Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken

Unser Kontakt mit Klaus Steinmetz
Einige Fragen (September 1993)



Wie habt ihr ihn kennengelernt?

Zufällig. Wie du weißt, waren wir vom Bundestreffen linksradikaler Gruppen gegen den Weltwirtschaftsgipfel in München beauftragt, das Anti-WWG-Info herauszugeben. Nachdem wir die erste Nummer noch "klassisch" mit Schreibmaschine und von Hand layouteten, stiegen wir auf Computer um. Eine Ahnung davon hatten wir nicht - deswegen waren wir auf Hilfe angewiesen. Ein Genosse von SpinnenNetz (Computer Mailbox), in dem die Anti-WWG/500 Jahre-Mobilisierung ein Nachrichtenbrett hatte, half uns. Als er mal nicht konnte, verwies er uns an eine Genossin von SpinnenNetz - und falls sie nicht könne, gebe es in der Wohnung noch einen Typen, der sich gut mit Computern auskennt. Auch die Genossin hatte damals keine Zeit, also setzten wir uns mit dem Typen, Klaus Steinmetz, in Verbindung. Das war im Frühjahr 1992. Die Genossin von uns, die das damals machte, verstand sich spontan gut mit ihm. Schnell kamen sie ins Gespräch und stellten Übereinstimmungen in ihrer autonomen Geschichte und über jeweilige Konsequenzen daraus fest.


Wie ging der Kontakt weiter und was wolltet ihr von ihm?

Erstmal war er praktisch ab dem Zeitpunkt derjenige, der uns Tips gab, wenn wir beim Info technische Probleme hatten. Natürlich wollten wir auch, daß sich darüber noch mehr Genossinnen und Genossen aus Wiesbaden in der Mobilisierung gegen den WWG engagieren. Wir merkten aber schnell, daß er dafür die falsche Adresse war.
Nach dem Juli 1992, also nach München, lag uns daran, den entstandenen Kontakt nach Wiesbaden und seinem Diskussionszusammenhang aufrecht zu erhalten. Wir wollten eine engere Diskussion und Zusammenarbeit. Unser Interesse war, mit ihnen auch unsere Einschätzungen der Situation und unsere Schlußfolgerungen, wie wir sie auch veröffentlichten, zu diskutieren. Dieses undifferenzierte Behaupten von "Es gibt Unterschiede", wodurch eine Zusammenarbeit in den letzten 2 Jahren schwierig oder gar unmöglich wurde, wollten wir nicht mehr. Es sollte für uns und für sie greifbarer werden. Wir sind seit langem der Ansicht, daß keine Gruppe, egal welche, auch nicht aus diesem Spektrum, in der Lage ist, die Fragen und Entscheidungen allein zu beantworten und zu treffen, die sich aus der Entwicklung des revolutionären Kampfes ergeben. Letztlich ging es uns darum, auch mit ihnen eine politische Verbindlichkeit herzustellen, die aus diesem Bewußtsein überlegt und handelt.

Heute sagen viele, daß er eigentlich nirgendwo "drin" war. Wie seht ihr das?

Für uns war sein Zusammenhang erkennbar. Klaus Steinmetz war Teil eines Kreises von Genossinnen und Genossen, die über lange Jahre revolutionär handelten. Wir finden es in der Konsequenz verlogen, ihn heute als Einzelgänger erscheinen zu lassen. Als solcher wäre er nie zur RAF gekommen. Und natürlich hat er auch eine politische Entwicklung mitbestimmt, nicht offen, als Vertreter einer Gruppe, aber sehr wohl in der Struktur, in der er handelte. Dieser Zusammenschluß von Genossinnen und Genossen ist nie offen politisch erkennbar aufgetreten, hatte aber durchaus erheblichen Einfluß auf die Entwicklung in der Stadt. Das ist allerdings keine Spezialität aus Wiesbaden, sondern hat sehr viel mit den politischen und organisatorischen Schlußfolgerungen aus dem Front-Prozeß der 80er Jahre zu tun, in dessen bewußter Kontinuität sein politischer Zusammenhang liegt.
Wir selbst haben aus dieser Entwicklung andere Konsequenzen gezogen. Aber unsere Kritik an dieser politischen Vorstellung von Organisierung und innerem Prozeß ist älter und hat nichts damit zu tun, daß sich in ihr ein Bulle breitmachen konnte. Für uns ist es wichtig, das auseinanderzuhalten.


Was wollte er von euch?

Das können wir heute nur noch objektiv beantworten. Damals gab er vor, an unserer Diskussion interessiert zu sein. Heute müssen wir sagen, er zog Überlegungen und Einschätzungen von uns ab, um sie sich zum Teil selbst anzueignen, bzw. um darüber auch Zugang zu anderen Genossinnen und Genossen zu kriegen. Ob ihm das gelungen ist, wissen wir nicht. Wir wissen aber, daß er woanders mit dem Kontakt zu uns und mit unseren Überlegungen versuchte aufzutrumpfen. Anders ist es für uns nicht erklärbar, daß er z.B. in Gesprächen mit anderen durchblicken ließ, er hätte an unserem Text "In die Herzen ein Feuer" mitdiskutiert und mitgeschrieben. Beides ist falsch. Aus unserer Vorstellung von Organisierung ist das auch unmöglich, ganz unabhängig von ihm. Wenn jemand mit uns zusammen einen solchen Text schreibt, kämpft er auch mit uns. Ohne diese Beziehung geht das nicht.
Es gab von ihm auch Vorstöße, die jetzt nur noch so zu interpretieren sind, für die Bullen was gegen uns in die Hand zu kriegen. Faktisch ist ihm das nicht gelungen. Und mit dem, was er von uns weiß, läßt sich nur über Lügenkonstruktionen was gegen uns machen. Das können die Bullen aber auch so, ohne ihn. Daß ihnen dabei seine Einschätzungen aber nicht gerade im Wege stehen würden, ist allerdings auch klar. Politisch haben wir immer gesagt, was wir wollen und was uns wichtig ist.


Sind euch keine Zweifel an seiner Integrität gekommen und wie seid ihr damit umgegangen?


Doch, wir hatten diese Zweifel. Immer wieder. Zu Anfang gab es auch unter uns spontan die Frage nach der Möglichkeit, ob er nicht ein Bulle ist. Und das, ohne ihn näher zu kennen, sondern allein aus dem, wie er Sachen machte und sagte. Was diese Frage abschwächte, daß wir schnell merkten, daß nicht nur er, sondern das letztlich - soweit wir es mitbekamen - sein ganzer Zusammenhang andere Kriterien hatte, als wir es kennen und früher gemeinsame Kriterien offensichtlich nicht mehr existierten oder verändert wurden. Daher wurde es für uns auch immer schnell eine generelle Frage, insbesondere auch zu der Politik, die er repräsentierte. Wir haben eben auch mit ihm als Vertreter einer Politik geredet. Allerdings gab es an diesem Punkt auch unter uns heftigste Widersprüche und konkret zu ihm wurde das Verhältnis mit der eigenen politischen Integrität verknüpft und war damit letztendlich nicht mehr diskutierbar. Das hat viel mit unserem inneren Prozeß in der Zeit zu tun und wenig mit ihm. Diese Auseinandersetzung zu ihm, und so herum an unserem Prozeß innerhalb der Gruppe, hörte nie auf. Die Beziehung zu dem Typen hat sich immer wieder in dem Widerspruch eines politischen Kontaktes und einer privaten Freundschaft bewegt. Widerspruch deswegen, weil es nie eins war. Das berührt einen Kern der notwendigen Kritik und Selbstkritik.


Aus den Zweifeln und Fragen, die es immer wieder und nicht nur zu seiner Person gab, sondern zu der Politik dieses Strangs aus dem Frontprozeß überhaupt, entschieden wir kurz nach dem Beginn des Kontaktes, daß die Diskussion mit ihm von der individuellen Ebene weg muß. Konkret: das es nicht nur jemand von uns allein macht. Das wollten wir auch von "seinen Leuten", aber das lief nicht. Sowohl mündlich wie schriftlich wollten wir die Diskussion zusammenbringen, stellten Fragen, machten Vorschläge, wollten Kritik und Gedanken zu unseren Überlegungen haben. Aber es kam nichts. Unser Verdacht, daß er das vielleicht alles für sich behält und individuell handhabt, löste sich deshalb immer wieder auf, weil wir wußten, daß er unser Zeug nicht in den Papierkorb geschmissen hatte. Der spontane Anfangsgedanke zu ihm blieb auf der Ebene eines politischen Mißtrauens. Das bestätigte sich zwar immer wieder, aber gemeinsam konnten wir es zu keiner kollektiven Konsequenz bringen. Dagegen standen reale Bedürfnisse wie auch Widersprüche unter uns über die politische Entwicklung gerade in dem Jahr.
Wie würdet ihr ihn charakterisieren?

Bei der Beantwortung dieser Frage, müssen wir darauf achten, daß wir da nichts aus dem Ergebnis heraus sagen. Das Verhältnis von uns als Gruppe zu ihm war auch sehr unterschiedlich. Das reichte jeweils einzeln von einer intensiven Freundschaft, einem politisch bestimmten Kontakt bis zu einem tiefen Mißtrauen. Andere von uns kannten ihn kaum oder nur aus der Vermittlung. Aber trotz der Unterschiede waren wir uns eigentlich immer einig, daß mit dem Typen nur schwer zu diskutieren war. Zum Teil kokettierte er regelrecht damit, daß er mehr ein "praktischer Typ" war. Seine Diskussionsbeiträge reduzierten sich meistens auf das Vermitteln anderer Überlegungen oder reine Infos. So gut wie nie hat er selbständig zu Fragen der Politik einen Vorschlag gemacht oder eigene Gedanken entwickelt. Und gerade dabei muß man den Zeitraum der Diskussion im Kopf haben. 1992 war eine Phase sehr tiefgehender und auch widersprüchlicher Entscheidungen im Bezug auf die Perspektive revolutionärer Politik in unserem Land. Sei es von der Widerstandslinken, der Guerilla oder den Genossen und Genossinnen im Knast. Wie auch immer die eigene Position zu den jeweiligen politischen Konsequenzen im einzelnen aussah, Stoff zu einer intensiven Diskussion bestand allemal. Vor allem dann, wenn man, wie er von sich selbst behauptete, eine bewußte Verantwortung für die Weiterentwicklung revolutionärer Politik übernimmt. Das ist das Kriterium, um seine Tour korrekt einzuordnen. Daraus lief auch immer wieder unser Widerspruch und die Kritik an ihm, daß er ein sehr technisches Verhältnis zu subjektiven Fragen und zur Politik überhaupt hatte. Und da liegt zugleich auch unser eigener Widerspruch. Ohne unseren Ausgangspunkt - die Politik der revolutionären Linken selbst bestimmen zu wollen - hätten wir die Diskussion zu ihm sicherlich ziemlich schnell beendet.

Es darf jetzt von niemanden unterschlagen werden, diese Tour "praktisch" daherzukommen und seine Art der Diskussion über Infos statt selbständig die Politik zu entwickeln, ist nun wirklich keine Spezialität von Klaus Steinmetz oder von Spitzeln überhaupt. Es ist hart das zu sagen, aber genau das findest du in der zersplitterten und individualisierten politischen Scene hundertmal. Vor allem bei Typen. Das ist wirklich die Normalität. Und in ihr war er absolut nichts Besonderes. Und diejenigen, die jetzt seinen besonders schlechten Charakter meinen nachzeichnen zu können, tragen zur Verschleierung seiner Tour bei. Das Problem sind nicht die besonderen Eigenschaften von Klaus Steinmetz und möglicher anderer Bullen, sondern die Organisierungsfeindlichkeit und alltägliche Privatisierung in der Widerstands-Szene und der stattgefundenen Individualisierungsprozeß, in den noch bestehenden politisch-militanten Kleinstorganismen.


Wart ihr davon überrascht, daß er sich als Bulle entpuppte?

Nein, waren wir nicht. Und das sagt viel über den Charakter des Kontaktes aus. Es sagt auch viel über unser Verhältnis zu ihm als Typ aus. Wir können es nur noch mal wiederholen: politisch und subjektiv war der Widerspruch zu ihm längst da. Allerdings war das nichts Kollektives. Die Konsequenzen daraus wären unter uns möglicherweise auch sehr unterschiedlich gelaufen. Das ist ein Problem von uns. Aber als die Fakten nach drei Tagen eindeutig waren, konnten wir es uns alle sofort vorstellen. Auch unsere Genossin, die den intensivsten Kontakt zu ihm hatte. Es gibt Leute, wo du sagen kannst: Nein, das glaubst du einfach nicht, da sträubt sich einfach alles bei dir. Bei ihm war es einfach nicht so. Und so herum waren wir auch nicht überrascht. Das klingt wie ein Widerspruch. Aber bei allen Fehlern, die wir als einzelne und daher auch zusammen im Kontakt zu ihm machten, haben wir uns selbst nichts vorgemacht. In die politische Falle: ihn und damit uns selbst zu verteidigen, sind wir nicht gegangen. Wir fanden es völlig absurd und undenkbar, zu einem Zeitpunkt in ihm den verleumdeten Genossen zu suchen, wo von staatlicher Seite im Fernsehen längst schon seine Dienstjahre aufgezählt wurden. Stolz sein, können wir allerdings darauf auch nicht. Es liefen genug Fehler im Kontakt zu ihm - ganz unabhängig von Bad Kleinen und seiner "Enttarnung".


Was habt ihr nach Bad Kleinen unternommen?

Wir begannen sofort, nach dem uns am Dienstag dämmerte, daß höchstwahrscheinlich jemand, den wir kannten, die RAF an die Bullen ausgeliefert hatte, Schritte in zwei Richtungen zu unternehmen. Erstens informierten wir GenossInnen in Wiesbaden, einige ehemalige Gefangene aus der RAF und weitere GenossInnen von unserem Verdacht und den Gründen dafür. Wir wollten uns im weiteren Vorgehen mit ihnen absprechen und boten unsere Unterstützung an. Zweitens klärten wir in der Gruppe ab, welche Konsequenzen der Verrat für uns haben könnte. Dazu wurden die Beiden, die mit Klaus Steinmetz gesprochen hatten, tagelang befragt, mußten sich an jede Begegnung erinnern und die Gespräche rekonstruieren. Wir wollten sichergehen und erfahren, was - und sei es unabsichtlich und nebenbei - an Informationen über uns oder andere an den Staatsschutz abgeflossen sein könnte.

Das von uns gewollte gemeinsame Überlegen und Vorgehen mit Wiesbaden ging völlig in die Hose. Da wurde nur gemauert, hingehalten und verteidigt. Wir werden dazu und zu den Vorgängen nach Bad Kleinen einen Bericht erarbeiten und ihn für die Auseinandersetzung zur Verfügung stellen. Diese Wochen machten für uns wie in einem Brennglas scharf, in welchem politischen und moralischen Abseits, die sich revolutionär nennende politische Szene gelandet ist. Wir und alle, die revolutionäre Politik weiterentwickeln wollen, müssen diese Vorgänge verstehen lernen, weil in ihnen alles enthalten ist, was der Entfaltung emanzipatorischer Politik im Wege steht.