Ballade: "Baader - Meinhof"

erzählt und in's Holz geschnitten von:
Josef Leonhard Krancher

Edition Medici Regensburg 1981



Was sie Weltgeschichte nennen,
ist ein wüst verworrner Knäuel:
List und Leid, Gewalt und Schwäche,
Hochmut, Dummheit, Wahn und Greuel.


 


Hitlers Kinder - Terror Kinder
kommen aus Lagern und Ruinen.
Führer tätschelt, Mutter lächelt;
Phosphor, Bomben und Sirenen,
Katechismus für ihr Leben.
Können Kinder das vergeben?


 


Mummenschanz edler Talare,
geflickt für weitere tausend Jahre;
Kommune Eins mit Teufeleien
entblößt dies mit Polit-Schallmeien.
Berliner Luft in roten Dosen
schafft bombig Stimmung und Neurosen


 


Gruppenbild mit roten Fahnen,
linker Götter Untertanen;
begeistert rufen Anarcho-Jünger,
Asta-Bündner, Antispringer:
"Meinhof, Mahler, Baader,
das sind unsre Kader!"


 


Wir wollen keine Polizisten,
wir wollen keine Staatsgewalt;
Bullen, Bonzen, Bürokraten,
Eure Herzen, die sind kalt.


 



Erkennungsdienste hassen Masken,
Lübkes sonnen sich beim Schah;
Polizeistaat da zu unsren Lasten,
und Kripo-Kurras wird zum Star.
Benno Ohnesorg im Blute,
Deutschland, Deutschland, welches Leid!
Herbstlich wird es uns zumute;
Berlin erschrickt, die Jugend weint.


 



Der Rote Hahn statt Wenn und Aber
dem rosaroten Himbeerreich.
Ensslin, Baader, Schily, Mahler,
dem Richter sind sie alle gleich.


 


Hier wird der Bürgerkrieg geboren
er springt durchs Fenster, setzt sich frei,
zum Terror-Staatsfeind auserkoren,
der Schuß auf Linke (Bibliothekar) tut ihm leid.


 


Der Bundesgreif legt Reiseneier
mit Herold und dem Superhirn;
durch Rastern, Speichern, Überwachen
zeigt der Bande er die Stirn.
Der Überwachungsstaat jagt Rote, Linke
im Fahndungsnetz aus rechtem Zwirn.



Des Frevlers Ruf neun Jahre lang
bot Rechten Büprgerschrecken.
Die Blutarbeit, die Baader sann,
konnt das Chaos nicht vollstrecken.



Silberlinge den Vogelfreiern,
Eile tut jetzt furchtbar not;
morden Mörder Leben, darfs kein
Pardon mehr geben.
denn schon sind Zwölfe erschossen, tot.



Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe
werden endlich arretiert;
im Bundestag herrscht eitel Freude,
als nach Stammheim sie geführt.



Kein Raushol durch Big Menschenklau;
wie sich die Bilder gleichen!
So bleiben sie im hochsichren Bau,
muß alle Hoffnung weichen.



Der Tod ist ein Meister in unserm Land,
und Blitzsiege haben hier Tradition.
Die Rechte ist außer Rand und Band,
und so endet ein Alptraum deutscher Nation



Den harten Kern sie zur Ruhe betten,
BRDigen ihn tief auf rauhem Feld;
der Tod von höchst bewachter Stätte
riß sie fort von dieser Welt.



So ward ihr Lebenslauf beschlossen
und das Exempel statuiert;
glaubt, keiner hat es sehr genossen,
der Traum vom Mai ist ruiniert.
Darum vertraut der Ordnungsmacht,
folgt Morgen-Graun der finstren Nacht.

ENDE.


Einleitung
von Josef Leonhard Krancher

aus: TAZ vom 27.10.1983

In regelmäßiger Reihenfolge bringen wir eine Serie von Holzschnittdrucken von Josef Krancher, Mit der Stilform des Moritats bzw. der Ballade wird versucht, die aktuelle Baader-Meinhof Problematik plastisch dem Leser darzubieten. Der Künstler Josef Krancher über sich und die Schwierigkeiten seiner Arbeit:

Seit 1978 studiere ich über den zweiten Bildungsweg an der New Yorker Universität "Visual Communication", d. h. Grafik und Illustration in den Medien. und suchte von Anfang an nach einem interessanten Thema für meine Abschlußarbeit zum MFA (Master of fines Arts). In Deutschland herrschte gerade Windstille nach dem Drama-Ende von. "Schleyer-Stammheim", eine Stille und Sprachlosigkeit, die, nach all dein Medienwirbel, in den Ohren dröhnte. Das war mein Thema.

Die Darstellungsform lag auf der Hand, eine Form, in der Information, Darstellung und Belehrung, von der Zensur unbehelligt, zusammen fließen konnten: Die Ballade - dazu die Holzschnitt-Technik des Drucks, vielleicht naiv, doch feststehend in der Abfolge und Anordnung, in schwarz-weiß-roter Einseitigkeit und Treffsicherheit - alles einander fester Bestandteil des Blattes, was wir heute spöttisch Moritat (franz. mort und deutsch Moral) nennen, im 17. und 18. Jahrhundert aber "newen Zeitungen für das gemeine Volk" war. (Übrigens unterlag sowas damals schon der politischen Zensur, es hatte der moralischen Volksgesundheit zu dienen, und die Obrigkeit bestimmte, was und in welcher Forte es dargebracht zu werden hatte.) Überraschungen erlebte ich bei der Besorgung von Unterlagen und Material zu meinem Thema. Außer einem Taschenbuch einer englischen Autorin (Titel "Hitler's children") Mrs. Jillian Becker gab es nichts auf dem Büchermarkt, übrigens auch nicht auf der letzten Buchmesse. Als ich einer Buchhändlerin darüber mein Erstaunen äußerte, kam es so aus ihr heraus: "Aber laß die doch in Rua, die bösn Geischter soll ma nit wecka". Es gibt zwar einige wenige wissenschaftliche Untersuchungen über den "Terrorismus", die sich weit und breit über FLN, PLO, Tupamaros und Ché Guevara äußern, die deutsche Terrorszene nur kurz streifen, wobei die Namen Baader-Meinhof gemieden werden. Durch Zufall stieß ich auf ein Druckwerk der Seidel-Stiftung von der CSU zum Thema "Terrorismus in Deutschland, in dem bezeichnenderweise auf etwa hundert Seiten über "linken" bzw. "roten" Terrorismus berichtet wird, über rechtsradikalen Terrorismus (das Wort `braun" wird nicht benutzt) jedoch nur auf zwei Seiten.

Als ich dem Leiter der Frankfurter DPA die Bitte um Fotodokumente wegen meiner wissenschaftlichen Arbeit vortrug, verschwand er langsam im Hintergrund und griff zum Telefon. Da seine Rückkehr zulange auf sich warten ließ, ging ich raus auf die Straße und konnte beobachten, wie etwa 10 Polizeibeamte das Büro stürmten. Dem Bildarchivar der SZ genügte schon das Wort "Baader-Meinhof", um. mich sachte und bestimmt aus der Tür zu schieben. Bei den Bildredaktionen von Springer, Bauer und Quick wurde mir später ebenfalls keine Hilfe zuteil. Doch oh Wunder, Tage später erhielt ich ein Kuvert mit Fotokopien von der Terrorszene, ohne Absender und ohne Begleitbrief. Auch ein Trip nach Hamburg zum "Spiegel" und zum "Stern" hätte ich mir ersparen können, weder bekam ich die gewünschten Fotos, noch wollten sie etwas von einer Veröffentlichung meiner Arbeit wissen. Es passe weder vorn Stil noch vorn Konzept her in ihr Magazin. Erfolg hatte ich schließlich bei der "New York Times": Über den Art-Director - einem Schwarzen - erhielt ich Zugang zur "Morgue", dem Bildarchiv im Keller und konnte mir aus drei dicken Bildsammelmappen alles herauskopieren, was mich zum "Baader-Meinhof" Thema interessierte. Später bekam ich auch über Umwege die Todesfotos von Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe angeboten. Doch die drehten mir den Magen. im Leib herum, so entstellt, so deformiert waren die Gesichter und somit auch für mich unbrauchbar.


(Bildunterschrift: Harold's Traum)

Sonderbare Dinge passierten nun: Neuerdings wurde bei jeder Einreise auf dem Flughafen Paß und Visastempel fotografiert, sämtliche Gepäckstücke genau untersucht. Fremde und "Freunde" rieten mir, die Finger "davon" zu lassen. Filmmaterial, an. die Entwicklungsanstalten geschickt, dauerte plötzlich drei Wochen statt wie bisher fünf Tage. Briefe und Pakete bekam ich nur noch sporadisch "angeliefert".

Hinzu kamen tagtägliche Telefonanrufe von einer hysterisch-schreienden Frau, die sich als die Schwester Gudrun Ensslin ausgab und
"internes" Informationsmaterial von mir erzwingen wollte. Auf der Buchmesse in Frankfurt stürmte Astrid Proll meinen Stand, schmiß Tisch, Regale um und fuhr mich an, ich würde mit dem Leid ihrer Gesinnungsgenossen das große Geld scheffeln.

Schwierigkeiten hatte ich mit dem Balladen-Text zu meinen Holzschnitten: Meine Dichterfreunde (einschließlich Böll) lehnten ab und waren auch nicht zu einer Mithilfe oder abschließenden Korrektur zu bewegen. Ich mußte mich also selbst ans Reimen machen.

Die fertigen Mappenwerke bestellten sich dann viele Museen und Bibliotheken aus "dokumentarischen" Gründen, wie es in den Briefen entschuldigend hieß. Eine Bestellung kam auch von einem Dr. Schmidt aus der Taerstraße in Wiesbaden. Eingeweihte wissen, daß das einzige Haus der Wiesbadener Taerstraße das BBK ist.


(Bildunterschrift: Staatstragende Farben)

Die "Gefangenenbetreuung" der in Frankfurt einsitzenden weiblichen Terroristen ließen mir ihren Dank für meine Arbeit ausrichten, was mich ziemlich verwirrte und auch berührte. Mehr als drei Jahre hatte ich an dem Mappenwerk gearbeitet und verspürte nach dessen Abschluß ein Gefühl der Erleichterung, aber auch der Sinnlosigkeit und Wirkungslosigkeit künstlerischen Schaffens.

Josef Leonhard Krancher