Die Niederlage der RAF ist eine
Niederlage der Linken
"Das Schlimmste ist doch,
daß die eigenen Erwartungen und Ziele dem, was passiert
ist, angepaßt werden."
Aus einer Diskussion der
Gruppe über Vertrauen, informelle Strukturen und
Verantwortung (vom 8. August 1993)
Nachdem wir
am Dienstag alle Informationen, die wir bis dahin hatten,
auswerteten, blieb für uns die zentrale Vermutung,
daß es sich in Bad Kleinen um Verrat aus den eigenen
Reihen handelte. Nach der Bestätigung von Birgit,
daß sie gesehen hat, wie Klaus Steinmetz verhaftet
am Boden lag, blieb für uns erst recht keine andere
Schlußfolgerung. Was wir von ihm wußten, sprach
aus unserer Sicht, in keinster Weise gegen diesen Verdacht,
sondern nur dafür. Unsere Einschätzung, aber
auch die Überlegungen, was zu tun ist, vermittelten
wir nach Wiesbaden und informierten diejenigen, von denen
wir wußten, daß sie Klaus Steinmetz kannten.
Unsere Aussage, daß es einen Verrat gab und wer
der Verräter ist, war an keinem Punkt mißverständlich.
Genausowenig, von wem es kommt und auch die Gründe,
warum wir das sagen.
###: Wir haben klar gesagt, sollten wir einen Fehler gemacht
haben, werden wir dazu stehen und zu den Gründen,
warum wir so überlegt haben, öffentlich Stellung
beziehen. Es war für uns kein Problem, dazu zu stehen.
Und das ist absolut wichtig: du übernimmst die Verantwortung
für die möglichen Konsequenzen deiner Handlung
- bei allem Mist, der sonst noch dazwischen steht. Ich
denke ja auch, daß das kein Problem von anderen
war, Wiesbaden oder RAF zum Beispiel. Auch in unserer
Stadt hätte das so laufen können. Und hätte
sich unsere Gewißheit als Fehler rausgestellt, wäre
hier die Hölle los gewesen. Das müssen wir ja
feststellen angesichts der letzten Wochen.
###: Ich glaube, um die Verantwortung übernehmen
zu können, war für die Einzelnen von uns, wie
zusammen, die Diskussion über die Frage informeller
Strukturen entscheidend. Das, was wir nach der Mobilisierung
gegen den Weltwirtschaftsgipfel in München '92 diskutierten
und in "Die Mühen ..." angerissen hatten.
Was wir dort für die Mobilisierung, aber genauso
für die Entwicklung der revolutionären Linken
kritisierten, schlug auch in dieser Situation reaktionär
um: die individuelle Unfähigkeit und Befangenheit
mußte sich verheerend auswirken, weil sie sofort
allgemeine, politische Bedeutung hatte. Denn es gab nichts
anderes. Ich meine, das Bewußtsein darüber,
daß nicht nur andere "Schuld sind", sondern
wir selbst auch Akteure waren und dafür auch den
Kopf hinhalten können. Das war eine bewußte
Entscheidung. Zu unserem Prozeß denke ich, daß
für alle bewußt ist, das eine ganze Phase revolutionärer
Politik jetzt unwiderruflich zu Ende ist. Wir müssen
um einen neuen Anfang kämpfen.
###: Wir müssen
es für den ganzen Prozeß revolutionäre
Linke, die sich im politischen Zusammenhang RAF/Gefangene
begreift, so sehen. Es ist natürlich eine harte Niederlage,
daß es an einem Bullen scharf wird - alles andere
wäre besser gewesen, also aus einem inneren, eigenen
Begriff der Notwendigkeit, für einen offensiven Bruch
nach vorne. Aber es ist auch trotz aller Brutalität
eine Chance: Entweder es wird jetzt aus der Scheiße
gehandelt, was Neues in Gang gesetzt, oder das war's.
Selbst wenn 90 Prozent der Leute so weitermachen wie bisher,
ist es ein Markierungspunkt - ja sogar, wenn alle so weitermachen.
Es ist etwas vorbei. Vor Jahren war das noch mehr eine
politische Kategorie - heute ist es die Praxis - konkret
und materiell. In jeder Hinsicht. Es ist ein Endpunkt.
Auch für uns - auch wenn wir in der Situation sehr
konträr zu allen gedacht und gehandelt haben. Es
hat da nichts zu sagen, ob du in der unmittelbaren Sache
selbst richtig liegst oder nicht.
###: Sicher,
wir haben ja schon längere Zeit immer wieder konträr
zur hauptsächlichen, politischen Ausrichtung dieses
Zusammenhangs gehandelt. Haben das Ausmaß des Zerstörungsprozesses,
innerhalb der revolutionären Linken geahnt, zum Teil
auch richtig erkannt und benannt - trotzdem sind wir aber
Teil des Desasters, weil wir das nicht festgesetzt haben,
nicht für uns, nicht für andere. Sich von dieser
Niederlage freizusprechen, sie nicht als unsere zu sehen,
würde die Verantwortung letztlich nur abgeben. Der
selbe Mechanismus, wie wir ihn seit Jahren versuchen zu
kritisieren.
In der Diskussion
zu Bad Kleinen, Steinmetz und dem Zusammenbruch revolutionärer
Orientierung, haben wir an einem bestimmten Punkt, ähnlich
wie die Genossinnen und Genossen in Wiesbaden, etwas verloren.
Uns fehlte als Gruppe an einem konkreten Punkt der Mut
und die Entschlossenheit, das Undenkbare zu denken und
unseren politischen Kontakt zu dem Typen und seinen Zusammenhang
ganz grundsätzlich in Frage zu stellen. In der Beziehung
zu ihm, muß ich das für mich so sagen. Und
wir zusammen, haben es auch nicht so scharf zur Frage
gemacht, daß daraus notwendigerweise Konsequenzen
gezogen werden müssen. Verfangen in dem Widerspruch
in der Bewertung und Einschätzung seiner Person und
der Politik, für die er stand und die wir kritisierten,
ja längst auch schon öffentlich, haben wir nicht
darauf gedrungen, diesen Widerspruch entweder aufzulösen
oder zu ihm, als Bestandteil der Politik, d.h. auch zu
den Genossinnen und Genossen, die sie machen und vertreten
auf Distanz zu gehen.
Wir müssen
es in der Gesamtheit sehen und verstehen. Dieser Mechanismus
läßt sich ja auch verallgemeinern. In den letzten
Wochen war es unmittelbar materiell. Nichts ist von dem
zu spüren, was eine revolutionäre Bewegung ausmacht:
in jeder Situation, um die eigene Handlungsfähigkeit
zu kämpfen. Natürlich, du kannst nicht immer
das Richtige machen, darum geht es auch nicht, aber du
kannst darum kämpfen immer wieder zu handeln, auch
wenn du an die Wand gedrückt bist. Auch wenn es einen
Verräter gibt und es dir fast das Herz bricht. Konkret
hätte das z.B. verlangt, den Takt der Aufklärung
dieser ganzen Sauerei selbst zu bestimmen, anstatt es
den Medien zu überlassen. Das wäre noch in der
ersten Woche möglich gewesen, wenn eine Erklärung
gekommen wäre, in der eine Untersuchung zur Sache
der revolutionären Linken erklärt worden wäre.
Auch wenn das Zeit gebraucht hätte. Aber das, wäre
dann auch nicht das Problem gewesen.
###: Nochmal zu dem Kontakt mit dem Typen. Unsere
Überlegung war ja, gleich zu Beginn des Kontaktes
mit ihm und aus dem Widerspruch heraus, der sofort da
war, das nicht nur eine Person von uns mit ihm redet.
Der Kontakt und die Diskussion muß überprüfbar
sein. Das heißt, es müssen zwei machen, was
so auch die Aufhebung der individuellen Bewertung der
Diskussion beinhaltet. Unsere, immer wieder gestellte
Forderung bzw. unsere Frage an ihn, warum das von der
anderen Seite her nicht auch läuft, haben wir letztlich
nicht zu Ende gebracht. Darauf haben wir nicht bestanden.
Im Ergebnis haben wir dann die Individualisierung nicht
aufgehoben. Eine Individualisierung, die den ganzen Prozeß
der letzten Jahre kennzeichnet. Die politischen Widersprüche
wurden nicht diskutierbar gemacht, dafür wurde keine
Struktur geschaffen. Es hing letztlich nur von der individuellen
Fähigkeit einzelner Genossinnen und Genossen ab.
Damit kannst du aber keine Politik bestimmen. Und das
zeigt sich jetzt in aller Schärfe.
###: Das Fatale an der Zeit, von Bad Kleinen bis heute,
ist ja, daß, wenn nicht die Realität und die
eigene Einschätzung so offensichtlich auseinanderklaffen
würde, vor allem in der Struktur, aus der er kommt,
aber nicht nur dort, wäre nie so ein Satz: "Wir
haben keine Strukturen." gesagt worden. Der eigene
Eindruck wäre ein komplett anderer. Das zieht sich
durch alles durch. Immer wenn der Widerspruch offensichtlich
ist, es nicht mehr zu übersehen ist, dann sind die
"fehlenden Strukturen" das Übel. Wenn aber
alles gutgeht, wird das nie zur Frage gemacht. Dabei stimmt
es ja auch so einfach nicht für die Genossinnen und
Genossen in Wiesbaden. Sie machen sich da selber was vor.
Viele Sachen, von der Demonstration am 10.7. bis zur Beerdigung
am 6.8., haben sie ziemlich gut auf die Beine gestellt,
trotz der verschiedenen Widersprüche. Dadrin hatten
sie eine Struktur und konnten handeln. Aber sie wollten
eine bestimmte Entscheidung, nämlich die, die Tatsache
der Unterwanderung durch den Verfassungsschutz sich einzugestehen
und offen zu machen, längere Zeit nicht treffen und
reden sich jetzt mit der fehlenden Basis zueinander raus.
Die entscheidende Frage aber ist eine ganze andere. Es
ist die Frage, wie ihre politische Entscheidungsstruktur
organisiert ist, da müssen sie ansetzen. Sonst verschwimmt
alles in einem nicht mehr diskutierbaren Nebel, wo einzelnen
Personen die Verantwortlichkeit zugeschoben wird.
###: Richtig,
sonst werden die Sachen auch auf den Kopf gestellt. Sie
haben in dem Bewußtsein gehandelt, daß nur
sie es sein können, die die ganzen Vorgänge
richtig beurteilen und dementsprechend entscheiden können.
Der Begriff dafür ist: politische Autorität.
Sie haben sie für sich beansprucht und mit diesem
Verhältnis gehandelt. Da gab es erstmal keine Anzeichen
von Unsicherheit. Und so wurde mit den Leuten geredet,
in ihrer Stadt, selbst mit uns. Wäre es anders gewesen,
dann hätten sie - wie wir vorschlugen - versucht
ein Gremium oder etwas ähnliches zu installieren,
was sich auch aus Leuten zusammensetzt, die nicht unmittelbar
persönlich, sei es durch Beziehungen oder langjährige
Freundschaften, betroffen waren. Zum Beispiel ein paar
Genossinnen und Genossen aus anderen Städten, die
aus einem anderen Blickwinkel diskutieren und entscheiden
können.
Aber so was
machst du natürlich nur, es beinhaltet ja auch die
Anerkennung einer bestimmten anderen Autorität, wenn
du selbst die Notwendigkeit dafür siehst, also weißt,
das du es bei einem Verratsfall diesen Ausmaßes,
zwangsläufig nicht allein schaffen kannst. Man muß
sich das mal konkret vorstellen: wie soll das funktionieren,
wenn diejenigen, die sich selbst und dem ganzen Prozeß
gegenüber rechenschaftspflichtig sind, zugleich ihre
eigene Untersuchungskommission sind? - Ohne jegliche Kontrolle
von außen, ohne jegliches Korrektiv. Das kann letztendlich
nur im gegenseitigen Decken und Verharmlosen enden. Und
so ist es dann ja auch gelaufen.
Natürlich
wäre die Situation in Frankfurt nicht viel anders
gewesen. Es sei denn, wir hätten quasi geputscht,
uns gegenüber einer solchen Struktur verweigert und
einen, davon unabhängigen Kreis installiert. Die
Entwicklung bis heute beweist ja die Notwendigkeit des
Bruches damit. Alles, was von uns bisher dazu gesagt wurde,
lief nur über einen sehr massiven Druck und Reaktionen
kamen immer erst dann, als es schon zu spät war.
###: Es ist
richtig, es wurde aus einer Autorität gehandelt.
Das hat vor allem politische Ursachen. Die Diskussion
dort, vor allem in den letzten zwei Jahren, hat sich selbst
als legitime und politisch einzig richtige Konsequenz,
aus dem antiimperialistischen Front-Prozeß der achtziger
Jahre begriffen. Aus dieser Autorität wurde gehandelt
und daher kommt auch die Sicherheit, der getroffenen Entscheidungen.
Gleichzeitig aber auch die Unfähigkeit, diese Konsequenzen
zur Diskussion zu stellen, sie also selbst zu entwickeln.
Einer ihrer Schlüsse aus dieser Kampfphase war, sich
zu öffnen, Formen und Strukturen zu finden, in der
viele mitmachen und andere integriert werden können.
Eine wichtige Überlegung, weil das natürlich
gebraucht wird. An diesem Punkt lagen wir ja gar nicht
so weit auseinander, zum Beispiel unsere Überlegungen
zur Basisorganisierung. Aber ihr eigener Prozeß,
als revolutionäres Kollektiv, als Gruppe und Zusammenhang
ging ihnen dadrin verloren. Das Ergebnis der tendenziellen
Verbreiterung war nicht die Vermassung revolutionärer
Initiative, Organisierung von Strukturen und kollektiver
Bewußtseinsbildung und Identität auf einer
breiteren Basis, sondern letztendlich die völlige
Individualisierung der Einzelnen. Der eigene kollektive
Prozeß ist darin aufgegeben worden, der Unterschied
zu revolutionärer Organisierung nicht mehr bestimmbar
gewesen und daraus existierte auch kein produktives Spannungsverhältnis.
Gleichzeitig
wurde aber der Schritt zur Öffnung als einzig richtige
politische Konsequenz, aus den Fehlern der vorangegangenen
Kampfphase propagiert. Aber in dieser offenen Struktur
hat es gleichzeitig eine informelle Ebene gegeben. Der
Widerspruch liegt dadrin, daß diese Ebene keine
Transparenz hatte. Man muß in so einem Prozeß
dann die Leute kennen, um zu wissen, wie Entscheidungen
getroffen werden. Es wird zur Wissens- und Beziehungsfrage,
wenn das nicht erkennbar ist. Diese informelle Entscheidungsebene
hat in dieser existentiellen Situation absolut versagt.
Was immer von informellen Strukturen gehalten wird, wenn
sie nicht funktionieren, ist das ihr Ende. Außerdem
produzieren sie eine politische Katastrophe...
###: Das stimmt
nicht! Sie funktioniert und funktioniert doch noch weiter.
Nur die eben beschriebene Cliquenstruktur hat diese drei
Wochen möglich gemacht. (Wie schon die Jahre zuvor.)
Das Drama ist bloß, daß sie, für sich
selber, nicht erkennbar ist. Nur die Oberfläche stimmt.
Aber sie müßte ja intern so formell sein, daß
die verschiedenen Entscheidungen wenigstens in dieser
Struktur, bewußt gemeinsam getroffen, getragen und
auch versucht werden umzusetzen. Genau das aber, funktionierte
nicht. Ein Beispiel dafür ist, daß jetzt Leute
feststellen, daß sie nicht informiert wurden, obwohl
sie sich der vermeintlichen Entscheidungsebene zugehörig
fühlten und eigentlich hätten informiert werden
müssen und das gar nicht verstehen, wie das passieren
konnte. Letztendlich redete keiner und keine offen miteinander.
Das jedoch ist etwas, was von einer informellen Struktur
verlangt werden kann: Das sie eine Entscheidung unter
sich und in sich trifft und dadrin wirklich ehrlich ist.
Ist das nicht so, ist doch wirklich niemand mehr richtig
greifbar. Deutlich wurde das ja allein schon an der Weitergabe
unserer Vorschläge und Überlegungen. Diese kamen
einfach nirgendwo so an, wie sie gesagt wurden oder kamen
bei den entsprechenden Leuten zum Teil überhaupt
nicht an. So wird anderen Leuten die Möglichkeit
genommen, selbst eine Entscheidung zu treffen, und sei
es nur für sich.
Aber all das
wird in dem Flugblatt ("Stellungnahme aus Wiesbaden")
nicht auf den Begriff gebracht. Es bleibt nur stehen,
als hätten sie sich einfach geirrt, ein paar falsche
Annahmen gehabt und den, auch sehr ernstzunehmenden Gefühlen
mehr geglaubt, als den Realitäten. Diese haben sie
dann, in ihrem Sinne umgebogen und uminterpretiert. Aber
es ist keine politische Erklärung, zu sagen: wir
haben uns geirrt.
###: Letztendlich
liegt es an der Integrität und am Bewußtsein
der Leute, ob sie das zur Diskussion stellen oder nicht.
Das ist dann mehr oder weniger zufällig und Einzelnen
überlassen. So ist es jedoch nicht möglich,
politisch zu handeln. Zudem ist das individuelle Verhalten
der Einzelnen nicht diskutierbar, auch wenn es für
sie selber noch erklärbar ist, weil sie ja z.B. gar
nicht sagen, daß sie etwas wissen, also zur Diskussion
stellen. Oder auch sagen, sie wissen etwas, was sie aber
nicht sagen. Im Gegenteil, niemand sagte was. Ohne diese
Struktur zu begreifen, in der das läuft, ist das
alles nicht diskutierbar. Alles bleibt beim Beschreiben,
so kommt niemand auf eine Lösung. Mit der Methode
ist es auch im Nachhinein unmöglich, rauszukriegen,
wie alles die letzten 10 Jahre gelaufen ist. Daraus kann
nur eine Chronologie entstehen, wann der Spitzel mit wem
was zu tun hatte, eben eine Beschreibung. Aber über
den Ausgangspunkt, daß was gefehlt hat an Strukturen,
kommt dann diese Arbeit gar nicht raus. Das allein kann
ja kein Ergebnis sein.
###: Nochmal
zu den drei Wochen. In denen hat sich doch nur die Form
verändert. Wäre das fünf Jahre vorher gelaufen,
hätte die Struktur nur besser zusammengehalten. Aber
im Kern wäre es nicht anders gelaufen. Genauso hat
sich in den praktischen Schritten der Politik der letzten
Jahre nur die Erscheinung verändert, aber nicht das
Wesen, der Inhalt des Prozesses. Letztendlich wird alles
am Staat, den vorhandenen Möglichkeiten orientiert.
Der Begründungszusammenhang der Politik läuft
über den Staat. Auch jetzt: alles über die Gegenseite.
Bis dahin zu fragen, wie ist es möglich, daß
ein Bulle 10 Jahre drin sitzt. Die Frage stellt sich aber
falsch, wenn nur gefragt wird, welche Struktur brauchen
wir, daß kein Bulle rein kommt. Es bleibt, wenn
auch nicht direkt am Staat, an objektiven Faktoren hängen
und nicht am eigenen Prozeß.
Etwa, wie in
diesen drei Wochen ja auch an dem, was einzelne Leute
gesagt haben, überlegt wurde: "da sind schon
welche dran...". Das kann ja vielleicht korrekt sein,
aber wissen tut es niemand, was die eigentlich machen.
Und wissen meint hier gar nicht in erster Linie Fakten,
die wirklich auch nur die Leute angehen, die unmittelbar
damit zu tun haben, sondern die politischen Kriterien,
aus denen heraus Leute etwas untersuchen, bzw. eine politische
Antwort auf die Frage, wonach sie eigentlich suchen. Da,
wo es diese Antwort nicht gibt, wo die Leute sie selbst
nicht geben können oder wollen, bleibt es eine Sache
persönlicher Integrität und individuellem Vertrauen.
Das benennt den Zersetzungsprozeß: an den Formen
orientiert zu sein und nicht am Inhalt, den auch nicht
diskutieren zu können und keine Kriterien für
den eigenen Prozeß zu haben.
Das muß
aber in einer Arbeit, die jetzt ansteht, enthalten sein.
Sonst machen auch wir Handwerkelei, Taktiererei zur Politik.
Das charakterisiert die Politik seit Jahren, untereinander
und in den Initiativen. Am stärksten zu den Gefangenen,
weil da noch am wenigsten drüber diskutiert wird,
warum Leute das eigentlich machen...
###: Gut, wir
können für uns sagen, das ist offensichtlich
geworden, aber ich könnte nicht sagen, daß
es wirklich für alle so ist. Das würde ich sogar
eher verneinen. Allein schon aus den individuellen Verhaltensweisen
der letzten Wochen - die, weil sie allgemein sind, kaum
noch individuell behandelt werden können. Nichts
wird verallgemeinert, z.B. daß Leute sich jetzt,
nachdem sie drei Wochen etwas gemacht haben, hinstellen
und auf die Suche nach Fehlern bei anderen gehen, anstatt
das eigene Handeln zu hinterfragen und zum Ausgangspunkt
zu nehmen: Wir haben wochenlang einen Bullen gedeckt und
verteidigt. Die Ausreden dafür, "die Leute haben
mir das oder das ja nicht gesagt", reichen als Erklärung
nicht aus. Dazu gehört auch noch eine eine andere
Variante: "Ich habe Vertrauen gehabt, aber das war
nicht gerechtfertigt", hat z.B. jemand gesagt. Das
ist dann nur noch die pure Selbstentwaffnung. Damit kannst
du nur noch gehen...
###: Aber niemand
will gehen. Ich will jetzt auch nicht, daß alle
das Zeug hinwerfen. Schlimm ist nur, zu sehen, die kapieren
gar nicht, was sie da sagen. Wenn du nachfragst, ist es
schon fast eine Beleidigung. Hundert Gründe als Rechtfertigung
- "das sind halt meine Kriterien, wie ich was mache".
Aber was sind das für Kriterien, sich aus allem raus
zu halten und dann tief enttäuscht zu sein, falsches
Vertrauen gehabt zu haben?
###: So machst
du halt andere zu Schuldigen. Ein Bild, was ich liebe:
Der Zauberkünstler und die schwebende Jungfrau. Es
ist doch nicht der Trick des Zauberkünstlers, daß
er die Jungfrau schweben läßt, sondern, daß
die Leute, die davor hocken, die Illusion haben, daß
sie schwebt. Der Künstler arbeitet ja nur mit dem
Glauben. Es funktioniert nur deswegen. Dieser Mechanismus
ist wichtig zu verstehen, auch für die drei Wochen.
Natürlich gibt es Genossinnen und Genossen mit einer
sehr konkreten Verantwortung für alles. Aber niemand
kann seine eigene Verantwortung an die abgeben. Spätestens
nachdem die Schweinerei zum Himmel stank, hätten
sie ja alle wahrnehmen können - und sei es über
öffentliche Aufforderungen, wenn du die Leute nicht
kennst. Natürlich ist Loyalität nicht grundsätzlich
schlecht, aber sie wird reaktionär, wenn du alles
abgibst.
Als Mechanismus
ist es so einfach wie brutal. Die einen Verhindern das
Denken, aber die Verantwortung, warum Leute nicht denken,
haben sie selber. Es gibt Erklärungsmuster: "Ich
kann doch gar nicht, weil ich nicht wußte wie"
usw., aber die Verantwortung bleibt bei ihnen, weil sie
nichts aus ihren Zweifeln und Fragen gemacht haben und
sich damit zufriedengaben. Wenn du das jetzt ansprichst
bei Genossinnen und Genossen, daß sie letztlich
mit so einer Haltung den Bullen gedeckt haben, dann kommt
das große Kotzen. Alle fühlen sich sofort angegriffen.
Dabei haben wir es ja letztlich auch gemacht. Es war klar,
daß sie keine Kriterien für eine Aufklärung
haben. Schon in der ersten Woche wurde deutlich, daß
Verbindlichkeit nur von unserer Seite gelaufen ist. Wir
waren zwar ein Kontrapunkt, auch öffentlich, aber
wir sind nicht an die große Öffentlichkeit
gegangen.
###: Ja, wir
haben gemerkt, daß wir in der Struktur nicht durchkommen,
obwohl wir wußten, daß es politisch richtig
ist, öffentlich was zu sagen. Du machst deine Kriterien
auch nicht mehr zum Ausgangspunkt, weil du - so unsere
Überlegung - andere nicht bloßstellen, ihnen
eine Chance geben willst. Jetzt bin ich sicher, wir hätten
es machen sollen, auch wenn ich denke, es hätte rasend
schnell, ganz viel kaputt gemacht. Aber wir müssen
das überlegen.
Wir haben doch
gesehen, daß sie Spielball in einer VS-Geschichte
sind, daß sie völlig verfangen sind, in dem
Beziehungsgeflecht und psychologisch anfällig sind
für noch die letzte Absurdität, die sich Klaus
Steinmetz und seine Chefs ausdachten, um die Wiesbadener
Szene bei der Stange zu halten. Wir sahen auch, daß
sie da gar nicht raus kommen.
Die Lösung
wäre nur gewesen, die Sache autoritär zu handhaben.
Dagegen haben wir uns erstmal entschieden. Das ist ein
politisches Problem. Informelle Strukturen sind zutiefst
autoritäre, weil hierarchische Strukturen, ohne wirkliche
Kontrolle. Wir hätten das nur aus einer objektiven
Notwendigkeit gemacht und nicht, damit wir was verändern.
Das geht so aber nicht. Zur subjektiven Notwendigkeit,
daß der Prozeß verändert werden muß,
wäre das kein Beitrag gewesen. Das ist der Widerspruch:
Aus der objektiven Notwendigkeit, was autoritär zu
lösen, weil es anders nicht mehr geht, aber es widerspricht
dem Prozeß, den du willst. Das verbaut alle Möglichkeiten,
denkst du. Darüber kannst du rätseln.
Aber wenn ich mir ansehe, wie schon mit unserer Ankündigung
einer autoritären Lösung umgegangen wurde -
obwohl wir darin noch sehr loyal waren: "Ihr müßt
es selbst sagen, nur wenn ihr nicht könnt, machen
wir es" - das wurde nur als Affront begriffen. Daran
läßt es sich ablesen, was passiert wäre.
###: Laßt
uns nochmal zu den politischen Gründen dieser Niederlage
zurückkehren. Vielleicht können wir das so zusammenfassen:
Bei allen Versuchen, den revolutionären Prozeß
aus seiner organisatorischen wie politischen Enge rauszuholen,
was Ende der Achtziger als Erkenntnis zumindest gesehen
wurde, ist es nicht geschafft worden, die Individualisierung
aufzubrechen und aufzuheben - im Gegenteil, die Individualisierung
hat sich als Struktur noch verfestigt. Daß im Prozeß
der Öffnung immer die Gefahr liegt, daß die
Bullen versuchen einen Fuß reinzukriegen, ist ein
Ausgangspunkt. Spätesten nach dem letzten Hungerstreikkampf
1989, wo halb Frankfurt um uns herum angequatscht wurde.
Das schreibt auch Birgit in ihrem TAZ-Brief. Aber das
Problem ist das sicher nicht und war es auch nicht für
uns.
Es wurde in den letzten zwei Jahren zwar viel von Öffnung
geredet, aber es wurde kein Rahmen geschaffen, worin politische
Entscheidungen diskutierbar und vollzogen werden können.
Im Ergebnis ist so der Prozeß völlig beliebig
und individuell. Eigentlich handeln alle nur mit ihrer
individuellen, oder Gruppenautorität, die du aus
deiner Geschichte, oder aus deiner Stellung im Prozeß
hast, aber es fehlen die kollektiven Mechanismen, Entscheidungen
zu diskutieren. Und das hat sich brutal, nicht nur vor
Bad Kleinen, sondern vor allem danach gezeigt.
Es gibt die
totale Unfähigkeit, sich zu Diskussion zur stellen.
Das zeigt das erste Flugblatt aus Wiesbaden, überhaupt:
daß der "politische Zusammenhang" des
Klaus Steinmetz genauso wie die RAF schweigt. Das ist
aber die allgemeine Struktur, wie diese Politik entwickelt
wird. Du kriegst meist nur über einen "persönlichen
Draht" was über den jeweiligen Prozeß
mit, aber es wird politisch nicht transparent und sorum
auch nicht für alle zugänglich. Als Kritik an
uns, kommt es dann völlig auf den Kopf gestellt:
Man wirft uns vor, die Einzelnen von uns würden nicht
mehr erkennbar sein. Und das Auftreten als Gruppe, das
wäre was "Altes".
###: Dieser
ganze Strang der revolutionären Linken muß
einen Bruch machen und sich in den Verhältnissen
neu bestimmen. Da mußt du dich frei machen von der
Tagesaktualität, mußt einen Ort schaffen, wo
das geht. Du mußt aber auch eingreifen können.
Das ist verallgemeinerbar, aber vor allem für die
letzten drei Wochen. Es muß ein Raum geschaffen
werden, daß die Scheiße nicht an ein paar
kleben bleibt und alle anderen weitermachen, wie gehabt.
Das ist auch unsere Verantwortung. Sonst krepieren die
Einzelnen und nichts wird kapiert, weil es als individuelles
Problem gehandelt wird. Die kollektive Auseinandersetzung
muß aber tiefer und weiter gehen.
Der Staat arbeitet
mit dem nicht vorhandenen kollektiven Bewußtsein
und der fehlenden Identität. Er arbeitet mit der
Geschichtslosigkeit. Siehe "Kinkel-Initiative"
usw.... und wir handeln nicht. Das war doch nicht der
Bulle. Das ist die Verantwortung, neben der Verantwortung
für die einzelnen bedrohten GenossInnen. Die werden
aber ganz sicher vor die Hunde gehen, wenn alle denken,
daß sie dafür verantwortlich sind, daß
Kinkel kam, indem sie den Spitzel zur RAF gebracht haben.
Wir müssen alle kapieren, daß das viel tiefer
geht und die Konsequenzen viel härter sein müssen,
also alle angehen und nicht nur ein paar aus der RAF und
aus einer Stadt. Die ganze Politik war so angelegt...
###: Deswegen
ist Verantwortung auch Schutz. Du mußt dich zu dem
bekennen, was passiert ist, sonst reagierst du immer nur.
Wir müssen sehen, daß die Story der Bullen,
wenn sie nicht soviele Fehler bei ihrer Operation gemacht
hätten, fast aufgegangen wäre. Das muß
gesehen werden. Die Fragen müssen gestellt werden:
Stellt euch vor, wie das gewesen wäre, wenn die Bullen
auf dem Bahnhof cleverer gewesen wären und der Spitzel
wär "davongekommen"?. Alle hätten
gedacht, da ist eine absolute Scheiße passiert,
aber wer wäre auf einen jahrelangen Verrat gekommen,
wenn der Typ am Abend später wieder zuhause gewesen
wäre und die Bullen bei der Vertuschung des Mordes
an Wolfgang nicht soviele Widersprüche produziert
hätten?
###: Ich sehe
das ja auch so. Daran muß man sich orientieren.
Aber das ist ja nur eines. Das andere ist: Man muß
es total eng daran machen, daß wir das für
den Prozeß der revolutionären Linken anders
brauchen und nicht dafür, daß keine Bullen
mehr reinkommen. Wir brauchen es dafür, um den Mut
zu haben, kämpfen zu können, um den Takt bestimmen
zu können. Damit wir uns befreien können.
Alles andere
ist auch okay, aber daran werden wir nicht weiterkommen.
Wir werden Formeln finden, aber keine Lösungen. Klar,
wir können Indizien finden, wie ein Spitzel ist,
aber wir müssen doch überlegen, daß wir
kein Handwerkertum wollen und nicht sorum, das kann ein
Indiz sein. Viele sind Handwerker, aber keine Bullen.
Auch wir arbeiten in Arbeitsteilung - aber das ist nicht
gut, das wollen wir doch aufheben, das ist doch das Bedürfnis.
Alle müssen tendenziell die Möglichkeit haben
Fähigkeiten zu entwickeln. Das brauchen wir, sonst
ist es totes Wissen, wie im Katalog.
Das Wichtigste ist, daß alle ähnliche Kriterien
für einen Befreiungsprozeß haben. Das reicht
ja. Das ist ja der Zersetzungsprozeß, daß
die nicht da sind. Es wird zwar so getan, als ob, aber
es stimmt doch nicht wirklich.
###: Alles läuft
meistens nur in Extremen. Wir haben es ja versucht in
den "Mühen der Ebene" zu dem Kampfprozeß
der achtziger Jahre zu schreiben: Die Haltung kurz vor
dem Knall, die eigene Großmäuligkeit, wie sie
sich in den Parolen ausdrückte - und unsere Kritik,
so geht es nicht. Und heute, alles ist noch kleiner, es
ist keine politische Öffnung, qualitativer Sprung
in einen neuen Organisierungsprozeß, sondern letztlich
nur noch informeller. Du kannst es an allen Protagonisten
dieser Politik sehen, sei es in konkreten Personen, oder
organisatorisch in den letzten Texten der Bewaffneten.
Es kennzeichnet die Politik aller aus diesem Prozeß:
Es wird kein Begriff der Gesellschaft entwickelt und daraus
eine Forderung an alle, die kämpfen wollen. Aus der
vermeintlich wesentlichen Kritik der Hierarchie heraus,
wurde jede Reibung und Forderung an den Prozeß politisch
aufgeben. Aber das Problem ist nicht, daß ein militanter
und bewaffneter Kampfprozeß, der dem Staat den Krieg
erklärt hat, autoritär ist und Hierarchien produziert,
sondern das wirkliche Problem fängt da an, wenn die
jeweiligen Autoritäten keinerlei politischen Kontrolle
mehr unterliegen und somit auch kein transparenter, politischer
Entscheidungsmechanismus mehr existiert. Das Problem ist,
daß keine Anstrengung mehr läuft, diesen Widerspruch
aufzuheben.
Sichtbar ist nur das jeweilige Ergebnis, aber nicht der
Weg dorthin, die jeweiligen Widersprüche, Fragen,
vielleicht auch anderen Schlußfolgerungen. Und "politisch
transparent" meint nicht - weil das ganz oft immer
verwechselt wird - alle Fakten zu wissen, oder etwa die
personelle Zusammensetzung eines Prozesses, einer Struktur.
Wir haben das ja mal in unserer Diskussion polemisch auf
den Punkt gebracht, zu sagen, daß gegenüber
der Entscheidungsstruktur innerhalb der linksradikalen
Zusammenhänge einschließlich Front und RAF
der "demokratische Zentralismus" der ML-Gruppen
geradezu ein kollektiver Prozeß ist. Es geht genau
um diesen klar definierten Ort, wo eine Kritik hingebracht
werden kann. Was ich meine, dieser Ort, als politisch
verantwortliche Struktur, als innere Notwendigkeit, um
überhaupt einen neuen Kampfprozeß einleiten
zu können, hätte geschaffen werden müssen...
###: Aber stattdessen
wurde aus Großmäuligkeit nur Kleinmütigkeit.
Einzig und allein die Form wurde geändert. Das prägt
diesen Prozeß bis heute. Das Neue wird nicht am
Inhalt, sondern an den Formen bestimmt. Aber es hat sich
eigentlich nichts geändert.
###: Doch. Es
sind viel weniger geworden. Und das hat eine brutale materielle
und politische Wirkung. Das brauchst du ja nicht mal wissen,
sondern das spürst du doch - die enorme Auswirkung.
Sehr wenige machen sehr viel. Und das ist an jedem Punkt
zur subjektiven, politischen und materiellen Ausgangsbedingung
geworden.
###: Ich will
das von vorher nicht abschwächen, aber ich denke,
um was Neues zu schaffen, braucht es mehr Luft, als es
in den letzten Wochen gab. Mal egal, was wir selber dazu
denken. Auch wir müssen überlegen. Es reicht
ja nicht zu wissen, was richtig oder falsch war und ist.
Wir haben ja zum Teil in den selben Mechanismen der gesamten
Struktur gehandelt, weil wir ja auch nicht drüber
weg gesprungen sind. Das hat nicht nur was mit Fähigkeiten
und Erfahrungen zu tun. Wir selbst müssen uns nochmal
überlegen, wie wir das zu unserer Sache machen. Alle
hatten keine Luft. Da sind wir noch nicht dran.
###: Stimmt
- Luft hätte es nur gehabt, wenn an jedem Punkt,
in den letzten vier bis fünf Jahren das Eigene im
Vordergrund gewesen wäre, ganz bewußt. Aber
es wurde immer nur individuell von Leuten aus dem alten
Prozeß gesagt, nicht zusammen. Bis hin zur 10.4.-Erklärung
der RAF. Die erklärt die Zäsur ja auch nicht
aus dem inneren Prozeß heraus, aus dem Bewußtsein,
daß der Raum für uns gebraucht wird, sondern
nur an einer taktischen Notwendigkeit. Auch zu uns kann
ich es sagen - immer wieder zu sehen, es ist ein Zerfallsprozeß,
den wir zwar verzögern, aber nicht aufhalten können.
###: Das stimmt
so nicht, zum 10.4. So ist ist es zu einfach: "Die
Begründung kommt nicht aus dem eigenen Prozeß"
- es wird aus beidem bestimmt. Die eigene Schwäche
und die taktische Notwendigkeit. Und das wird zur strategischen
Notwendigkeit gemacht. "Irgendwie" sagen sie
es doch, daß der ganze Prozeß ein neues Nachdenken
braucht, und "irgendwie" sagen sie es halt nicht
frei von der unmittelbaren Notwendigkeit.
###: Ja, das
meine ich doch. Also, sie sagen nicht, daß es einen
Wert für sich hat - Raum für uns zu schaffen.
Sorum ist es immer wieder über die Jahre von einzelnen
Gruppen da gewesen. Aber nicht, zu sagen: Das hat strategischen
Wert, wir eröffnen wir uns einen strategischen Raum.
Das ist doch nicht das Bewußtsein. Es gab immer
wieder Notwendigkeiten, weil dieses oder jenes doch gemacht
werden muß - was auch alles stimmt. Aber das hatte
nicht die Konsequenz, den strategischen Raum zu eröffnen
und dann Lösungen darin zu finden, wie mit der Situation
auch taktisch umgegangen werden kann. Du mußt das
als zwei Stränge denken, für die es jeweils
einen "Plan" geben muß.
Es gibt da "Haltepunkte"
die durch die Entwicklung gegeben sind. Etwa nach Hungerstreik
1989. Die Gruppen sind zerfallen - aber nichts ist genutzt
worden. Es wurden keine wirkliche Konsequenzen gezogen,
sondern nach einer bestimmten Zeit gab es wieder die Haltung:
JETZT wieder was machen zu wollen und zu müssen.
Ein neuer Anlauf, ohne aber die Zeit davor, die eigenen
Vorhaben, Ziele, Erfolge und Mißerfolge wirklich
ausgewertet und zur Diskussion gestellt zu haben. Es ist
das, was dann oft als "machen" beschrieben wird,
eine Politik, die letztlich nicht mehr diskutierbar ist,
weil sie sich jeder eigenen Bestandsaufnahme entzogen
hat. Dadrin wird der Kampf auch nur noch zur individuellen
Kraftanstrengung und Zähigkeit und das drückt
sich auch bei den Genossinnen und Genossen aus, die nicht
mehr können oder wollen. Sie können es nur noch
"für sich" sagen, alles wird zur individuelle
Geschichte und selbst aus der Summe der individuellen
Erfahrungen, läßt sich kein kollektiver Begriff
mehr entwickeln, weil es soviele Beschreibungen wie Leute
gibt, die in diesem Prozeß gekämpft haben.
Damit kannst du aber nichts mehr machen, du kannst es
nur noch abschließen und beenden. Das Schlimmste
ist doch, daß die Erwartungen dem, was passiert
ist, angepaßt werden.
###: Ja, ich
kann das nur wiederholen, was ich vorhin mit Mut gemeint
habe. Der ist nicht da. Nach dem Hungerstreik wäre
Mut gewesen, von der eigenen Schwäche und der Notwendigkeit
des Infragestellens zu reden und nicht erst ein paar Jahre
später. Aber dafür gab es nicht das notwendige
Bewußtsein. Weder das, noch ein Mechanismus, in
dem das Bewußtsein über die eigene Lage entstehen
kann. Als kollektives Bewußtsein. Das geht bis zu
dem Satz heute, daß dieser Prozeß ein Zersetzungsprozeß
ist und nicht erst seit zwei, sondern schon seit zehn
Jahren. Das war doch für die wenigsten überhaupt
in den letzten Jahren der Ausgangspunkt. Schon, daß
alles schwächer ist, die Probleme eigentlich nur
zunehmen, mehr aber doch nicht. Wir müssen doch sagen,
daß alles nur noch ein "stinkender Kadaver"
war und je mehr von "Perspektive", "Projekt",
"Zäsur" und "neuem Anlauf" gequatscht
wurde, ohne das zum Ausgangspunkt zu machen, desto mehr
verpestete der Prozeß, der schon längst "stinkender
Kadaver" war, die Luft. Das ist doch das Problem.
In dieser Luft ist ein Atmen nicht möglich, nur Kurzatmigkeit
- eben so wie diese Politik auch ist.