Materialien / Anschlag in Naumburg


Spiegel online, 08.11.2003

INNERE SICHERHEIT
Angst vor Anschlagsserie der militanten Linken

Von Holger Stark

Das Bundesamt für Verfassungsschutz befürchtet, dass autonome Gruppen eine Anschlagsserie planen. Auslöser seien die jüngsten Aktionen der so genannten Militanten Gruppe.

Berlin - In einer vertraulichen Analyse warnen die Geheimdienstler nach Informationen des SPIEGEL, mehrere Brandanschläge der Militanten Gruppe im September dieses Jahres auf das Oberlandesgericht Naumburg und die Staatsanwaltschaft Magdeburg seien "als Signal an andere militante Gruppen zu werten". Vor drei Wochen hatten Unbekannte an acht Orten in einer bundesweit koordinierten Aktion Brandsätze in Arbeitsämtern gezündet sowie mehrere Zeitarbeitsfirmen attackiert. Eines der Ziele war auch das Haus des VW-Vorstandes in Wolfsburg, Peter Hartz.
Bereits in der Vergangenheit hatte die "Militante Gruppe" mehrere Brandanschläge auf Arbeits- und Sozialämtern verübt, um gegen die Reformpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Laut Verfassungsschutz ist die Organisation seit 1994 unter wechselnden Namen für mindestens 19 Anschläge verantwortlich. Die Gruppe, die vorvergangenes Wochenende in Berlin erneut zwei Autos anzündete, treibe maßgeblich die Vernetzung von Untergrundzellen voran. Die Behörden erwägen deshalb, eine Sondersitzung der "Koordinierungsgruppe Terrorismus" einzuberufen, in der unter anderem Polizei, Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft vertreten sind.


Naumburger Tageblatt, 02.10.2003

Kriminalität
Bundesanwaltschaft ermittelt zu Anschlägen
Verfassungsschutz bestätigt Bericht der Mitteldeutschen Zeitung

Naumburg/Karlsruhe/dpa. Nach den Brandanschlägen auf Sachsen-Anhalts Oberlandesgericht und die Außenstelle der Staatsanwaltschaft Halle in Naumburg hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Offiziell sei das Verfahren bei Generalbundesanwalt Kay Nehm am 22. September eingeleitet worden, sagte am Donnerstag Sprecher Hartmut Schneider in Karlsruhe. Nach dpa-Informationen begannen die Ermittlungen bereits am 19. September, also schon einen Tag nach den Anschlägen.
Die Ermittler gehen von einem terroristischen Hintergrund aus. Eine «militante Gruppe» (mg) aus Berlin hatte sich zu dem Anschlag in Naumburg bekannt. Das Bekennerschreiben war auch bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) eingegangen. Der Berliner Verfassungsschutz beobachtet die Gruppe bereits seit 2001, bestätigte Verfassungsschutz-Sprecher Claus Guggenberger einen entsprechenden Bericht der «Mitteldeutschen Zeitung» (MZ/Halle) vom Donnerstag.

Die Täter hatten an dem Naumburger Gerichtsgebäude mit Hilfe von Brandsätzen die Eingangstür in Flammen gesetzt. Zudem brannte ein Dienstwagen der Staatsanwaltschaft aus, der vor dem Gebäude der Ermittlungsbehörde geparkt war. Der Schaden betrug rund 35 000 Euro. Verletzt wurde niemand.

Nach Angaben von Verfassungsschutz-Sprecher Guggenberger ist die «militante Gruppe» bislang nur aus strategischen Gründen vor der Verletzung oder Tötung von Menschen zurückgeschreckt. Offenbar fürchte die Gruppe bislang, dass sie sich mit solchen Gewaltakten in der eigenen Szene isolieren würden, sagte Guggenberger.


Naumburger Tageblatt, 20.09.2003

Kriminalität

Bekennerbrief zu den Anschlägen in Naumburg
Schreiben von Linksextremen mit Insiderwissen wird geprüft

Naumburg/MZ. Eine militante Gruppe hat sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu den Brandanschlägen auf Sachsen-Anhalts Oberlandesgericht in Naumburg und die dortige Außenstelle der Staatsanwaltschaft Halle bekannt. "Es gibt ein Bekennerschreiben einer linksextremen Gruppe", bestätigte Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang auf MZ-Anfrage. Gegenwärtig werde der Brief auf Echtheit geprüft. "Aber einige Angaben", so Neufang, "lassen auf Insiderwissen schließen".
Die Anschläge waren am vergangenen Donnerstag in den frühen Morgenstunden kurz hintereinander verübt worden (die MZ berichtete). Die unbekannten Täter hatten gegen 1.45 Uhr an dem Gerichtsgebäude mit Hilfe von Brandbeschleuniger die Eingangstür in Flammen gesetzt.

Zudem war ein Dienstwagen der Staatsanwaltschaft, der vor dem Gebäude der Ermittlungsbehörde geparkt war, ausgebrannt. In der Folge wurde die Fassade des Hauses mit Ruß geschwärzt, zwei Fenster gingen zu Bruch. Der Gesamtschaden liegt bei rund 35000 Euro. Verletzt wurde niemand.

"Die Gruppe erklärt sich offenbar solidarisch mit inhaftierten Gesinnungsgenossen in Magdeburg und Berlin", sagte Oberstaatsanwalt Neufang. Es handelt sich dabei unter anderem um drei 22 bis 24 Jahre alte Magdeburger. Generalbundesanwalt Kay Nehm hat sie im August wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Sie sollen in Magdeburg vier Brandanschläge verübt haben - auf das Landeskriminalamt, ein Dienstfahrzeug des Bundesgrenzschutzes, ein Magdeburger Autohaus und Fahrzeuge der Telekom.


Magdeburger Volksstimme, 20.09.2003

Nach Brandsätzen gegen Justizeinrichtungen in Naumburg:
Linke Terror-Gruppe "mg" bekennt sich zu den Anschlägen

Magdeburg - Eine Gruppierung "mg" (militante Gruppe) hat gestern in einem Bekennerschreiben an die "Volksstimme" die Verantwortung für die Brandanschläge gegen Staatsanwaltschaft und Oberlandesgericht in Naumburg übernommen. Der Brief vom 17. September 2003 beginnt mit: "Wir haben im Zusammenhang mit dem Angriff der Bundesanwaltschaft gegen vermeintliche Angehörige klandestiner Gruppierungen (Untergrund-Gruppierungen, d. Red.) in Magdeburg bzw. gegen den u.a. von uns initiierten Organisierungsprozess militanter Strukturen in der Nacht vom 18.9.03 folgende Aktionen gegen sachsen-anhaltinische Justizeinrichtungen durchgeführt ..." Bei den Anschlägen zwischen 1 und 2 Uhr waren gegen einen Dienst-Pkw der Staatsanwaltschaft zwei Brandsätze und ein Molotow-Cocktail gegen die massive Eichentür des Gerichts geworfen worden. Das Fahrzeug brannte völlig aus. Man habe Menschen noch schonen wollen, heißt es im Brief. "Weil sich im linken Gebäudeflügel des OLG eine Hausmeisterwohnung mit separatem Eingang befindet, haben wir den Brandsatz lediglich vor dem Eingangsbereich platziert." Und darauf verzichtet, innerhalb des Gebäudes zeitverzögert den Brandsatz zu zünden. Ein "Ausdruck revolutionärer Ethik", wie die Linksterroristen schreiben.

Die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts hielt sich gestern weiter bedeckt. Die "militante Gruppe" sei zwar im Zusammenhang mit Anschlägen auf Daimler-Chrysler-Autohäuser bekannt, agiere jedoch meistens in Berlin. Ob das Schreiben echt ist, müsse erst noch ermittelt werden. Die "Aktion" sei dem Gedenken an Miguel Enriquez gewidmet, "der 1974 vom faschistischen Pinochet-Regime ermordet wurde", so "mg". Das Brief-Ende "Kampf der Klassenjustiz! Die Freiheit von Marco, Daniel und Carsten erkämpfen!" deutet darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit den drei Magdeburgern gibt, die als mutmaßliche Mitglieder der terroristischen Vereinigung "kommando freilassung aller politischer gefangenen" vom Bundesanwalt vor wenigen Tagen angeklagt wurden. - Von Bernd Kaufholz



Volksstimme Magdeburg, 19.09.2003 - zum Artikel als pdf mit Foto

Staatsschutz ermittelt in Naumburg, Verfassungsschutz eingeschaltet

Brandanschläge auf Gericht und Staatsanwaltschaft

Naumburg - Auf zwei Justizeinrichtungen des Landes Sachsen-Anhalt wurden gestern in den frühen Morgenstunden Brandanschläge verübt: In Naumburg gingen vor der Staatsanwaltschaft und am Oberlandesgericht innerhalb von 20 Minuten drei Brandsätze in Flammen auf. Gegen 1.45 Uhr setzten Unbekannte das Dienstfahrzeug der Staatsanwaltschaft Naumburg in Brand. Nach Volksstimme-Informationen hatten die Täter an beide Vorderräder des Opel Astra Brandsätze geworfen. Das Fahrzeug, das vor dem Gebäude der Behörde stand, brannte völlig aus. Wenige Minuten später wurde gegen die massive Eichentür des Oberlandesgerichts ein dritter Molotow-Cocktail geschleudert. Als Glücksfall erwies sich, dass die Polizeibeamten, die zur Staatsanwaltschaft gerufen worden waren, gerade vorbeikamen und so das Feuer löschen konnten. Insgesamt beträgt der Sachschaden rund 30000 Euro.

Im Landeskriminalamt wird zurzeit die Zusammensetzung der Brandbeschleuniger untersucht. Wer hinter den Anschlägen steckt und welches Motiv die Täter haben, sei noch völlig unklar, lautete gestern die offizielle Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Naumburg. "Wir sind nun mal eine Behörde, die nicht viel Freunde in der Bevölkerung hat", wiegelte Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang ab. Doch die Tatsache, dass neben dem 2. Fachkommissariat auch der Staatsschutz der Polizeidirektion Merseburg ermittelt, der Verfassungsschutz eingeschaltet und die Bewachung potenziell gefährdeter Objekte im Land wie Generalstaatsanwaltschaft, Justizministerium und Amtsgericht Naumburg sofort verstärkt wurde, macht deutlich, dass auch ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen wird.

Ob es sich möglicherweise erneut um die linksterroristische Gruppierung "kommando freilassung aller
politischer gegangenen" handelt, die im Frühjahr des vergangenen Jahres das erste Mal in Sachsen-Anhalt
von sich reden machte, ist nicht ausgeschlossen. Am 18. März 2002 war der Anschlag auf ein Fahrzeug des Bundesgrenzschutzes am Magdeburger Hauptbahnhof fehlgeschlagen. Der uhrengesteuerte Brandsatz hatte nicht
gezündet. Am selben Tag war ein Molotow-Cocktail gegen ein Gebäude des Landeskriminalamts geschleudert
worden. Außerdem waren Fahrzeuge von Daimler-Crysler und der Telekom Ziel der Terroristen. Die Bundesanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen das "kommando" übernommen, das "militante Politik
in den Köpfen der Bevölkerung verankern" und damit "einen gewaltsamen Umsturz herbeiführen" will.
Vor einem Monat hatte Generalbundesanwalt Kay Nehm drei Magdeburger wegen der Mitgliedschaft in
dieser terroristischen Vereinigung angeklagt. - Von Bernd Kaufholz


Naumburger Tageblatt, 18.09.2003

Tatort Naumburg
Anschläge auf Justizeinrichtungen
Unbekannte schleudern Brandsätze gegen Gericht und Staatsanwaltschaft

VON Jan Wätzold

Naumburg/MZ. In Naumburg sind am Donnerstag am frühen Morgen Brandanschläge auf das Oberlandesgericht (OLG) und auf die Außenstelle der Staatsanwaltschaft Halle verübt worden. An beiden Gebäuden entstand Sachschaden, ein Dienstwagen brannte aus. Menschen wurden nicht verletzt. Die Identität der Täter sowie das Motiv für die mit Molotow-Cocktails ausgeführten Anschläge ist bislang unklar. Die Staatsschutzabteilung der Polizeidirektion Merseburg hat die Ermittlungen übernommen.
"Noch gibt es keine heiße Spur", sagte Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang am Donnerstagabend. Noch werde in alle Richtungen ermittelt. "Es könnte sich ebenso um das Werk eines Einzeltäters handeln wie um die Tat einer extremistischen Gruppe", so der Jurist. Ausschließen könne man auch nicht, dass die Anschläge als Reaktion auf die Anklageerhebung des Generalbundesanwaltes gegen drei Magdeburger verübt worden sind.

Das OLG prüft derzeit, ob vor der Staatsschutzkammer demnächst gegen die jungen Männer verhandelt wird. Ihnen wirft Generalbundesanwalt Kay Nehm vor, als Mitglieder einer linken Terrorgruppe selbst vier Brandanschläge gegen Behörden verübt zu haben.

Gegen 1.45 Uhr hatte sich im Polizeirevier der Domstadt ein aufgeregter Anrufer mit dem Hinweis gemeldet, dass im Hof der Staatsanwaltschaft ein Fahrzeug in Flammen stehe. Drei Streifenwagen waren daraufhin in Richtung des im Stadtzentrum gelegenen Dienstgebäudes losgerast. Als eines der Autos auf dem Weg zum Tatort zufällig am OLG vorbeifuhr, bemerkten die Beamten ein Feuer am Haupteingang von Sachsen-Anhalts höchstem Gericht. Die Polizisten konnten die Flammen ohne fremde Hilfe löschen.

Im Hof der Staatsanwaltschaft indes muss das Feuer schon länger gebrannt haben. Der von einem Brandsatz getroffene Opel Astra wurde zerstört, zudem gingen zwei Fenster des Gebäudes zu Bruch.


Naumburger Tageblatt, 18.09.2003

Brandanschläge
Dienstauto der Staatsanwälte ausgebrannt
Feuer vor dem OLG - Ermittler tappen im Dunkeln

VON Helga Heilig

Naumburg. Helga Heilig Naumburg. Zwei Brandanschläge auf die Staatsanwaltschaft in Naumburg und das Oberlandesgericht gab es in der Nacht zum Donnerstag. Dabei sind erhebliche Schäden entstanden. Verletzt wurde niemand. Die Polizei wurde gegen 2.30 Uhr von Anwohnern darüber verständigt, dass ein Auto, das auf dem Gelände der Staatsanwaltschaft geparkt war, in vollen Flammen steht.
Die Beamten rückten mit drei Funkwagen aus. Dabei entdeckten die zwei Polizisten, die sich mit einem Streifenwagen über den Georgenberg dem Brandherd näherten, dass es vor der Eingangstür des Oberlandesgerichts ebenfalls brannte. Während die Freiwillige Feuerwehr Naumburg den Autobrand vor der Staatsanwaltschaft löschte, waren die Polizisten beim Feuer am Oberlandesgericht zugange und konnten es löschen.

Der Dienstwagen der Staatsanwaltschaft, ein Pkw Opel Astra, brannte bei diesem Anschlag völlig aus. Die Staatsanwaltschaft informierte auf Anfrage unserer Zeitung darüber, dass bei den Anschlägen offensichtlich Brandbeschleuniger benutzt worden sind. Darüber, wer diese Anschläge verübt hat, tappen die ermittelnden Behörden noch im Dunkeln. "Wir ermitteln in alle Richtungen", so Staatsanwalt Hans-Jürgen Neufang auf eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung. Über die Höhe des Schadens konnte am Donnerstagvormittag noch keine genaue Auskunft gegeben werden.


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