Materialien / Archiv


Medienberichte (Auswahl aus der bürgerlichen Presse)


27.06.03, Neues Deutschland

Vorsicht am Gleis 4…
Die Schüsse von Bad Kleinen. Oder wie zehn Jahre nicht die Welt verändern

Von René Heilig

Vor zehn Jahren war Bad Kleinen, ein Nest am nördlichen Rand von Schwerin, Eilmeldungen wert: RAF-Terroristen geschnappt…
Es war der 27. Juni nachmittags. Ein Sonntag. Am Tisch in der Bahnhofskneipe Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Beide gehören zur Rote Armee Fraktion. Sie sind die Letzten der Letzten. Die Terrortruppe, ursprünglich angetreten für eine gerechte Welt, ist am Ende. Der Verrat saß schon am Tisch. Klaus Steinmetz, ein V-Mann. Die Jäger von BKA und Grenzschutzgruppe 9 lauerten. Minuten später ist Hogefeld gefangen, Grams getötet. Erschossen wird auch ein Grenzschutz-Beamter. Aber wer will das heute schon noch wissen?
»Nur ab und zu fragt noch ein Reisender«, sagt der freundliche Bahnbeamte. Er streckt seinen Kopf aus einer Tür, über der groß Service angeschrieben ist. Manchmal komme noch jemand, der wissen will, wo die Stelle ist, an der der tote Grams lag. »Nach dem toten Polizisten fragt niemand.« Das finde er schon etwas erbärmlich. Obwohl damals vor zehn Jahren noch nicht auf dem Bahnhof angestellt, kennt er dessen Namen: Michael Newrzella. Vielleicht, weil jedes Jahr eine Frau Blumen an der Stelle niederlegt, an der er gestorben ist. »Es ist seine Mutter.« Der Bahnbeamte zuckt mit den Schultern, schaut vielleicht eine Spur zu servicemäßig betroffen, entschuldigt sich, er müsse die nächste Durchsage machen. »Vorsicht am Gleis 4…« Der Intercity nach Berlin fährt ein und derweil der Zug auf Anschluss warten muss, erzählt eine junge Kollegin, warum das Ereignis von damals heute so unbedeutend ist. »Terror gibt's doch jetzt mehr als genug. Heute bringt man Menschen mit Flugzeugen um – 3000 von einer Minute zur anderen.« Die RAF dagegen – die junge Frau schaut aus, als hätte sie das Wort »Kinderkram« nur mühsam für sich behalten.
Es sind nur ein paar Schritte bis zur Unterführung. Irgendwo dort sollte der Zugriff erfolgen. Doch alles ging schief. Grams konnte flüchten, der Schusswechsel dauerte nur Sekunden. Dann lag er hingestreckt von Schüssen auf dem Gleis 4. Zeugen berichteten viel Widersprüchliches. Ganz offenkundig halfen Vernehmer so lange, bis die Erinnerungen ins Protokoll passten. Nur eine Zeugin, die von ihrem Kiosk einen guten Blick auf das Geschehen hatte, blieb dabei: Man habe den bereits wehrlos am Boden Liegenden aus nächster Distanz erschossen. Das wäre Mord. Die Frau im Kiosk ist längst ersetzt durch seelenlose Verkäufer: Selecta und tobaccoland machen das Geschäft – Geld rein, Knopf drücken, Klappe öffnen…
Auf dem Bahnhofsvorplatz harkt eine alte Frau den Bürgersteig. Hat sie dieser Tage schon viele Journalisten im Ort gesehen? »Was sollten die hier wohl wollen?!« Die Alte versteht die Frage nicht. »Wegen unserer 820-Jahr-Feier?«, fragt sie zurück. »Vielleicht, wenn Anfang Juli der Innenminister aus Schwerin kommt, um mit Bürgermeister Friese das Fest zu eröffnen.« Nein, nein, wegen der Schießerei, die hier vor zehn Jahren war… Es dämmert der Frau, sie hat es eilig, Kehricht in den Kübel auf dem Hof zu tragen. Im »Pottkiecker« gibt es Fischfilet mit Gurkensalat für 3,80 Euro. Gegenüber in der »Weißen Ratte« Königsberger Klopse zum gleichen Preis. Samt Bild-Zeitung. Der Rattenwirt ist allein, blättert lustlos darin: »Kahn liegt wieder bei seiner Frau« hat das Millionenblatt getitelt. »Kahn«, murmelt der verächtlich. Dessen Probleme möchte er haben. Dem Wirt, der die »Ratte« gerade renovierte, bleiben die Gäste weg. Die einheimischen sowieso, Touristen verirren sich nicht nach Bad Kleinen. »Wozu auch, die einzige Attraktion des Ortes ist der Eiertunnel. Doch wer das eigenartig geformte Ding nicht gesehen hat, hat auch nichts versäumt. Hier war nichts, ist nichts, wird nichts sein!« Abgesehen von der Mehrzweckhalle, die der Bürgermeister bauen will. »Da bucht dann kein Mensch mehr meinen großen Saal.« So unklar wie die Zukunft ist die Vergangenheit. Seit Jahren grüble er, ob er damals den Terroristen begegnet ist. Sein Zug fuhr kurz vor 15 Uhr und vorher war auch er in der Bahnhofskaschemme. Egal. Eigentlich interessiert ihn das Thema nicht.
Es riecht nach Heu. Regen hat die Luft gereinigt. Ein Mann befestigt Plakate entlang der reparaturbedürftigen Dorfstraße: Der Zirkus ist los in Bad Kleinen. Wer zum »Eiertunnel« will, kommt am Stützpunkt der Arbeitsloseninitiative vorbei. Dort essen ein paar Frauen gerade Mitgebrachtes von zu Hause. 3,80 Euro für Klopse oder Fischfilet sind zu teuer. 41 Mitglieder hat der Verband, man bietet ein Dach, unter dem man Reden kann, betreibt eine Kleider- und eine Möbelbörse. Montags spielen die Männer Skat, am Brett hängt eine Einladung zum Computer-Klub. Daran, wie es war, als man morgens noch nach Schwerin oder Wismar oder in die LPG zur Arbeit fuhr, denkt man nicht mehr. Es ist zu lange her. Nie wieder wird es so sein. Mit dem Reporter aus der Hauptstadt mag man schon gar nicht darüber reden. Der kommt, fragt und geht wieder. Sie bleiben zurück mit dem Frust, mal wieder nur für eine Schlagzeile gut gewesen zu sein.
Die bietet aber bereits das Statistische Landesamt. Wieder sei die Einwohnerzahl des Landes um ein Prozent zurückgegangen. 43115 Menschen hätten Mecklenburg-Vorpommern »Lebwohl« gesagt. Die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen stellte drei Viertel der Wegzieher.
Auch Bad Kleinen wird alt. Die noch was erwarten vom Leben, gehen nach Hamburg oder Lübeck. Eine geht nach Dessau. Es ist die Tochter des freundlichen Dorfpolizisten. Sie ist noch Azubi, lernt bei einem hiesigen Geflügelzüchter, der Pleite ist und demnächst schließen wird. Ihre Mutter, die Frau des Polizisten, wird demnächst im Arbeitsamt eine Nummer ziehen. Sie war angestellt bei einer Bank, die die Filialen schloss, weil sie alles, was im Osten abzugreifen war, abgegriffen hat. Der Gedanke an ein Versetzungsgesuch ist dem Polizeihauptmeister nicht nur einmal gekommen. Dabei liebt er diese Gegend, auch weil sie entgegen dem nun wieder aufgewärmten Ruf als »Terror-City« so wunderbar friedlich ist.

Kürzlich las ich in einem Buch folgende Charakteristik: »Ein Wesen, in dem die Liebe verkörpert war, nicht nur zur Menschheit, sondern zum einzelnen Menschen« – ich musste dabei sofort an Wolfgang denken, denn es beschreibt den Wesenszug, den ich an ihm am meisten mochte.

Birgit Hogefeld über Wolfgang Grams


27.06.03, Neues Deutschland

Der ganz alltägliche Ausnahmezustand
Rolf Gössner über Bad Kleinen und die Folgen

Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Publizist, (Foto: Schneider-Sonnemann) gilt als engagierter Kritiker der »Inneren Sicherheit«. Im Herbst erscheint im Knaur-Verlag sein neues Buch: »Geheime Informanten. V-Leute des Verfassungsschutzes: Kriminelle im Dienst des Staates«. Mit ihm sprach Tom Strohschneider.

ND: Zehn Jahre nach den Vorgängen in Bad Kleinen ist der Tod Wolfgang Grams’ weiter umstritten: Tötung oder Selbstmord?
R. Gössner: Auch wenn staatliche Stellen von einer Selbsttötung ausgehen und Gerichte einen hinreichenden Tatverdacht gegen beteiligte Polizisten verneinen – der Tod von Wolfgang Grams bleibt mit vielen Fragezeichen verbunden. Es gibt Augenzeugen für einen polizeilichen Todesschuss, aber keine für einen Suizid. Und für den Rechtsmediziner Wolfgang Bonte ist die staatliche Selbstmord-Version schlicht unhaltbar. Anders gesagt: Bad Kleinen zeigt, wie der ungeheuerliche Vorwurf eines »staatlichen Mordes« kleingearbeitet und in einen unbewiesenen »Selbstmord« umdefiniert wurde, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber empörte.

Sind nach der vermeintlichen »Pannenserie« der Behörden richtige Konsequenzen gezogen worden?
Weder der Fahndungseinsatz wurde wirklich aufgeklärt noch wurden geeignete Konsequenzen gezogen. Rücktritte und Versetzungen reichen jedenfalls nicht aus, höchstens als Eingeständnis von Fehlverhalten. Fest steht: Nach dem Fahndungsdesaster wurde eine Nachrichtensperre verhängt, und Ermittlungsbeamte haben wichtige Spuren vernachlässigt oder gar verwischt. Es ist unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten unverzeihlich, dass angesichts solcher Ermittlungspannen und Vertuschungen – aber auch angesichts der Bedeutung des Falls – noch nicht einmal Anklage erhoben und ein ordentliches Strafverfahren durchgeführt wurde, um die Angelegenheit nach allen Regeln der Kunst zu prüfen.

Steht es um die Überprüfung tödlicher Polizeischüsse – in den letzten Jahrzehnten starb im Durchschnitt jeden Monat ein Mensch – sonst besser?
Bei der gerichtlichen Aufarbeitung solcher Fälle werden viele Ursachen häufig ausgeblendet – also jene Sicherheitsrisiken, die mit Polizeibewaffnung, Schießausbildung, Eigensicherung und Fahndungsbedingungen verbunden sind. Sind Angehörige von Spezialeinsatzkommandos beteiligt, so können ihr geheimpolizeilich-konspirativer Auftrag, die praktizierte Abschottung und der ausgeprägte Korpsgeist solcher Einheiten dazu führen, dass eine rechtsstaatliche Überprüfung der Vorfälle systematisch behindert wird. Insgesamt ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Ermittlungsverfahren gegen schießende Polizeibeamte eingestellt werden oder mit Freispruch enden.

Das gegen die militanten Linken errichtete Sicherheitsinstrumentarium wird dagegen gern genutzt – nun auch gegen »ausländische Terroristen«. Wogegen richtet sich eigentlich die Verfolgung: gegen politische Meinungen oder kriminelles Handeln?
Gerade im Bereich des politischen Strafrechts spielt die Meinung der Betroffenen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Speziell beim § 129a Strafgesetzbuch mit seiner Tatbestandsvariante »Werben für eine terroristische Vereinigung« handelt es sich letztlich um Gesinnungsstrafrecht – denn Werben ist in aller Regel eine rein verbale »Tat«. Inzwischen wird das bloße Werben allerdings nicht mehr unter Strafe gestellt, wenn es sich um reine Sympathiewerbung für eine »terroristische Vereinigung« oder ihre Ziele handelt.

Bad Kleinen bildete gewissermaßen das Ende einer Entwicklung, die 1977 ihren Höhepunkt hatte. Ist das Kapitel »bewaffneter Kampf« abgeschlossen?
Nicht, solange ehemalige RAF-Angehörige in den Gefängnissen sitzen, solange die Todesumstände der im Hochsicherheitstrakt von Stammheim umgekommenen Gefangenen nicht aufgeklärt sind. Die Bundesrepublik trägt noch spürbar an der Erblast der Terrorismus-Hysterie des »Deutschen Herbstes«. Die damals höchst umstrittenen Sondergesetze sind zum innenpolitischen Standard geronnen, auf den die herrschende Politik der »Inneren Sicherheit« später trefflich aufzubauen wusste – zuletzt nach den Anschlägen vom 11. September mit den hochproblematischen »Anti-Terror-Paketen«. Diese Art von staatlichen »Anti-Terror«-Reaktionen hat Bürgerrechte demontiert und dem Rechtsstaat schweren Schaden zugefügt. Wir leben längst in einem permanenten, ganz alltäglichen Ausnahmezustand.


27.06.2003, taz Nr. 7089, Seite 8

Zwei Tote bei der "Weinlese"
Vor zehn Jahren starben das RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella auf dem Bahnhof Bad Kleinen. Innenminister Seiters und Bundesanwalt von Stahl traten zurück, doch der genaue Ablauf der Aktion ist bis heute ungeklärt

von WOLFGANG GAST

Schon das Codewort verrät, dass die Ermittler endlich einmal einen Erfolg verkünden wollten. "Weinlese" nennen sie den Einsatz, der sie nach den Jahren der erfolglosen Fahndung endlich einmal zur Festnahme von Terroristen der "Roten Armee Fraktion" führen soll.

Die Weinlese wird zum Desaster. Am 27. Juni 1993, heute vor zehn Jahren, kommt es auf dem Bahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen zu seinem Höhepunkt. Der Versuch, die RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld festzunehmen, mündet in eine wilde Schießerei. Am Ende sind der Polizeibeamte Michael Newrzella und das RAF-Mitglied Grams tot. Grams Gefährtin Hogefeld wird verhaftet.

Anfangs wird die tödliche Aktion noch als Erfolg der Terrorismusbekämpfer gefeiert. Das ändert sich schlagartig, als mit den Aussagen einer Kioskverkäuferin und eines anonymen Polizeibeamten ein Verdacht aufkommt: Als Grams bereits wehrlos auf den Gleisen lag, sei er von der Polizei aus nächster Nähe gezielt erschossen worden - womöglich aus Rache für den getöteten Kollegen Newrzella.

Die Medien recherchieren immer neue Pannen bei Vorbereitung und Ausführung des Einsatzes. Innenminister Rudolf Seiters tritt wenig später zurück. Und der oberste Terroristenjäger der Republik, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, muss seinen Hut nehmen. Leitende Beamte des Wiesbadener Bundeskriminalamtes ebenso.

Die Schießerei beschäftigt monatelang den Bundestag, den Bonner Innenausschuss und mehrere Staatsanwaltschaften. Pannen über Pannen zählt schließlich auch ein Schlussbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen auf. Nur der böse Verdacht, dass Beamte der Grenzschutzsondereinheit GSG 9 das RAF-Mitglied exekutiert haben könnten, wird nach und nach entsorgt. Trotz gegenteiliger Zeugenaussagen, trotz einer Vielzahl an Unstimmigkeiten, trotz widersprüchlicher Expertengutachten.

Der Freispruch für die unter Verdacht stehenden Elitebeamten erfolgt im Umkehrschluss. "Es gibt somit auch aus unserer Sicht keine neuen Erkenntnisse, die zwingend gegen eine Selbstbeibringung des Nahschusses durch Grams sprechen würden": Mecklenburg-Vorpommerns damaliger Justizminister Herbert Helmrich (CDU) ist einer der Ersten, der auf Freispruch plädiert. Helmrich räumt zwar ein, dass es eine "lupenreine" Rekonstruktion der Vorgänge nicht gibt. Aber der erste Schritt, den Verdacht zu beseitigen, ist getan.

Verdachtsentsorgung betreibt auch die Schweriner Staatsanwaltschaft, die das "Todesermittlungsverfahren" führt. Die Todesumstände seien "widerspruchsfrei durch Selbstbeibringung" zu erklären.

Folgt man der Lesart der Staatsanwälte und dem Tenor des regierungsamtlichen Schlussberichts, dann hat sich Grams Tod etwa wie folgt zugetragen: Beim Versuch der Festnahme im Fußgängertunnel des Bahnhofs flüchtet Grams die Treppe zum Bahnsteig hinauf. Innerhalb von fünf oder sechs Sekunden feuert er an die zehnmal mit seiner Pistole. Er erschießt den GSG-9-Beamten Newrzella, der ihm auf der Treppe in kurzer Distanz folgt. Ein weiterer Polizist wird von Grams angeschossen.

Alles geschieht im Laufen. Grams, der das obere Treppenende erreicht, wird dann durch einen Bauchschuss und vier weitere Treffer schwer verletzt. Er stürzt rücklings auf die Gleise, ohne seine Waffe zu verlieren. Angesichts seiner aussichtslosen Lage fasst er den Entschluss, sich zu erschießen. Grams tötet sich mit einem Schuss in die Schläfe.

Selbst gestandenen Terrorismusfahndern leuchtet ein solcher Ablauf nicht ein. Dass ein von einer Polizeikugel mit voller Wucht Getroffener noch in der Lage sein soll, in Sekundenfrist den eigenen Suizid zu beschließen und durchzuführen, das scheint den Polizeipraktikern ziemlich ausgeschlossen.

Widerspruchsfrei ist die These von der Ermordung Grams allerdings auch nicht. So stellt sich heraus, dass der vom Spiegel präsentierte, anonym gebliebene Beamte zeitgleich an mehreren Orten gewesen sein muss, wenn er die von ihm behaupteten Vorgänge selbst beobachtet haben will. Und die Aussage der Kioskbesitzerin soll ein Fernsehjournalist redigiert haben.

Umso wichtiger wäre es gewesen, die Vorgänge vor Gericht oder von einem Parlamentsausschuss klären zu lassen. Dazu kommt es aber nicht. Grams Eltern scheitern mit ihrem Versuch, eine Untersuchung gerichtlich zu erzwingen. Und die Bundesregierung erklärt den Fall trotz aller offenen Fragen mit Vorlage ihres "Abschlussberichtes" für erledigt.


27.06.2003, taz Nr. 7089, Seite 8

pannen & patzer
Der Einsatz der GSG 9

Die versuchte Festnahme der RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld geriet der GSG 9 zur Pleite, nicht nur weil Grams und der Polizist Michael Newrzella erschossen zurückblieben.

- Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen. Diese wären während der Observation aufgefallen
- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen" kein Notarzt
- Aufgrund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams vorbei
- Der Polizist Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet, als Grams ihn erschoss
- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile
- Ein Beamter, der verletzt wurde, gab seine Waffe den Ermittlern erst nach einer Woche
- Bei der als äußerst gefährlich geltenden Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt
- Grams Leiche wurde nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Spuren an der linken Hand wurden nicht gesichert - dpa


27.06.2003, Der Tagesspiegel

Schweigen am Gleis
Vor zehn Jahren starben am Bahnhof von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Wer wen erschoss, ist bis heute umstritten. In dem Ort will kaum jemand mehr über den Vorfall reden

Von Jan Freitag

Ein Tag im Frühsommer. „Da, ein Hubschrauber“. Christian Poppe zeigt nach oben. „Wie damals.“ Von seiner Terrasse aus genießt er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte das Provinznest weiter.

Auch jetzt scheint die Sonne durch eine löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197 Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf den vermeintlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.

Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem verbogenen Gitterstab. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Die Strebe im Geländer „haben wir erhalten“. Er schwenkt nach rechts. „Und da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?“. Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen, als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall.

Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was … Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein. Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung – die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen, von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt. Noch aufregender als das Ereignis selbst „waren die Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten“, berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos. Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen, doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter Schluss. „Wir wissen schlichtweg nicht“, verkündete ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, „was genau passiert ist“. Fall erledigt. Seither, sagt Hans Kreher, „ist alles ruhig“.

So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig 3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation, mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz das Café auf der Plattform gegenüber. Stets im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still, als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung aufmachte.

Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere. Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht. Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper. Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen, um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre nie dort gewesen. „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll, hat die 44-Jährige Grams’ Hinrichtung beobachtet – durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft waren, ist Teil der Legende.

Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz. Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von ’93, sagt sie, „interessiert im Dorf keinen“. Anschlussreisende dagegen schon eher. „Eine Bockwurst, und sagen sie: War hier nicht mal … „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“ Seit 1995, als sie den Pachtvertrag abschloss.

„Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit“, meint Ex-Bürgermeister Kreher. „Arbeitslosigkeit, das hat die Leute interessiert“. Auch heute sucht jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt, der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag gekündigt. Von der „Sache mit dem Terroristen“ haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen, gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.


27.06.2003, Der Tagesspiegel

Schief gelaufen
Der GSG-9-Einsatz war wie die anschließenden Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet.

Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen. Diese wären während der Observation aufgefallen, dünnere Westen standen nicht zur Verfügung. Im Bahnhofsbereich war „aus Tarnungsgründen“ kein Notarzt.
Auf Grund eines Funklochs hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams vorbei.
Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet.
Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.
Bei der als äußerst gefährlich geltenden Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.
Grams Leiche wurde entgegen den Regeln des Bundeskriminalamtes nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke abgenommen wurden.dpa


27.06.2003, Berliner Zeitung, Seite 3

Totes Gleis
Vor zehn Jahren starben in Bad Kleinen ein mutmaßlicher Terrorist und ein GSG-9-Mann. Erinnerung an einen Tag, an den nicht erinnert wird

Andreas Förster

BAD KLEINEN, im Juni. Angst geht um im Buchenring. In den letzten vier Jahren sind in dem kleinen Neubaugebiet am Rande von Bad Kleinen knapp ein Dutzend Hauskatzen verschwunden. Manfred Stein will das nicht länger hinnehmen. In den letzten Tagen hat er bei den Nachbarn Handzettel verteilt ("Ist unser Wohngebiet katzenfeindlich?") und zur Gründung einer Bürgerinitiative aufgerufen. Jeder, dem eine Katze abhanden gekommen ist, soll eine schriftliche Strafanzeige gegen unbekannt bei der Polizei erstatten, fordert er. "Die Beamten haben natürlich gemault, als die ersten mit einer Anzeige kamen", erzählt Manfred Stein. "Aber sie mussten das entgegennehmen, wir leben ja in einem demokratischen Rechtsstaat."
Zehn Jahre ist es her, dass in dem gleichen Bad Kleinen, das jetzt im Namen des Rechts den Katzenräuber vom Buchenring jagt, der demokratische Rechtsstaat Deutschland in Schwierigkeiten geriet. Am frühen Nachmittag des 27. Juni 1993, einem Sonntag, war eine Polizeiaktion auf dem Bahnhof des Ortes außer Kontrolle geraten. Das Desaster von Bad Kleinen bezahlten der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang Grams mit dem Leben.

Zur Staatskrise geriet der Zugriff, als das ARD-Magazin "Monitor" und der Spiegel wenige Tage nach der Aktion Zeugen präsentierten, die eine Hinrichtung Grams durch einen GSG-9-Beamten beobachtet haben wollten. Schlampige Ermittlungen durch das Bundeskriminalamt, vertuschte Spuren und diverse Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung der Abläufe des Geschehens verstärkten in den folgenden Wochen den Verdacht, dass ein Beamter - möglicherweise aus Rache für den erschossenen Kollegen Newrzella - kurzen Prozess mit dem RAF-Mann Grams gemacht haben könnte.

Ein ungeheuerlicher Verdacht. Er beendete seinerzeit die Karrieren einer Reihe hochrangiger Staatsdiener: Bundesinnenminister Rudolf Seiters musste zurücktreten, sein Polizeikoordinator Wolfgang Schreiber wurde ebenso entlassen wie Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, Beamte des Bundeskriminalamtes aus der Anti-Terror-Abteilung wurden strafversetzt.

Die knapp viertausend Einwohner des am Nordufer des Schweriner Sees liegenden Ortes leben noch immer mit der Geschichte. Dabei wären sie so gern das Stigma des "RAF-Städtchens" los. Von jedem, den man in Bad Kleinen auf die Vorgänge von vor zehn Jahren anspricht, erhält man die gleiche Antwort: Es bringe nichts, immer wieder in der Sache herumzustochern, das habe doch nichts mit Bad Kleinen zu tun, überall hätte das passieren können - und bitte erwähnen Sie nicht meinen Namen. Einer schreit: "Lassen Sie uns endlich in Ruhe!" Und ein anderer schimpft, man solle lieber darüber schreiben, dass hier in Bad Kleinen früher alle Arbeit hatten und heute jeder Fünfte auf der Straße stehe. "Das gehört auch zur deutschen Geschichte", sagt der Mann.

"In der Firma meiner Frau in Lübeck hat jetzt ein Praktikant aus den USA angefangen, ein junger Mann", erzählt Manfred Stein aus dem Buchenring. "Als meine Frau ihm sagte, dass sie in Bad Kleinen lebt, sagte der Amerikaner: Das ist doch die Stadt, wo damals dieser Terrorist erschossen wurde. Unser Bad Kleinen ist eine Fußnote in der Weltgeschichte, aber glauben Sie mir: Stolz ist hier niemand darauf."

Zum Mythos von Bad Kleinen hat vor allem beigetragen, dass die Umstände, unter denen Newrzella und Grams ihr Leben verloren, bis heute nicht aufgeklärt sind. Hat sich der angebliche RAF-Terrorist, nachdem er Newrzella erschossen und von mehreren Kugeln getroffen auf das Gleis 4 gestürzt war, selbst mit einem Kopfschuss gerichtet? So lauten die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen von Ermittlungsbehörden, Bundesregierung und Staatsanwaltschaft.

Oder wurde Grams mit einem aufgesetzten Kopfschuss durch einen GSG-9-Beamten getötet, nachdem er bereits wehrlos am Boden lag? So will es ein am Einsatz beteiligter Grenzschutzbeamter beobachtet haben, der sich damals dem Spiegel anvertraute, aber seine Aussage vor Ermittlern nicht wiederholte. Und so will es auch die Verkäuferin Joanna Baron gesehen haben, die im Bahnhofskiosk am Gleis 4 stand und sich vor lauter Angst in einen Schrank verkrochen hatte. Frau Baron wiederholte ein paar Mal ihre Aussage, verwickelte sich dann aber in Widersprüche und verstummte schließlich, als einige Medien damit begannen, sie als Trinkerin und Wichtigtuerin darzustellen. Heute lebt sie zurückgezogen in Wismar, verjagt alle Journalisten und will von Bad Kleinen nichts mehr hören.

Letztmals befasste sich die Justiz im Jahre 1998 mit den Todesumständen von Wolfgang Grams. Vor dem Bonner Landgericht hatten dessen Eltern die Bundesregierung auf Erstattung der Beerdigungskosten für ihren Sohn verklagt. Die Bonner Richter lehnten die Klage ab, stellten aber gleichwohl fest, dass es weder für eine Fremdtötung noch für einen Selbstmord Grams überzeugende Beweise gebe.

Tatsächlich wird man wohl auch keine überzeugenden Beweise mehr für eine der beiden Tatversionen finden. Zu gründlich sind unmittelbar nach der Schießerei auf dem Bahnhof alle Spuren verwischt worden, was für sich genommen schon verdächtig ist.

Da durften die GSG-9-Beamten ihre Waffen reinigen, bevor sie von den Ermittlern beschlagnahmt wurden, da sind Grams Hände gewaschen worden, noch ehe ein Gerichtsmediziner sie auf Schmauch- und Pulverspuren untersuchen konnte, da kamen Ton- und Filmdokumente von dem Einsatz abhanden. Unklar ist bis heute, wer der Mann war, der die Schießerei vom nahen Bahnübergang aus fotografierte. Unbeantwortet ist auch die Frage, warum sich auf der Treppe, auf der Michael Newrzella von Grams niedergeschossen worden sein soll, kein Blut fand. Und warum schlugen die Fahnder erst an jenem 27. Juni zu, obwohl sie an den Tagen zuvor bereits zwei Treffen von RAF-Terroristen in Bad Kleinen überwacht hatten ohne einzugreifen?

Auf die Fragen gibt es bis heute keine Antwort. Inzwischen hat sich die Sprachregelung vom "missglückten Polizeieinsatz" durchgesetzt. Damals wie heute mangelt es an politischem Willen, die wahren Hintergründe des Desasters restlos aufzuklären. Auch in Bad Kleinen gibt es niemanden, der sich noch dafür interessiert. Vor fünf Jahren flammte kurz nur eine Diskussion darüber auf, ob man zur Erinnerung an die getöteten Michael Newrzella und Wolfgang Grams eine kleine Gedenktafel am Bahnhof von Bad Kleinen anbringen sollte. Heute aber käme wohl niemand mehr auf die Idee, ein solches Ansinnen vorzustellen. "Lieber sollte man eine Gedenktafel für unseren Bahnhof anbringen", sagt ein Bahnmitarbeiter. "Um den kann man wirklich trauern."

Ende des 19. Jahrhunderts war der Bahnhof von Bad Kleinen zu einem Verkehrsknotenpunkt ausgebaut worden. Seitdem kreuzen sich hier die Eisenbahnlinien von Schwerin nach Wismar und von Rostock nach Hamburg. Zu DDR-Zeiten entstand in Bad Kleinen zusätzlich ein riesiger Rangierbahnhof. Bis zu zweitausend Güterwagen wurden hier täglich auf ihrem Weg von und nach den Ostseehäfen in Rostock und Wismar zu Zügen zusammengekoppelt.

Heute gibt es keinen Rangierbahnhof mehr, die Gleise sind von Gras überwuchert. Der Bahnhof, der mehr als hundert Jahre lang das Leben der Menschen von Bad Kleinen prägte, ist für die Bahn bedeutungslos geworden. Verlassen steht das alte Bahnhofsgebäude da, an den geweißten Wände blättert Farbe ab. Wer das Haus betritt, läuft durch einen langen leeren Gang, vorbei an mit Holz vernagelten Fenstern und Schaukästen. Am Ende des Flurs versperrt eine weiße Tür den Durchgang zur ehemaligen Schalterhalle. Hinter den vernagelten Fenstern befand sich früher das Billard-Café, in dem Wolfgang Grams am 27. Juni 1993, eine Stunde vor seinem Tod, Würzfleisch und Wiener Würstchen aß.

Mit ihm am Tisch saßen damals seine Freundin Birgit Hogefeld, die unverletzt festgenommen werden konnte und heute eine lebenslängliche Haftstrafe absitzt, und Klaus Steinmetz, ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der die Fahnder auf die Spur der beiden mutmaßlichen RAF-Terroristen gebracht hatte und heute unter neuer Identität irgendwo lebt.

Es war das fünfte Mal, dass sich das Trio heimlich traf. Hogefeld und Grams waren schon vor Jahren in den Untergrund gegangen und hielten über Freunde und Unterstützer den Kontakt zur Außenwelt. Irgendwie war es Steinmetz gelungen, in dieses konspirative Netz einzudringen. Noch heute wird dies als Glücksfall für die Terroristenjäger von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt dargestellt, denen es angeblich nie zuvor gelungen war, einen Spitzel an die Kommandoebene der RAF heranzuführen.

Was Steinmetz aber von Hogefeld und Grams erfuhr, was er seinen Verbindungsführern beim Geheimdienst über die Strukturen der Terrorgruppe und ihr Helfernetz berichtete, ob er überhaupt der Superspitzel war, zu dem er nach Bad Kleinen von den Medien erklärt wurde - all das ist bis heute nicht geklärt, weil die Berichte des V-Manns nach wie vor strengster Geheimhaltung unterliegen. Die Rote Armee Fraktion, die es nicht mehr gibt, ist auch heute noch ein Staatsfeind und eine Staatsaffäre.

An diesem Freitag wird wie an jedem Freitag gegen 15.15 Uhr im Bahnhof von Bad Kleinen ein Zug auf Gleis 4 einfahren und auf die Weiterfahrt nach Rostock warten.

Die Kioskverkäuferin steht dann vielleicht gerade am Fenster und schaut zu den Treppen, die zur Unterführung hinabführen und auf denen zehn Jahre zuvor um die gleiche Zeit Michael Newrzella verblutete. Möglicherweise dreht sie dann leicht den Kopf und blickt auf die Stelle von Gleis 4, wo Wolfgang Grams starb.

Nach ein paar Minuten wird der Zug nach Rostock den Bahnhof wieder verlassen. Viel mehr wird nicht geschehen an diesem Tag, zu dieser Stunde in Bad Kleinen. Zehn Jahre danach.


27.06.2003, Schweriner Volkszeitung

Totes Gleis an Bahnsteig 4
Vor zehn Jahren starben Michael Newrzella und Wolfgang Grams in Bad Kleinen

Bad Kleinen 27. Juni 1993: Bürgermeister Hans Kreher geht mit seiner Tochter am Schweriner See spazieren, als im nahen Bad Kleinen das Chaos ausbricht: Anti-Terror-Einheiten stürmen in den Bahnhof, Schüsse fallen. Bei der Aktion gegen die Rote Armee Fraktion (RAF) sterben der Polizist Michael Newrzella, der Terrorist Wolfgang Grams - und der Mythos GSG 9. In Deutschland droht eine Staatskrise.

Von Matthias Hufmann

Kreher eilt vom See zurück. Vom Plan der Fahnder, ausgerechnet in seinem Ort loszuschlagen, weiß er nichts. Er erinnert sich nur an den seltsamen Hinweis, die Gemeinde solle die Papierkörbe am Bahnhof nicht leeren - dienen sie als geheime Briefkästen? "Ich musste wissen, was los ist." Weit kommt Kreher jedoch nicht. Das Einsatzgebiet ist abgesperrt. Seine Fragen bleiben unbeantwortet. Erst später geben die Beteiligten der Staatsanwaltschaft widerwillig Auskunft. So kommt Stück für Stück heraus, was in Bad Kleinen geschah - eine beispiellose Serie von Pannen und Verschleierungsversuchen.

Aus Wismar angereist - von Spitzel begleitet
Heute vor genau zehn Jahren treffen die Terroristin Birgit Hogefeld und Klaus Steinmetz um 12.58 Uhr mit dem Zug aus Wismar ein. Seit Tagen schon werden sie observiert. Der Verfassungsschutz ist Hogefeld dabei näher als sie ahnen kann: Ihr Begleiter ist V-Mann. Die RAF-Frau und der Spitzel gehen ins "Billard-Café", der Bahnhofsgaststätte von Bad Kleinen. Gegen 14 Uhr holt Hogefeld einen Mann vom Bahnsteig ab - Wolfgang Grams. Seit ihrem Abtauchen in die Illegalität 1984 werden die beiden der Kommandoebene der Roten Armee Fraktion zugerechnet.

Zwei Zugriffstrupps sind in Bereitschaft
Hogefeld, Grams und Steinmetz bleiben bis 15.15 Uhr in der Kneipe, gehen dann Richtung Tunnel. Zwei Zugriffstrupps der GSG 9 mit 16 Beamten warten an den Bahnsteigen und am Treppenaufgang zum Vorplatz auf ihren Einsatzbefehl. Trotz der Planungen kommt dieser völlig unerwartet. Ein zivil gekleideter Beamter läuft die Unterführung hinunter und trifft auf Grams und Steinmetz. Möglicherweise habe er einen Funkspruch missverstanden, heißt es im Abschlussbericht der Schweriner Staatsanwaltschaft. Was tun? Die GSG 9 löst den Zugriff aus.
Der Beamte im Tunnel nimmt die jetzt neben ihm stehende Hogefeld fest, auch V-Mann Steinmetz leistet keinen Widerstand. Grams aber flüchtet die Treppe hinauf Richtung Bahnsteig 4. Die Anti-Terror-Gruppe folgt. Als sich der Abstand verringert, dreht sich Grams um und schießt. Michael Newrzella sinkt zu Boden, er ist tot. Drei weitere GSG 9-Männer werden getroffen. Die Verfolger erwidern das Feuer, schießen vermutlich ohne zu zielen auf den Bahnsteig. Eine Lok im Hintergrund wird getroffen, ein Geschosssplitter steckt im Oberarm von Schaffnerin Sigrid Helberg.
Wolfgang Grams stürzt mit Bauch-, Streif- und Beinschüssen ins Gleisbett. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hält er sich seine Waffe an den Kopf und drückt ab. Um 15.36 Uhr landet der Rettungshubschrauber in Bad Kleinen, um 17.30 Uhr stirbt Grams in der Uni-Klinik Lübeck.
Zur selben Zeit kursieren bereits die ersten Gerüchte. Wurde der Terrorist womöglich durch die beiden nachrückenden Beamten erschossen? Aus Rache für den Tod von Newrzella? "Der Spiegel" zitiert später einen namentlich nicht genannten Polizisten, der genau das vor Ort gesehen haben will. Auch die Kioskverkäuferin Joanna Baron vertritt die These - und beeidet ihre Aussage.

17 "Schwachstellen" im Untersuchungsbericht
Aus dem Verdacht wird eine öffentliche Anklage, die droht, sich zu einer Staatskrise auszuweiten. Die Republik habe damals "gewackelt", erinnert sich der frühere Chef des Bundeskriminalamtes, Hans-Ludwig Zachert. Einsatzkräfte und Ermittler allerdings haben kräftig dazu beigetragen.
17 "Schwachstellen" listet ein Bericht für den Bundestag auf. Die gravierendsten Mängel: Die GSG 9-Leute trugen keine schusssicheren Westen. Herkömmliche wären aufgefallen, dünne Westen standen nicht zur Verfügung. Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe - ein Indiz dafür, dass die Einsatzkräfte gar nicht wussten, hinter wem sie eigentlich her waren. Ein Funkloch im Bahnhofstunnel verhinderte genaue Absprachen. Birgit Hogefelds Waffe wurde erst im Polizeiwagen entdeckt.
Pannen über Pannen: Seit Bad Kleinen ist der Mythos GSG 9 zerstört, die "Helden von Mogadischu" machten peinliche Fehler. Für die Eliteeinheit war der Einsatz eine einzige Katastrophe - Fortsetzung folgte.
Von Wolfgang Grams Händen wurde Blut weggewaschen, noch ehe ein Gerichtsmediziner sie untersuchen konnte. Beamte reinigten vor der Schussprüfung ihre Waffen, Filmdokumente verschwanden, Spuren wurden nur schlampig gesichert. Als sich der Leitende Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz selbst ein Bild vor Ort machen wollte, fand er noch Tage nach der Aktion Sägemehl im Gleisbett, das Blut und ein Projektil bedeckte. "Blamabel", so sein Kommentar.
Schwarz hatte ohnehin mit widrigen Bedingungen zu kämpfen. Zwischen den Ermittlungsbehörden gab es "schwerwiegende Koordinierungsdefizite", heißt es im Bericht für den Bundestag. Die Öffentlichkeit wurde zum Teil falsch informiert, Strafverfolger erfuhren von neuen Erkenntnissen aus der Zeitung, Wesentliches wurde verschwiegen. "Vom dritten Festgenommenen habe ich erst erfahren, als ich ihn auf einem Videoband sah", sagt Schwarz.

Vermummte Zeugen zur Aussage eingeflogen
Kein Wunder, dass die Mordtheorien nicht verstummten. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde entlassen, Innenminister Rudolf Seiters (CDU) trat zurück, um "ein Signal zu setzen, dass nichts vertuscht wird".
In Schwerin wurde der Rückzug anders verstanden. "Da kocht noch was", dachte Gerrit Schwarz und ermittelte weiter. Dutzende Zeugen wurden vernommen, die GSG 9-Beamten wurden vermummt eingeflogen. Selbst mit dem Spitzel Steinmetz konnten Schwarz und seine Kollegen reden - unter konspirativen Bedingungen in einem Hotel im Rheinland.
Beweise für einen Mord fand die Staatsanwaltschaft allerdings nicht. Am 13. Januar 1994 wurde das Verfahren gegen die beiden GSG-Leute, die zuerst bei Grams waren, eingestellt. Der "Spiegel"-Informant gab sich nicht zu erkennen, die Angaben der Kioskverkäuferin waren widersprüchlich. Heute will sie über die Ereignisse von 1993 nicht mehr sprechen. Sie lebt zurückgezogen an der Küste.

Akte im vergangenen Jahr endgültig geschlossen
Also keine Verschwörung? "Dann hätten sich die Einsatzkräfte geschickter angestellt", vermutet Schwarz. Sein Ermittlungsergebnis wird vor allem von einem Gutachten der Züricher Polizei gestützt, wonach sich Grams selbst erschossen hat. Das Spurenbild an der Waffe lasse keinen anderen Schluss zu.
Am 2. Januar 2002 wurde die Akte "Bad Kleinen" endgültig geschlossen. Die Eltern von Grams hatten zuvor jahrelang erfolglos prozessiert und gingen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
In Bad Kleinen spielt der 27. Juni 1993 längst keine große Rolle mehr. Birgit Hogefeld sitzt in Haft, Klaus Steinmetz lebt mit neuer Identität vermutlich irgendwo in Deutschland. Zur Ruhe gekommen ist Gerrit Schwarz trotzdem nicht: Die Ermittlungsakte steht noch immer in seinem Büro. "Mehr als 95 Prozent des Zugriffs können wir rekonstruieren." Ganz zufrieden ist er damit aber nicht: 100 Prozent werden es wohl nie sein.


27.06.2003, Ostsee-Zeitung

Die Schüsse von Bad Kleinen interessieren nur noch Fremde
Vor zehn Jahren katapultierte eine Schießerei auf dem Bahnhof den Ort Bad Kleinen in die Medien. Heute interessiert der Tod des Terroristen Wolfgang Grams und des GSG-9-Beamten Michael Newrzella kaum noch jemanden.

Bad Kleinen (OZ) Christian Poppe (60) hatte am 27. Juni 1993 einen Logenplatz, als er vom benachbarten Bahnhof „erst die Knallerei hörte“ und dann die Polizeihelikopter kreisen sah. Auf seiner Terrasse am Schweriner See wurde Poppe Zeuge eines Polizeieinsatzes, der Bad Kleinen jäh aus seiner schläfrigen Idylle riss. Auf dem Bahnhof starben Wolfgang Grams, Mitglied der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), und der GSG-9-Mann Michael Newrzella.
Wer wen erschoss, bleibt wohl ewig ungeklärt. Klar ist dagegen, dass 54 Beamte zwei mutmaßlichen Terroristen auflauerten und nur Birgit Hogefeld lebend erwischten. Zwei Tote, 44 Schüsse, mehrere Verletzte, zahllose Ermittlungspannen und noch mehr offene Fragen – das ist die Bilanz, die Bad Kleinen seitdem immer in den Blickpunkt rückt.
Zum Leidwesen der Einwohner. Die nämlich blieben im Gegensatz zu Medien und Politik recht gelassen, ist heute oft in Bad Kleinen zu hören. „Ich musste keine Beruhigungsmittel verteilen“, sagt Apotheker Poppe sarkastisch. Der Grund liegt aus Sicht des damaligen Bürgermeisters Hans Kreher auf der Hand: Arbeitslosigkeit, die Umbrüche – „das hat die Leute mehr bewegt“. Der Wirbel um eine katastrophale Festnahmeaktion „war ja eher eine Wessiangelegenheit“.
Augenscheinlich erinnert nichts mehr an die Aktion vor zehn Jahren. „Fast nichts“, sagt Krehers Amtsnachfolger Siegfried Friese. Er zeigt auf einen verbogenen Gitterstab auf Bahnsteig 3/4. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Das einzige Denkmal. Mehr wollte niemand im Ort, betont Friese. Die Einwohner sind der Reduzierung ihrer Heimat auf zehn Sekunden überdrüssig.
Doch immer noch erzeugt Bad Kleinen ein Klingeln im kollektiven Gedächtnis. Bad Kleinen? Da war doch was! Und niemand hört das so oft wie Urda Klein. Sechs Tage die Woche steht die 55-Jährige im Bahnsteigkiosk, direkt am Tatort. „Im Dorf“, erzählt sie, „interessiert das keinen“. Reisende, die hier umsteigen, schon. Fürs Geschäft sei das nicht mal schlecht, findet Urda Klein. Eine Bockwurst bitte, berlinert und schwäbelt es oft, erzählt sie. Dann wird gefragt: Sagen Sie, war hier nicht . . .? „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“
Joanna Baron, die 1993 in dem langen Schlauch arbeitete, will nicht mehr reden: „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Ihre Stimme zittert. Von ihrem Kiosk aus, gab sie einst zu Protokoll, konnte sie sehen und hören, wie Grams von zwei Polizisten hingerichtet wurde. Staat und Justiz glaubten ihr nicht. Dass niemand Grams' Selbstmord beobachtet hat, Beweismittel verschwanden, Spuren beseitigt wurden und Köpfe rollten – all das scheint heute vergessen.
Ex-Bürgermeister Kreher fürchtete lange, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Aber spätestens, als nach dem letzten Prozess 1998 wegen „Beweislosigkeit“ die Akten endgültig zuklappten, „ist alles ruhig bei uns“.

Zum Foto: Hans Kreher (l.), vor zehn Jahren Bürgermeister von Bad Kleinen, steht mit dem heutigen Bürgermeister Siegfried Friese auf dem Bahnhof.

Text und Foto: JAN FREITAG


27.06.2003, Stuttgarter Nachrichten

Bad Kleinen
Jahrestag der Todesschüsse

Bad Kleinen - Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der vor zehn Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams, starben.
Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Obgleich jahrelange juristische und politische Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt.
Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns. Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde. Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete. Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.
Bei dem von den Eltern Grams angestrengten juristischen Marathon wegen angeblicher Ermordung ihres Sohnes, bis hin zu einer letztlich abgewiesenen Menschenrechtsbeschwerde an den europäischen Gerichtshof in Straßburg, schlossen die befassten Gerichte sich mehrheitlich der Selbstmordvariante an. Lediglich das Amtsgericht Bonn räumte im Februar 1999 in einem Zivilrechtsprozess ein, dass die Umstände des Todes von Grams ungeklärt seien und "weder Selbsttäterschaft bewiesen noch Fremdtäterschaft ausgeschlossen werden könne".
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatsschutz.

Lutz Jordan, AP


27.06.2003, Weser-Kurier

Pannen in der Provinz kosteten Minister das Amt
Vor zehn Jahren starben beim Anti-Terror-Einsatz der GSG 9 in Bad Kleinen zwei Menschen

Schwerin. Die Worte passten nicht so recht zueinander: RAF, GSG 9 – Bad Kleinen. Waren die Rote Armee Fraktion und die „Grenzschutzgruppe 9“ seit dem blutigen „Deutschen Herbst“ 1977 ein Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993: Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams.
Wie sich später herausstellte, waren den Fahndern in Bad Kleinen unglaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht hatten sie nach der Mörderin Birgit Hogefeld. Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter aber kaum beachtet.
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Topterroristen vor sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet hatte. In auswegloser Situation – so die spätere Darstellung – feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich selbst eine Kugel in den Kopf.
Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern des „antifaschistischen Widerstandskampfes“ blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu „Kampfmaschinen“ ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien.
Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das Image der „Helden von Mogadischu“ beschädigt. Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen: Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) – völlig unerwartet – seinen Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren, die der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler Kritiker verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei Tage später von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) entlassen.
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder im Jahr 1991 konnte per Gen-Analyse der Täter ermittelt werden. Der war da schon acht Jahre tot: Wolfgang Grams.
Chris Melzer (dpa)


27.06.2003, Frankfurter Rundschau Hochtaunus

HINDENBURGRING
Straßenschilder aus Protest geschwärzt

BAD HOMBURG. "Unbekannte" haben sämtliche Straßenschilder auf dem Hindenburgring in Bad Homburg geschwärzt. Darauf wies die antifaschistische Gruppe Bad Homburg (Antifa) gestern hin; sie wertet die Tat als einen "Akt der Zivilcourage". Es sei unerträglich, dass in Bad Homburg eine Straße nach dem "militaristischen Nationalisten" und "Steigbügelhalter des Nazi-Regimes" Hindenburg benannt sei.
Die Antifa-Gruppe schlägt vor, den Hindenburgring in Wolfgang-Grams-Ring umzubenennen Sie will so an den RAF-Aktivisten Wolfgang Grams erinnern, der vor zehn Jahren bei einem Polizeieinsatz in Bad Kleinen unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist. Dabei starb auch ein Polizeibeamter.


27.06.2003, ZDF heute-online

Der unerkannte Terrorist
Vor zehn Jahren GSG 9-Einsatz in Bad Kleinen

Waren die Rote Armee Fraktion und die "Grenzschutzgruppe 9" seit dem blutigen "Deutschen Herbst" 1977 ein Begriff, kannte das Städtchen am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993: Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella und der Topterrorist Wolfgang Grams. Er wurde zu spät erkannt.

Wie sich später herausstellen sollte, war den Fahndern in Bad Kleinen eine unglaubliche Panne unterlaufen. Gesucht hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld. Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch kaum beachtet.

Tödlich getroffen auf den Gleisen
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Terroristen vor sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet hatte.
In auswegloser Situation - so die spätere Darstellung - feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich selbst eine Kugel in den Kopf. Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit Hogefeld, wurde festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt

Zweifel an der Ereignisdarstellung
Die, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung über den Tod Grams, rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern des "antifaschistischen Widerstandskampfes" blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu "Kampfmaschinen" ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien.
Gestützt auch durch Angaben einer Verkäuferin vom Bahnhofskiosk, die das Geschehen verfolgt hatte. In einem Interview behauptete sie, einen polizeilichen Mord beobachtet zu haben. Zudem meldete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", ihm habe sich ein Beamter der GSG 9 offenbart, der die Aktion ähnlich schilderte.

Prozess gegen Staat und Justiz

Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler hinzu, quasi als unabhängige Instanz. Die Züricher Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten, ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.
Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen blieben ohne Erfolg.
Auch wenn an der Selbstmordtheorie heute kaum noch Zweifel bestünden, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt.

Der Skandal: Die Pannen-Serie
Der eigentliche Skandal war aber wohl nicht Grams Tod, sondern eher die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten trugen bei ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere Westen noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem die Spurensicherung das Gelände "abgegrast" hattte, fanden Passanten eine Patrone.
Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht. So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem 27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.

Seiters tritt zurück
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten Folgen: Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen Hut. Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln", die es bei den Bundesbehörden gegeben habe.Er übernehme die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem Amte festhält".
Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins Amt.

"Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu."
Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger

Stahl aus dem Amt
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik entlassen.
Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu." Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen. Erst nach langen Diskussionen einigten sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.

Konsequenzen im Bundeskriminalamt
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hat sich das Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass er gelogen habe.
Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt. Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.

Mit Material von dpa, AP


27.06.2003, ZDF heute-online

Keine Gedenksymbole auf dem Bahnhof
Vor zehn Jahren starben bei der Anti-Terroraktion der Polizist Michael Newrzella und RAF-Mitglied Wolfgang Grams

Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die Anti-Terroraktion vor zehn Jahren. Am 27. Juni 1993 starben hier der Polizist Michael Newrzella und das Mitglied der Roten-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams.

Obgleich jahrelange juristische und politische Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt. Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert.

Aus Angst vor Anschlägen
Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns. Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.

Blumen zum Jahrestag
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde.
Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete. Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.

Wachsamkeit beim Staatsschutz

Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatsschutz.


Donnerstag, 26. Juni 2003, n-tv

10 Jahre danach
Das Desaster von Bad Kleinen

Bad Kleinen - seit dem 27. Juni 1993 steht die kleine mecklenburgische Gemeinde als Synonym für eine missglückte Anti-Terror-Aktion und zugleich für einen politischen Skandal ersten Ranges. Unmittelbar nach dem Zugriff der GSG 9 auf die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams vor zehn Jahren sprach Generalbundesanwalt Alexander von Stahl noch stolz vom "ersten Erfolg gegen die RAF seit sieben Jahren" - und das, obwohl bei dem Einsatz der Polizeibeamte Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams im Kugelhagel starben.

Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Zugriff als polizeitaktisches Desaster. Binnen Tagen entwickelte sich die Angelegenheit zudem zu einer politischen Affäre. Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und das Innenministerium in Bonn lieferten entweder gar keine Informationen, Fehlinformationen oder widersprüchliche Informationen. Steckte hinter dem "absoluten Nahschuss" in den Kopf, an dem Grams starb, ein Selbstmord, ein Unfall oder gar eine gezielte Hinrichtung?

Seiters trat zurück

Tage- und wochenlang war Politikern und der Medienöffentlichkeit nicht klar, was sich wirklich auf dem Bahnhof zugetragen hatte. Die Konsequenz: Nicht einmal zwei Wochen vergingen, da waren der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters und auch Generalbundesanwalt von Stahl ihre Jobs los.

Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln", die es bei den Bundesbehörden gegeben habe. Er übernehme die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem Amte festhält".

Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins Amt.

Von Stahl wurde rausgeschmissen

Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik geschasst.

Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu." Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen. Erst nach langem Gezerre einigten sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.

Zweifel bis heute

Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hatte sich das Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass er gelogen habe. Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt.

Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.

Torsten Holtz, AP


25.06.2003, jungle world Nr. 27

Der Innenminister musste zurücktreten, der Generalbundesanwalt wurde versetzt. Warum eigentlich? Wolfgang Grams soll sich doch selbst erschossen haben. So zumindest lautet die offizielle Version der Ereignisse vor zehn Jahren auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Eine Wiederbegegnung mit dem Ort, der nichts zu bieten hat außer der Erinnerung an ein totes RAF-Mitglied.

Hier werden Terroristen erschossen
Vor zehn Jahren starb Wolfgang Grams, Birgit Hogefeld wurde festgenommen. In Bad Kleinen können sich alle genau an den Tag erinnern. Von Selbstmord spricht keiner. von martin kröger, bad kleinen

Auf dem Bahnhof von Bad Kleinen findet sich kein Hinweis mehr darauf, was hier vor zehn Jahren geschah.

Am 27. Juni 1993 war Wolfgang Grams, ein Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), bei einem Polizeieinsatz von mehreren Kugeln so schwer verletzt worden, dass er wenig später im Universitätsklinikum in Lübeck starb. Die Hauptursache für den Tod war nach offizieller Darstellung ein aufgesetzter Kopfschuss, den sich Wolfgang Grams, schon durch mehrere Schüsse schwer verletzt im Schotterbett des Gleises 4 liegend, selbst beigebracht haben soll. Ein zweites Mitglied der RAF, Birgit Hogefeld, war Augenblicke zuvor in der Unterführung, die die Bahnsteige verbindet und zum Ausgang führt, festgenommen worden.

Heute ist die Unterführung, die ursprünglich mal ein ziviler Luftschutzbunker war, frisch gestrichen, Graffiti sind mit grauer Farbe übertüncht. Eine Gedenktafel, die FreundInnen von Wolfgang Grams nach einer Demonstration 1993 angebracht hatten, wurde noch in derselben Nacht wieder entfernt. Nur ein Hinweisschild der Deutschen Bahn, das Versammlungen im Bahnhof verbietet, fällt auf.

Am Bahnsteig 3/4

"Nein, ich bin die Dame nicht." Die Verkäuferin im Kiosk auf dem Bahnsteig 3/4 reagiert sichtlich genervt auf die Frage, ob sie hier schon vor einem Jahrzehnt gearbeitet habe. Nachdem sie sich in die hinterste Ecke ihrer Imbissbude zurückgezogen hat, bringt sie immerhin hervor, dass sie es nicht mehr ertragen kann, ständig mit der damaligen Angestellten verwechselt zu werden. Die ganze Aufregung kann sie sowieso nicht verstehen: "Aus diesem läppischen Vorfall wird so ein Drama gemacht." Ab und zu kämen noch Journalisten vorbei, in letzter Zeit aber zusehends weniger, und außer ein paar Reisenden, die sich gelegentlich für den Tod von Wolfgang Grams interessierten, hätten doch die meisten vergessen, was hier passiert sei.

Der Bekanntheitsgrad ihrer Vorgängerin Joanna Baron hatte sich nach dem 27. Juni 1993 schlagartig erhöht. In ihrer Bude sitzend, wurde sie unfreiwillig Zeugin der Operation Weinlese, wie die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) ihren Einsatz nannte. Nicht einmal 15 Meter von dem Verkaufsstand entfernt endet der Aufgang aus der Unterführung zum Bahnsteig 3/4. Genau diesen Weg schlug Wolfgang Grams ein, als er bemerkte, dass sich vermummte Einsätzkräfte auf ihn stürzen wollten. Diesen Fluchtweg sollte Wolfgang Grams einschlagen, vermuten andere, da alle anderen Ausgänge aus der Unterführung ins Freie versperrt waren.

Was nach der darauf folgenden Schießerei geschah, beschrieb Joanna Baron, die Bad Kleinen bald verließ, weil sie bedroht und geschmäht wurde, so: "Dann traten zwei Beamte an den reglos daliegenden Grams heran. Der eine Beamte bückte sich und schoss aus nächster Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei sah der schon wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss, aus nächster Nähe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams entfernt. Dann schoss auch der zweite Beamte auf Grams, aber mehr auf den Bauch oder die Beine. Auch der Beamte schoss mehrmals." Ihre Aussage sorgte damals für Furore. Hatte "die wichtigste Zeugin der Nation", wie der Spiegel sie nannte, beobachten können, dass der Staat seine Gegner gezielt ermordete?

Im Wesentlichen gestützt wurde ihre Aussage damals von einem anonymen Zeugen des Bundeskriminalamts (BKA), der an dem Einsatz in Bad Kleinen beteiligt war. Dieser sagte dem Spiegel: "Ein Kollege von der GSG 9 hat aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern auf Grams gefeuert." Der Zeuge, der sich nie den Staatsanwälten offenbarte, resümierte: "Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution."

Der schlimmste Fall für die Regierung war eingetreten: "Polizeidebakel ohnegleichen", "Das Fiasko von Bad Kleinen", "Der Höhepunkt unter den nachkriegsdeutschen Polizeipannen" - die bürgerlichen Medien übertrafen sich. Im "größten innenpolitischen Skandal seit Bestehen der Bundesrepublik" war für ein paar Wochen die Glaubwürdigkeit der Regierung unter Helmut Kohl in Frage gestellt.

Um die Reputation Deutschlands wiederherzustellen, mußten Rücktritte her. Der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) übernahm die politische Verantwortung für Bad Kleinen und trat zurück, der Generalbundesanwalt bei der Bundesanwaltschaft (BAW), Alexander von Stahl, wurde in den Ruhestand versetzt, weitere Beamte des BKA und des Bundesinnenministeriums wurden entlassen oder in Rente geschickt.

Der V-Mann

Nachdem die ErmittlerInnen der Bundesanwaltschaft und des BKA in Bezug auf die RAF jahrelang im Dunkeln getappt waren, hatten die Informationen eines V-Mannes des Verfassungsschutzes, Klaus Steinmetz, zum Einsatz in Bad Kleinen geführt. Steinmetz war es als langjährigem Aktivisten in der autonomen Szene des Rhein-Main-Gebietes gelungen, Kontakt zur RAF und zu Birgit Hogefeld aufzunehmen.
Bereits einige Tage vor dem Sonntag, den Wolfgang Grams nicht überleben sollte, hatten sich Steinmetz und Hogefeld in Bad Kleinen getroffen. Sie verbrachten die Zeit bis zum 27. Juni im benachbarten Wismar. Bereits da überlegten BAW und BKA zuzuschlagen. Doch wurde der Zugriff durch die per Wanze abgehörte Ankündigung Hogefelds, es kämen noch weitere Freunde hinzu, verzögert. Ein größerer Schlag schien möglich.

Nachdem Wolfgang Grams in Bad Kleinen eingetroffen war, gingen die drei zunächst in der Bahnhofsgaststätte "Billardcafé" essen. Hier verzichteten die Einsatzkräfte auf einen Zugriff, vorgeblich weil ZivilistInnen hätten gefährdet werden können. Zur besagten Zeit waren allerdings nur zwei weitere zivile Personen, aber schon mehrere verdeckte ErmittlerInnen in der Gaststätte.

Erst in der Unterführung griff die GSG 9 an. Hogefeld und Steinmetz, die hinter Grams gingen, wurden festgenommen. Grams konnte in Richtung des Bahnsteigs fliehen. Im Verlauf des Schusswechsels zwischen Grams und den nachsetzenden Männern der GSG 9 starb der Beamte Michael Newrzella durch mehrere Schüsse, ein Kollege von ihm wurde ebenfalls verletzt.

Der Einsatzleiter des BKA, Rainer Hofmeyer, der jedes Wort zwischen Grams und Hogefeld belauschte und den Einsatz von Wiesbaden aus koordinierte, sagte damals: "Wir haben von der GSG 9 her keine Darstellung, keinen Verlaufsbericht. Da laufen ja auch die üblichen Todesermittlungsverfahren. Hier gab es dann einen Schusswechsel. Ich weiß nicht, wie nahe man dran war oder wie weit weg. Dabei lag letztlich Herr Grams tot auf den Gleisen. Das ist die Situation."

Außer der Zeugin Baron und dem anonymen BKA-Beamten will niemand etwas gesehen haben. Den angeblichen Selbstmord bezeugte bis heute niemand, die Bundesregierung verhängte eine Nachrichtensperre. Black Box BRD: das totale Schweigen.

Neun Monate später bestätigte der Abschlussbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen die Selbsttötungsversion - aus Mangel an gegenteiligen Beweisen. Der Kommentar des neuen Innenministers Manfred Kanther (CDU) lautete lapidar: "Die letzte Version ist immer die gültige."

Schon vorher waren die Ermittlungsverfahren gegen die beteiligten GSG 9-Beamten aufgrund der Mordvorwürfe eingestellt worden. Die in die Kritik geratenen Dienste und Sondereinheiten wurden rehabilitiert, ihre Kompetenzen und Einsatzbereiche teilweise sogar erweitert. Stimmen, die forderten, die GSG 9 aufzulösen, wie sie kurz nach dem Fall laut wurden, verstummten.

Die Pannen

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Bad Kleinen hat sich eine Gruppe von RentnerInnen aus Schwerin nach einer Radtour um den Schweriner See unter einem großen Baum niedergelassen. "Stimmt, hier ist doch der - wie hieß er noch? - ach ja, Grams ermordet worden." Es entwickelt sich eine angeregte Diskussion unter den RadtouristInnen über die damalige Informationspolitik der Bundesregierung. Da seien doch Beweise systematisch vernichtet worden.

In der Sprache der Bundesregierung handelte es sich dabei jedoch um Pannen während der Ermittlungsarbeiten. Doch hinter diesen vermeintlichen Pannen der BeamtInnen der GSG 9 und des BKA steckte System. So reinigten beispielsweise Kräfte des BKA die Leiche Grams' in Lübeck, während Beamte der Lübecker Polizei ferngehalten und an ihrer Arbeit gehindert wurden. Die Waffen der eingesetzten GSG 9-Polizisten wurden "beschossen", also wieder benutzt, bevor sie auf Spuren von Blut und Geweberesten, die von Grams hätten stammen können, untersucht werden konnten. Am Tatort wurden nur schlampig und völlig unzureichend Beweise gesichert. Entgegen der sonst üblichen Praxis dokumentierte man den Einsatz nur fragmentarisch. Die Liste offensichtlicher "Versäumnisse" ließe sich fortsetzen.

Indem die festgenommene Birgit Hogefeld und der tote Grams als besonders gefährliche und gewaltbereite Terroristen dargestellt wurden, versuchten die Verantwortlichen, von den eigenartigen Vorgängen abzulenken. Schließlich stand die Bundestagswahl 1994 vor der Tür, und die CDU und die FDP hatten gerade das Thema der "inneren Sicherheit" für sich entdeckt.

Dabei hatte die RAF im April 1992 erklärt, keine politischen Morde mehr verüben zu wollen. "Wir stellten die Angriffe gegen Repräsentanten von Staat und Kapital ein. Das entsprach unserem Interesse, denn wir wollten einen entschiedenen Schritt machen, um zur Neubestimmung unserer und linker Politik überhaupt zu kommen", stand in der Erklärung zum Tod von Wolfgang Grams. Ziel sei es gewesen, ein neues Konzept zu realisieren, sich an der Etablierung einer "Gegenmacht von unten" zu beteiligen. Teil dieser Konzeption war der Anschlag auf den Neubau der Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt im März 1993.

Mit der Geschichte verwoben

In Bad Kleinen ist man trotz der sozialen Misere nicht gut auf die seit 1998 endgültig aufgelöste RAF zu sprechen. Die Arbeitslosigkeit ist hier sehr hoch, fast alle Jugendlichen müssen aus Mangel an Ausbildungsplätzen den Ort verlassen, dessen Bild durch karitative Einrichtungen geprägt ist: Arbeitslosenverband, Sozialstation, Bahnhofsmission.

Nur eine Frau, die mit ihrem Hund am Schweriner See spazieren geht, zeigt ein wenig Verständnis. Wie fast alle Leute aus Bad Kleinen gibt sie zu, irgendwie mit der Geschichte der RAF verwoben zu sein. "Über Birgit Hogefeld habe ich einiges gelesen", erzählt die 21jährige, "weil ich herausfinden wollte, ob die wirklich so böse waren, wie immer gesagt wird." Beim Chatten im Internet haftet ihr der Name Bad Kleinen an. "Wenn mich andere fragen, woher ich komme, und ich dann antworte: Bad Kleinen, kommt meistens ein Spruch wie: Das ist doch da, wo die Terroristen erschossen werden."

Frank Bresemann, der Wirt des Gasthauses "Zur Weißen Ratte" am Bahnhofsvorplatz, kennt das auch: "Wenn ich in Westdeutschland unterwegs war und sagte, ich komme aus dem Ort, wo Wolfgang Grams erschossen wurde, dann wussten alle gleich Bescheid." An den 27. Juni 1993 können sich alle in Bad Kleinen genau erinnern: Einer war saufen, eine andere war kurz vor dem Einsatz der Spezialkräfte noch im Bahnhof, um eine Freundin zum Zug zu bringen. Viele wollten, als die Schüsse fielen, zum Bahnhof, scheiterten jedoch an den vielen Absperrungen.

Nach ihrer Meinung gefragt, äußern die meisten Unbehagen, fast niemand möchte seinen Namen nennen. "Der Grams, der hat doch noch immer viele Freunde", raunt ein älterer Herr und verschwindet. Das Wort Selbstmord fällt im Zusammenhang mit dem Tod von Wolfgang Grams nicht. Wissen die Bad Kleinener mehr, als sie zugeben wollen?

Die Zeugen

Zumindest im Haus der Familie Schwander*, das direkt oberhalb des Bahnhofs gelegen ist, hört es sich ganz so an. Von der Terrasse der ehemaligen Unterkunft für Arbeiter der Reichsbahn kann man den Bahnhof überblicken, der nur 50 Meter entfernt ist. Harald Schwander, der hier schon über 40 Jahre wohnt, und sein ehemaliger Arbeitskollege, der 77jährige Walter Schmidt, sind nach ein paar Geschichten über ihre jahrzehntelange Arbeit auf dem Bahngelände fast redselig. "Wir hatten doch hier den Logenplatz und haben alles direkt verfolgen können", bekennen beide freimütig. Ob sie denn keine Angst empfunden hätten, als geschossen wurde? Beide müssen lachen: "Junger Mann, ich habe zwei Jahre in der Sowjetunion gekämpft, danach war ich vier Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Angst kenne ich nicht. Angst und Geld habe ich nie gehabt."

Dann schildern beide ihre Eindrücke. "Die Toten hätten nicht sein müssen", kritisiert Schwander den Einsatz der Kriminalbeamten und der Sondereinheit, "hätte die GSG 9 bloß in Wismar oder im Billardcafe zugeschlagen, aber doch nicht in der unübersichtlichen Unterführung." Nach der Ballerei hätten viele aus dem Ort versucht, hierher zu kommen, "es war ja die Erschießung von Wolfgang Grams, da wollten alle dabei sein".

Walter Schmidt schlägt vor, den Bahnhof zu besichtigen. Er zeigt die letzte verbliebene Spur der Geschehnisse auf dem Bahnhof, eine durch den Aufschlag eines Geschosses verbogene Eisenstange im Geländer am Aufgang zu den Gleisen 3 und 4. Konfrontiert mit Skizzen zum Tathergang zeigt sich der alte Herr wohlinformiert und kennt jede Position der GSG 9-Beamten. Aber dann platzt es aus ihm raus: "Nee, der Grams lag nicht da, der lag auf Gleis 5, hier vorne." Aber da stand doch ein Zug? "Ich kann doch nur das sagen, was ich gesehen habe", sagt er. Ob er gesehen habe, wie der Grams ums Leben gekommen sei? Wieder eisiges Schweigen. Schließlich wird die Fragerei resolut beendet: "Ob er schon tot gewesen ist und wie er getötet worden ist, interessiert mich eigentlich nicht." Da ist sie wieder, die Black Box.

Während es in den ersten beiden Jahren noch Gedenkdemonstrationen für Wolfgang Grams gab, ist zu seinem zehnten Todestag nichts Derartiges im Ort geplant. Nur Walter Schmidt und Harald Schwander werden demnächst demonstrieren, in ihrer Reichsbahnuniform und mit Fahnen, aber nicht für Grams, sondern anlässlich der 825-Jahrfeier des kleinen Städtchens.


* Die folgenden Namen sind von der Redaktion geändert.


25.06.2003, jungle world Nr. 27

Hauptsache sicher
Polizeiliche Todesschüsse. von oliver tolmein

Wer die tödlichen Schüsse in Bad Kleinen auf Wolfgang Grams abgegeben hat, ob es Mord war oder Suizid, weiß bis heute niemand - außer den namentlich nie genannten Beamten, die sich bei ihm befanden, als er zu Boden ging. Wer aber Friedhelm Beate erschossen hat, steht fest, ebenso, wer Zdravko Nikolov Dimitrov getötet hat. Der pensionierte Bundeswehrsoldat, der versehentlich für einen flüchtigen Gefangenen gehalten wurde, und der Flüchtling, der sich gegen seine Abschiebung mit einem Messer wehren wollte, wurden beide 1999 von Polizisten erschossen.

Jedes Jahr sterben in Deutschland zehn bis 20 Menschen durch Polizeikugeln, nur wenige von ihnen haben zuvor selbst eine Waffe eingesetzt. Bemerkenswert ist, dass die deutsche Öffentlichkeit die Gewissheit über diese Tötungen durch die Polizei noch gelassener hinnimmt als das Nichtwissen über das, was in Bad Kleinen tatsächlich geschah. Während nach dem Einsatz gegen die RAF immerhin einige Wochen lang dringlich Aufklärung gefordert wurde und der Bundesinnenminister, der Generalbundesanwalt sowie hochrangige BKA-Beamte ihren Hut nehmen mussten, werden polizeiliche Todesschüsse, über die keinerlei Zweifel bestehen können, einfach registriert, bisweilen sind sie nicht mal eine Meldung wert.

Dass Polizisten den Tod von zehn bis 20 Menschen jährlich verschulden, hat das Vertrauen der Bundesbürger in die Institution Polizei offensichtlich ebenso wenig erschüttert, wie die Bekenntnisse eines Vize-Polizeipräsidenten, der Folter als Mittel der Gefahrenabwehr für diskutabel hält. Die Sehnsucht nach dem Gefühl der Sicherheit, das die Anwesenheit der grün uniformierten Beamten vermittelt, ist größer als das Misstrauen gegenüber dem "Apparat".

Dass kaum einer dieser Todesschützen von einem Gericht zur Verantwortung gezogen wird, die Verfahren in der Regel eingestellt werden oder mit einem Freispruch enden, zeigt, welche Akzente die professionellen Kontrollinstitutionen setzen. Und die unterscheiden sich im übrigen auffallend vom Zorn des Rechtsstaates, mit dem hierzulande die uniformierten Todesschützen auf der östlichen Seite der deutsch-deutschen Grenze die Befehlskette hinauf bis ins SED-Politbüro hinein strafrechtlich verfolgt wurden.

Weder die Serie polizeilicher Todesschüsse noch die gelangweilten Reaktionen darauf machen Deutschland allerdings zum Polizeistaat. Es ist derzeit lediglich eine Zivilgesellschaft, die - in scharfem Kontrast zum gern bekannten Stolz auf ihre Läuterung in den vergangenen 58 Jahren - sich auffallend wenig dafür engagiert, dass auch ihre staatlichen Organe zuverlässig zivile Umgangsformen pflegen.

Dabei könnten schon etwas restriktivere polizeiliche Dienstvorschriften und ein besseres Einsatz- und Krisenmanagement vielen Menschen das Leben retten. Eine Einrichtung wie die britische Police Complaint Authority würde immerhin signalisieren, dass die Gesellschaft Handlungsbedarf sieht, und könnte zum Beispiel so etwas Banales garantieren wie die Veröffentlichung der Statistik über den tödlich endenden polizeilichen Schusswaffengebrauch.

Der Fall des Wolfgang Grams zeigt überdies, dass selbst wenn etwas geschieht, das die Routine des desinteressierten Wegsehens durchbricht, eine wirkliche Aufklärung nicht möglich ist. Wahrheitsliebe ist in Deutschland eben nicht einmal eine Sekundärtugend, die Sicherheit dagegen, wenn es nicht gerade um den Straßenverkehr geht, ein Totschlagargument.


25.06.2003, Frankfurter Neue Prese (Taunus-Zeitung)

Als westdeutscher Terror nach Mecklenburg kam

Von Lutz Jordan

Bad Kleinen. Auf dem Bahnhof des mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der vor zehn Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams, starben. Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt.

Obgleich jahrelange juristische und politische Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen folgten, sind dort die Erinnerungen an die Geschehnisse inzwischen verblasst . Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen. "Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns. Das Gedenken an Newrzella wird mit Gedenkstein und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.

"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde. Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.

Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden. Bereits im September 2002 hatte diese Gruppierung sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern. Die Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatsschutz.


Dienstag 24. Juni 2003, 09:01 Uhr, Nachrichtenagentur AP

Todesschüsse von Bad Kleinen geraten in Vergessenheit
Bad Kleinen (AP) Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der vor zehn Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams, starben. Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt.

Obgleich jahrelange juristische und politische Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt. Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.

"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns. Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.

"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde. Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.

Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt. Bei dem von den Eltern Grams angestrengten juristischen Marathon wegen angeblicher Ermordung ihres Sohnes, bis hin zu einer letztlich abgewiesenen Menschenrechtsbeschwerde an den europäischen Gerichtshof in Straßburg, schlossen die befassten Gerichte sich mehrheitlich der Selbstmordvariante an. Lediglich das Amtsgericht Bonn räumte im Februar 1999 in einem Zivilrechtsprozess ein, dass die Umstände des Todes von Grams ungeklärt seien und "weder Selbsttäterschaft bewiesen noch Fremdtäterschaft ausgeschlossen werden könne".

Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden. Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatssc


Dienstag 24. Juni 2003, 09:01 Uhr, Nachrichtenagentur AP

Politischer Skandal ersten Ranges
Frankfurt/Main (AP) Bad Kleinen - seit dem 27. Juni 1993 steht die kleine mecklenburgische Gemeinde als Synonym für eine missglückte Anti-Terror-Aktion und zugleich für einen politischen Skandal ersten Ranges. Unmittelbar nach dem Zugriff der GSG 9 auf die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams vor zehn Jahren sprach Generalbundesanwalt Alexander von Stahl noch stolz vom "ersten Erfolg gegen die RAF seit sieben Jahren" - und dass, obwohl bei dem Einsatz der Polizeibeamte Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams im Kugelhagel starben.

Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Zugriff als polizeitaktisches Desaster. Binnen Tagen entwickelte sich die Angelegenheit zudem zu einer politischen Affäre. Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und das Innenministerium in Bonn lieferten entweder gar keine Informationen, Fehlinformationen oder widersprüchliche Informationen. Steckte hinter dem "absoluten Nahschuss" in den Kopf, an dem Grams starb, ein Selbstmord, ein Unfall oder gar eine gezielte Hinrichtung? Tage- und wochenlang war Politikern und der Medienöffentlichkeit nicht klar, was sich wirklich auf dem Bahnhof zugetragen hatte. Die Konsequenz: Nicht einmal zwei Wochen vergingen, da waren der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters und auch Generalbundesanwalt von Stahl ihre Jobs los.

Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln", die es bei den Bundesbehörden gegeben habe. Er übernehme die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem Amte festhält". Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins Amt.

Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik geschasst. Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu. Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen. Erst nach langem Gezerre einigten sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.

Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hatte sich das Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass er gelogen habe. Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt.

Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen sind.


24.06.2003, taz Berlin lokal, Seite 28

BERLIN - VON KENNERN FÜR KENNER
KLUB: BAD KLEINEN

Für die einen ist "Bad Kleinen" das mecklenburgische Kaff, wo RAF-Mann Wolle Grams erschossen wurde. Für die anderen der Veranstaltungsort, gegen den Sodom und Gomorra ein Kindergeburtstag gewesen sein muss. Wenn man gegen 2 Uhr im "Bad Kleinen" aufschlägt und niemand da ist, heißt das nicht, dass die Party schon vorbei wäre. Im Gegenteil. Bis spätestens 3 Uhr hat sich die ehemalige Post gut gefüllt.

Den meisten Gästen sieht man an, dass sie schon jahrelang hauptsächlich nachts unterwegs sind. Die kann nichts mehr schocken. Nicht mal der Auftritt der undergroundigsten Speed-Metal-Band, die Berlin zu bieten hat. Nach dem Konzert, so gegen 4 Uhr, steht dann noch das Bad-Kleinen-DJ-Team an den Plattenspielern und die Leute tanzen, bis sie ins Bierkoma fallen." SH

Bad Kleinen, Krausenstr. 20, Berlin-Mitte, noch bis Mitte Juli samstags. U-Bahnhof Klosterstraße


24.06.2003, Schweriner Volkszeitung

Bundesanwalt ermittelt gegen Schweriner Brandstifter
Missglückter Anschlag auf Bundeswehrfahrzeuge weiter mysteriös

Schwerin (vo) In den Fall des fehlgeschlagenen Brandanschlags auf Bundeswehrfahrzeuge im Schweriner Kreiswehrersatzamt hat sich jetzt Generalbundesanwalt Kay Nehm in Karlsruhe eingeschaltet. "Wir haben die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung übernommen", sagte eine Sprecherin der Behörde gestern gegenüber unserer Zeitung. Zu Einzelheiten des Verfahrens wollte sich die Bundesanwaltschaft aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht äußern.

Zu dem Anschlag vom 11. Juni hatte sich in einem Schreiben an unsere Parchimer Lokalredaktion eine Gruppe "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" bekannt. Erst nach Bekanntwerden des Schreibens waren die Brandspuren und Rückstände einer brennbaren Flüssigkeit an den Fahrzeugen entdeckt worden. Schaden war nicht entstanden. Nach Ausage von Ermittlern ist noch nicht klar, ob der Brandanschlag aus Dilettantismus der Täter mißlang oder von Anfang an nur als symbolische Handlung geplant war.


24.06.2003, Schweriner Volkszeitung

Bundesanwalt ermittelt
Verdacht auf Bildung terroristischer Vereinigung

Schwerin (vo) Wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung hat Generalbundesanwalt Kay Nehm die Ermittlungen zum Brandanschlag auf Fahrzeuge im Schweriner Kreiswehrersatzamt übernommen. Das bestätigte gestern eine Sprecherin der Behörde gegenüber unserer Zeitung. Zu dem Anschlag vom 11. Juni war ein Bekennerschreiben einer "Kämpfenden Brigade Wolfgang Grams" bei unserer Parchimer Lokalredaktion eingegangen. Wolfgang Grams starb als RAF-Terrorist vor zehn Jahren bei einer Schießerei mit der Polizei in Bad Kleinen vermutlich durch Selbsttötung.


24.06.2003, NDR online

Kriminalität, Extremismus
Anschlag auf Bundeswehr-Fahrzeuge beschäftigt Bundesanwalt

Der missglückte Anschlag auf Fahrzeuge der Bundeswehr in Schwerin Anfang Juni beschäftigt nach einem Bericht der «Schweriner Volkszeitung» jetzt auch die Bundesanwaltschaft. Es bestehe der Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung, zitiert das Blatt (Dienstagausgabe) eine Sprecherin der Behörde in Karlsruhe. Zu dem Anschlag hatte sich eine «Kämpfende Brigade Wolfgang Grams» bei der Zeitung bekannt. Erst dann waren Brandspuren an den Fahrzeugen entdeckt worden.


23.06.2003, Focus Nr. 26/2003

Terror
Der letzte Schuss der RAF
Vor zehn Jahren erreichte das letzte Bataillon der Killergruppe auf dem Bahnhof von Bad Kleinen seine Endstation

Was in seinem Blickfeld war, als er die Pistole oberhalb seines rechten Ohres aufsetzte: die beiden Holzpfeiler am Treppenaufgang, das graue Geländer zwischen den Gleisen, der Betonfuß eines Strommastes, der von Oberleitungen durchzogene Himmel. Vielleicht sah er Vögel. Unterm Dach des Bahnsteigs nisten Schwalben. Hätte er seinen Kopf in den Nacken gelegt, er hätte die Krone einer Linde erkennen können. 1863 war der Baum auf dem Bahnhofsvorplatz gepflanzt worden.
Worte, die in seinem Kopf gespeichert waren, bis er abdrückte: "Counterschwein" - so nannten sie Verräter, und ein Verräter, ein Spitzel hatte die Polizei auf seine Spur gebracht. " Volkskrieg" - ihn hatten sie vorbereiten wollen. "Praxis" - so umschrieben sie Anschläge und Morde. "Ausknipsen" - das bedeutete: töten. Am Nachmittag des 27. Juni 1993 schoss sich Wolfgang Grams, verwundet im Gleisbett vier des Bahnhofs von Bad Kleinen liegend, mit seiner Pistole Czeska in den Kopf. Das Vollmantelgeschoss vom Typ FC 9 mm Luger zerriss sein Gehirn, durchschlug die linke Kopfseite und zerschellte im Schotter. So endet vor zehn Jahren die Geschichte der RAF. So beginnt vor zehn Jahren die Geschichte eines Verdachts. Ein Verdacht, der den Bundesinnenminister zum Rücktritt bewegt, in dessen Folge der Generalbundesanwalt entlassen wird, mehrere Spitzenbeamte im Bundeskriminalamt (BKA) ihre Jobs verlieren und schließlich das BKA entmachtet wird. Ein Verdacht, längst widerlegt und dennoch im öffentlichen Gedächtnis verewigt.
Verschwörungsmärchen. Dem Mythos zufolge hat ein Polizeibeamter den wehrlosen Terroristen per Kopfschuss liquidiert. Die Hinrichtung, so will es der Mythos, ist von Politik und Justiz verschleiert worden. Die Republik habe damals "gewackelt", erinnert sich der frühere BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert. Der Herr mit den dünnen Lippen, schmalen Augen und schnellen Sätzen signalisiert mit jeder Geste ein Dennoch - den Willen zum Weitermachen, Selbstüberwinden. Sein Körper wird gepeinigt von den Folgen einer Kinderlähmung. Er akzeptiert das für ihn bestimmte Maß an Leid. Es verletzt seine Ehre nicht. Bad Kleinen jedoch demütigt ihn. Er redet sich in Wut. Sein Kopf wird rot, seine Worte bitter. Die öffentlichen Vorwürfe hätten damals eine "Sensenstimmung und Schafottatmosphäre" erzeugt. Das Schicksal des einst mächtigsten Polizisten ist verwoben mit der Geschichte jenes Sonntagnachmittags in Mecklenburg, am morastigen Nordende des Schweriner Sees.
Die RAF-Frau Birgit Hogefeld war festgenommen worden. Der GSG-9Mann Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams waren tot. Der Blickwinkel entschied, ob dies als Bilanz eines großen Fahndungserfolgs, einer missglückten Polizeiaktion oder gar eines ungeheuren Komplotts zu werten war. Polizei, Politik und Justiz verloren kurz nach dem Einsatz die Deutungshoheit über die Ereignisse. Es geschahen Fehler bei der Spurensicherung, der Generalbundesanwalt gab falsche Informationen an die Presse, und verantwortliche Beamte verheimlichten gegenüber Bundestagsabgeordneten die Rolle eines V-Manns.
Ein verzerrter und verwackelter Blick auf Bad Kleinen gewann vor diesem Hintergrund eine magische Faszination. Es war der Blick der Joanna Baron, die auf dem Bahnhof in einem Kiosk tätig war und beobachtet haben wollte, wie zwei Männer nacheinander auf den liegenden Grams feuerten.
Ein Reporter des TV-Magazins "Monitor" formulierte für sie eine schriftliche Erklärung, in der es hieß, ein Mann habe Grams in den Kopf geschossen. Sie unterschrieb das Papier. Später erklärte sie immer wieder, sie habe den Kopfschuss nicht gesehen. Sie habe dies dem "Monitor"-Reporter auch gesagt. Der jedoch habe sie beruhigt: Dies sei "richtig so". Es hätte "ja auch der Kopf sein können". "Monitor" veröffentlichte die Aussage der angeblichen Kopfschusszeugin vier Tage nach Bad Kleinen, am Donnerstag, dem 1. Juli. Am Montag, dem 5. Juli, präsentierte der" Spiegel" die Titelgeschichte "Der Todesschuß". Grundlage der Story war die Aussage eines Anonymus. Angeblich ein Beamter, der behauptete, er sei für das "Gebiet Innere Sicherheit" zuständig und ein Augenzeuge des Zugriffs gewesen. Die" Tötung" von Grams, so wird der Namenlose zitiert, "gleicht einer Exekution."
Die Vorabmeldungen des "Spiegel" liefen am Samstag, dem 3. Juli, über die Agenturen. Sie transportieren die zentralen Zitate des angeblichen Zeugen. Demnach habe ein Polizist auf Grams gekniet. Der Verletzte sei wehrlos gewesen, und nach etwa 20 Sekunden habe "ein Kollege von der GSG 9 aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern geschossen". Am Sonntag, dem 4. Juli, rief Bundesinnenminister Rudolf Seiters vom heimatlichen Papenburg aus den Kanzler an, um Helmut Kohl seinen Entschluss zum Rücktritt mitzuteilen.
Die damalige Entscheidung, so urteilt Seiters heute, sei zwar "schmerzlich", aber "richtig" gewesen. Er würde wieder so handeln. Der Ex-Minister ist mit sich im Reinen. Der Rasen hinterm Haus ist akkurat geschnitten. In der Mitte des Gartens gluckert ein Springbrunnen. Er sitzt auf der Terrasse, seine Frau schenkt Kaffee ein. Er habe sofort erkannt, dass die Hinrichtungsvorwürfe "in absehbarer Zeit" nicht zu widerlegen seien. Er habe gewusst, die definitiven Gutachten und Ermittlungsergebnisse würden frühestens erst nach "einem halben Jahr" vorliegen. So lange hätte er die Öffentlichkeit vertrösten müssen, ihm wären die" Hände gebunden" gewesen. "Der Rücktritt war aus meiner Sicht eine Schadensbegrenzung gegenüber der Bundesregierung und gegenüber der Öffentlichkeit, ein Signal, dass nichts vertuscht wird." Unmittelbar danach sei die "Diskussion über die Vorgänge in Bad Kleinen" in "ruhiges Fahrwasser" geraten.
So ruhig, wie das Wasser nun mal ist, wenn der Wind Orkanstärke erreicht. Seiters Abgang wurde von vielen als offizielle Bestätigung des Hinrichtungsverdachts gewertet. Das große Kentern begann. Am Dienstag, dem 6. Juli, entließ Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den obersten Strafverfolger des Landes, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl.
Justizopfer. Er habe gehen müssen, so urteilt dieser heute, weil "die Republik verrückt spielte". Sein Fehler sei gewesen, die "absurde" Mordidee nicht ernst genommen zu haben. Auf einen feinen Unterschied legt von Stahl großen Wert. Er habe den polizeilichen Zugriff in Bad Kleinen nicht befohlen. Er habe lediglich "den Riegel zurückgeschoben" - also den Zugriff gestattet. Die GSG 9 hätte "die Sache auch abblasen können". Die vielen Fehlschüsse auf den flüchtenden Terroristen seien tatsächlich "unter aller Sau" gewesen.
Ein Patronensplitter aus einer GSG9-Pistole traf damals die Bahnbeamtin Sigrid Helberg in den linken Oberarm. Die heute 46-Jährige stand nur wenige Meter entfernt vom Ort des Schusswechsels. "Ich hörte Schreie, dachte, es seien randalierende Fußballfans", erinnert sich Helberg. Plötzlich sei ihr Arm nach oben gerissen worden. Ein Kollege zog die Verletzte hinter einen Zug. Neun Tage lag sie im Krankenhaus. Minister brachten ihr Blumen, versprachen Hilfe. Erst fünf Jahre später erstritt sie vor Gericht ein paar Tausend Mark Schmerzensgeld.
Das Drama der Bahnmitarbeiterin ist im 210-seifigen Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft Schwerin zu den Todesumständen von Wolfgang Grams nur eine Randnotiz. 142 Zeugen verhörte die Sonderkommission unter der Leitung des Oberstaatsanwalts Gerrit Schwarz. Das Fazit der Fahnder: "Nach seinem Sturz auf das Gleis hat sich Grams selbst in Suizidabsicht mit der von ihm mitgeführten Pistole den tödlichen Kopfdurchschuss zugefügt."
Killerthese ausgeräumt. Die Zeugin Baron wurde widerlegt, durch Dutzende andere Aussagen und durch das objektive Spurenbild. Die "Monitor"-Erklärung habe "keinerlei beweiserhebliche Bedeutung", sei vom Reporter "zusammengereimt". Baron lebt heute in einer Gasse in Wismar, hält Telefonnummer und Adresse geheim. Gegenüber FOCUS erklärte sie, "kein Interesse" an einem Gespräch zu haben.
Restlos demontierten die Schweriner Fahnder auch den nebulösen "Spiegel"-Zeugen. Dessen Angaben seien "nicht von höherem Beweiswert als ein anonym weitergetragenes Gerücht". Der für die damalige Story verantwortliche Reporter Hans Leyendecker erklärte vergangene Woche gegenüber dem "Tagesspiegel": "Mein GAU war Bad Kleinen. " Von Stahl beurteilt Bad Kleinen als die "größte Niederlage und den größten Sieg der RAF". Die Killertruppe sei zwar erledigt, aber das Vertrauen in den Staat sei durch die Hinrichtungslegende so beschädigt worden, wie es sich die RAF immer erhofft habe.
Für die Fahnder bleiben Rätsel. Nach dem Zugriff besaß die Polizei einmaliges Material: Fotos, Fingerabdrücke, Papiere, Stimm- und Schriftproben aus Briefen und Tonbändern. Grams und Hogefeld hatten je drei identische Schlüssel. Die passende Wohnung jedoch wurde nie gefunden. Aus einem Brief folgerten die Kriminaler, Hogefeld müsse eine Weile in der Nähe eines Kindergartens in den neuen Bundesländern gelebt haben. Auch diese Spur führte ins Nichts. In Bad Kleinen, so scheint es, hat sich die RAF ausgeknipst.

MARKUS KRISCHER / THOMAS SCHEUER


23.06.2003, Focus Nr. 26/2003

EIN GROSSMAUL BESIEGT DIE TERRORTRUPPE
Klaus Steinmetz galt jahrelang als szenetypischer Hallodri. Doch nur ihm gelang der Kontakt zur RAF-Kommandoebene. Er führte die Terrorfahnder nach Bad Kleinen.

D er Sommerdunst verwischt die Konturen der Hügel. Zwischen Wäldern und Wiesen ein kleines Kaff, tiefste pfälzische Provinz. Eine Frau am Holztor eines ehemaligen Bauernhauses. "Ich weiß nicht, wo mein Sohn ist, weiß noch nicht mal, ob er überhaupt noch lebt."
Hier wuchs Klaus Steinmetz auf, jener V-Mann, der im Alleingang die RAF aufmischte und die Polizei auf die Spur der Untergrund Guerilleros nach Bad Kleinen brachte.
Der junge Anarcho tanzte auf vielen Hochzeiten, hatte Affären mit etlichen Genossinnen. Er plauderte gern, war ein Großmaul - konnte Tischtennis spielen, fuhr begeistert Motorrad, galt als Computerfreak und ansonsten als Versager.
Irgendwann baggerten Verfassungsschützer des Landes Rheinland-Pfalz den jungen Mann an. Er wurde Spitzel. 1991 avancierte er zum Superspion. Er kam in Kontakt mit Birgit Hogefeld und später mit Wolfgang Grams - und damit zu den beiden Top-Terroristen der RAF.
"Er war ein großer Schatz", urteilt der frühere Innenstaatssekretär Hans Neusel. Was Steinmetz über die Jahre seinen Agentenführern berichtete, ist bis heute weitgehend deren Geheimnis. Im Dunkeln liegt vor allem, was er seinen Auftraggebern verschwieg. Er wurde "am losen Band geführt", so erinnert sich Neusel.
In das RAF-Geflecht war Steinmetz sehr wahrscheinlich weit tiefer verwoben als bislang bekannt. Er war es, der die Eltern von Wolfgang Grams 1992 zu einem geheimen Treffen mit ihrem gesuchten Sohn chauffierte. Ist es zu glauben, dass die verfolgungswahnsinnige RAF diesen Job einem simplen Szenesympathisanten überließ?
Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt gerieten heftig über Kreuz, weil ein Terrorfahnder des BKA in einem Bericht vom 13.8.1993 schrieb, Steinmetz sei "in die Strukturen der RAF" eingebunden und dessen Aussagen zu seinen RAF-Kontakten seien teilweise als unglaubwürdig" zu bewerten. Der verbrannte" V-Mann erhielt nach Bad Kleinen vom Verfassungsschutz eine neue Existenz und wurde seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.
Wie seine Mutter behauptet auch seine damalige Freundin Ina S., den Kontakt zu ihm verloren zu haben. Mit seinen Szeneaktivitäten hat sie nach eigenen Worten nie etwas zu tun gehabt: Ich wusste von überhaupt nichts." Sie habe eben einen Menschen geliebt". Die Folgen von Bad Kleinen seien für sie "ein Trauma, das sich durch mein ganzes Leben zieht". Sie habe fürchterlich gelitten".


23.06.2003, Focus Nr. 26/2003

Eine Tragödie und ein Erfolg
Hans-Ludwig Zachert, früherer Präsident des Bundeskriminalamts, kommentiert die dramatischen Konsequenzen des Schusswechsels von Bad Kleinen.

Für das Bundeskriminalamt (BKA) und auch für mich war das Geschehen von Bad Kleinen schicksalhaft. Es endete mit einer Tragödie. Dennoch bin ich zehn Jahre später noch immer fassungslos darüber, wie die Bundesregierung es zulassen konnte, dass daraus eine Staatsaffäre entstand.
Mein Fehler war es, dass ich meine Kür nicht unverzüglich, sondern erst sechs Tage später abgebrochen habe, um die Amtsgeschäfte wieder zu übernehmen.
Das BKA würde unter der Verantwortlichkeit des neuen Innenministers Kanther rigoros und den polizeilichen Belangen zuwider "umorganisiert". Ein fünfköpfiges Direktorium" sollte nunmehr das Amt führen - welch desaströse Fehlentscheidung! Nach genau zehn Jahren wird dieses unpraktikable Modell wieder abgeschafft und die Leitungsebene des Amtes neu formiert.
Deprimierend ist, dass meine damaligen Vorgesetzten, der Innenminister Kanther und sein Staatssekretär Scheiter, später selbst dubioser Praktiken überführt würden. Der eine hatte Schwarze Kassen im Ausland zu verantworten, der andere geriet wegen äußerst zwielichtiger Grundstücksgeschäfte in Verruf. Es ist bitter, dass gerade diese beiden "Ehrenmänner" die Umwandlung des BKA-Präsidenten zum politischen Beamten durchsetzten. Der Statuswechsel schwächt die Position des BKA-Präsidenten. Der Minister kann ihn sofort - auch ohne Begründung - in den einstweiligen Ruhestand versetzen.
Bei der Vielzahl der negativen Auswirkungen nach dem Geschehen in Bad Kleinen kann ich jedoch eine positive Feststellung treffen: Die RAF hat durch den Tod von Wolfgang Grams und die Festnahme von Birgit Hogefeld die entscheidenden Akteure verloren. Sie ist danach nicht mehr in Erscheinung getreten und hat aufgegeben. Insoweit war die "blutige Festnahmeaktion" letztlich doch noch ein Erfolg.


20.06.2003, Stern online


RAF-Terrorismus
Peinliche Pannen in der Provinz

Die Worte passten nicht so recht zueinander: RAF, GSG 9 - Bad Kleinen. Waren die Rote Armee Fraktion und die "Grenzschutzgruppe 9" spätestens seit dem blutigen "Deutschen Herbst" 1977 ein Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993: Vor zehn Jahren starben bei einer groß angelegten Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams.

Tod auf dem Gleis
Wie sich später herausstellen sollte, waren den Fahndern in Bad Kleinen kaum glaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld. Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch kaum beachtet. Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Topterroristen vor sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet hatte. In auswegloser Situation - so die spätere Darstellung - feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich selbst eine Kugel in den Kopf.
Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern des "antifaschistischen Widerstandskampfes" blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu "Kampfmaschinen" ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien. Gestützt auch durch Angaben einer Verkäuferin vom Bahnhofskiosk, die das Geschehen verfolgt hatte. In einem Interview behauptete sie, einen polizeilichen Mord beobachtet zu haben. Zudem meldete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", ihm habe sich ein GSG-9-Beamter offenbart, der die Aktion ähnlich schilderte.
Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler, quasi als unabhängige Instanz, hinzu. Die Zürcher Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten, ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.

Eltern hielten Exekutions-Theorie aufrecht
Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen blieben ohne Erfolg.
Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt. Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen: Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren, die der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler Kritiker verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei Tage später von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) entlassen.

Beispiellose Serie von Pannen
Der eigentliche Skandal war wohl nicht Grams Tod. Beispiellos war die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten trugen bei ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere Westen noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem die Spurensicherung das Gelände "abgegrast" hatte, fanden Passanten eine Patrone.
Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht. So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem 27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.

Späte Aufklärung
Als auf dem Bahnhof in Bad Kleinen zwei Menschen starben, war der letzte Mord der RAF zwei Jahre her. Am Ostermontag des Jahres 1991 hatten die selbst ernannten Kämpfer gegen den Kapitalismus Detlev Karsten Rohwedder erschossen. Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef konnte per Gen-Analyse der Täter ermittelt werden. Der war da schon acht Jahre tot: Wolfgang Grams.

Die Pannen vor, in und nach Bad Kleinen
Der GSG 9-Einsatz in Bad Kleinen war ebenso wie die anschließenden Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet. Ein Bericht des Bundesjustiz- und des Bundesinnenministeriums für den Bundestag listete knapp zwei Monate nach dem 27. Juni 17 "Schwachstellen" auf, unter anderem:
- Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen. Diese wären während der Observation aufgefallen, dünnere Westen standen nicht zur Verfügung.
- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen" kein Notarzt - die Verletzten wurden zunächst nur von Sanitätern betreut.
- Auf Grund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams vorbei.
- Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet.
- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.
- Ein Beamter, der verletzt worden war, gab seine Waffe erst eine Woche nach der Aktion an die Ermittler.
- Bei der als äußerst gefährlich geltenden Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.
- Grams Leiche wurde entgegen den Regeln des Bundeskriminalamtes nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Mögliche Spuren an der linken Hand wurden nicht gesichert.
- Zwischen den einzelnen Ermittlungsbehörden gab es "schwerwiegende Koordinierungsdefizite".
- Bei der Unterrichtung von Bundestag und Öffentlichkeit wurden "unvollständige und teilweise unzutreffende Informationen" verbreitet. Zum Teil erfuhren die Strafverfolger von neuen Erkenntnissen aus der Zeitung.

Die Rote Armee Fraktion
Die Rote Armee Fraktion (RAF) hat die Bundesrepublik zwei Jahrzehnte lang mit Terroraktionen überzogen. Sie entstand 1970 und löste sich im Frühjahr 1998 selbst auf. Drei Namen stehen vor allem für die RAF: Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Die RAF sagte «Imperialismus und Monopolkapitalismus» den Kampf an und wollte die Gesellschaftsordnung gewaltsam zerstören. Vorläufer der RAF war die Baader-Meinhof-Gruppe, die nach der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre die Polizei in Atem hielt.
Von 1971 bis 1993 kamen mindestens 30 Menschen bei RAF-Anschlägen ums Leben. Prominenteste Opfer waren der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der Bankier Jürgen Ponto, Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (alle 1977 ermordet) sowie Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts (1986), der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, (1989) und Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder (1991).

Verzicht auf Anschläge
Nachdem 1972 der «harte Kern» der RAF mit Meinhof, Ensslin, Raspe und Holger Meins gefasst worden war, trat die Befreiung der Gesinnungsgenossen in den Vordergrund. Im April 1992 kündigte die RAF den vorläufigen Verzicht auf Anschläge gegen führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat an. Mit einem Sprengstoffanschlag auf den Neubau der Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt bei Darmstadt im März 1993 zeigte die RAF-Kommandoebene allerdings noch einmal ihre Aktionsbereitschaft. Von den gefassten RAF-Terroristen wurden bislang fast 30 wegen Beteiligung an Morden und Mordversuchen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Chris Melzer


17.06.2003, Schweriner Volkszeitung

Landeskriminalamt sucht Brandstifter
Missglückter Anschlag auf Autos der Bundeswehr in Schwerin von "Kämpfender Brigade Wolfgang Grams"

Schwerin (EB/dpa) Nach dem fehlgeschlagenen Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin hat die Polizei noch keine heiße Spur. Wie der Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA), Olaf Jasmund, gestern mitteilte, wird eine linksextremistische Gruppe hinter der Tat vermutet. Diese hatte in der Nacht zum 11. Juni versucht, mehrere Fahrzeuge Am Franzosenweg in Brand zu setzen.

Zu diesem Vorfall ging ein Schreiben einer linksextremistischen Gruppierung bei der Kreisredeaktion Parchim unserer Zeitung ein. Darin übernahm eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" die Verantwortung. Der RAF-Terrorist soll sich nach einer missglückten Festnahme im Sommer 1993 in Bad Kleinen erschossen haben.

Erst nach Bekanntwerden des Schreibens waren die Brandspuren an den Fahrzeugen bemerkt worden. Nach Angaben des LKA sollten die Reifen mit Hilfe einer brennbaren Flüssigkeit entzündet werden. Schaden war jedoch nicht entstanden.

Mit einer Neuformierung eines Ablegers der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) werde nicht gerechnet, so Jasmund. Die RAF hatte im Jahr 1998 ihre Selbstauflösung bekannt gegeben.

Eine "Kämpfenden Brigade Wolfgang Grams" sei außerhalb von MV nicht in Erscheinung getreten. Eine Gruppierung gleichen Namens hatte sich im September 2002 zu einem Anschlag auf Autos der Bereitschaftspolizei in Schwerin bekannt. Das LKA geht davon aus, dass beide Brandattacken von den selben Tätern begangenen wurden. Die Machart der Anschläge und der Bekennerschreiben sei sehr ähnlich, sagte Jasmund.

LKA bittet um Mithilfe

Alle kriminalistischen und kriminaltechnischen Ermittlungen, zu dem o. g. Sachverhalt, ergaben keine Hinweise auf die bzw. den Täter. Aus diesem Grund wendet sich das Landeskriminalamt (LKA) an die Bevölkerung, mit der Bitte um Hinweise zu Personen, die sich auffällig verhalten haben, oder zu Fahrzeugen, die einen Verdacht im Zusammenhang mit dem Anschlag in der Nacht zum 11. Juni 2003 begründen.


16.06.2003, NDR online

Kriminalität
Noch keine heiße Spur nach Brandanschlag auf Bundeswehr-Autos

LKA geht von linksextremistischer Gruppe aus
Nach einem Brandanschlag auf Fahrzeuge der Bundeswehr in Schwerin haben die Ermittler noch keine heiße Spur. Das Landeskriminalamt (LKA) vermutet hinter der Straftat eine linksextremistische Gruppe. Bei der "Schweriner Volkszeitung" war in der vergangen Woche ein Bekennerschreiben einer "Kämpfenden Brigade Wolfgang Grams" eingegangen. Der RAF-Terrorist hatte sich nach einer missglückten Festnahme im Sommer 1993 in Bad Kleinen bei Schwerin erschossen.

Geringer Sachschaden
Erst nach Bekanntwerden des Schreibens waren die Brandspuren an den Fahrzeugen bemerkt worden. Nach Angaben des LKA sollten die Reifen mit Hilfe einer brennbaren Flüssigkeit entzündet werden. Schaden war bei dem Vorfall nicht entstanden. Mit der Formierung eines Ablegers der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) werde nicht gerechnet, sagte Jasmund. Die RAF hatte im Jahr 1998 ihre Selbstauflösung bekannt gegeben


Gruppe war schon im September in Erscheinung getreten
Eine "Kämpfenden Brigade Wolfgang Grams" sei außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns bislang nicht in Erscheinung getreten. Eine Gruppierung gleichen Namens hatte sich im September vergangenen Jahr bereits zu einem Anschlag auf Autos der Bereitschaftspolizei in Schwerin bekannt. Das LKA geht davon aus, dass beide Brandattacken von den selben Tätern begangenen wurden. Die Machart der Anschläge und der Bekennerschreiben sei sehr ähnlich, sagte Jasmund. Die Ermittler hoffen nun auf Hinweise aus der Bevölkerung.


14.06.2003, Die Welt

Gelöbnis: Anschlag auf Bundeswehr-Fahrzeuge
Schwerin - Bislang unbekannte Täter haben in Schwerin einen Brandanschlag auf ehemalige Bundeswehrfahrzeuge verübt. Es entstand Sachschaden. Mittlerweile liegt der Polizei ein Bekennerschreiben vor. Danach, so hieß es aus Sicherheitskreisen, habe ein "Kommando Wolfgang Grams", benannt nach dem im Bahnhof von Bad Kleinen erschossenen RAF-Terroristen, sich zu der Tat bekannt. Die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamtes hat die Ermittlungen übernommen. Nach Informationen der WELT liegen Hinweise vor, dass der Anschlag im Zusammenhang mit dem Montag in Hamburg stattfindenden öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr steht. Zu dem Gelöbnis werden in Hamburg rund 2000 Demonstranten aus dem ganzen Bundesgebiet erwartet.


17.05.2001, Die Welt

Täter Grams starb auf einem Provinzbahnhof
Bei seiner Festnahme am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen erschoss der RAF-Terrorist einen Polizisten. Dann beging er Selbstmord

Von Knut Teske

Nicht die Sonne - ein Haar bringt es an den Tag, ein einzelnes, achtlos verlorenes Haar, in einem achtlos am Tatort zurückgelassenen Handtuch: zehn Jahre nach dem Verbrechen, den tödlichen Schüssen auf den damaligen Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (und seine Frau, die durch die Schüsse lebenslang gezeichnet bleibt). Die Wahrheit freilich, die durch dieses unscheinbare Haar ans Licht kommt, ist von gleicher Wucht, als wär's die Sonne gewesen, ist von fast biblischer Strenge. Und die Erkenntnis lautet: Es kommt alles heraus. Es dauert; es braucht nur seine Zeit.
Die Wahrheit scheint diese zu sein: Der mutmaßliche Todesschütze, der Rohwedder in der Nacht zum 1. April 1991 in seiner Düsseldorfer Villa durch das Fenster erschoss, heißt Wolfgang Grams, jedenfalls stammt das Haar, das in dem am Tatort zurückgelassenen Handtuch gefunden wurde - nach den jüngsten Erkenntnissen der neuesten DNA-Analysen - von eben jenem Grams, dessen Tod 1993 diese Republik fast um den Verstand gebracht hat. Ausgerechnet Grams - das angebliche Opfer eines hysterischen, auf Rache sinnenden Staates - ein Mörder? Das muss in den Augen vieler, immer noch skeptischer Linker wie die Perfidie der Wahrheit klingen.
Rückerinnerung: Sonntag, 27. Juni 1993, Bad Kleinen: Auf dem Bahnhof des selbst in Mecklenburg-Vorpommern abseits gelegenen Ortes kommt es zu einer Schießerei zwischen der Polizei und einem des Terrorismus verdächtigen Pärchens. Die Polizisten gehörten zu einem Mobilen Einsatzkommando des Bundeskriminalamtes (BKA), das den beiden auf der Spur war und sie beim Verlassen der Gaststätte "Waldeck" festnehmen wollte. Es handelt sich um die gesuchten Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, Letzterer seit 1984 mit Haftbefehl verfolgt.
Die gewaltlos geplante Festnahme, die, wie sich nachher herausstellt, lange und akribisch vorbereitet war, geht - buchstäblich - krachend daneben, als das Pärchen im Stil von Bonny und Clyde das Feuer eröffnet. Zurück bleiben zwei tödlich getroffene Opfer, das RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella. Von da ab scheint sich die Republik aufzulösen, geht jedenfalls für Monate unter im Nebel von Spekulationen, Verschleierungen auf allen Seiten (auch staatlichen), bewusster Falschmeldungen und hysterischer Verdrehungen. In ihrer Folge wirft Innenminister Rudolf Seiters (CDU) das Handtuch, wird Generalbundesanwalt Alexander von Stahl in den Ruhestand versetzt, finden sich beim BKA etliche mit dem Einsatz befasste Spitzenbeamte in neuen Positionen wieder und drohte der GSG 9 ernsthaft die Auflösung.
Für die Linken im Staat ist klar, Grams wurde ermordet, aus kürzester Entfernung mit Kopfschuss, quasi durch einen aufgesetzten Fangschuss, eliminiert. Zeugen finden sich, die das behaupten, Zeitungen, Magazine und Fernsehanstalten, die das begierig aufnehmen, Experten, die das zu beweisen scheinen. Schon wanken die offiziellen Stellen, nur Kohl steht, der Kanzler. Er spricht der GSG 9 am 22. Juli bei einem Besuch in Hangelar sein "ganz besonderes Vertrauen aus" und wird dafür nicht nur aus der linken Ecke ausgepfiffen, sondern mehr oder weniger von allen Medien, die sich bei diesem Besuch massiv behindert sehen.
Unterdessen spielt ein unbekannter V-Mann der Polizei, dessen Existenz der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Rudolf Scharping (SPD) bestätigt, eine geradezu mythische Rolle, die eines Judas Ischariot der Gegenwart, der dieses Pärchen an die verhasste Staatsmacht verraten habe, obwohl sich das später alles als weit überzeichnet darstellt. Egal. Längst sieht sich das offizielle Deutschland einem Abgrund an Misstrauen und Verachtung gegenüber. 76 Prozent der Bevölkerung glaubt "nie und nimmer" an den ernsthaften Aufklärungswillen der Regierung. Dabei hatte Seiters, unmittelbar nach der der Polizei entglittenen gewaltlosen Festnahme eine "unabhängige Juristenkommission" zur Aufklärung aller Fragen im fernen Norden Deutschlands eingesetzt. Alles vergeblich. Die öffentliche Meinung über die Polizeiarbeit bleibt wider alle Vernunft verheerend; dass ein Schusswechsel keine einstudierte Choreographie verträgt, lässt sich einfach nicht erklären. Im Gegenteil, die Solidarität der Linken wächst. Am 10. Juli kommt es in Wiesbaden zu einer gewaltigen Trauerdemonstration für Wolfgang Grams; kein Wort dagegen zu dem erschossenen Polizisten. An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts, als die Fakten, kaum drei Wochen später, bekannt werden: Danach hat Grams nicht nur den Polizisten erschossen, sondern auch seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Nicht aber der Legendenbildung. Sie beginnt jetzt erst richtig. Aus der Haft veröffentlicht Birgit Hogefeld ein Porträt ihres Freundes: ein an der Leistungsgesellschaft verzweifelter junger Mann. "Dazu", schreibt sie, "haben auch seine Erfahrungen in der Schule, die er fast durchgängig als nackte Unterdrückung erlebt hat, beigetragen." Und beigefügt wird das sympathische Foto dieses jungen Mannes, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem bärtigen Gesicht auf seinen Fahndungsfotos aufweist. Als dieses Werk auf dem Markt kommt und eine neue Mitleidswoge durch das Land rollt - immer wieder mit dem Bild des zwischen den Gleisen von Bad Kleinen "hingerichteten" Opfers - war immerhin eines klar, dass dieser sensible junge Mann Mitglied einer terroristischen Vereinigung war und das Leben eines Polizisten auf dem Gewissen hatte, mag er es noch so sehr als Notwehr betrachtet haben.
Heute wissen wir mehr: dass der sensible junge Mann im Alter von 38 Jahren 1991, in der Nacht zum 1. April, am Tatort stand, von dem aus der hinterhältige und tödliche Anschlag auf Detlev Karsten Rohwedder ausgeführt wurde. Ein Haar brachte es an den Tag.


07.06.1994, Neue Zuercher Zeitung, S. 3

Ausland

Neues Gutachten im Fall Bad Kleinen
Wiesbaden, 6. Juni. (ap) Die Eltern des in Bad Kleinen umgekommenen RAF- Terrorverdaechtigen Wolfgang Grams haben Strafantrag wegen Mordverdachts gegen drei weitere GSG-9-Beamte gestellt. Unter Berufung auf ein neues gerichtsmedizinisches Gutachten legten sie zudem Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Schwerin gegen zwei Beamte ein. Waehrend die Staatsanwaltschaft bei der Einstellung im Januar von Selbstmord ausging, kann nach Auffassung des Duesseldorfer Rechtsmediziners Wolfgang Bonte eine "Fremdtoetung" nicht ausgeschlossen werden. Neu und im Widerspruch zu dem Ermittlungsergebnis der Behoerde ist an dem Gutachten, dass Grams die Waffe mit einem entsprechenden Griff entwunden worden sein soll. Dies habe die Untersuchung einer Hautroetung oder -abschuerfung an der rechten Hand des Toten eindeutig ergeben, sagte Bonte.


23.11.1993, Neue Zuercher Zeitung, S. 5

Das Zuercher Gutachten zum Fall "Bad Kleinen"
Die Jacke des GSG-9-Beamten nicht bei der Stadtpolizei verschwunden

Zuerich, 22. Nov. (sda) Die Jacke des deutschen GSG-9-Beamten "Nummer sechs" ist im Rechtsmedizinischen Institut der Universitaet Zuerich verschwunden, nicht beim Wissenschaftlichen Dienst (WD) der Stadtpolizei Zuerich, wie die Stadtpolizei Zuerich am Montag mitteilte. Die Jacke war in Zuerich untersucht worden fuer ein Gutachten zur Klaerung der Herkunft des toedlichen Kopfschusses gegen den RAF-Terror-verdaechtigen Wolfgang Grams in Bad Kleinen. Die Ermittlungen ueber das Verbleiben der Jacke laufen weiter, wie ein Sprecher der Stadtpolizei auf Anfrage erklaerte. Wann genau die Jacke verschwunden war und ob die Untersuchungsgegenstaende aus Bad Kleinen im Institut besonders gesichert waren, konnte er nicht sagen.
Die Resultate des WD-Schlussberichts waren am vergangenen Samstag vom Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin bekanntgegeben worden. Der toedliche Schuss, so die Zuercher Gutachter, stammte aus Grams' eigener Waffe. Wer indessen damit geschossen hatte, war offenbar schwieriger zu klaeren. Spuren an Grams' Koerper haetten keinen zwingenden Rueckschluss auf eine Fremd- oder Selbstbeibringung ermoeglicht, hiess es.


24.07.1993, Neue Zuercher Zeitung, S. 5

Strafanzeige gegen Kohl durch Grams' Eltern
Beschuldigung wegen uebler Nachrede

Wiesbaden, 23. Juli. (afp) Die Eltern des erschossenen RAF-Mitglieds Wolfgang Grams haben Strafanzeige gegen Bundeskanzler Kohl wegen Verdachts auf Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und auf ueble Nachrede gestellt. Kohl habe am Donnerstag in seiner Rede vor der GSG 9 Grams "entgegen dem derzeitigen Erkenntnisstand ueber die Todesumstaende des GSG-9-Beamten Michael Newrzella" oeffentlich zum Moerder erklaert, erklaerte der Anwalt der Eltern am Freitag. Damit habe der Kanzler die gesetzliche Unschuldsvermutung und das Pietaetsempfinden der Eltern einer "billigen Propaganda zugunsten der schwer belasteten GSG 9" geopfert, waehrend das Projektil, mit dem Newrzella erschossen wurde, in der Schweiz noch untersucht werde. Der Strafantrag wurde bei der Staatsanwaltschaft Bonn eingereicht.


12.07.1993, Neue Zuercher Zeitung, S. 2

Demonstration in Wiesbaden gegen Tod von Grams
Friedlicher Verlauf

Wiesbaden, 11. Juli. (Reuter) In Wiesbaden haben am Samstag mehr als 2000 Personen gegen den Tod des mutmasslichen RAF-Terroristen Wolfgang Grams demonstriert. Begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot zogen die zum Teil vermummten Demonstranten durch die Innenstadt. Auf Transparenten und in Sprechchoeren forderten sie unter anderem die Aufloesung der GSG-9 und aller Sondereinheiten. Die von der Polizei befuerchteten Ausschreitungen blieben aus. Nach Angaben eines Polizeisprechers wurden im Vorfeld der Demonstration fuenf Personen vorlaeufig festgenommen. An der Demonstration nahmen auch die Mutter der bei der Polizeiaktion in Bad Kleinen festgenommenen Birgit Hogefeld sowie die Eltern und ein Bruder von Grams teil. Der aus Wiesbaden stammende Grams war bei einer Polizeiaktion in Bad Kleinen am 27. Juni unter bis heute nicht geklaerten Umstaenden erschossen worden. Zuvor hatte er nach Angaben der Polizei einen GSG-9-Beamten erschossen.


Neue Zuercher Zeitung, 06.07.1993, S. 3

Ungute Gefuehle ueber einen Ministerruecktritt

Das unschoene Bonner Spektakel um den Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams bei der Verhaftungsaktion in Bad Kleinen am 27. Juni hat zu einem (ersten) Eklat gefuehrt. Innenminister Seiters von der CDU, einer der bewaehrtesten Maenner um Bundeskanzler Kohl, der vor Wochenfrist noch von einem "wichtigen Erfolg" der Bundesgrenzschutztruppe GSG 9 gesprochen hatte, ist zurueckgetreten. Er tat dies mit einer fuer Bonn bald unueblichen Konsequenz und in striktester Auslegung der Tatsache, dass er als Innenminister oberster Verantwortlicher der GSG 9 gewesen war. In dieser Hinsicht hat sein Schritt Anerkennung gefunden und vielerorts auch Bedauern hervorgerufen, denn man haette Seiters eine lueckenlose Aufklaerung der Vorfaelle im Bahnhof Bad Kleinen zugetraut, die sich schon bald zu einer handfesten politischen Kontroverse auszuweiten drohten. Wenn ungute Gefuehle zurueckbleiben, so deshalb, weil nun nicht sicher ist, ob sich die Untersuchungen nicht verzoegern und noch weiter komplizieren werden - was fast mit Sicherheit zu einem Sommertheater fuehren muesste.
Vieles an der Verhaftungsaktion der GSG 9 und am Tode Grams' ist noch konfus und unklar. Dass das gesuchte RAF-Mitglied durch eine aus naechster Naehe abgefeuerte Kugel zu Tode kam, scheint mittlerweile festzustehen, nicht aber, aus wessen Waffe sie stammte. Zeugenaussagen hierueber stehen einander diametral gegenueber. Ob die an der Aktion beteiligten Beamten der GSG 9 in den bisherigen Untersuchungen versuchten, ein allfaelliges Fehlverhalten zu vertuschen, ist gegenwaertig genauso unklar wie die Frage, weshalb es zu solch widerspruechlichen Erklaerungen so vieler verschiedener Stellen kommen konnte, die den Geruechten erst Substanz verliehen. Sollte es sich um eine Kurzschlussreaktion ueberforderter Beamter gehandelt haben, so haben die obersten Verantwortlichen noch immer Zeit genug fuer Sanktionen. Die bisherigen Erfahrungen muessten eigentlich Anlass zur Annahme geben, dass die Untersuchungen ordnungsgemaess abgewickelt und zu entsprechenden Massnahmen fuehren werden.
Es besteht die Gefahr, dass in dem Gebrodel der Meinungen und Forderungen die Schwerpunkte verrutschen. Die nach dem spektakulaeren Erfolg von Mogadiscio im Jahre 1977 geradezu heroisierte GSG 9 ist trotz der qualitativ hochstehenden Ausbildung nicht besser als andere Antiterror-Truppen. Auch ihr koennen Fehler unterlaufen, auch ihre Mitglieder sind anfaellig fuer Affekthandlungen, besonders wenn im Verlaufe einer Aktion ein Kollege toedlich getroffen wird wie in Bad Kleinen. Auch sie bedarf deshalb einer rigorosen Fuehrung und Disziplinierung, wenn sie sich falsch verhaelt. Anderseits haben die Terroristen der RAF-Kommandoebene im Lauf der letzten Jahre immer wieder klargemacht, wie skrupellos und professionell sie vorgehen. Die Liste ungeahndeter Morde auf ihrem Konto ist bedenklich lang. Ruecksicht koennen und duerfen sie deshalb nicht erwarten. Grams' Tod verdient denn auch nur insofern Aufmerksamkeit, als seine Begleitumstaende korrekt und lueckenlos geklaert werden sollen.
Dies vor Augen, muesste von Aussenstehenden eigentlich eine gewisse Zurueckhaltung erwartet werden koennen. Aber der Eifer der Presse und der Profilierungszwang von Politikern haben zu einem aufgeblaehten Ritual vorauseilender Verdammungen und Demissionsforderungen gefuehrt, das eben diese Abklaerung massiv zu stoeren droht. Mit Seiters' Ruecktritt, so scheint es, ist gegenwaertig jedenfalls noch kaum jemandem gedient.


Neue Zuercher Zeitung, 05.07.1993, S. 1

Ruecktritt des deutschen Innenministers Seiters
Kein Ende der Spekulationen um den RAF-Polizeieinsatz
Respekt fuer den Entscheid

Der deutsche Innenminister Seiters hat die politische Verantwortung fuer die blutig verlaufene Polizeiaktion gegen zwei mutmassliche RAF- Mitglieder vor einer Woche uebernommen und am Sonntag seinen Ruecktritt erklaert. Er begruendete seinen Schritt mit Fehlern, Unzulaenglichkeiten und Koordinationsmaengeln, die es offensichtlich innerhalb von Bundesbehoerden bei dem Einsatz und bei seiner Aufarbeitung gegeben habe. Die Spekulationen um den Ablauf der Aktion in Bad Kleinen rissen auch am Wochenende nicht ab.

Bonn, 4. Juli. (ap/Reuter/dpa) Der deutsche Innenminister Rudolf Seiters (CDU) ist am Sonntag wegen der Fehler bei der Polizeiaktion in Bad Kleinen und deren Aufarbeitung zurueckgetreten. Seiters sagte, er uebernehme die politische Verantwortung fuer Fehler, Unzulaenglichkeiten und Koordinationsmaengel, die nach dem Zugriff auf die mutmasslichen RAF- Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld deutlich geworden seien. Persoenlich habe er sich aber nichts vorzuwerfen. Bundeskanzler Kohl habe versucht, ihn umzustimmen, dann aber die Entscheidung akzeptiert. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Schaeuble, aber auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Penner, zollten dem Zurueckgetretenen Respekt.
Seiters betonte in Bonn, er habe weder falsche Entscheidungen getroffen noch der OEffentlichkeit oder dem Parlament Informationen vorenthalten. Im Gegenteil habe er Anordnungen getroffen, die alle das Ziel gehabt haetten, eine lueckenlose Aufklaerung ohne Ansehen von Amt und Personen herbeizufuehren. Er wolle aber weder sich noch seiner Familie "eine unwuerdige Diskussion zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt oder wer an welchem Amte festhaelt". Der 55jaehrige Seiters war seit Dezember 1991 Innenminister. Zuvor war er Chef des Kanzleramtes. Seiters kuendigte an, er werde weiter fuer seine politischen Ziele als CDU-Abgeordneter im Bundestag arbeiten.

Spekulationen ueber "Hinrichtung"
Die widerspruechlichen Darstellungen ueber den Einsatz, bei dem auch ein 25 Jahre altes Mitglied der Bundesgrenzschutz-Spezialeinheit GSG 9 ums Leben kam, hatten Seiters wie auch den Generalbundesanwalt von Stahl ins Zentrum der Kritik gerueckt. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hatte am Samstag unter Berufung auf einen am Einsatz beteiligten Anti-Terror- Spezialisten berichtet, ein GSG-9-Beamter habe Grams aus naechster Naehe mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in der Landeshauptstadt Schwerin scheidet die Moeglichkeit eines Selbstmordes weitgehend aus. Gegen die GSG-9-Maenner werde deshalb auch ermittelt. Nach medizinischen Gutachten sei Grams aus naechster Naehe erschossen worden, an seinem Kopf seien Schmauchspuren und Druckstellen gefunden worden.


02.07.1993, Neue Zuercher Zeitung, S. 3

Offene Fragen um den Tod eines RAF-Terroristen

Hamburg, 1. Juli. (dpa) Nach dem Tod des mutmasslichen Terroristen Wolfgang Grams gibt es Hinweise, dass der 40jaehrige Mann bei der Polizeiaktion vom Sonntag am Schweriner See in Mecklenburg-Vorpommern aus naechster Naehe mit einem Kopfschuss getoetet wurde. Entsprechende Aussagen machten nach Darstellung des deutschen Fernsehmagazins "Monitor" eine Augenzeugin und - in einer weiteren Fernsehsendung - der Anwalt der Eltern von Grams. Dagegen versicherte das deutsche Innenministerium, zumindest die Beamten der Antiterroreinheit GSG 9 haetten keinen Schuss aus "allernaechster Naehe" abgegeben. An der Aktion, bei der die zur RAF-Kommandoebene zaehlende Birgit Hogefeld unverletzt festgenommen werden konnte, war auch das Mobile Einsatzkommando (MEK) des in ganz Deutschland taetigen Bundeskriminalamtes beteiligt. Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Schwerin die Ermittlungen aufgenommen.
Das Fernsehmagazin "Monitor" beruft sich auf eine Augenzeugin, die eidesstattlich versichert habe, Grams habe bereits angeschossen am Boden gelegen. Nach offizieller Darstellung hatte Grams zuvor einen GSG-9- Beamten mit seiner Waffe getoetet. "Monitor" zitiert in seiner Sendung die eidesstattliche Erklaerung: "Zwei Beamte traten an den reglos daliegenden Grams heran. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss, aus naechster Naehe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams entfernt." Die Aussage der Augenzeugin stimmt offenbar auch mit dem ersten Obduktionsbefund ueberein, der mindestens einen Schuss aus naechster Naehe am Kopf von Wolfgang Grams festgestellt haben soll.


01.07.1993, Neue Zuercher Zeitung, S. 7

Intensivierte Terrorismusabwehr in Deutschland
Geheimnisschleier ueber der Aktion von Bad-Kleinen

Nach der Ausschaltung von zwei mutmasslichen RAF-Terroristen in Bad- Kleinen hat Innenminister Seiters weitere Terroranschlaege nicht ausgeschlossen. Auch gegenueber dem Parlament huellten sich die Ermittlungsbehoerden noch immer weitgehend in Schweigen ueber den Hintergrund der anscheinend noch nicht abgeschlossenen Fahndungsaktion, welche als seit Jahren groesster Erfolg bei der Terrorismusbekaempfung bezeichnet wurde.

Ch. M. Bonn, 30. Juni

Nach dem juengsten Fahndungserfolg bei der Terrorismusbekaempfung hat der deutsche Innenminister Seiters am Mittwoch neue Anschlaege der Rote- Armee-Fraktion nicht ausgeschlossen. Es bestehe kein Anlass zur Entwarnung, da die Kommandoebene der RAF - trotz ihrer Ankuendigung eines Verzichts auf Mordanschlaege gegen Vertreter des Staates - keineswegs prinzipiell der Veruebung schwerer Verbrechen abgeschworen habe. Seiters erinnerte in diesem Zusammenhang ausdruecklich an den grossen Sprengstoffanschlag, mit dem drei Maenner und eine Frau einer Terroristengruppe am 27. Maerz den Gefaengnisneubau in Weiterstadt bei Darmstadt weitgehend zerstoerten.

Kritik am Erfolg
Am Mittwoch befasste sich der Innenausschuss des Bundestages in Bonn mit der Festnahmeaktion von Bad-Kleinen, bei der die mutmassliche RAF- Terroristin Birgit Hogefeld verhaftet werden konnte und ihr Begleiter Wolfgang Grams ums Leben kam, nachdem er einen 26jaehrigen Polizisten der Spezialtruppe GSG 9 erschossen hatte. Generalbundesanwalt von Stahl, der wie der Praesident des Bundesamtes fuer Verfassungsschutz, Werthebach, dem Ausschuss Red und Antwort stand, bezeichnete die Aktion von Bad-Kleinen als den seit Jahren groessten Erfolg bei der Terrorismusbekaempfung, der allerdings mit dem Tod des jungen Polizeibeamten teuer erkauft worden sei. Bereits am Vortag war amtlicherseits die urspruengliche Version korrigiert worden, laut welcher Birgit Hogefeld bei ihrer Festnahme das Feuer eroeffnet habe. Sie konnte im Gegenteil rasch in der Bahnhofunterfuehrung ueberwaeltigt werden, so dass sie ihre Pistole nicht mehr abzufeuern vermochte.
Das Mobile Einsatzkommando des Bundeskriminalamtes, zu welchem auch der dann umgekommene GSG-9-Beamte zaehlte, hatte sich auf die Festnahme der mit Sicherheit identifizierten Birgit Hogefeld konzentriert. Die Identitaet von Grams war dagegen nicht mit Sicherheit etabliert; er konnte aus der Bahnhofunterfuehrung auf einen Bahnsteig entkommen und feuerte von dort den toedlichen Schuss auf den ihn verfolgenden Polizeibeamten ab. Die Sicherheitsbeamten trugen allesamt keine Splitterschutzweste; dies soll eigens angeordnet worden sein, um vor der Festnahmeaktion das mutmassliche Terroristenpaar nicht Verdacht schoepfen zu lassen. Generalbundesanwalt von Stahl unterstrich, dass zu dem Schlag in Bad-Kleinen, so wie er ausgefuehrt worden sei, keine brauchbare Alternative bestanden habe. Gleichwohl wurde in der deutschen OEffentlichkeit und auch seitens der SPD-Abgeordneten im Innenausschuss einige Kritik wegen angeblicher Pannen laut.

Andauernde Fahndung
Vor allem aber ruegte die Opposition, dass die offiziellen Auskuenfte ueber den Hintergrund der ganzen Fahndungsaktion noch immer aeusserst karg ausfielen. Der Generalbundesanwalt machte kein Hehl daraus und begruendete seine Zurueckhaltung mit der Erklaerung, es gelte, weitere Fahndungserfolge nicht zu gefaehrden. Dies deutet darauf hin, dass die Ermittlungsbehoerden sich nach dem Schlag in Bad-Kleinen offenbar ein weiteres Eindringen in die RAF-Szene erhoffen. Unmittelbar vor seiner Festnahme traf sich das mutmassliche Terroristenpaar in einem Kaffee nahe dem Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt mit einem Mann, der seither spurlos verschwunden und gegen den keinerlei offizielle Fahndung eingeleitet worden ist. Allgemein kam deshalb die Vermutung auf, es habe sich bei diesem "dritten Mann" um einen erfolgreich in die RAF-Szene eingeschleusten Agenten der Terrorismusabwehr gehandelt.
Dass die Ermittlungsbehoerden weitere Spuren verfolgen, legte eine groessere Fahndungsaktion an Rhein und Ruhr sowie anscheinend auch im Main-Gebiet am Tage nach der Festnahmeaktion von Bad-Kleinen nahe. Dabei wurde eine groessere Anzahl von Personen voruebergehend in Polizeigewahrsam genommen, doch erfolgte schliesslich keine einzige Verhaftung. Inzwischen scheint einigermassen klar, dass der UEberraschungscoup in Mecklenburg nichts mit der Auswertung von Stasi- Akten zu tun hat. Um so groesser nimmt sich der Fahndungserfolg aus. Auffaellig wirkt der relativ nahe zeitliche Bezug zum Sprengstoffattentat in Weiterstadt. Das dortige Wachpersonal war von der Terroristengruppe ueberwaeltigt und vor der Sprengung des Gefaengnisses voruebergehend verschleppt worden. Die Mitwirkung einer Terroristin konnte eindeutig etabliert werden. Fuehrte von da an eine Spur zu Birgit Hogefeld bis nach Bad-Kleinen? Darueber sind noch keinerlei Vermutungen angestellt worden. Statt dessen wurde da und dort erneut der Verdacht geschuert, es koennten einstmals nicht blosse "Aussteiger" der RAF in der frueheren DDR untergetaucht sein, sondern vielmehr andere von dort zu weiteren Aktionen in der Bundesrepublik ausgeholt haben. Bei der Enttarnung von acht RAF-Angehoerigen vor drei Jahren in Ostdeutschland wurde amtlicherseits einer solchen Version allerdings rasch und auffaellig energisch widersprochen.


29.06.1993, Neue Zuercher Zeitung, S. 1

Nach der Polizeiaktion am Schweriner See
Ein seltener Erfolg der deutschen Terrorabwehr
Schlag gegen die aktive Kommandoebene der RAF-Bande

Karlsruhe, 28. Juni. (Reuter) Nach jahrelanger Fahndung haben Beamte des deutschen Bundeskriminalamtes am Sonntag nachmittag, wie schon kurz berichtet, zwei Mitglieder der Kommandoebene der Roten-Armee-Fraktion (RAF) stellen koennen. Beim Versuch, Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams zu verhaften, gab es zwei Todesopfer. Der Generalbundesanwalt teilte mit, Grams und ein Beamter seien getroffen worden und wenig spaeter ihren Verletzungen erlegen. Laut den Angaben hatte Frau Hogefeld das Feuer eroeffnet.

Ch. M. Bonn, 28. Juni

Der deutsche Innenminister Seiters hat die Festnahme zweier mutmasslicher Terroristen der Rote-Armee-Fraktion als wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Terrorismus gewertet. Zugleich stattete er den Sicherheitsbehoerden seinen Dank fuer die intensive und gezielte Ermittlungsarbeit ab. Die 36jaehrige Birgit Hogefeld, gegen die wegen ihrer vermuteten Beteiligung an einem misslungenen Mordanschlag im September 1988 auf den damaligen Bonner Finanzstaatssekretaer Tietmeyer international gefahndet worden war, wurde am Tage nach der Schiesserei im Bahnhof von Bad Kleinen am Schweriner See in Karlsruhe dem Haftrichter des Bundesgerichtshofs vorgefuehrt. Der 40jaehrige Wolfgang Grams, gegen den wegen mutmasslicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ebenfalls schon vor Jahren ein Haftbefehl erlassen worden war, erlag dagegen wenige Stunden nach dem Feuerwechsel mit Angehoerigen der Spezialtruppe GSG 9, die ihrerseits in ihren Reihen ein Todesopfer zu beklagen hat, seinen Verletzungen.

Keine "Aussteiger"
Auch noch am Tag nach der UEberwaeltigung der beiden Festgenommenen, die zur aktiven Kommandoebene der RAF gehoert haben sollen, herrschte in Bonn amtlicherseits fast voelliges Stillschweigen zu dem ganzen Vorgang. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, lautete zumeist die wortkarge Auskunft auf allerlei Nachfragen bezueglich des Hintergrundes und des Ausmasses des Fahndungserfolges. Der Sprecher des Innenministeriums liess dann allerdings durchblicken, dass es sich bei den beiden seit Jahren gesuchten mutmasslichen Terroristen kaum um "Aussteiger" gehandelt haben koenne, die wie mindestens acht weitere RAF- Angehoerige in den fruehen achtziger Jahren in der DDR untergetaucht waren. Vielmehr seien, wie die Schiesserei in Bad Kleinen bewies, beide bewaffnet und besonders gefaehrlich gewesen. Die Art und Weise, wie sie auf den Polizeizugriff sofort mit Schusswaffengebrauch reagiert haetten, lege zudem nahe, dass sie stets auf eine solche Aktion seitens der Ermittlungsbehoerden gefasst gewesen seien. In dem kleinen mecklenburgischen Ort am Schweriner See verneinten Einwohner, dass die beiden Festgenommenen vorher dort ansaessig gewesen seien.
Den deutschen Ermittlungsbehoerden ist schon seit Jahren kein Fahndungserfolg gegen RAF-Terroristen, schon gar nicht gegen solche der Kommandoebene, geglueckt. Die Verhaftungen von in der DDR untergetauchten RAF-Taetern im Jahr der Wiedervereinigung bezogen sich auf "Aussteiger". Die Hoffnung, zumindest in der Fahndung nach den Moerdern des Bankiers Herrhausen vom November 1989 voranzukommen, zerschlugen sich vor geraumer Zeit, als ein angeblich aus dem RAF-Umfeld stammender Informant sich schliesslich als aeusserst unzuverlaessig oder schlicht unbrauchbar erwies. Ungesuehnt blieben deshalb diese und eine ganze Reihe weiterer Untaten, so etwa die Ermordung der beiden Industriellen Ernst Zimmermann und Karl Heinz Beckurts sowie des Diplomaten Gerold von Braunmuehl, in deren Zusammenhang jeweils auch die Namen der beiden nun ausgeschalteten RAF-Mitglieder genannt worden waren.

Wende fuer die Fahnder?
Den Fahndern war auch nach der Ermordung des Treuhandchefs Rohwedder, der bisher letzten RAF-Mordtat vom April vor zwei Jahren, keinerlei Aufnahme von Spuren in das Umfeld der Taeterschaft geglueckt. Der Schlag am Schweriner See gegen ein offenbar noch aktives Terroristenpaar gewinnt vor diesem Hintergrund bisher weitgehender Erfolglosigkeit der Ermittlungsbehoerden eine besondere Bedeutung, auch wenn sogleich die Vermutung zirkulierte, die Enttarnung der beiden Festgenommenen sei moeglicherweise durch eine genaue Auswertung von Unterlagen des ehemaligen ostdeutschen Staatssicherheitsdienstes erleichtert worden.



Fernseh- und Radiosendungen zum Thema


27.06.2003, 23:31, EinsExtra (digital): Black Box BRD
'Black Box BRD' erzählt die Geschichte von Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen, indem er die zwei unterschiedlichen Biografien gegenüberstellt. Zu Wort kommen die Eltern, der Bruder und politische Weggefährten Wolfgang Grams ebenso wie die Witwe Alfred Herrhausens, Top-Manager und ehemalige Kollegen der Deutschen Bank. Aus den Erinnerungen der Befragten setzt sich das Bild eines polarisierten Landes zusammen: Der Kampf ist vorbei - aber die Wunden sind offen.

27.06.1993, 9:05 Uhr, Deutschlandfunk
Wir erinnern - Vor 10 Jahren
Der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang Grams und der GSG 9-Beamte Michael Newrzella werden in Bad Kleinen getötet. Beitrag von Oliver Tolmein

Polizeizugriff auf die RAF in Bad Kleinen am 27.6.1993

Autor:
Die „Operation Weinprobe“ sollte als großer Erfolg in die Annalen der deutschen Terrorismusbekämpfung eingehen: Mit Hilfe eines V-Mannes, Klaus Steinmetz, so hofften die Staatsschützer könnten sie nach Jahren ohn Erfolge endlich führende Köpfe der RAF festnehmen. Aber was sich dann am 27. Juni 1993 auf dem Provinz-Bahnhof in Bad Kleinen abspielte, entwickelte sich zu einem der größten Disaster der Sicherheitsdienste im Nachkriegsdeutschland. Zwar konnte die später als RAF-Mitglied verurteilte Birgit Hogefeld verhaftet werden. Am Ende des mehrstündigen Einsatzes von mehr als 120 Beamten aus hochtrainierten Anti-Terrorkommandos der Polizei und des Bundesgrenzschutzes, waren aber das RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG-9 Beamte Michael Newrzella tot. Und um es noch schlimmer zu machen: Die Tatortgruppe des Bundeskrimialamts sicherte die Spuren nur unzulänglich. Die Führungsspitze der Bundespolizei und der Generalbundesanwalt lieferten sich einander widersprechende Versionen des Geschehens. So konnte niemand erklären, was sich in Bad Kleinen tatsächlich ereignet hatte. Der FDP-Innenpolitiker Burkhard Hirsch bilanzierte damals in einem Interview, 14 Tage nach dem Einsatz, dessen Scheitern auch Thema im Bundestag gewesen war:

O-Ton Hirsch
Das Faktum bleibt, dass der Tod des mutmaßlichen Terroristen ungeklärt ist, Tatortarbeit war schlampig und der Innenausschuß wurde in 1. und 2. Sitzung nicht sachgerecht informiert. Ich kann die Gründe im einzelnen nicht erkennen, aber das wird Folgen haben. Warum Patronenhülsen und Patronen noch vier oder fünf Tage danach gefunden worden sind, das ist unerhört.

Autor: Dass Zeugen behaupteten, der auf den Gleisen liegende Wolfgang Grams sei mit einem aufgesetzten Kopfschuß getötet worden, verschärfte die Situation zusätzlich – zumal die Gutachter sehr unterschiedlich beurteilten, was die wenigen gesicherten Spuren aussagten. Der Bundestag untersuchte die Ereignisse, Generalbundesanwalt von Stahl verlor sein Amt, mehrere Beamte des BKA wurden versetzt und der damalige Bundesinneminister Rudolf Seiters nahm den Hut. Selbst die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung zweifelte angesichts des Geschehens an den ersten Verla utbarungen von BKA und Bundesanwaltschaft und kommentierte wenige Tage nach den tödliche Schüssen:

Zitator: „Nur wenn im Fall Grams die ganze Wahrheit bekannt wird, werden die
Sicherheitsorgane ihre Souveränität zurückgewinnen im Kampf gegen den Terrorismus. Nur
die ganze Wahrheit kann den Bürgern Vertrauen zu ihrem Staat geben und der
Legendenbildung vorbeugen. Bliebe der geringste Verdacht zurück, so fänden – anders als in
anderen Kriminalfällen – jene schnell Gehör, die in Wort und Schrift die Bundesrepublik
madig machen.“


Autor: Als der neue Bundesinnenminister Manfed Kanther (CDU) knapp ein Dreivierteljahr
später den Untersuchungsbericht vorstellte, versuchte er trtozdem das, was wochenlang eine
Staatskrise hervorgerufen hatte, als polizeitaktische Panne darzustellen:

O-Ton Manfred Kanther:
Polizei im Einsatz bedeutet immer auch Unvorhergesehenes. Und es gehört leider immer auch
dazu. Die Rechtvorschriften des BKA, die die Spurensicherung an Leichen betreffen sind
astrein, die Beteiligten haben sich nicht an bestehende Rechtsvorschriften gehalten. Das ist
ein schlimmer Vorgang, da muß ein neuer Geist im BKA einziehen, es geht also nicht nur
darum Strukturen zu hinterfragen, sondern auch einer Reihe von Mitarbeitern klarzumachen,
dass sie ihr Gewerbe sorgfältiger ausüben müssen.


Autor: Der Untersuchungsbericht blieb nicht das letzte Wort: Staatsanwälte ermittelten gegen
die GSG-9-Beamten – konnten aber die Mordversion nicht bestätigen. Vor einer Zivilkammer
des Bonner Landgerichts verhandelten die Eltern von Wolfgang Grams gegen die
Bundesrepublik Deutschland, weil sie hofften in dem Schadenersatzverfahren die Schuld des
BKA am Tod ihres Sohnes nachweisen zu können. Das Bonner Landgericht mochte eine
einen Selbstmord von Grams in dieser Situation so wenig ausschließen, wie eine gezielte
Tötung. Wegen der gebliebenen Zweifel entschied es nach einem langen Verfahren dem
Anspruch der klagenden Eltern nicht stattzugeben.
Der große, tödlich endende Zugriff in Bad Kleinen richtete sich gegen eine RAF, die ihren
bewaffneten Kampf bereits weitgehend aufgegeben hatte. Nach dem Tod von Wolfgang
Grams und der Verhaftung von Birgit Hogefeld wandte sich die einst so gefürchtete Gruppe
dann nur noch wenige Male mit langen Erklärungen an die Öffent lichkeit. Im März 1998 löste
sie sich schließlich auf. Seitdem lieferte die Geschichte der RAF den Stoff für eine Reihe von
Spiel- und Dokumentarfilmen, in denen auch die eben niemals vollständig aufgeklärten
Ereignisse von Bad Kleinen eine wichtige Rolle spielen.


26.06.2003, 23:30, EinsExtra (digital): Deutschland und die RAF - Fluchtpunkt DDR

Während in der Bundesrepublik fieberhaft nach den Terroristen Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Inge Viett und anderen gefahndet wird, führen diese nur wenige Kilometer entfernt jenseits der deutsch-deutschen Grenze
ein zweites Leben, das biederer und unauffälliger nicht sein könnte. Aus neun ehemaligen RAF-Mitgliedern waren brave DDR-Bürger geworden. Nach der Wende 1989 kam das Ende dieser Doppelleben: Nachdem sie von den Behörden aufgespürt und enttarnt worden waren, wurden die RAF-Aussteiger in die BRD überstellt.

25.06.2003, 23:30, EinsExtra (digital): Deutschland und die RAF - Der Staat
Durch die terroristische Bedrohung sah sich die Bundesrepublik gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Der Film zeigt, wie sich im Deutschland der 70-er Jahre die Spirale von Terror und staatlicher Reaktion immer schneller drehte.

14.11.2001, 13:28, Tagesschau
Rohwedder-Mord: Haaranalyse führt zu RAF-Terrorist Grams
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder gibt es nach Angaben der Bundesstaatsanwaltschaft einen "entscheidenden neuen Impuls": Mit einer neuen molekulargenetischen Analyse ist ein Haar des 1993 verstorbenen mutmaßlichen RAF-Terroristen Grams untersucht worden. Das Haar stammt von einem Handtuch, das 1991 in einem Gebüsch in der Nähe des Attentats-Ortes gefunden wurde. "Von der Aufklärung der Tat kann noch nicht gesprochen werden", sagte eine Sprecherin des Generalbundesanwalts. Ob Grams den tödlichen Schuß selbst abfeuerte oder an der Tat beteiligt war, steht noch nicht fest. Dennoch handelt es sich um ein erstes Indiz im Fall der Ermordung Rohwedders. Der Treuhand-Chef war am 1. April 1991 in seiner Düsseldorfer Villa erschossen worden. Trotz eines als authentisch eingestuften Bekennerschreibens der Roten Armee Fraktion ist der Mord nie aufgeklärt worden - mangels Indizien.

03.07.1997, ZDF Monitor
15-minütiges Interview mit Prof.Bonte zum Thema Bad Kleinen

18.04.1996, ZDF Monitor
Der Fall Bad Kleinen; 15-minütiger Bericht mit Interviews von Prof. Knight, Prof. Pounder und Prof. Bonte

23.06.1994, SAT1 Schreinemakers Live
Der Fall Bad Kleinen; 20-minütiger Versuch einer Tatrekonstruktion mit Prof. Bonte u.a.

18.11.1993, ZDF Monitor
Der Fall Bad Kleinen; 15-minütiges Interview mit Prof.Bonte

 

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