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Explosionen legten Gefängnis in Schutt und Asche

Die letzte Terrorattacke der RAF vor zehn Jahren galt dem Neubau in Weiterstadt / Täter wurden nie gefasst

In der Nacht zum 27. März 1993 hat ein "Kommando Katharina Hammerschmidt" in Weiterstadt bei Darmstadt mit fünf Sprengsätzen Deutschlands modernste Haftanstalt in Schutt und Asche gelegt - vier Tage vor Beginn des Probebetriebs. Zehn Jahre später läuft in dem 1997 dann doch noch eröffneten Bau ein weitgehend normaler Gefängnisalltag.

Von Christian Ebner (dpa)

WEITERSTADT. "Das Verwaltungsgebäude sah aus wie geplatzt", erinnert sich ein Augenzeuge an das Ergebnis der letzten Terrorattacke der Roten Armee Fraktion. "Ich war geschockt, dass die Terroristen zu so einem schweren Anschlag fähig waren", sagt Willi Kümmel vom Hessischen Landesverband der Justizvollzugsbediensteten. Seine Sorge galt damals vor allem den Kollegen, die von dem RAF-Kommando überwältigt worden waren.

Nach der Rekonstruktion des Bundeskriminalamtes hatten die Attentäter mit Alu- und Strickleitern den Mauerring überwunden und drei Wachleute überwältigt. Gemeinsam mit den JVA-Bediensteten wurden sie gefesselt und aus der Gefahrenzone gebracht, während die Terroristen mit rund 200 Kilogramm Sprengstoff "die fünf größten Explosionen der deutschen Kriminalgeschichte" (der grüne Ex-Justizminister Rupert von Plottnitz) vorbereiteten.

Die Druckwelle hat auch ein 200 Meter entferntes Gefängnistor aus den Angeln gehoben, erzählt der JVA-Sicherheitschef Joachim Heinz-Kröll. Die Verwaltung mit der aufwendigen Sicherheitszentrale auf dem Dach wurde komplett zerstört, die meisten der sieben Unterkunftshäuser stark beschädigt. 90 Millionen Mark zusätzliche Kosten verbuchte die Landesregierung, die Gesamtkosten für das Gefängnis stiegen auf 363 Millionen Mark.

Die Sicherheitsbehörden waren von dem Anschlag komplett überrascht worden. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wie auch BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert versicherten einmütig, dass Derartiges nicht zu erwarten war. "Gegen immer mehr Menschen Knast, Knast, Knast" heißt es in dem RAF-Bekennerschreiben zur Motivation des Anschlags. Herausgekommen ist bei der Attacke aber nur, dass die südhessischen Untersuchungshäftlinge noch vier Jahre länger in der verrufenen und permanent überfüllten Haftanstalt Frankfurt I untergebracht werden mussten. Als einziger linksradikaler Terrorist saß nach Justizangaben bislang nur der Wiener OPEC-Attentäter Hans-Joachim Klein in Weiterstadt ein.

Gefasst wurden die Täter nie. Die Ermittler gehen davon aus, dass der drei Monate nach dem Weiterstädter Anschlag in Bad Kleinen erschossene Wolfgang Grams und seine Freundin Birgit Hogefeld dem Kommando angehörten. Der Bundesgerichtshof hielt aber die Beweislage zur Mittäterschaft der RAF-Frau für zu dünn und hob das Urteil gegen die zu lebenslanger Haft verurteilte Hogefeld in dieser Sache auf.

Zwischenzeitlich fahndete die Bundesanwaltschaft zudem nach dem berühmt gewordenen V-Mann Klaus Steinmetz, der damals bis in die RAF-Kommandoebene vorgedrungen war. Er soll rechtzeitig vor dem Weiterstädter Anschlag gewarnt haben, ohne dass der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz die Informationen weitergegeben hätte.

Mittlerweile heißt es in Karlsruhe: "In dieser Sache gibt es keine Haftbefehle mehr." Dem wegen seiner weitläufigen Freizeitanlagen und seinem Hallenbad mit 25-Meter-Bahn stets als "Luxusknast" kritisierten Bau in den Spargelfeldern hat die erste Regierung des CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch einige Zusatzaufgaben gegeben. Im Jahr 2001 wurde auf den Platz des eigentlich geplanten Krankenhauses ein Containerblock mit 200 Haftplätzen gesetzt, in dem nun keine Untersuchungshäftlinge, sondern frisch verurteilte Straftäter untergebracht werden. In dieser so genannten Einweisungsstation wird für nahezu jeden hessischen Strafgefangenen der weitere Ablauf seiner Haft entschieden.

333 Vollzugsbedienstete arbeiten in Weiterstadt. "Für uns ist die Sache mit dem Anschlag einfach abgeschlossen", sagt die Anstaltsleiterin Hadmut Jung-Silberreis. Und erklärt jedem Besucher geduldig, dass der Brunnen aus Taubertaler Muschelkalktrümmern vor ihrem Fenster nichts mit der RAF-Aktion zu tun hat. "Das ist Kunst am Bau und war schon vorher bestellt."


aus: Frankfurter Rundschau, 26.03.2003, Seite 32