindest in der Fahndung nach den Moerdern
des Bankiers Herrhausen vom November 1989 voranzukommen,
zerschlugen sich vor geraumer Zeit, als ein angeblich
aus dem RAF-Umfeld stammender Informant sich schliesslich
als aeusserst unzuverlaessig oder schlicht unbrauchbar
erwies. Ungesuehnt blieben deshalb diese und eine ganze
Reihe weiterer Untaten, so etwa die Ermordung der beiden
Industriellen Ernst Zimmermann und Karl Heinz Beckurts
sowie des Diplomaten Gerold von Braunmuehl, in deren Zusammenhang
jeweils auch die Namen der beiden nun ausgeschalteten
RAF-Mitglieder genannt worden waren.
Wende fuer die Fahnder?
Den Fahndern war auch nach der Ermordung
des Treuhandchefs Rohwedder, der bisher letzten RAF-Mordtat
vom April vor zwei Jahren, keinerlei Aufnahme von Spuren
in das Umfeld der Taeterschaft geglueckt. Der Schlag am
Schweriner See gegen ein offenbar noch aktives Terroristenpaar
gewinnt vor diesem Hintergrund bisher weitgehender Erfolglosigkeit
der Ermittlungsbehoerden eine besondere Bedeutung, auch
wenn sogleich die Vermutung zirkulierte, die Enttarnung
der beiden Festgenommenen sei moeglicherweise durch eine
genaue Auswertung von Unterlagen des ehemaligen ostdeutschen
Staatssicherheitsdienstes erleichtert worden.
Fernseh- und Radiosendungen zum Thema
27.06.2003, 23:31, EinsExtra (digital):
Black Box BRD
'Black Box BRD' erzählt die Geschichte von Wolfgang
Grams und Alfred Herrhausen, indem er die zwei unterschiedlichen
Biografien gegenüberstellt. Zu Wort kommen die Eltern,
der Bruder und politische Weggefährten Wolfgang Grams
ebenso wie die Witwe Alfred Herrhausens, Top-Manager und
ehemalige Kollegen der Deutschen Bank. Aus den Erinnerungen
der Befragten setzt sich das Bild eines polarisierten
Landes zusammen: Der Kampf ist vorbei - aber die Wunden
sind offen.
27.06.1993, 9:05
Uhr, Deutschlandfunk
Wir erinnern - Vor 10 Jahren
Der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang Grams und
der GSG 9-Beamte Michael Newrzella werden in Bad Kleinen
getötet. Beitrag von Oliver Tolmein
Polizeizugriff auf die RAF in Bad Kleinen
am 27.6.1993
Autor: Die Operation Weinprobe sollte
als großer Erfolg in die Annalen der deutschen Terrorismusbekämpfung
eingehen: Mit Hilfe eines V-Mannes, Klaus Steinmetz, so
hofften die Staatsschützer könnten sie nach
Jahren ohn Erfolge endlich führende Köpfe der
RAF festnehmen. Aber was sich dann am 27. Juni 1993 auf
dem Provinz-Bahnhof in Bad Kleinen abspielte, entwickelte
sich zu einem der größten Disaster der Sicherheitsdienste
im Nachkriegsdeutschland. Zwar konnte die später
als RAF-Mitglied verurteilte Birgit Hogefeld verhaftet
werden. Am Ende des mehrstündigen Einsatzes von mehr
als 120 Beamten aus hochtrainierten Anti-Terrorkommandos
der Polizei und des Bundesgrenzschutzes, waren aber das
RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG-9 Beamte Michael
Newrzella tot. Und um es noch schlimmer zu machen: Die
Tatortgruppe des Bundeskrimialamts sicherte die Spuren
nur unzulänglich. Die Führungsspitze der Bundespolizei
und der Generalbundesanwalt lieferten sich einander widersprechende
Versionen des Geschehens. So konnte niemand erklären,
was sich in Bad Kleinen tatsächlich ereignet hatte.
Der FDP-Innenpolitiker Burkhard Hirsch bilanzierte damals
in einem Interview, 14 Tage nach dem Einsatz, dessen Scheitern
auch Thema im Bundestag gewesen war:
O-Ton Hirsch
Das Faktum bleibt, dass der Tod des mutmaßlichen
Terroristen ungeklärt ist, Tatortarbeit war schlampig
und der Innenausschuß wurde in 1. und 2. Sitzung
nicht sachgerecht informiert. Ich kann die Gründe
im einzelnen nicht erkennen, aber das wird Folgen haben.
Warum Patronenhülsen und Patronen noch vier oder
fünf Tage danach gefunden worden sind, das ist unerhört.
Autor: Dass Zeugen behaupteten, der auf den Gleisen
liegende Wolfgang Grams sei mit einem aufgesetzten Kopfschuß
getötet worden, verschärfte die Situation zusätzlich
zumal die Gutachter sehr unterschiedlich beurteilten,
was die wenigen gesicherten Spuren aussagten. Der Bundestag
untersuchte die Ereignisse, Generalbundesanwalt von Stahl
verlor sein Amt, mehrere Beamte des BKA wurden versetzt
und der damalige Bundesinneminister Rudolf Seiters nahm
den Hut. Selbst die konservative Frankfurter Allgemeine
Zeitung zweifelte angesichts des Geschehens an den ersten
Verla utbarungen von BKA und Bundesanwaltschaft und kommentierte
wenige Tage nach den tödliche Schüssen:
Zitator: Nur wenn im Fall Grams die ganze
Wahrheit bekannt wird, werden die
Sicherheitsorgane ihre Souveränität zurückgewinnen
im Kampf gegen den Terrorismus. Nur
die ganze Wahrheit kann den Bürgern Vertrauen zu
ihrem Staat geben und der
Legendenbildung vorbeugen. Bliebe der geringste Verdacht
zurück, so fänden anders als in
anderen Kriminalfällen jene schnell Gehör,
die in Wort und Schrift die Bundesrepublik
madig machen.
Autor: Als der neue Bundesinnenminister Manfed
Kanther (CDU) knapp ein Dreivierteljahr
später den Untersuchungsbericht vorstellte, versuchte
er trtozdem das, was wochenlang eine
Staatskrise hervorgerufen hatte, als polizeitaktische
Panne darzustellen:
O-Ton Manfred Kanther:
Polizei im Einsatz bedeutet immer auch Unvorhergesehenes.
Und es gehört leider immer auch
dazu. Die Rechtvorschriften des BKA, die die Spurensicherung
an Leichen betreffen sind
astrein, die Beteiligten haben sich nicht an bestehende
Rechtsvorschriften gehalten. Das ist
ein schlimmer Vorgang, da muß ein neuer Geist im
BKA einziehen, es geht also nicht nur
darum Strukturen zu hinterfragen, sondern auch einer Reihe
von Mitarbeitern klarzumachen,
dass sie ihr Gewerbe sorgfältiger ausüben müssen.
Autor: Der Untersuchungsbericht blieb nicht das
letzte Wort: Staatsanwälte ermittelten gegen
die GSG-9-Beamten konnten aber die Mordversion
nicht bestätigen. Vor einer Zivilkammer
des Bonner Landgerichts verhandelten die Eltern von Wolfgang
Grams gegen die
Bundesrepublik Deutschland, weil sie hofften in dem Schadenersatzverfahren
die Schuld des
BKA am Tod ihres Sohnes nachweisen zu können. Das
Bonner Landgericht mochte eine
einen Selbstmord von Grams in dieser Situation so wenig
ausschließen, wie eine gezielte
Tötung. Wegen der gebliebenen Zweifel entschied es
nach einem langen Verfahren dem
Anspruch der klagenden Eltern nicht stattzugeben.
Der große, tödlich endende Zugriff in Bad Kleinen
richtete sich gegen eine RAF, die ihren
bewaffneten Kampf bereits weitgehend aufgegeben hatte.
Nach dem Tod von Wolfgang
Grams und der Verhaftung von Birgit Hogefeld wandte sich
die einst so gefürchtete Gruppe
dann nur noch wenige Male mit langen Erklärungen
an die Öffent lichkeit. Im März 1998 löste
sie sich schließlich auf. Seitdem lieferte die Geschichte
der RAF den Stoff für eine Reihe von
Spiel- und Dokumentarfilmen, in denen auch die eben niemals
vollständig aufgeklärten
Ereignisse von Bad Kleinen eine wichtige Rolle spielen.
26.06.2003, 23:30, EinsExtra (digital): Deutschland und
die RAF - Fluchtpunkt DDR
Während in der Bundesrepublik fieberhaft nach den
Terroristen Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Inge Viett
und anderen gefahndet wird, führen diese nur wenige
Kilometer entfernt jenseits der deutsch-deutschen Grenze
ein zweites Leben, das biederer und unauffälliger
nicht sein könnte. Aus neun ehemaligen RAF-Mitgliedern
waren brave DDR-Bürger geworden. Nach der Wende 1989
kam das Ende dieser Doppelleben: Nachdem sie von den Behörden
aufgespürt und enttarnt worden waren, wurden die
RAF-Aussteiger in die BRD überstellt.
25.06.2003, 23:30, EinsExtra (digital):
Deutschland und die RAF - Der Staat
Durch die terroristische Bedrohung sah sich die Bundesrepublik
gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Der
Film zeigt, wie sich im Deutschland der 70-er Jahre die
Spirale von Terror und staatlicher Reaktion immer schneller
drehte.
14.11.2001, 13:28, Tagesschau
Rohwedder-Mord: Haaranalyse
führt zu RAF-Terrorist Grams
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlev Karsten
Rohwedder gibt es nach Angaben der Bundesstaatsanwaltschaft
einen "entscheidenden neuen Impuls": Mit einer
neuen molekulargenetischen Analyse ist ein Haar des 1993
verstorbenen mutmaßlichen RAF-Terroristen Grams
untersucht worden. Das Haar stammt von einem Handtuch,
das 1991 in einem Gebüsch in der Nähe des Attentats-Ortes
gefunden wurde. "Von der Aufklärung der Tat
kann noch nicht gesprochen werden", sagte eine Sprecherin
des Generalbundesanwalts. Ob Grams den tödlichen
Schuß selbst abfeuerte oder an der Tat beteiligt
war, steht noch nicht fest. Dennoch handelt es sich um
ein erstes Indiz im Fall der Ermordung Rohwedders. Der
Treuhand-Chef war am 1. April 1991 in seiner Düsseldorfer
Villa erschossen worden. Trotz eines als authentisch eingestuften
Bekennerschreibens der Roten Armee Fraktion ist der Mord
nie aufgeklärt worden - mangels Indizien.
03.07.1997, ZDF Monitor
15-minütiges Interview mit Prof.Bonte zum Thema Bad
Kleinen
18.04.1996, ZDF
Monitor
Der Fall Bad Kleinen; 15-minütiger Bericht mit Interviews
von Prof. Knight, Prof. Pounder und Prof. Bonte
23.06.1994, SAT1 Schreinemakers
Live
Der Fall Bad Kleinen; 20-minütiger
Versuch einer Tatrekonstruktion mit Prof. Bonte u.a.
18.11.1993, ZDF Monitor
Der Fall Bad Kleinen; 15-minütiges Interview mit
Prof.Bonte
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