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Zur Mythenbildung nicht geeignet
"Irgendwie ist es brutal, du wirst
völlig abgeschnitten" - Irmgard Möller
im Gespräch mit Dagmar Brunow und Luka Skywalker
über Geschichtsschreibung, Klischees, Männerbilder,
Punk und die RAF im Film.
Hamburg, November 2002
(Dieser Artikel
erschien in "Testcard. Beiträge zur Popgeschichte",
Ausgabe
12, Mai 2003)
Irmgard Möller wurde im Juli 1972
im Alter von 25 Jahren verhaftet. 1976 wurde sie wegen
Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Widerstands
gegen die Staatsgewalt, Urkundenfälschung und unerlaubten
Waffenbesitzes zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Statt der bevorstehenden Freilassung Anfang 1977 wurde
im Dezember 1976 ein neuer Haftbefehl gegen Irmgard Möller
ausgestellt.
Als einzige hat sie die sog. "Todesnacht" zum
18. Oktober 1977 von Stammheim überlebt, bei der
Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ums
Leben kamen. Selbst überlebte sie schwerverletzt
durch mehrere Messerstiche, von denen einer nur knapp
das Herz verfehlte. 1979 wurde sie wegen der Beteiligung
an einem Bombenanschlag auf das US-Hauptquartier in Heidelberg,
bei dem drei GIs ums Leben kamen, zu lebenslanger Haft
verurteilt. Auf politischen Druck von außen wurde
die schwerkranke Irmgard Möller 1994 aus der Haft
entlassen - nach 22 Jahren, 4 Monaten und 21 Tagen.
Dem Mythos, dass sich 3 Mitglieder der RAF in Stammheim
selbst umgebracht haben, weil sie am Ende waren, steht
Irmgard Möller als Überlebende gegenüber.
Was Irmgard Möller zu sagen hat, wollen viele nicht
hören, weil es zur Mythenbildung einfach nicht geeignet
ist.
Testcard: Die RAF erfährt ja gerade
eine ungeheure Popisierung: es gibt T-Shirts mit dem RAF-Emblem,
Modestrecken in Tussi Deluxe, Baader wird im Kino zur
Pop-Ikone stilisiert. Deshalb, exklusiv für die testcard,
eine Pop-Frage: Wie habt ihr eigentlich Punk im Knast
mitbekommen?
Irmgard Möller: Zuerst nur über
die Zeitung. Weil ich kein Radio hören konnte. Aber
in den Achtzigern, als ich in der JVA Lübeck saß,
haben uns dann FreundInnen Listen gegeben mit Plattentiteln,
zum Beispiel THE CLASH, DEAD KENNEDYS oder GANG OF FOUR,
und dann mussten wir die Justizbeamten einkaufen schicken.
Das Kontingent war begrenzt. Ich glaube, es gab so zehn
Platten im Jahr und die haben wir dann immer gehört,
von morgens bis abends.
Hast du die Platten noch?
Ja, aber die sind total verkratzt und
abgenudelt. Einen Saphir kannst du ja auch nur alle zehn
Jahre kaufen.
Hattet ihr keine Tapes?
Ich hatte 1980 nach Lübeck einen
Kassettenrekorder aus Stammheim mitgebracht, der wurde
mir aber abgenommen. Als ich rauskam, hab ich ihn dann
wiederbekommen. Und die ganzen Kassetten waren kaputt,
die waren voller Mäusedreck. Jedenfalls haben wir
so lange gezerrt, bis wir einen Plattenspieler bekommen
haben. Aber das hat einige Jahre gedauert. Der wurde dann
noch umgebaut und unten durchsichtig gemacht.
Und Radio?
Ab 1980 hatte ich dann wieder eins, das
auch einen Lautsprecher hatte und ab Mitte der Achtziger
auch UKW.
Und vorher konntest du nur Mittelwelle
oder Langwelle hören? Hast du John Peel gehört?
An John Peel kann ich mich nicht erinnern.
Musiksendungen im Radio waren eh eine Qual. Das war kein
Genuss, weil es immer so krächzte. Das waren ja keine
Apparate mit guter Tonqualität. Ich hab mehr Wortbeiträge
und Hörspiele gehört .
Die Bedingungen sind auch von Knast zu Knast verschieden.
In Ossendorf hatten sie schon früh CDs, aber bei
Brigitte [Mohnhaupt] in Aichach sind noch heute weder
Plattenspieler noch Kassettenrekorder erlaubt, und auch
keine CD-Player.
Und wie war das mit Büchern?
Wir haben von draußen auch Tipps
bekommen oder sind selber beim Lesen auf etwas gestoßen.
Dann mussten wir das beantragen. Wenn es genehmigt wurde,
mussten wir Büchermarken beantragen, die dann an
die Buchhandlung geschickt wurden. Die durfte daraufhin
ein Paket schicken mit der Genehmigungsmarke oben drauf.
Die Bücher wurden beim Eingang darauf geprüft,
ob sie gebraucht sind, da wurde jedes Blatt untersucht.
Wenn da ein Eselsohr drin war, wurde das Buch konfisziert.
Die mussten absolut nagelneu sein. Kein Besucher durfte
einfach mal von zu Hause ein Buch mitbringen, nach dem
Motto "hey, geb ich dir mal", das war absolut
verboten.
Ist das eigentlich immer noch so?
In manchen Knästen sind die Regeln
noch härter: da dürfen die Gefangenen die Bücher
nicht geschickt kriegen, sondern müssen die Bücher
selber bezahlen - so wie wir die Platten bekommen haben
- in einer bestimmten Buchhandlung des Ortes. Da muss
immer ein Konto sein, da muss immer Bargeld sein und dann
werden die von einer Oberwachtmeisterin gekauft.
Es gab ja auch Knastbibliotheken, aber
da war es wohl kaum möglich, so eingehend zu einem
Thema zu forschen wie du es zur Zeit über Israel-Palästina
betreibst. Gab es so etwas wie Fernleihe?
Das war absolut verboten. Knastbibliotheken
sind sehr verschieden. Ich war in Nürnberg, Anfang
der Siebziger, da gab es nur so Nazizeugs. In den Siebzigern
haben Leute ihre privaten Bücher gestiftet, und deshalb
gab es einige Bibliotheken, die gut sortiert waren. In
Lübeck musste man zum Beispiel aufpassen, dass man
nicht in die Frauenbibliothek geriet, sondern in die Männerbibliothek.
Weil in der Frauenbibliothek eher Romane
stehen?
Rosamunde Pilcher und so. Sachbücher
gab es nur in der Männerbibliothek. Nach `77 wurden
auf allen Ebenen rabiate Beschränkungen eingeführt:
Du darfst nur noch maximal 20 Bücher bei dir haben,
inklusive Lexika. Und du kannst nicht arbeiten mit so
wenigen Büchern. Bei Zeitungen dasselbe.
Die taz hat ja diese Knast-Abos. Hättet
ihr so eines kriegen können?
Wir hatten eines, aber die Ausgaben wurden
zensiert. Die Achtziger Jahre-taz wurde sehr oft angehalten.
Heute gibt es zwar noch Zensur, aber diese Anhaltepraxis
ist in dem Maße nicht mehr vorhanden.
Konntet ihr fernsehen?
Fernsehen konnten wir über Tag ab
und zu. Abends mussten wir genau auflisten, da mussten
wir dreimal in der Woche das Programm studieren und beantragen,
dass wir in den Fernsehraum geschlossen werden wollen,
und um elf war dann Schluss, aber da waren die Filme meistens
noch nicht zu Ende. Das war gemein.
Das haben die auch knallhart durchgezogen?
Bis alle in den Neunzigern ihren eignen
Fernseher bekamen, immer. Nach Einschluss kamen die in
dreifacher Besetzung und rotteten sich vor der Tür
zusammen. Ich kannte ja noch die alten Farbfernseher von
1969, die ganz grauenhaft waren, so grell. Deshalb haben
wir drinnen drauf bestanden, einen Schwarzweißfernseher
zu haben. Da hatten wir einen riesigen Kasten, mit herrlichem
Bildschirm - schwarzweiß. Irgendwann kamen die Beamten
und fragten "Wollen sie nicht mal einen Farbfernseher?"
Und wir: "Nein, wir wollen schwarzweiß behalten."
Was wir uns aber gewünscht haben, war, dass es so
etwas geben möge wie Fernbedienung. Ich wußte
nicht, dass es so etwas wie Fernbedienung überhaupt
gibt.
Wie war das überhaupt mit diesen
ganzen Kulturtechniken, die sich in der Zwischenzeit entwickelt
hatten und die du neu lernen musstest, als du rauskamst?
Als ich rauskam, musste ich alles, was
elektronische Teile oder gar außerdem Räder
hat, neu zu bedienen lernen.
Irgendwie ist es brutal, du wirst völlig abgeschnitten.
Von Video und Computern hatte ich keine Ahnung. Ich konnte
nicht mal im Bibliothekskatalog nach einem Buch suchen.
Ich hatte unheimlich Respekt davor und Angst, etwas kaputtzumachen,
wenn ich auf einen falschen Knopf drücke und alles
stürzt ab. Und dann diese verrückte Maus! Erst
vor zwei Jahren habe ich einen Computerkurs gemacht, im
Frauentechnikzentrum, "Internet für PC-Einsteigerinnen".
Ich hab zuerst gar nichts kapiert, aber es hat die Hemmschwelle
gesenkt. Der Respekt ist weg.
Inwiefern herrschte eigentlich damals
in den Sechzigern, bevor du in die RAF gingst, ein anderer
Zeitgeist als heute?
Da war z.B. ein großer Einschnitt,
als Brandt an die Regierung kam. Die sozialdemokratische
Strategie, wie wir sie wahrgenommen haben, bestand darin,
die Leute voneinander zu isolieren und etwas Kleines,
Kaltes, Zerteiltes herzustellen und zu demobilisieren.
Sich mit kleinen Dingen abzufinden, sich einzurichten
und alles andere zu vergessen. Oder die, die das nicht
vergessen haben, als Feinde zu betrachten. Jemand, der
mal was anderes erlebt hat und sich dagegen entscheidet,
der empfindet andere, die daran festhalten, natürlich
als Bedrohung. Das geht ganz tief.
Als Brandt 1969 Kanzler wurde, hat er viele Hoffnungen
auf sich gezogen. Die Leute hatten sich gefreut. Ganz
wichtig war das Amnestiegesetz für alle, die wegen
Aktionen wie Demos, Besetzungen usw. verurteilt oder verfolgt
wurden. Nicht, dass Repression die Leute zusammenschweißt,
aber sie hat doch bei vielen Betroffenen den Begriff der
Lage geschärft: Mit wem ist man konfrontiert? Wie
kann man sich dagegen wehren? Vor allem, dass man sich
nur zusammen dagegen wehren kann! Dann der Blick auf das
ganze Justizsystem, auf das Repressionssystem - Was wird
wie verfolgt? In welche Mühle sind wir da geraten?
Ich meine nicht, dass Verfolgung automatisch etwas Gutes
hervorruft. Aber damals war wichtig, dass wirklich jeder
bedroht war, der mal einen Fuß auf die Straße
gesetzt hat - gegen die Notstandsgesetze, als Protest
gegen den Vietnamkrieg, gegen die Junta in Griechenland,
es gab ja unendlich viele Anlässe für Demonstrationen
und Teach-Ins. Da wurde alles kriminalisiert. Wir alle
haben damals viele Monate damit verbracht, in Justizpalästen
rumzusitzen und Prozesse zu beobachten und zu stören.
Und diese Angeklagten wurden dann alle amnestiert und
somit war das vom Tisch. Das war ein genialer Schachzug
von Brandt, der ja mit seiner Geschichte für etwas
stand, weil er unter den Nazis emigrierte und Hoffnungen
auf sich ziehen konnte und nicht irgendwer war, nicht
Kohl.
Hast du den Eindruck, dass heute noch
irgendwas von dieser Hoffnungsfreude zu spüren ist?
Hoffnung auf die Regierung? Grotesk. Niederlagen
haben natürlich auch etwas Faktisches. Hoffnung gibt
es, wo es Rebellion gibt.
Trotz vieler Versuche von Geschichtsschreibung
herrscht in der Linken eine ziemliche Geschichtslosigkeit
- neue Generationen wissen kaum etwas über die Debatten
noch zehn Jahre zuvor. Hier stellt sich doch die Frage,
welche Geschichten überliefert werden. Und vor allem,
aus welcher Perspektive? Wie beurteilst du z.B. die Baader-Filme?
Diese Sorte Filme setzen natürlich
auf Geschichtslosigkeit, hoffen da auf guten Boden. Sonst
sind die Baader-Filme wie die BILD-Zeitung damals, bis
ins feinste Detail dieselben Bilder von Andreas. Oder
wie Conradts Film über Holger [Meins] - nur war ich
da gewappnet, weil ich das Buch schon kannte.
Das Bemerkenswerte an Conradts Film
ist ja, dass er so ausgesprochen erkenntnisfrei ist: es
ist kein Film über Holger Meins, sondern einer über
Gerd Conradt - eine reine Selbstbespiegelung, und dann
auch noch auf der Eso-Schiene. Was wäre deine Kritik
an Conradt?
In erster Linie, dass er Holger benutzt.
Conradt stützt sich auf das BKA, auf den Bullen Klaus.
Wie kann man einen Film über uns oder über jemanden
von uns drehen und sich dabei auf Dokumente des Intimfeinds
stützen? Und das tut er schamlos. Das führt
dazu, dass der Klaus die Oberherrschaft über die
Geschichte bekommt. Das hat Aust vor 15 Jahren nicht anders
gemacht, das machen sie alle so. Immer dieselbe Quelle!
Die Quelle ist der über Jahrzehnte auf uns damals,
auf die RAF, angesetzte BKAler. Der, der unsere ganzen
Papiere analysiert hat, unsere Zettel, unsere Diskussion
untereinander, unter den Gefangenen, der bei den Familien
rumgeschlichen ist und versucht hat, sich überall
einzuschmeicheln, der Besuche überwacht hat und Personagramme
über Einzelne für die spezifische Bekämpfung
erstellt hat. Und `ne Figur, die dann natürlich auch
bei den Verfälschungen über uns die Finger drin
hatte - eine seiner Storys, die er verkauft, ist zum Beispiel,
Holger sei auf Befehl von Gudrun gestorben. Und der Typ
ist praktisch heute der König. Alle bedienen sich
bei dem und zeigen das auch. Dass das möglich ist,
finde ich den Hammer. Dass gar nicht hinterfragt wird,
was für eine Quelle das ist. Und Conradt will euch
ja damit zeigen, dass Holger, wäre er nicht zur RAF
gegangen, vielleicht ein ganz freundlicher Mensch gewesen
wäre (lacht).
Und Breloer? Der das Todesspiel gemacht
hat.
Der hat mich nie gefragt. Er wurde mal
zur Rede gestellt, warum er, als Dokumentarist, der doch
angeblich alles recherchiert und alle befragt, mich nicht
kontaktiert hat. Da hat er gesagt, "Nee, die frag
ich nicht, von der weiß ich eh, was sie sagt, das
passt mir hier nicht."
Das Interessante ist ja auch, dass
du im Todesspiel gar nicht vorkommst. In den ganzen Passagen,
die in Stammheim spielen, gibt es dich gar nicht.
Das ist die perfekte Lösung.
Das ist ja Geschichtsklitterung wie
damals in der Sowjetunion, wo sie immer Trotzki wegretuschiert
haben.
Das war in den Achtzigern durchgehend
so. In den Öffentlich-Rechlichen kam ich nicht vor,
ich wurde einfach nicht erwähnt. Das passiert heute
auch noch.
Dafür hatte Breloer ja zwei andere
Quellen: Peter-Jürgen Boock und Silke Maier-Witt,
die beide als Kronzeugen ausgesagt haben. Die dürfen
in der bürgerlichen Presse als authentische RAF-Quellen
herhalten.
Ja, natürlich, so funktioniert es.
Dafür werden sie gebraucht und aufgebaut. Bei Boock
kann man das besonders gut verfolgen, wie er in immer
neue Rollen schlüpft - erst Handwerker, dann zerknirschter
Oberkader - und immer neue Fälschungen und Denunziationen
anbringt.
Siehst du dann überhaupt noch
eine Möglichkeit die herrschende Geschichtsschreibung
zu korrigieren?
Es ist immer noch die Geschichtsschreibung
der Herrschenden. Und an deren Produkten und Produktionen
will ich mich nicht mehr abarbeiten. So etwas lässt
sich nicht korrigieren, da kann man nur was
Eigenes setzen. Mir ist oft genug die Galle hochgekommen.
So wie in den Achtzigern, als Aust Der Baader-Meinhof-Komplex
herausgebracht hat. Ich hab jetzt so einen Abstand, dass
ich das wirklich nur mit Verachtung beobachten kann. Wenn
Leute solche Bücher nicht hinterfragen, kann ich
auch nichts machen. Wo bleibt denn der kritische Verstand,
dass man einen Bullen als Zeitzeugen oder einen Kronzeugen
doch nicht hinnehmen muss?
Du hast ja das Interview mit Tolmein
(*) gemacht. War das der Versuch, eine eigene Darstellung
zu liefern ohne bloßer Teil eines anderen Projekts
zu sein?
Ja, das war so ein Versuch und ich habe darauf geachtet,
keine Angelpunkte für Personalisierungen zu liefern,
also nicht Einzelne von uns zu porträtieren, keine
Anekdoten zu erzählen, auch wenn es dann manchmal
so abstrakt daherkommt.
Meinst du, eine Debatte, eine Aufarbeitung
unter RAFlerInnen ist überhaupt noch möglich
angesichts so vieler, die Kronzeugen geworden sind?
Also, das ist Quatsch, es sind ja nun
keineswegs so viele Kronzeugen geworden! Das erscheint
nur so, weil die in den Medien präsent sind. Ich
denke, für uns, wir brauchen noch Zeit, weil du einen
Abstand haben solltest, emotional und überhaupt.
Ein cooleres Verhältnis. Und Brigitte (Mohnhaupt)
müsste z.B. mit dabei sein.
Brigitte Mohnhaupt sitzt noch, insgesamt
sind es noch fünf, nämlich außer ihr noch
Christian Klar, Rolf-Clemens Wagner, Eva Haule und Birgit
Hogefeld.
Die sitzen auch schon unendlich lange,
zwanzig Jahre, die sind 1982 eingefahren. Christian Klar
soll 26 Jahre sitzen, es sei denn, er zeigt Reue. Brigitte
soll 24 Jahre drinbleiben und Rolf-Clemens Wagner sitzt
da auch schon seit 1979. Eva ist ´86, und Birgit
´93 zu lebenslänglich verurteilt worden.
Und Gnadengesuch heißt "Reue
zeigen"? Man könnte ja auch meinen, zwanzig
Jahre Knast seien gnadenwürdig genug.
Ich bin damals auf politischen Druck rausgekommen
und etliche andere auch, weil eine Öffentlichkeit
hergestellt wurde. Davon ist die Justiz, entgegen ihrer
eigenen Aussage, doch beeinflussbar. Es war auch eine
andere politische Situation. Ansonsten kommst du nicht
raus, wenn du nicht noch was zu bieten hast. Auch beim
Gnadengesuch musst du mitarbeiten, wenn du nicht todkrank
bist. Und wenn man sich die Rede von Rau anguckt, die
er zum Todestag von Schleyer im Oktober [2002] im Berliner
Dom gehalten hat: "Das Urteil der Geschichte über
die RAF entspricht dem Urteil der Gerichte über die
Gefangenen und es gibt überhaupt keinen Grund für
pauschale Begnadigung " - so haben die vor fünf
Jahren auch noch nicht geredet. Der Stachel, dass da Leute
aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen,
ist nicht mehr da.
Was ich überhaupt nicht will, ist, da eine rein humanitäre
Sache draus zu machen.
Meinst du denn, dass durch die Pop-isierung
der RAF ein größeres Bewusstsein bei der jüngeren
Generation geschaffen worden ist und damit eine breitere
Mobilisierung für die Freilassung der restlichen
fünf Gefangenen erreicht werden kann?
Denk ich überhaupt nicht!
(allgemeines Gelächter)
Weil alles nur an der Oberfläche
bleibt?
Gar nichts damit zu tun hat.
Noch mal zum Baader-Bild im Film, der
"seine Gudrun" und alle anderen lenkt, was ja
eine bedenkliche Geschichtsschreibung ist, ein Bandenchef,
der ein paar Hühner im Stall hat.
Es ist eine Zumutung sich damit überhaupt
zu befassen. Das werden ja auch nicht die letzten Produkte
dieser Art sein, etliche Verträge sind schon unterschrieben,
die Gelder sind bewilligt ... Vor zwanzig, dreißig
Jahren gab es ähnliche Ansätze, aber einen anderen
"Zeitgeist", bewaffneten Kampf mit "Baader
und seinen Herrschaftsgelüsten" zu erklären.
Das ist doch der totale Abfuck. Dann gab es z.B. Erklärungsmuster
zu "Frauen und Terror", zum Beispiel unterschiedliche
Gene, wie die sogenannte Ursachenforschung annahm, die
1977 anfing. Zum Beispiel fand man es sehr beunruhigend,
dass so viele Frauen bei der RAF dabei waren ...
... da war die Rede von "Terrormädchen",
von "Megären", die man gleich zuerst erschießen
sollte, weil ja Frauen als Terroristen ohnehin viel gefährlich
seien als Männer.
... nicht zu bremsen, pervers und skrupellos
...
eine Sicht auf Frauen und Gewalt, die
sich im doppelten Standard in der Rechtsprechung widerspiegelt.
Und in den Neunzigern werden die Fakten von einer gewissen
Gleichberechtigung, wie sie in der RAF damals verwirklicht
worden war, völlig zunichte gemacht, indem nun so
ein Macho-Bild von Baader rausgekramt wird.
Andreas wird immer wieder zu einer Projektionsfläche
gemacht, auf der sich diese üblen Bilder überschlagen.
Er hat sich intensivst mit den Mechanismen von Männern
beschäftigt und uns ne Menge davon gesagt. Natürlich
verändert sich auch jeder in so einem Kampf als Person,
weil alte Strukturen und Mechanismen stören und blockieren,
und Andreas hat gerade diese Rollen immer wieder angegriffen
und in der Gruppe die Diskussion darüber vorangetrieben
und interveniert.
Davon kriegt man nichts mit!
Es ist besonders perfide, wenn er immer
wieder als das armselige Arschloch dargestellt wird, wie
schon in Zeiten der Fahndung. Aber so funktioniert psychologische
Kriegsführung, über einen werden alle denunziert.
Etwas anderes konnten die sich wohl
gar nicht vorstellen.
Das konnten und wollten sie vor allem
auch nicht.
Ich erinnere mich noch an den Satz von Andreas, dass Männer
in dieser Gesellschaft wie in einem Korsett sitzen, und
sie da auch nicht raus können, es sei denn, sie sprengen
es. Dass sie total gefangen sind in ihrer Rolle.
War das denn vor 1972 schon Thema?
In den Sechzigern schon, als er nach Berlin
gegangen ist und in verschiedenen Szenen gelebt hat. Da
hat er alles mögliche ausgelebt, auch in Schwulenclubs.
So eine Erkenntnis ist ja immer ein Prozess.
Das war mir gar nicht klar. Dass man
irgendwann angefangen hat, die Frauenrollen zu hinterfragen,
weiß man ja, aber, dass gerade er dieses Männerthema
so gefeatured hat.
Er hat es sehr vorangetrieben und alle
mal am Kragen gepackt, denn Männer lassen sich ja
auch gern von Männern was sagen, sich korrigieren,
sich kritisieren - eher als von Frauen.
Sind solche Debatten denn im Knast
später noch weitergegangen?
Im Knast damals noch. Aber bei denen,
die draußen weitergekämpft haben, war es sicher
wieder anders, da ist es zwischendurch auch mal ein Stück
abgerissen.
Hast du nach deiner Entlassung eigentlich
den Eindruck gehabt, dass die Frauen tougher und härter
geworden sind und auch mehr gefordert haben - dass also
zu merken war, es hat eine Frauenbewegung gegeben ...
ja, auf jeden Fall ...
dass die Männer aber eher stehengeblieben
sind?
Stehengeblieben? Regression! Massive Regression!
Auch bei Leuten von uns - es gibt eben nichts, was nicht
immer wieder erobert werden müsste, das gilt für
Männer und Frauen.
Wie äußert sich diese regressive
Tendenz?
Erspart mir hier `ne Aufzählung!
Deshalb wollten wir ja auch gerne gemischte Gruppen unter
den Gefangenen, das war ja ein Ziel. Damit es nicht so
eine geschlechtergetrennte Gefangengruppen gibt. Bei der
Zusammenlegung war es immer ein Ziel, auch bei den Verhandlungen
1989 noch mal, weil der Druck von außen so groß
ist. Im Männerknast ist es ein anderes Leben.
Wie gingen eure Forderungen nach Umschluss
und gemischten Gruppen denn einher mit dem Wunsch nach
neuen Formen der Kommunikation und des Zusammenlebens
wie sie nach 68 entwickelt wurden? Hat das damit reingespielt,
gab es so eine Möglichkeit des selbstbestimmten Agierens
oder ging es im Knast ums nackte Überleben?
Es war beides. Es hat auf jeden Fall mit
reingespielt. Dass die Kommunikation auch erstarrt, durch
Regression von Einzelnen, das wirkt sich auch auf die
ganze Gruppe aus, auf die Wahrnehmungsfähigkeit und
alles. Gerade wenn du ums Überleben kämpfst,
musst du dir da drin auch was Neues erobern. Es gab ja
auch eine richtige Sehnsucht nach den anderen.
Eine Kampagne hieß ja "Die
schönste Jugend ist gefangen". Ich würde
gern auf den Mythos Jugend zu sprechen kommen. Wenn man
auf Demos Leute sieht, die jünger sind als man selbst,
überkommt einen ja immer das Gefühl "es
gibt noch Hoffnung, es geht noch weiter". Ist es
eigentlich so? Warum ist Jugend immer Hoffnungsträger
für revolutionäres Potenzial?
Das finde ich schon mal selbstverständlich.
Aus den Erfahrungen, aus der Geschichte, weil Veränderungen
nie von den Alten gekommen sind. Zum Beispiel in Südafrika:
da haben sich Generationen arrangiert und zurückgehalten,
bis in den Siebzigern die Schüler kamen und sich
gegen die Apartheid aufgelehnt haben. Das hat mit Mobilität
und Power zu tun, weil noch keine Erstarrung, Schwächung
oder Erschöpfung eingesetzt hat. Wenn du jünger
bist, hast du doch viel mehr Kraft. Das muss man einfach
akzeptieren. Man darf aber auch nicht erwarten, dass sie
alles wiederholen oder sie dauernd mit einem selbst vergleichen.
In der offiziellen Geschichtsschreibung
wird ja die RAF immer gern als Gegenpol zu einer lustbetonten
Jugendbewegung dargestellt.
Das kommt durch bestimmte Klischees, z.B.
gibt es einen Roman von Peter-Paul Zahl, wo die Leute,
die illegal leben, so dargestellt werden, als wären
sie so, wie sie in bestimmten Momenten auch erscheinen
müssen, z.B. im Kostüm, mit Perlenkette oder
grauem Hut. Dabei ist das eine Mimikry, die eine Viertelstunde
später schon wieder ganz anders aussieht. Du hast
dich ja nicht nur als Bürger verkleidet, es gab ja
auch total verschiedene Aufzüge, in denen du als
Illegaler unterwegs bist - je nach dem, wo du dich bewegst,
hast du etliche Facetten von Darstellungen. Auch in dem
Conradt-Film kommt vor, dass der Holger in der Illegalität
so schrecklich und hässlich aussah. Na gut, dann
sah er mal einen Tag lang schrecklich aus, ja und? Dem
ging es prächtig dabei! Als Lagerarbeiter im grauen
Kittel konnte er sich wunderbar bewegen, das machte ihm
doch im Kopf nichts aus! Es muss nicht immer bunt sein
mit Schlaghose und langen Haaren. Das Leben im Untergrund
erfordert bestimmte Regeln, die du einzuhalten hast: du
musst gucken, wo du langgehst, ob du gerade beobachtet
oder verfolgt wirst. Kannst nicht einfach dich zudröhnen
und in die Luft starren. Es gibt eine bestimmte Verantwortlichkeit,
aber das heißt nicht, dass du nur noch im Gleichschritt
marschierst oder die Rolle, die du gerade an jenem Tag
spielst, verinnerlichst. Diese Auffassung ist unsäglich
dumm.
Vor allem ist es lustig, wenn du dann nach Hause kommst
und kannst es abwerfen. Du gehst in dieser Mimikry umher
und bist es nicht - das ist auch ein tolles Gefühl.
Gab es in der RAF eher die Position
sich von der Jugendbewegung abzugrenzen, sie als Hippiekram
zu bezeichnen? Liegt der Ort, an dem man wirklich links
sein kann und an dem die Möglichkeit zur Revolution
besteht, außerhalb der Jugendkultur?
Es gibt ja eine Wechselwirkung. Du bist
ja nicht isoliert. Ich erinnere mich, dass es auch eine
Akzeptanz gab. Muss ja nicht jeder in den Untergrund gehen.
Als du rausgekommen bist, hast du ja
viele Erfahrungen gemacht von Verachtung, Verrat, während
die RAF in der Linken andererseits eine ungeheure Autorität
besaß. Ist dir das nach deiner Freilassung begegnet,
dass Leute dich als Autorität aufgefaßt haben
- war das beklemmend?
Weil ich immer vermieden habe, durch die
Lande zu reisen und mich auf Podien zu setzen, habe ich
diese Erfahrungen nicht gemacht. Andere, die auch lange
gefangen waren, hatten das Gefühl, sie halten das
nicht mehr aus, dass man zu ihnen hochschaut und wer weiß
was von ihnen erwartet. Manchmal höre ich, "zu
dir trauen die sich nicht Sachen zu sagen, die sie woanders
sagen", was soll ich denn machen, immer misstrauisch
sein? Das vergiftet alles so.
Welche Erkenntnisse würdest du
gern tradieren?
Die guten Sachen, auf jeden Fall. (lacht)
(*) Buchtipp:
Oliver Tolmein: "RAF - Das war für uns Befreiung".
Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten
Kampf, Knast und die Linke. Überarbeitete Neuauflage.
Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2002
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